Also dann

DFO

Mit 2013 bin ich durch. Die letzten Kundenwünsche sind erfüllt, der Jahressampler steht zum Download bereit, die Wünsche zum Jahreswechsel sind per Mail verschickt, der Sekt liegt seit heute Mittag in der Kühlung. Das war es dann.

Die Bilanz dieses Jahres fällt ziemlich mäßig aus. Mit Einzelheiten halte ich mich mal zurück. Komisch, nicht mal die sonst so typische gedämpfte Stimmung zu Silvester, die mich sonst immer heimsucht, sobald die Dämmerung hereinbricht, will sich bemerkbar machen.

Allen Lesern von JS wünsche ich ein besonders brauchbares kommendes Jahr mit allem, was für Euch dazugehört. Macht es gut und dann auf ein Neues in 2014.

Note to self: Was raus will, wird sich Bahn brechen. Musik: Jahressampler 2013.

MuNaLe 2013 Pt3/3

Hier ist der dritte und letzte Teil der musikalischen Nachlese mit den Plätzen 5-1 meiner ganz persönlichen Albumcharts. Das Schöne ist, dass ich fast alle Platten, die in diesem Beitrag gewürdigt werden sollen, bereits in diesem Blog rezensiert habe. Ich kann mich also kurz fassen:

KM

Platz 5: Kvelertak – Meir: Die ausführliche Kritik wurde im März veröffentlicht und ist hier zu lesen.

13

Platz 4: Black Sabbath – 13: Am 18. Juni wurde ein länglicher Beitrag verfasst, der sich mit Black Sabbath und ihrer sagenhaften Comeback-Platte beschäftigt.

DEP

Platz 3: The Dillinger Escape Plan – One Of Us Is The Killer: Auch zu diesem wirklich großartigen Album gab es auf „Just Skidding“ bereits eine ausführliche Würdigung, die Mitte Mai publiziert wurde.

Platz 2: Deafheaven – Sunbather: Kein Zweifel, dieses Album von Deafheaven wird als wichtige musikalische Landmarke dieses Jahres stehen bleiben. Einerseits als Bindeglied zwischen traditionellen und progressiven Schwarzmetallern und andererseits als ausgestreckte Hand der Shoegazer von heute für die Hippies aus Haight Ashbury von damals, die heute Generaldirektoren, Autoren oder Drogentote sind. „Sunbather“ ist bei mir Woche für Woche, Durchlauf für Durchlauf gewachsen. Und Deafheaven haben sich vom Geheimtipp zum angesagtesten Act in der aufgeklärten Schwermetallszene an der Westküste gemausert. Und glaubt mir: Die Bay Kids von damals, die seit Exodus, Possessed, Metallica und Slayer geschlafen haben, freuen sich wie bescheuert, dass die Bucht endlich mal wieder vibriert, auch wenn es manchmal nach Pink Floyd klingt.

So, Trommelwirbel: Bis jetzt hatten wir in der Top10 2013 4x traditionellen Hardrock bzw. klassischen Heavy Metal, 3x Mathcore und je einmal brutalen Avantgarde-Metal und Hippie-Metal. Was fehlt uns noch?

CSS

Platz 1: Carcass – Surgical Steel: 1996 veröffentlichten Carcass die LP Swansong, die ziemlich melodischen, fast schon kitschigen Metal enthielt. Das war der Tiefpunkt einer unglaublichen Karriere, die mit unappetitlichem Grindcore, mit Splatter-Texten und Autopsie-Photos auf Covern begonnen hatte und mit sagenhaftem Death-Metal auf dem Album Heartwork einen vorläufigen Höhepunkt erreichte. Bill Steer und Jeff Walker sind begnadete Songwriter, wenn sie in Stimmung sind und sie waren dem Rest der Szene oft genug ein paar Zählzeiten voraus.

Als ich hörte, dass es 17 Jahre nach der letzten Veröffentlichung ein neues Album von Carcass geben würde, war ich regelrecht aus dem Häuschen, denn die Band aus Liverpool war für mich immer etwas ganz Besonderes. Auch wenn Ken Owen nach Hirnblutung und Koma wahrscheinlich nie mehr so Schlagzeug spielen wird wie bis 1995, hat sein Stil mich immer wieder völlig weggeblasen, für mich bleibt er einer der besten Drummer der Musikgeschichte.

