MuNaLe 2013 Pt2/3

Wie versprochen kommen hier die Plätze 10-6 der besten musikalischen Veröffentlichungen im fast vergangenen Jahr:

S

Platz 10: Mutiny Within – Synchronicity: Das Schicksal dieses Quintetts aus New Jersey und auch seiner neuen Platte scheint es zu sein, von allen übersehen zu werden. 2009 -2011 hatte die Band einen Vertrag bei Roadrunner Records und legte ein sehr schönes selbst betiteltes Debüt-Album vor, verkaufte aber nur 10.000 Kopien und das ist natürlich für einen Act von RRR einfach zu wenig. Vielleicht liegt das daran, dass die Musik von Mutiny Within ein bisschen aus der Zeit gefallen ist: Metalcore und Melodic Death Metal sind nicht die Subgenres, die im zweiten Jahrzehnts des neuen Jahrtausends steil gehen, um es mal vorsichtig zu sagen.

Als das neue Album Anfang des Jahres auf meinen iPods und meinem iPhone landete, ging es mir bei zufälliger Wiedergabe meist so: Aha MW wieder mal, jaja, Oldschool, sehr gefällig gemacht, ein bisschen kitschig vielleicht, aber handwerklich solide. Hm, doch guter Song. Ein paar Wochen später hatten sich viele dieser gar nicht so schlechten Songs zu Ohrwürmern entwickelt. Synchronicity ist was fürs Herz, nichts Virtuoses, nichts Avantgardistisches, einfach brave, gut gemachte Gebrauchsmusik. Muss es auch geben.

BR

Platz 9: Benea Reach – Possession: 5 Jahre hat es gedauert, bis aus Oslo das ersehnte neue Album herangerauscht kam und es ist ein amtliches Brett geworden. Auch Benea Reach wird von manchen Leuten als Metalcore-Kapelle bezeichnet, da sieht man mal, wie sehr man sich irren kann. Besondere Kennzeichen des norwegischen Sextetts sind die unglaublich wandlungsfähige Stimme von Ilkka Volume, der tiefe, bombastische Djent von Martin Sivertsen und Andreas Berglihn und synthetische Spielereien, die die Musik zuweilen eher in den Bereich Industrial verschieben.

Das inzwischen dritte Langeisen „Possession“ ist sicher nicht mehr so experimentierfreudig wie seine Vorgänger, aber es ist ein gewaltiges kohärentes Statement, in dem gefällige Hooks genau so Platz haben wie brachiale Schnitzeljagden in einem virtuellen skandinavischen Land. Man muss Benea Reach dazu gratulieren, dass sie sich mit dem Album so viel Zeit gelassen haben, es wirkt sehr aufgeräumt und durchdacht und zeigt die Kapelle als gereifte und in sich ruhende Könner. Und mit „Woodland“, „Empire“ und „Aura“ sind drei Stücke auf der Platte die mit Sicherheit zum Besten gehören, was die Band bisher veröffentlicht hat.

FF

Platz 8: Flash Future – Dorky Day: Mal was Lokales: In meiner Nachbarschaft stand öfters ein uralter, schwarz bemalter Ford Transit rum, der das Logo von Flash Future trug. Es ist schon eine Weile her, dass ich den Wagen gesehen habe, möglicherweise hat der TÜV ein Machtwort gesprochen. Flash Future spielen Stoner-Rock mit drei Gitarren und jeder Menge Herz. Ich muss zugeben, dass ich sie Anfang des Jahres zum ersten Mal live gesehen habe und außer ein paar Stücken vom ersten Album „Rock Rock“ nichts von Ihnen kannte. Auf „Dorky Day“ überzeugen die Aachener mit einer Tracht Prügel, die sich gewaschen hat: Schwer, erdig, mit Liebe zum Detail und Schalldruck bis unters Dach. Es ist ein offenes Geheimnis, dass die feinsten Platten aus der Kaiserstadt zurzeit bei Nota Falsa aufgenommen werden, insofern überrascht es nicht, dass der Sound auf „Dorky Day“ unglaublich gut gelungen ist: Organisch, warm, trotzdem schwebend und nicht vollgestopft.

