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Der erste Anruf war noch harmlos: Zunächst hörte man nichts, dann knackte es vernehmlich und dann sagte eine Computerstimme „Good Bye“ und die Leitung war wieder frei. Das war vor zwei Tagen. Auch wenn ich in den letzten 48 Stunden wenig zu Hause war, hat sich die im Betreff genante Telefonnummer in der Zwischenzeit zu einem echten Ärgernis entwickelt.

Der zweite Anruf erreichte mich gestern Morgen ziemlich früh. Da ein ebenfalls früher Kundentermin anstand, war ich bereits mit meinem Kaffee beschäftigt und einigermaßen milde gestimmt. Nach dem Abheben und zwei Sekunden Stille verbindet die Gegenstelle in ein Callcenter mit extremen Hintergrundgeräuschen und ein Knabe, den ich aufgrund seines Akzents im Bereich Indien, Pakistan, Bangladesh verorten würde, spricht mich mit gebrochen Englisch an:

„Hello Sir!“
„Guten Tag“
„Speak English Sir“
„I will. Go ahead.“
„This is Microsoft Support Center. For two days your computer has reported problems.“
„That’s not possible. I don’t use Microsoft operating systems.“
„Your program will stop working today.“
„I don’t think so.“
„We can repair it.“
„I’m sure You can, how much is it?“
„499 US Dollar“
„Too expensive, good bye.“
Und aufgelegt.

Heute nacht, so gegen halb 3 geht erneut das Telefon. Ich schlurfe schlaftrunken Richtung Apparat, hebe ab. Es knackt. Freizeichen. Das gleiche Spiel etwa eine Stunde später. Ich bleibe liegen. Sie halten bis zum Anrufbeantworter durch. Natürlich bin ich hellwach und beginne mich zu ärgern. Das ganze wiederholt sich noch zweimal. Gegen halb sieben stehe ich entnervt auf, brühe mir meinen Kaffee auf. Es klingelt.

Für mich hört es sich so an, als wäre es der gleiche Bursche wie beim letzten Mal:

„Ah it’s You again!“
„Your computer is broken. We can fix it.“
„I see. What’s wrong with it?“
„The program will stop working.“
„That’s terrible news! I hope You can help me.“
„Is it a desktop or laptop computer?“
„It’s a desktop Hackintosh. His name is Moses. I call him Mighty Mo.“
„Sir?“
„C’mon, repair it.“
„Is it a desktop or…“
„Fix it, You son of a bitch.“
Er legt auf.
Da war ich wohl ein bisschen zu direkt.

Meine nächste Chance bekomme ich nur 20 Minuten später. Nach den bereits bekannten Eingangsfloskeln komme ich zur Sache:

„My computer is a laptop and it’s running Windows 98. It’s so slow. Can You make it faster?“
„Yes we can! I need Your personal and bank account information.“
„I bet You do. But maybe You can assist me with another problem?“
„Sir?“
„Just say the magic spell.“
„???“
„Just say ‚We will not call you again‘ please.“
„No“
„Say it motherfucker!“
„I will call you tomorrow“
Und aufgelegt.

Ob er seine Drohung wahr macht? I’ll keep You posted!

Note to self: Danke hat sie nicht gesagt. Musik: Esbjörn Svensson Trio, Germ, Kapitan Korsakov, Bohren & Der Club of Gore.