Völlig klar war, dass Kritiker und Fans der ersten Stunde das neue Album sehr kritisch betrachten würden, so nach dem Motto: „Na, Geldbeutel leer? Mal wieder ein bisschen Kasse machen?“ Aber ich denke, dass diese Vorbehalte grundlos sind: Surgical Steel ist ein grandioses Death Metal Album, mit beeindruckendem Riffing, exzellenten Soli, richtig guten Songs, die im Ohr hängen bleiben und mit fantastischen Musikern in Bestform, die es richtig krachen lassen. Stücke wie : „A Wraith in the Apparatus“ oder „Noncompliance to ASTM F899-12 Standard“ schlagen einen weiten Bogen von 1988 bis heute. Ob die Formation als Quartett mit den zwei Mitgliedern von „Trigger the Bloodshed“ stabil bleiben wird, muss sich zeigen, ich würde es mir wünschen, andererseits musste man bei Carcass immer schon mit Überraschungen rechnen. Es würde mich nicht wundern, wenn sie jetzt wieder für ein paar Jahre in der Versenkung verschwinden würden. Ein Grund mehr das aktuelle Album zu feiern und richtig fett laut abzuspielen – ein metallischer Hochgenuss.

Note to self: Entzündete Areale, warum nur, warum? Musik: All of the above.

Wütende Frauen

Joachim Kardinal Meisner kann wahrscheinlich nicht mehr schlafen, seit eine Aktivistin von Femen während einer Weihnachtsmesse im Kölner Dom barbusig auf den Altar sprang und per Bodypainting kundtat, dass in Wirklichkeit sie Gott sei. Fast gleichzeitig verkündeten die nunmehr aus dem Straflager entlassenen Mitglieder der „Punkrockband“ Pussy Riot, dass sie eine politische Zusammenarbeit mit dem ebenfalls frei gelassenen Alexander Chodorkowskij anstreben bzw. sich von ihm sponsern lassen wollen. Von neuerlichen „Punk-Gebeten“ in russischen Gotteshäusern war zunächst nicht die Rede. Insofern kann man schon von einer erzieherischen Wirkung des überharten Urteils wegen Rowdytums ausgehen. Dazu später mehr. Vorerst lässt sich folgendes festhalten: Wütende junge Frauen beherrschen die Schlagzeilen zum Jahreswechsel. Nimmt man noch Frau v.d.Leyens Feldzug nach Afghanistan, das derdiedas-Blog bei der Süddeutschen und die Entgleisungen einer Annette Ramelsberger, ebenfalls in der Süddeutschen hinzu, dann kann man allen männlichen Mitgliedern des Establishments nur dazu raten in den kommenden Wochen den Kopf zwischen die Schultern zu nehmen und sich warm anzuziehen.

Moderne Suffragetten machen keine Gefangenen: Die Präsidentin des Bundesarbeitsgerichts, Ingrid Schmidt, hat sich für eine gesetzliche Frauenquote auch im öffentlichen Dienst ausgesprochen. Im Wortlaut: „Solange es so ist, dass Frauen vor allem bei öffentlichen Arbeitgebern in Führungspositionen unterrepräsentiert sind, wird eine solche Quote gebraucht“. Was ich mich dann immer frage: Wenn das obige „Solange“ nicht mehr gilt, also die angestrebte Quote an Quotenfrauen erreicht ist, gilt dann die Quote umgekehrt auch für Männer? Können wir uns darauf einigen, dass bei Kindergärtnern und Grundschullehrern ein katastrophales Missverhältnis von Frauen und Männern vorliegt und zwar mit katastrophalen Auswirkungen für unsere Gesellschaft? Dazu würde ich gerne mal etwas hören. Und ebenso würde ich gerne mal über Frauenquoten bei Kopfschlachtern, Müllarbeitern, Kanalarbeitern, Gerüstbauern und Tiefbauern sprechen. Schwestern, da geht noch was!