Mit ihrer aktuellen Scheibe zeigen FF, dass sie sowohl „direkt aufs Maul“, als auch „von hinten durch die Brust ins Auge“ können. Das Album enthält eben nicht nur Stimmungsmusik für bierseliges Abfeiern, sondern bietet bei aller rohen Kraft auch subtile Zwischentöne.

HA

Platz 7. Hybrid – Angst: Größer könnte der Kontrast nicht sein, von lebensbejahender Rockmusik zu verkopftem, brutalem Extrem-Metal aus Madrid. Hybrid sind ein Trio, das seit 2004 unter Beteiligung zahlreicher Gastmusiker verschrobene, abwechslungsreiche, virtuose Platten herausbringt, die auf keinen Fall größere Verbreitung erreichen werden. Dies ist Musik, die gemacht wird, um vor den Kopf zu stoßen. Dabei geht es stets strukturiert und reflektiert zu, wie bei einer motorisierten Guillotine, die das Trommelfell des Hörers in gleich große Stückchen schneidet.

Schon das Debüt der Spanier „The 8th Plague“ zeichnete sich durch extreme Brutalität aus: Ein bisschen Mathcore, ein bisschen Grindcore, ein bisschen Death Metal, ein bisschen Jazz. Auf der neuen Platte werden diese stilistischen Schnipsel noch gekonnter vermischt und noch gnadenloser verwurstet. Der Konsum dieser Musik ist sehr sehr anstrengend, gleichzeitig aber sehr beglückend. Leider werden sich die wenigsten Hörer darauf einlassen: Knochenhartes Riffing mit Blastbeats, dazu verstimmte Klaviere, Trompeten, Klarinetten und als Krönung brüllt einer, als würde er gerade abgestochen. Mit einem Wort: Es handelt sich um wunderbare Avantgarde und für mich um den Soundtrack zu den dunkelsten Stunden des Jahres 2013.

PTH

Platz 6: Protest the Hero – Volition: Warum ich „Protest The Hero“ aus Ontario so sehr mag, weiss ich ganz genau: Die Musik ist dudelig, wie bei den großen Artrockern aus den 70ern, virtuos, wie bei den Helden des Mathcore, und gleichzeitig leicht, harmlos und sonnengetränkt, wie das Summen von Insekten über einer Sommerwiese. Außerdem mag ich den Gesang von Rody Walker, die einzigartige, blitzschnelle Verschränkung von ungewöhnlichen harmonischen Abfolgen und das Festhalten an ihrem ganz eigenen Stil, den sie seit dem zweiten Album „Fortress“ konsequent beibehalten und nur ganz sachte weiter entwickelt haben.

Auf der neuen Platte hat Chris Adler, einer meiner absoluten Lieblingsschlagzeuger ausgeholfen, momentan ist der Posten an den Töpfen und Becken vakant. Insgesamt ist man der Perfektion auf Volition noch ein Stück näher gekommen. Die Produktion des Albums wurde übrigens durch Crowdfunding finanziert. Der erforderliche Betrag, immerhin rund 125.000 kanadische Dollar, kam innerhalb von 30 Stunden zusammen. Man sieht daran in welchen Höhen der bewundernden Anteilnahme die Combo inzwischen angekommen ist. Wenn man Stücke wie „Without Prejudice“, „Yellow Teeth“ oder „Plato´s Tripartite“ anhört, dann weiss man auch warum: Was für eine begnadete Band!

Zum Schluss dieses zweiten Teils der musikalischen Nachlese eine kurze Aufzählung von Alben, die es ganz knapp nicht in meine Top 10 geschafft haben: „Concrete Sustain“ von „Batillus“ ist eine tolle Platte. Inzwischen finde ich, dass der Gesang ein bisschen abfällt. Das gleiche gilt für „The Devil And His Footmen“ von „Beehover“. „Halo Of Blood“ von „Children Of Boom“ war wieder mal eine vernünftige Platte von dieser Band, an der ich mir früher echt die Ohren wundgehört habe. Und dann möchte ich noch „Letters Home“ von „Defeater“ nennen, eine sehr eigenständige, sehr amerikanische Hardcore-Scheibe und „Stallzeit“ von „Milking The Goatmachine“, eine witzige Platte von einer deutschen Spaß-Grindcorecombo, ja, sowas gibt es.

Note to self: Tree pimping for christmas. Musik: All of the above.

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