Die Stadt ist nicht (nur) zum Schlafen da

In der Innenstadt wohnen? Noch vor 20 Jahren war das nicht gerade der Traum des durchschnittlichen Spießbürgers mittleren Alters. Der Stadtkern mit seinen kaum sanierten Altbauwohnungen, mit dem Klo „eine halbe Treppe tiefer“, mit Abgasen von Autos, Kohleöfen und schlecht eingestellten Ölheizungen konnte mit einer Doppelhaushälfte im Speckgürtel, gerne in Laurensberg oder in der Soers, nicht mithalten. Das hat sich gründlich geändert: Eine Zweieinhalb-Zimmer Singlewohnung, luxussaniert, mit Designerküche und begehbarem Kleiderschrank ist das Nonplusultra der neuen Generation von Stadtbewohnern. Und natürlich muss man für dieses Nonplusultra mindestens 50 Stunden die Woche malochen gehen. Und natürlich braucht man dann seinen ungestörten Nachtschlaf, um seine Arbeitskraft zu erhalten. Und natürlich kollidiert das mit sämtlichen Ausprägungen des geselligen Zusammenseins, die nunmal auch in einer Stadt stattfinden und in Aachen früher auch stattfanden. Mit der Gentrifizierung ist ganz offenbar auch eine ganz heftige Änderung der Nutzung des öffentlichen Raums verbunden.

Wie ist es anders zu erklären, dass in der Kaiserstadt ein Club nach dem anderen zumacht (Jakobshof, Aoxomoxoa, Malteserkeller, Königkeller, Fifty Five, New Water, Hauptquartier). Wie kann es sein, dass jetzt dem Musikbunker im Frankenbergerviertel das Ausrichten von Parties per Gerichtsbeschluss untersagt wurde, weil eine (Eine!) Anwohnerin sich beschwert hat? Wenn es so weitergeht, dann wird meine Stadt ein Ruheraum für spleenige, spießige Hipster, die den Anderen keinen Spaß gönnen.

Neben der veränderten Bevölkerungsstruktur der Innenstadt gibt es noch einen ganz einfachen Grund für den Ärger der Anwohner, nämlich das tolle Rauchverbot. Natürlich gehen die Leute jetzt zum Rauchen auf die Straße und natürlich wird dabei laut geredet, gelacht und angestoßen. Man geht ja nicht aus, um dann verkniffen nebeneinander zu stehen. So weit haben die Gesundheitsapostel, die gerne auch noch Schweinefleisch, gesättigte Fettsäuren und Zucker in Lebensmittel verbieten würden, es also schon gebracht: Wir sind auf dem Weg in eine Gesellschaft, in der man nicht nur zum Lachen in den Keller gehen muss, sondern auch keine freie Entscheidung mehr hat, welche Risiken man gegenüber dem damit verbundenen Lustgewinn als akzeptabel erachtet.

Das zugrunde liegende Problem mit Lärmemissionen haben übrigens in unserem Land nicht nur trinkfreudige Konzertbesucher und feiergeile Tanzbeinschwinger, sondern auch Menschen, die eine innerstädtische KITA oder Grundschule aufmachen wollen. So weit sind wir schon: Ruhebedürftige, verbiesterte Spaßbremsen kontrollieren die Gesellschaft. Einfach zum Kotzen!

Wer sich für den Erhalt der Musikbunker in Aachen stark machen möchte, kann diese Online-Petition unterzeichnen. Würde mich freuen!

Note to self: Adapter, ITX, SSD? Das verdammte Jucken in den verdammten Fingern. Musik: Entombed, Ahab, Mnemic, Opeth.

Der ununterbrochene Apfelhorst

UPT

Erste Frage: Heißt es denn nun „der“ oder „das Horst“? „Dumme Frage!“ denkt sich der Normalmensch, natürlich heißt es „der Horst“, es heißt ja auch „der Peter“. Nun ist hier aber nicht „der Horst“ sondern die alternative Bezeichnung für das Nest eines Raubvogels gemeint. Zum Glück haben wir in Deutschland ja „den Duden“ und „der Duden“ klärt auf: „Der Horst“ ist maskulin, also wirklich „der Horst“. Oh, Mann!