Aber zurück zu unseren erbosten Aktivistinnen: Folgendes finde ich extrem bezeichnend und auch entlarvend für die üppige Berichterstattung über Femen und Pussy Riot: Das Primat der selbstgewählten Sexualisierung. Was meine ich damit? Nun, es ist ein offenen Geheimnis, dass bei Femen lange nicht jede Frau sich die Klamotten vom Leib reißen darf, um zu protestieren. Es gibt so etwas wie einen ästhetischen Mindeststandard. Merkwürdig, oder? Merkwürdig auch die Rolle von Viktor Swjatski. Die passt ganz und gar nicht zu einer Organisation, die das Matriarchat einführen und das Blut der Männer fließen sehen will. Für Pussy Riot gilt ähnliches. Man vergleiche mal die Zahl der Google-Hits für Nadeschda Tolokonnikowa, Jekaterina Samuzewitsch und Maria Aljochina. Tolokonnikowa wurde als Sprachrohr der Band hochstilisiert, nicht weil sie am meisten zu sagen hatte, sondern weil sie attraktiver als die beiden anderen Verurteilten ist. Sex sells und Sex bringt Sendezeit. Und wenn es für eine gute Sache ist, dann bedient frau sich eben der Mechanismen, von denen sich keiner freisprechen kann, weil sie wirksam sind seit wir wohlbehaart in den Bäumen gehockt haben.

Noch ein abschließendes Wort zu den gewählten Protestformen, geschrieben von einem antireligiösen Agnostiker: Auch wenn man die religiösen Gefühle seiner Mitmenschen nicht nachvollziehen kann, so sollte man trotzdem die armen Verwirrten in Ruhe machen lassen. Das gehört sich einfach so. Und die, die sich nicht daran halten, haben eine gerechte Strafe verdient, zum Beispiel ein halbes Jahr lang täglich die Kirche durchfeudeln, dann ist es aber auch gut.

Note to self: Rührend, wirklich! Musik: Jahressampler 2013, Alin Coen Band.

MuNaLe 2013 Pt2/3

Wie versprochen kommen hier die Plätze 10-6 der besten musikalischen Veröffentlichungen im fast vergangenen Jahr:

S

Platz 10: Mutiny Within – Synchronicity: Das Schicksal dieses Quintetts aus New Jersey und auch seiner neuen Platte scheint es zu sein, von allen übersehen zu werden. 2009 -2011 hatte die Band einen Vertrag bei Roadrunner Records und legte ein sehr schönes selbst betiteltes Debüt-Album vor, verkaufte aber nur 10.000 Kopien und das ist natürlich für einen Act von RRR einfach zu wenig. Vielleicht liegt das daran, dass die Musik von Mutiny Within ein bisschen aus der Zeit gefallen ist: Metalcore und Melodic Death Metal sind nicht die Subgenres, die im zweiten Jahrzehnts des neuen Jahrtausends steil gehen, um es mal vorsichtig zu sagen.

Als das neue Album Anfang des Jahres auf meinen iPods und meinem iPhone landete, ging es mir bei zufälliger Wiedergabe meist so: Aha MW wieder mal, jaja, Oldschool, sehr gefällig gemacht, ein bisschen kitschig vielleicht, aber handwerklich solide. Hm, doch guter Song. Ein paar Wochen später hatten sich viele dieser gar nicht so schlechten Songs zu Ohrwürmern entwickelt. Synchronicity ist was fürs Herz, nichts Virtuoses, nichts Avantgardistisches, einfach brave, gut gemachte Gebrauchsmusik. Muss es auch geben.

BR

Platz 9: Benea Reach – Possession: 5 Jahre hat es gedauert, bis aus Oslo das ersehnte neue Album herangerauscht kam und es ist ein amtliches Brett geworden. Auch Benea Reach wird von manchen Leuten als Metalcore-Kapelle bezeichnet, da sieht man mal, wie sehr man sich irren kann. Besondere Kennzeichen des norwegischen Sextetts sind die unglaublich wandlungsfähige Stimme von Ilkka Volume, der tiefe, bombastische Djent von Martin Sivertsen und Andreas Berglihn und synthetische Spielereien, die die Musik zuweilen eher in den Bereich Industrial verschieben.