Warum ich meinen Heimserver „applecrest“ genannt habe lässt sich schnell erklären. Als ich ein Teenager war, gab es im Fernsehen eine Soap Opera namens „Falconcrest“. Ich gestehe hiermit, regelmäßiger Konsument dieser Serie gewesen zu sein, es ist mir peinlich. Jahrzehnte später reifte in mir die Idee heran, mir einen alten Mac mini zuzulegen, diesen zu einem amtlichen Kleinserver zu machen um die Welt und vor allem mich mit dieser Machbarkeitsstudie zu beglücken. Wie sollte die kleine Kiste heißen? Damals war ich noch ein Apple-Fanboy, das sollte zum Ausdruck kommen. Und so wurde „der Apfelhorst“ geboren.

Dieser Server löste eine noch viel betagtere Quadra 700 ab, die unter NetBSD lief. Ich installierte einen FTP-Server, einen Web-Server, einen OpenVPN-Server, einen MP3-Streamingserver und einen Mail-Server auf dem Mini, hatte eine Menge Spaß damit und habe auch eine Menge gelernt. Zwischendurch machte das Projekt auch schon mal ein paar Monate Pause, dann war die Kiste ausgeschaltet, aber seit genau einem Jahr wird der Apfelhorst wieder intensiv genutzt und hat heute, am 26. Januar 2014, die längste dokumentierte Uptime von genau einem Jahr vorzuweisen.

Die Uptime ist das goldene Kalb der Administratoren, denn wenn ein System so lange ohne Funktionseinschränkung laufen kann, bedeutet das, dass die Hardware gut ist, das Betriebssystem taugt und das Wartungspersonal seinen Job gut macht, denn das, was der Durchschnittsnutzer macht, wenn am Computer irgendwas klemmt, nämlich den Rechner neustarten, soll bei einem ständig verfügbaren Server eben genau vermieden werden.

Während des letzten Jahres musste natürlich schon ab und zu ein Dienst terminiert und neu initialisiert werden, das will ich nicht verschweigen. So mancher Daemon machte Ärger, auch weil er vom Administrator in unzulässiger Weise befummelt worden war. Ein weiterer interessanter Aspekt ist die Tatsachte, dass die Auslagerungsdateien insgesamt inzwischen fast größer sind als der eigentlich Datenbestand. Im Schnitt genehmigt sich das Betriebssystem jeden Tag 64MB Festplattenplatz, um Inhalte des Arbeitsspeichers dort abzulegen. Das liegt natürlich auch daran, dass 1GB für einen Server einfach viel zu wenig Speicher darstellt. Spannend wird es, wenn der freie Plattenplatz nicht mehr ausreicht, um einen neuen Swap anzulegen. Werden die alten Dateien dann gelöscht, stürzt der Server ab, oder wird er unerträglich langsam? Um diese Fragen zu beantworten, muss der Rechner noch 284 Tage weiterlaufen. Go go go…

Note to self: Techniker: Stetes Faxen höhlt den Beitrag. Musik: Sloth Herder, All pigs must die, Iwrestledabearonce, Caliban.

Die Inklusivbenutzer

Wie viele E-Mailpostfächer bei wie vielen Anbietern habe ich wohl schon angelegt? Dutzende mindestens. Vom Premium Mailaccount für Businesskunden bis zur Freemail beim Gratishoster mit Megaspamgarantie war alles dabei. Und natürlich habe ich auch schon Postfächer auf selbst installierten Mailservern eingerichtet und administriert. Natürlich unterscheiden sich die Vorgehensweisen immer ein bisschen, aber das ganze gehört nicht in die Rubrik „Raketenwissenschaft“, sondern zur ganz normalen Feld-Wald-und-Wiesen-IT. Dachte ich jedenfalls bis heute Nachmittag.

Meine Kunden haben ihren DSL-Anschluß und auch die bislang benutzte Mail-Adresse beim magenta-farbenen Riesen mit dem T und den 4 Punkten. Nun sollen neue Adressen für zwei zusätzliche User angelegt werden, und zwar so, dass jeder die Mails des jeweils anderen nicht zu sehen kriegt. Kein Problem, denke ich mir mit nicht mehr ganz so jugendlichem Leichtsinn, das ist eine Sache von 5 Minuten.

Klar ist, dass nicht nur Aliase der bestehenden Adresse angelegt werden müssen, denn das geht auch bei der Telekom so, wie ein Normalmensch sich das vorstellt. Nein, jeder Nutzer braucht wirklich ein eigenes Postfach. Ich suche also das Webangebot der Telekomiker nach der Postfachverwaltung ab. Fehlanzeige. Eine Umfrage bei Google ergibt schließlich den entschiedenen Hinweis, die Funktion nennt sich „Inklusivbenutzer“ und die geht so:

Man wählt die Option aus und legt sie in den Warenkorb (?). Dann öffnet man den Warenkorb, sieht dass die ganze Chose 0,00 € kostet und fährt im Bestellvorgang fort (??). Die Telekom bedankt sich für die Bestellung und schickt dem Besteller eine Bestätigungsmail (???). Darin heißt es, dass der Vorgang bis zu drei Tage dauern kann. Drei Tage für ein Postfach (!). Tatsächlich erhält der Besteller aber 15 Minuten später eine weitere Mail, die die Ausführung des Vorgangs vermeldet. Super, dann ist es zwar ein bisschen merkwürdig, aber man bekommt das, was man möchte in einem angemessenen Zeitrahmen. Ich richte also den ersten Inklusivbenutzer fertig ein und will den zweiten sofort nachschieben.

Und jetzt, liebe Freunde, Verwandte und sonstige Mitleser, beginnt das tragische, nein eigentlich tragikkomische Kapitel in dieser Geschichte, denn die Chancen stehen gut, dass die Einrichtung von Inklusivbenutzer 2 wirklich drei Tage dauern wird. Der Bestellvorgang verläuft so wie eben beschrieben, aber sobald ich den Konfigurations-Link klicke steht dort nur der Inklusivbenutzer 1, der zweite steckt irgendwo in den T-Servern fest.

Nach zwei Stündchen Kampf rufe ich den Support an. Es ist kurz nach 23 Uhr, entsprechend müde klingt der Hotline-Mensch. Ich entschließe mich angesichts der Uhrzeit ganz lieb zu sein: „Hallo Herr B., so spät und wir beide müssen noch arbeiten.“ Dann folgt eine längliche Schilderung des Problems. Herr B. notiert eifrig, macht „hm-hm“ und „aha“ und versucht die Kollegen in der Technik zu erreichen. Ich soll dran bleiben und tatsächlich ist noch eine Technikerin vor Ort, aber die meint, die zugehörige Programm-Routine würde nur bis 22Uhr ausgeführt. Wir erfahren, dass bei der Telekom das Internet um 10 abgeschaltet wird, also jedenfalls teilweise. Herr B. verfasst ein „Service-Ticket“, nimmt meinen Namen, meine Festnetz- und Mobilnummern auf und kündigt einen Anruf am nächsten Morgen an.

Als ich am nächsten Morgen unter der Dusche stehe, läutet das Telefon. Ich husche splitterfasernackt, nass wie ein Sack und frierend Richtung Aparillo. Es ist aber nicht die Telekom, sondern meine Kundin, die gerade einen Anruf von einem hochmotivierten Telekomiker hatte, der sie frug, ob man die Angelegenheit noch mal gemeinsam durchgehen könne. Tja, welche Angelegenheit, sie steht natürlich im Wald. Was da denn im Schwange sei, will sie wissen. Ich erkläre, tropfend, stärker frierend. Sie fragt nach. Ich hole weiter aus, weniger tropfend, aber noch stärker frierend. Ich versichere die Sache zu einem guten Ende zu bringen. Wir legen auf. Ich muss niesen, mehrfach. Spitze.

Inzwischen haben weitere Telefonanrufe, E-Mails und Seitenbesuche stattgefunden. Inklusivbenutzer 2 ist noch nicht aus der Deckung gekommen. Wahrscheinlich haben die T-Koms ihn in Geiselhaft genommen, um meinen Willen zu brechen. Wir haben 2014. Die Deutsche Telekom braucht mehr als 24 Stunden, um ein Postfach anzulegen. Hurra.