Das inzwischen dritte Langeisen „Possession“ ist sicher nicht mehr so experimentierfreudig wie seine Vorgänger, aber es ist ein gewaltiges kohärentes Statement, in dem gefällige Hooks genau so Platz haben wie brachiale Schnitzeljagden in einem virtuellen skandinavischen Land. Man muss Benea Reach dazu gratulieren, dass sie sich mit dem Album so viel Zeit gelassen haben, es wirkt sehr aufgeräumt und durchdacht und zeigt die Kapelle als gereifte und in sich ruhende Könner. Und mit „Woodland“, „Empire“ und „Aura“ sind drei Stücke auf der Platte die mit Sicherheit zum Besten gehören, was die Band bisher veröffentlicht hat.

FF

Platz 8: Flash Future – Dorky Day: Mal was Lokales: In meiner Nachbarschaft stand öfters ein uralter, schwarz bemalter Ford Transit rum, der das Logo von Flash Future trug. Es ist schon eine Weile her, dass ich den Wagen gesehen habe, möglicherweise hat der TÜV ein Machtwort gesprochen. Flash Future spielen Stoner-Rock mit drei Gitarren und jeder Menge Herz. Ich muss zugeben, dass ich sie Anfang des Jahres zum ersten Mal live gesehen habe und außer ein paar Stücken vom ersten Album „Rock Rock“ nichts von Ihnen kannte. Auf „Dorky Day“ überzeugen die Aachener mit einer Tracht Prügel, die sich gewaschen hat: Schwer, erdig, mit Liebe zum Detail und Schalldruck bis unters Dach. Es ist ein offenes Geheimnis, dass die feinsten Platten aus der Kaiserstadt zurzeit bei Nota Falsa aufgenommen werden, insofern überrascht es nicht, dass der Sound auf „Dorky Day“ unglaublich gut gelungen ist: Organisch, warm, trotzdem schwebend und nicht vollgestopft.

Mit ihrer aktuellen Scheibe zeigen FF, dass sie sowohl „direkt aufs Maul“, als auch „von hinten durch die Brust ins Auge“ können. Das Album enthält eben nicht nur Stimmungsmusik für bierseliges Abfeiern, sondern bietet bei aller rohen Kraft auch subtile Zwischentöne.

HA

Platz 7. Hybrid – Angst: Größer könnte der Kontrast nicht sein, von lebensbejahender Rockmusik zu verkopftem, brutalem Extrem-Metal aus Madrid. Hybrid sind ein Trio, das seit 2004 unter Beteiligung zahlreicher Gastmusiker verschrobene, abwechslungsreiche, virtuose Platten herausbringt, die auf keinen Fall größere Verbreitung erreichen werden. Dies ist Musik, die gemacht wird, um vor den Kopf zu stoßen. Dabei geht es stets strukturiert und reflektiert zu, wie bei einer motorisierten Guillotine, die das Trommelfell des Hörers in gleich große Stückchen schneidet.

Schon das Debüt der Spanier „The 8th Plague“ zeichnete sich durch extreme Brutalität aus: Ein bisschen Mathcore, ein bisschen Grindcore, ein bisschen Death Metal, ein bisschen Jazz. Auf der neuen Platte werden diese stilistischen Schnipsel noch gekonnter vermischt und noch gnadenloser verwurstet. Der Konsum dieser Musik ist sehr sehr anstrengend, gleichzeitig aber sehr beglückend. Leider werden sich die wenigsten Hörer darauf einlassen: Knochenhartes Riffing mit Blastbeats, dazu verstimmte Klaviere, Trompeten, Klarinetten und als Krönung brüllt einer, als würde er gerade abgestochen. Mit einem Wort: Es handelt sich um wunderbare Avantgarde und für mich um den Soundtrack zu den dunkelsten Stunden des Jahres 2013.

PTH

Platz 6: Protest the Hero – Volition: Warum ich „Protest The Hero“ aus Ontario so sehr mag, weiss ich ganz genau: Die Musik ist dudelig, wie bei den großen Artrockern aus den 70ern, virtuos, wie bei den Helden des Mathcore, und gleichzeitig leicht, harmlos und sonnengetränkt, wie das Summen von Insekten über einer Sommerwiese. Außerdem mag ich den Gesang von Rody Walker, die einzigartige, blitzschnelle Verschränkung von ungewöhnlichen harmonischen Abfolgen und das Festhalten an ihrem ganz eigenen Stil, den sie seit dem zweiten Album „Fortress“ konsequent beibehalten und nur ganz sachte weiter entwickelt haben.

Auf der neuen Platte hat Chris Adler, einer meiner absoluten Lieblingsschlagzeuger ausgeholfen, momentan ist der Posten an den Töpfen und Becken vakant. Insgesamt ist man der Perfektion auf Volition noch ein Stück näher gekommen. Die Produktion des Albums wurde übrigens durch Crowdfunding finanziert. Der erforderliche Betrag, immerhin rund 125.000 kanadische Dollar, kam innerhalb von 30 Stunden zusammen. Man sieht daran in welchen Höhen der bewundernden Anteilnahme die Combo inzwischen angekommen ist. Wenn man Stücke wie „Without Prejudice“, „Yellow Teeth“ oder „Plato´s Tripartite“ anhört, dann weiss man auch warum: Was für eine begnadete Band!

Zum Schluss dieses zweiten Teils der musikalischen Nachlese eine kurze Aufzählung von Alben, die es ganz knapp nicht in meine Top 10 geschafft haben: „Concrete Sustain“ von „Batillus“ ist eine tolle Platte. Inzwischen finde ich, dass der Gesang ein bisschen abfällt. Das gleiche gilt für „The Devil And His Footmen“ von „Beehover“. „Halo Of Blood“ von „Children Of Boom“ war wieder mal eine vernünftige Platte von dieser Band, an der ich mir früher echt die Ohren wundgehört habe. Und dann möchte ich noch „Letters Home“ von „Defeater“ nennen, eine sehr eigenständige, sehr amerikanische Hardcore-Scheibe und „Stallzeit“ von „Milking The Goatmachine“, eine witzige Platte von einer deutschen Spaß-Grindcorecombo, ja, sowas gibt es.

Note to self: Tree pimping for christmas. Musik: All of the above.

Dreivierteltakt

Die GroKo kommt. 76% von 70% von 0,6% haben ja gesagt. Also 76% Jasager von 70% SPD-Mitgliedern, die sich an der Abstimmung beteiligt haben, wobei die 475.000 SPD Mitglieder weniger als 0,6% der Gesamtbevölkerung ausmachen. Trotzdem will ich ein guter Demokrat sein und Sigmar und Konsorten gratulieren. Freuen wir uns auf die Wohltaten, die nun auf uns herabprasseln werden: Mütterrente, Arbeitsunfähigkeitsrente, Solidarrente, abschlagsfreie Rente mit 45 Versicherungsjahren. Einfach toll. Das Durchschnittsalter der SPD-Mitglieder liegt übrigens bei 59 Jahren. Noch Fragen?

Aber grämen wir uns nicht. Zur Belohnung kommt ein windelweichgespülter Mindestlohn spätestens 2017. Wer weiß, vielleicht haben wir bis dahin schon Neuwahlen, FDP und AFD im Parlament, die das verhindern werden. Denn eins ist klar: Mit dem heutigen Datum dürfte sich eine linke Mehrheit, also genau die Mehrheit der gewählten Mandatsträger im derzeitigen Bundestag (!), für Deutschland für mindestens 10 weitere Jahre erledigt haben. Was bedeutet das? Nun, es bedeutet, dass sich bei den wirklichen Problemen unserer Gesellschaft, wie Raubtierkapitalismus, Casinofinanzwirtschaft, Aufkündigung des sozialen Friedens, ungebremster Ressourcenverbrauch, idiotisch-dumme Wachstumsgläubigkeit nichts ändern wird.

Mit zwei Mythen gilt es aufzuräumen: Erstens: Wer glaubt, dass man als Steigbügelhalter von Frau Merkel Politik selbst gestalten kann, der hat die letzten 8 Jahre wahrscheinlich in Papua-Neuguinea verbracht. Zweitens: Wer glaubt, dass die Zwickmühle für die Sozialdemokraten in vier Jahren kleiner, oder weniger unangenehm sein könnte, der wird erleben, wie eine ehemalige Volkspartei darum kämpft zweistellige Wahlergebnisse im Bund auf Dauer sicherzustellen.

Wählbar waren die Sozialdemokraten seit dem Kabinett Schröder II für mich sowieso nicht mehr. Jetzt kann ich sie nicht mal mehr ernst nehmen.

Note to self: Singen, rennen, Buchstaben zählen. Musik: keine, Glotze.