Note to self: Doch wacher und deutlich leistungsbereiter. Noch ein paar Wochen also. Musik: Kapitan Korsakow, dEUS, Mogwai, Korvus, Clutch.

Calvin & Gauck

Man muss den Herrn Bundespräsidenten verstehen, der sich heute zu einer Verteidigung der neoliberalen Denke hat hinreißen lassen. Oder besser, man sollte ihn verstehen lernen, denn das Beispiel Gauck offenbart die fatale Wirkungsweise der Fallstricke, die zur Entkernung eines Konzeptes mit dem stolzen Namen „Soziale Marktwirtschaft“ geführt haben. Frei nach John Maynard Keynes: „Der Neoliberalismus basiert auf der merkwürdigen Überzeugung, dass widerwärtige Menschen aus widerwärtigen Motiven irgendwie für das allgemeine Wohl sorgen werden.“

Im Grunde versucht Gauck an den Initialmythos des Neoliberalismus als „Dritten Weg“ anzuknüpfen und möchte ihn eben gerade als Wegbereiter der sozialen Marktwirtschaft verstanden wissen. Das ist harmlos so lange man diese Fachvokabel im Elfenbeinturm der Volkswirtschaftslehre verwendet. Den gleichen euphemististischen Spagat versuchte die „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“, der eine ganze Politikergeneration in der Bundesrepublik auf den Leim ging, bevor die internationale Finanzkrise und die Rettung des Systems mit dem Geld der kleinen Leute die Idee des deregulierten Marktes und das Prinzip der Eigenverantwortung als freche Lüge gewissenloser Verbrecher demaskierte.

Man sollte nicht der vereinfachenden Argumentation aufsitzen, Gauck sei als ehemaliger Bewohner der DDR und evangelischer Pfarrer nachgerade gezwungen in guter antikommunistischer Tradition dem übermächtigen Staat und seiner allzu fürsorglichen Umarmung zu entsagen und den Liberalismus als regimekritisches Lebenskonzept zu formulieren. Vielmehr kann die Vita des Herrn Bundespräsidenten als Abfolge wankelmütiger Kompromisse eines Apparatschik verstanden werden, der den Kopf nur so weit herausstrecke wie es unbedingt sein musste. Auch wenn das viele Landsleute glauben wollen: Joachim Gauck ist kein Opfer der SED-Diktatur.

Ich bin der Ansicht, dass Gaucks Faible für Freiheit und Wettbewerb sich aus einer anderen Quelle speist: Er befindet sich in enger Seelenverwandtschaft mit den Anhängern des Calvinismus samt der damit verbundenen Arbeits- und Erwerbsethik. Er würde sich ohne zu zögern mit den angelsächsischen Pilgervätern auf der Mayflower einschiffen. Deshalb spricht der Bundespräsident immer von Mut, aber nie von Liebe. Er spricht oft von Verantwortung, aber selten von Solidarität. Und wenn er von Freiheit spricht, dann wird diese stets von der „unsichtbaren Hand“ des Adam Smith begleitet, die verhindert, dass die im Wettbewerb Unterlegenen Hungers sterben. Natürlich kommt in der Welt des Joachim Gauck auch das Scheitern vor, aber ist es nicht stets das Scheitern der nicht bedingungslos Erwählten, der völlig Verderbten?

Völlig frei von Neid will ich noch einen letzten Gedanken anfügen: Wenn Gauck mit seiner leisen Stimme und seiner nachdenklichen Lieblingspose über diese Dinge spricht, ist es dann nicht immer ein bisschen so, als stünde er morgens vor dem Spiegel und flüstert sich zu: „Mensch Joachim, du hast es geschafft! Siehste, der liebe Gott vergisst seine Gammelpäckchen nicht.“ Und ist es nicht nachvollziehbar, wenn die Kinder des Lichts den Tag vor dem Abend loben, auch wenn sie nur Produkte eines politischen Ränkespiels irgendwo in einem Hinterzimmer in Berlin sind?

Note to self: Drann und wach bleiben! Musik: Meshuggah, Mogwai, Ahab.

Ausgesurft

MAv

Eigentlich wäre es jetzt so weit: Das erste große Update zu OS X 10.9 „Mavericks“ ist schon lange draußen, die schlimmsten Kinderkrankheiten des Betriebssystems scheinen ausgemerzt. Also hindert mich nichts daran, die neue Version auch auf meinen Produktivrechnern einzuspielen. Allein schon die bessere Unterstützung mehrerer Bildschirme wäre es wert. Und angeblich würde dann auch meine Lieblingsfehlermeldung in Safari „Einige Webseiten antworten nicht mehr…“ endlich Geschichte sein. In Gedanken gehe ich noch mal die „Pros und Cons“ durch.

Auf meinem Testrechner läuft die aktuelle Version schon lange und benimmt sich auch zufriedenstellend. Ein paar kleinere Probleme mit iMessages und Facetime, aber das liegt sicher in erster Linie an der Hardware, zu deren genauer Zusammensetzung ich mich nicht öffentlich äußern möchte. Vielleicht nur so viel: Das einzige Originalteil von Apple ist die WLAN-Karte. Eine Mini-PCIe-Airportkarte aus einem Macbook, die in einem PCIe-Adapter steckt. Alles andere ist „Custom-Design“. Und so gesehen kann man über die Performance von Mavericks auf dieser Kiste eigentlich nur begeistert sein. Bin ich auch.

Also, dann leg doch los Alter, wird schon schief gehen! Fast habe ich den USB-Bootstick bereits eingesteckt, da überfällt es mich siedend heiß: Was ist eigentlich mit iTunes? Aufmerksame Leser werden sich daran erinnern, dass ich die Version 11 dieses Programms bei Erscheinen der Software aufs heftigste verrissen habe. An dieser meiner Meinung hat sich nichts aber auch gar nichts geändert. iTunes 11 ist für mich völlig unbrauchbar. Und da die Verwaltung meiner Musiksammlung (mit schönen virtuellen Plattenhüllen in Coverflow), die Erstellung von Playlisten, das Durchsuchen der Datenbank sowie die Auswertung meiner Hörgewohnheiten eine meiner liebsten Beschäftigungen ist, kommt die Verwendung von iTunes 11 nicht in Frage. Leider ist in Mavericks die Benutzung von iTunes 11 obligatorisch, die ältere Version läuft nicht mehr. Das liegt übrigens nicht daran, dass sich beim Abspielen von Musik unter 10.9 für den User so viel ändern würde, nein keineswegs. Es liegt daran, dass iTunes für Apple nurmehr ein Frontend ist, mit dem der Kunde Musik, Filme und Programme kaufen kann. Und dieser Kiosk-Modus ist inzwischen so tief in die Innereien des Systems eingebaut, dass die alte Version nicht mehr mit dem neuen OS kann. Und wer jetzt den Eindruck hat, dass die Firma aus Cupertino seit einigen Jahren nichts anderes tut als seine Kunden nach Strich und Faden zu vergackeiern, der hat absolut recht. Der Skidman hat damit jedenfalls ausgesurft und bleibt bei Mountain Lion, so lange es geht. Ätsch!

Note to self: „So Cruel“, so fast. Musik: Rites, dEUS, Kapitan Korsakow, All pigs must die.