Pocket gophers and Mima Mounds

PG

Ich lasse mich ja gerne darüber aus, dass es in erster Näherung nur zwei menschliche Ordnungsprinzipien gibt: Das „Alles auf einen Haufen“-Prinzip und das „Alles gleichmäßig verteilen“-Prinzip. Anders ausgedrückt: Ins helle, helle Licht oder unter den Teppich mit dem ganzen Schmonzens. Genau deshalb fiel es den Menschen so schwer hinter das Geheimnis der Mima Mounds zu kommen. Dabei handelt es sich um niedrige abgeflachte kreisrunde bis ovale Erhebungen in der Landschaft, die vor allem in Nordamerika aber auch in anderen Teilen der Welt mit schöner Regelmäßigkeit auftauchen.

MMM

Jahrzehnte, ach was schreib ich, Jahrhunderte lang hat man versucht zu ergründen, ob nun geologische, seismische, meteorologische oder gar extraterrestrische Ursachen zur Entstehung der Hügel geführt haben. Letztes Jahr kamen nun ein paar Forscher offenbar dahinter. Der Urheber der Erhebungen ist biologisch, der Ordnung Rodentia (Nagetiere) zugehörig und bodenbewohnend. In Nordamerika sollen es jedenfalls die Taschenratten sein, die durch fortwährende Grabtätigkeit ganz besonders zur Zeit der Schneeschmelze immer höhere Hügel aufwerfen, weil sie nicht ersaufen wollen. Dieser Prozess führt im Laufe von Jahrhunderten zur Verhügelung ganzer Ebenen.

Natürlich hat man jetzt als Normalbürger romantisierende Bilder von zoologischer Feldforschung im Kopf. Man sieht vor dem geistigen Auge bärtige und Nickelbrillen tragende Männer mit Falthüten und ebensolche Frauen, die ihre Lebensaufgabe darin sehen dem Treiben der Taschenratten auf den Grund zu gehen, die Tierchen aus ihren Bauen auszugraben, sie zu wiegen und ihnen unter die Schwanzwurzel zu gucken, bis sie abends ermattet bei Cowboykaffee und Bohnen mit Speck ums Lagerfeuer sitzen und sich gegenseitig Taschenrattengeschichten erzählen. Die Realität ist nüchterner.

Kein Institut der Welt würde über Jahrzehnte Geld zur Verfügung stellen und kein einigermaßen ambitionierter Biologe würde über solch lange Zeit den Ratten beim Graben und den Hügeln beim Wachsen zusehen. Deshalb greifen die Forscher heutzutage zu computergestützten Modellen, getreu dem Motto: Simulation is for those, who can’t handle reality. Ich selbst durfte im Rahmen meiner Ausbildung ein Programm schreiben, in dem Käfer auf Bodenfallen trafen bzw. in ihnen jämmerlich ertranken. Wir sehen also, dass ein solches Vorgehen nicht nur die Nerven der Forscher, sondern auch den zoologischen Untersuchungsgegenstand schont. So, das Landschaftsbild im Taschenrattenmodell zeigt nach mehreren hundert Jahren und entsprechend vielen putzig pelzigen Generationen genau die Hügelbildung, die man in der Natur beobachtet. Dann schreibt man ein Paper, reicht es bei „Nature“ ein, die nehmen es tatsächlich und sobald es dort veröffentlicht ist, gilt die Sache mit den Ratten und den Hügeln als gegessen.

Ich würde wetten, dass der letzte echte Kontakt von Taschenratte und Taschenrattenexperten im Falle der Mima Mounds lange vor Beginn der Untersuchung stattgefunden hat und die Kenndaten zur Lebensweise der Tierchen bei der Parameterisierung des Modells aus zoologischen Standardwerten übernommen wurden. Und jetzt überlegen wir mal gemeinsam: Wie viel von dem Wissen, das nicht nur die spinnerten Hirne von Nagetierforschern erfüllt, sondern auch unseren Alltag bestimmt, stammt wohl inzwischen aus der Modellierung des Natürlichen? Und wie lebt es sich damit, dass wir inzwischen nicht mal mehr von Erkenntnis und Erfahrung, sondern nurmehr von kalter, abstrakter Mathematik abhängen? Wäre man eine Taschenratte, könnte man schon aus Trotz bei der nächsten Schneeschmelze ersaufen.

Note to self: Splendid Durchwurschtelung. Musik: Heathen, Disfiguring The Goddess, The Hive, Squat Club.

MuNaLe 2013 Pt1/3

Keine Ahnung wie es der Leserschaft dieses Blogs geht, die ohnehin nur aus 3,5 Figuren bestehen dürfte (Ich liebe Euch, danke), aber für mich steht neben dem Ergebnis des Mitgliederentscheids der SPD-Parteibasis zur großen Koalition eigentlich nur noch die musikalische Nachlese des Jahres auf dem Programm (Ihr wollt es doch auch). Bislang habe ich das Ganze immer in einen ewig langen Artikel gequetscht, in dem die Kernaussagen zumeist untergingen. Deshalb werde ich dieses Jahr insgesamt drei Teile des Rückblicks veröffentlichen. Ich fange mit den Alben an, auf die ich mich 2013 am meisten gefreut und über die ich mich dann tierisch (ich meine wirklich tierisch!) geärgert habe. Erstens reinigt das die Seele und zweitens erhöht dieses Vorgehen unsere gemeinsame Vorfreude auf die Plätze 10-6 (Teil 2) und 5-1 (Teil 3). Denn man los.

ASIWYFA

And So I Watch You From Afar – All Hail Bright Futures: Was mich an den Postrockern aus Belfast immer begeisterte war die rohe Lebhaftigkeit, die den Hörer quasi ansprang, egal ob man Live-Performances der Band oder Studioaufnahmen verköstigte. Auch wenn man mit der Zeit eine Ahnung entwickelte, dass das Gesamtkonzept der Kapelle möglicherweise doch ein wenig durchdachter sein könnte als es auf den ersten Blick schien, blieben pure Spiel- und Lebensfreude kennzeichnende Elemente. Auf der neuen Platte hat man dies zugunsten eines zwanghaft wirkenden Stilwechsels mit zwitschernden Synthies, Anbiederungen an Dub und Techno und viel zu viel überflüssigem Gesang aufgegeben. Stücke wie „Eunoia“ oder „The Stay Golden“ kann man getrost in Rubrik „peinlicher Müll“ einordnen. Auch sonst dominiert ein locker-flockiger Happy-Hippo-Sound (dieses Wort habe ich gerade erfunden und ich wette, jeder kann sich vorstellen, was damit gemeint ist) zu dem die nach wie vor vorhandene Komplexität einfach nicht passen will. Da wo Löcher sein sollten, ist Atmo. Da wo Spannung entstehen könnte, plärrt irgendeine überflüssige Trompete, Querflöte, ein Rudel Synthiestreicher, oder Claps und Cowbells aus der Elektronikabteilung dazwischen. Unter den Stücken des Albums ist kein einziger Ausreißer nach oben. Dieses Machwerk ist von vorn bis hinten richtig schlecht und ein wirkliches Ärgernis.

BC

Biffy Clyro – Opposites: Seit Jahren wird mir vorgehalten, dass ich mitunter auf unterklassige schottische Popmusik abfahre, die gar nicht zu mir passt. Biffy Clyro waren seit ihrem Album „Puzzle“ aus dem Jahr 2007 heimliche Lieblinge, die ich dereinst am Fernseher im Rockpalast entdeckt hatte und seitdem gegen alle Störfeuer verteidigte. Mit dem diesjährigen Release hat sich das dann auch irgendwie erledigt. Früher, ja früher spielten Biffy Clyro noch richtig groovigen, anspruchsvollen Rock mit annehmbaren Texten, in dem immer eine kleine Spur neblig-torfiger Depression zu spüren war. Ich nenne das das Highland-Gefühl. Schon auf der letzten Platte schlug das Pendel eher Richtung Poprock aus, inklusive einer richtigen Teeny-Ballade (Many Of Horror), die sogar auf dem Skidsampler 2012 landete, wie ich hiermit gestehen muss. Opposites ist noch mal ein ganzes Stück glatter, beliebiger, durchgeformter, eben Charts-taugliche Popmusik. Auch wenn ich Simons Gesang immer noch sehr gerne hören mag, ist das Gesamtpaket doch ausgesprochen schwach. Songwriting, Arrangements, Mischung, Produktion, all das ist seicht, tut keinem weh, ist aber schon ein Verrat an den Fans der früheren Alben. Für mich geht damit ein Kapitel zu Ende.