Die halbe Wahrheit

Jeder, der sich ein bisschen intensiver mit dem Internet beschäftigt, kennt die Firma „Dyn“, die so allerlei Dienstleistungen und Infrastruktur rund um Domains und Subdomains anbietet. Aber eigentlich ist das Unternehmen vor allem wegen eines ganz bestimmten Dienstes bekannt, nämlich „dyndns“. Dynamic DNS ist für alle Menschen die Lösung, die mit ihrem DSL-Anschluss keine feste IP-Adresse bei ihrem Internetprovider gekauft haben, aber trotzdem von außen auf ihren Rechner zu Hause zugreifen möchten, oder der restlichen Welt diesen Zugriff gestatten möchten und zwar ständig, 24/7. Hintergrund ist, dass sich die eigene Internet-IP-Adresse bei einem Standardzugang mehr oder weniger häufig ändert: Gestern war es noch 167.23.4.56 und heute ist es bereits 134.45.2.78. Wir wollen uns aber weder 167.23.4.56 noch 134.45.2.78 merken, sondern zB.: privatserver.domain.org, also einen unveränderlichen Domain-Namen.

Genau diese Dienstleistung bot „Dyn.com“ an und zwar gratis. Man besorgte sich auf der Webseite einen Account, erhielt seine kostenlose Internetdomain und ließ zu Hause auf dem Heimserver ein kleines Programm laufen, das die jeweils aktuelle IP-Adresse an Dyn.com schickte. Automatisch. Einmal einrichten und vergessen, bequemer ging es nicht und billiger auch nicht, denn wie schrieb die Firma ihrer geschätzten Kundschaft wörtlich:

„Our services will, as always, remain 100% free of charge for life.“

(6. August 1999)

Nun, seit dem August 1999 hat sich einiges getan im Internet. Millionen Nutzer haben ein Konto bei Dyn und in Millionen Routern (besonders in denen von der billigen Sorte) ist dyndns fest implementiert, man kann häufig nicht mal einen festen Domain-Namen der Konkurrenz einstellen. Und selbst bei großen Firmen ist der Zugriff von außen oft genug über eine dyndns-Domain realisiert. Das weiß Dyn natürlich auch. Und natürlich haben sie sich schwer geärgert, dass die Hersteller der Router mit dyndns Geld verdienten, die kleinen Nutzer den Dienst fleißig nutzen und sogar professionelle Kunden nicht die kostenpflichtigen Domain-Pakete bei ihnen kauften.

Tja, wie sagt der Angelsachse: „There is no such thing as a free lunch.“ Irgendwann im Mai letzten Jahres hatte Dyn die Schnauze voll und schickte ihren Millionen Kostgängern eine, genau eine Mail und in der stand: Also, wenn Du Deinen kostenlosen Account bei uns behalten willst, dann musst Du Dich ab jetzt mindestens alle 30 Tage auf unserer Webseite einloggen. Die Kalkulation war natürlich klar: 30% der User würden die Mail gar nicht lesen, 30% würden sich ärgern und irgendwann das einloggen vergessen, 20% würden zur Konkurrenz gehen und 20% würden auf einen kostenpflichtigen Account umsteigen, der das lästige monatliche Anmelden unnötig machte. Tatsächlich haben Zehntausende Benutzer die Mail nicht gelesen, auch nicht die zweite, die die Löschung des Accounts ankündigte und dann ging die Luzy. Seit Sommer 2013 dürften unzählige Nutzer ihren Account verloren haben. Und über Dyn brach das los, was man in Deutschland einen Shitstorm nennt.

Warum schreibe ich das alles? Nun, auch ich habe einen kleinen Heimserver, der mir schon oft gute Dienste geleistet hat. Und in sehr vielen Konfigurationsdateien auf diesem Server ist seine dyndns-Adresse eingetragen. Es würde mich sicher einige Tage Arbeit kosten die Einstellungen zu ändern. In den vergangenen Monaten lief immer ein Countdown-Timer, der verhindern sollte, dass der Account verloren geht. Heute habe ich das Problem mit einem Shellscript gelöst, dass per Crontab getriggert wird. Und die ganze Angelegenheit wird mir eine Lehre sein, mich nie wieder an einen Dienst zu binden, der mir verspricht für immer gratis zu sein, denn „für immer“ ist mitunter verdammt kurz.

Note to self: Verdammte Nudeln. Musik: Mayhem, Sepultura, Mastodon.