QOTSA

Queens Of The Stone Age – … Like Clockwork: Hier geht es überhaupt nicht darum zu ermitteln, ob Josh Homme ein Arschloch ist, oder nicht. Ich habe dazu zwar eine Meinung, aber die ist privat. Wie schwach das neue Album der Steinzeitköniginnen wirklich ist, bekommt man mit, wenn man vorher oder nachher die wirklich großartigen Vorgänger dieser Platte hört. Auch diese Alben sprangen einem nicht beim ersten Anhören ins Hirn, aber sie hatten eben Stücke zu bieten, die sich im Laufe weniger Tage des Konsums als echte Granaten entpuppten. Man kann versuchen sich die aktuelle Scheibe schön zu hören, es wird nicht gelingen. Das liegt nicht daran, dass Homme oftmals so singt, als hätte er gerade eine Familienpackung psychoaktivierender Pilze verdrückt. Es liegt auch nicht daran, dass die Band sich offenbar krampfhaft vorgenommen hatte, noch mal einen Ausbruch aus diesem ganzen verstaubten Stoner-Desert-Ding zu versuchen. Es liegt daran, dass das Endergebnis nicht fett, sondern hölzern klingt, die harmonischen Sperenzien sich inzwischen abgenutzt haben und der Groove einfach fehlt. Und der ist bei dieser Musik einfach Grundvoraussetzung, sonst funktioniert sie nicht. Da kann sich Homme noch so sehr ein imaginäres Cordjackett überwerfen und komische Balladen mit Klavierbegleitung zum besten geben: Er hat zwar inzwischen das Alter dafür, aber man will das einfach nicht hören. Das einzige, was von diesem Album übrig bleiben wird: “ If I had a tail, I’d swat the flies.“ Das ist schön, aber zu wenig.

IWABO

Iwrestledabearonce – Late For Nothing: Schon bei der zweiten Platte der mit Bären ringenden Wunderkinder war klar, dass man auf Dauer das Niveau des Debüts „It’s all happening“ nicht würde halten können. Wie auch? Diese Platte ist dermaßen genial, dass sie eigentlich untoppbar ist. Nun, inzwischen hat sich die Sängerin Krysta Cameron von ihrem langjährigen Freund und Gitarristen Steven Bradley getrennt, ein Kind vom Frontmann von „Fair To Midland“ zur Welt gebracht und ist mehr oder weniger aus der Band geworfen worden. So weit die schmutzige Wäsche. Krystas Nachfolgerin gibt sich auf der aktuellen Platte zwar alle Mühe, ihre Vorgängerin zu ersetzen, aber sie schafft es nicht, weil das einfach nicht zu schaffen ist. Frau Camerons Stimmwunder von operndivenhaftem Schmettern, über balladeskes Lagerfeuerfeeling, perkussives Hecheln, Flüstern und Stöhnen, bis hin zu amtlichem Grunten, Kreischen und Brüllen ist nicht kopierbar. Dazu kommt dann noch, dass die Kompositionen auf der neuen Platte insgesamt weniger frech und chaotisch ausfallen, sonder teils eher Richtung Hooklines und -man muss es zugeben- Emocore ausfallen. Schrecklich, nicht wahr? Schade, IWABO waren ein heller Stern am Mathcorehimmel, wirklich etwas ganz besonderes. Auch wenn „Late for nothing“ immer noch weit besser als der Durchschnitt ist, der in diesem Stil veröffentlicht wird, ich fürchte sie sind auf dem absteigenden Ast.

So, ganz kurz zu den üblichen Ärgernissen: „Fortress“ von „Alter Bridge“ entpuppte sich als schwach produzierter, lauer Aufguss. „Reflektor“ von „Arcade Fire“ habe ich schon ausführlich verrissen. Über „The Underground Resistance“ von „Darkthrone“ könnte man ein paar richtig gemeine Witze machen. „The Sun Comes Out Tonight“ von „Filter“ lässt mich immer einschlafen und „Super Collider“ von „Megadeth“ findet wahrscheinlich jeder außer Dave Mustain peinlich.

Note to self: Dumm sein und Arbeit haben, das ist das Glück. Musik: All of the above.