Das! Kannst! Du! Nicht! Tun!

AFR

Chris Martin (Coldplay) hat gesagt, Arcade Fire seien die beste Band der Welt. Andreas Borcholte (SPON) hat das aktuelle Album „Reflektor“ mit der Traumnote 10 bewertet. Der Hype um die Grammy-Gewinner hat inzwischen erdbebenhafte Ausmaße angenommen. Die Auskopplung der ersten Single, die Veröffentlichung von weiteren Schmeckmüsterchen, all das erzeugte Schockwellen jenseits jeder Vernunft. Also kann ich diese Platte nicht verreißen, das geht einfach nicht. Oder?

Zur Klärung: Für mich spielt es keine Rolle, ob die Kanadier inzwischen zu einem der meistbeachteten Acts auf dem Planeten geworden sind oder ob sie für die neue Scheibe einen Edelproduzenten verpflichtet haben. Mein Lieblingsalbum von Arcade Fire ist nach wie vor „Neon Bible“, weil es kaum eine andere Platte gibt, die so viel an emotionalen Verwerfungen erfahrbar macht. Ich schreibe nicht deswegen diesen Verriss, weil alle anderen das Album so toll finden, ganz bestimmt nicht.

Fangen wir mal mit dem Positiven an: „Reflektor“ ist eine mutige Platte, weil eine konsequente stilistische Neuausrichtung erfolgt ist. Es ist eine sperrige Platte, die sich kaum am Mainstream orientiert. Es ist gleichwohl eine typische Platte, weil viele Elemente des Songwritings von Win Butler erhalten geblieben sind. Das ist es dann aber auch. Jetzt wird es grottig:

„Reflektor“ will so etwas wie ein Konzeptalbum sein, auch wenn James Murphy (LCD Soundsystem, der Produzent) das vehement bestreitet. Leider fehlt es dem Album aber an Zusammenhang, es gibt keinen Spannungsbogen, gerade die von vielen Kritikern lobend erwähnten Höhepunkte (Tracks 2 und 3 auf Disk 2) sind hinsichtlich Originalität, Arrangement und inhaltlicher Tiefe eine einzige Enttäuschung. Am Anfang von Disk 1 befindet sich ein 10 Minuten langer „Hidden Track“, der wohl so etwas wie eine Collage sein soll, die den Entstehungsprozess der Platte im Studio abbildet. Die Qualität und Positionierung dieses Tracks macht jeden Versuch, sich dem Album als Gesamtwerk zu nähern, von vorne herein zunichte. Ein Gimmick für Hipster? Nein, eine Zumutung.

Die Band löst sich auf dem Album vom schräg instrumentierten Indie-Rock, der vorher Kennzeichen der Kapelle war, und bewegt sich Richtung Dance, Dub, Synthiepop der 80er. Das könnte ganz spannend sein, wenn man ein bisschen Sorgfalt investiert hätte, um das Schmeichelnde und die Brüche in diesem Konzept herauszuarbeiten und zu polieren. Die Single „Reflektor“ zeigt, dass das möglich gewesen wäre. Es gibt aber zahlreiche Tracks auf dem Album, die so lieblos hingerotzt und so wenig zu Ende gedacht sind, dass es fast wehtut. Was man der Schrammelkapelle noch durchgehen ließ oder als besonders reizvoll empfand, wird vor dem Hintergrund maschineller Discobeats zum unausgegorenen Zwischenprodukt. Gleichzeitig ist das ganze Album ungeheuer bemüht, trieft vor bedeutungsvollen Wendungen, gibt sich gespreizt, ist aber bei genauerem Hinsehen hohl und leer. Und gerade wenn man versucht gekonnt minimalistisch zu sein, geht das Ganze komplett in die Hose. Ich darf das schreiben, ich bin ein Opfer der frühen 80er und ihrer ganzen musikalischen Grausamkeit.

Es gibt Details auf der Platte, die mich wahnsinnig machen: Die Mehrzahl der Chöre (Nanananananahhhh), Tempowechsel, die klingen als hätte man mit einem billigen Soundeditor Schnipsel zusammengestückelt, Retrosynthies, die auch nach 30 Jahren immer noch erbärmlich klingen, selbst wenn man sie mit Bläsern kombiniert, die auch in einem Spaghettiwestern auftauchen könnten. Aber das Allerschlimmste sind die künstlichen Steeldrums auf „Here comes the night time“. Ekelerregend.

Kurz und gut: Das Album ist Müll. Schade.

Note to self: …die keine Heiterkeit besäßen, sondern nur ein Gelöbnis…. Musik: Arcade Fire.

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Südwestlich von Neutral-Moresnet

NM

Als ich beim Kunden aus dem Haus gehe ist es kurz nach halb 6 und schon ziemlich dämmrig. Nur ganz kurz erwäge ich, den Bus von Kelmis nach Aachen zu nehmen. Nein, ich habe mir extra einen GPS-Track auf mein iPhone geladen, die Wanderschuhe und die Wandermütze im Rucksack mitgenommen. Außerdem habe ich die Länge der Strecke relativ genau vermessen und bin auf etwa 11 Kilometer gekommen, das waren in meinen besten Zeiten nicht mehr als 100 Minuten. Also auf gehts.

Der Feldweg „Roter Pfuhl“ entpuppt sich als von Pfützen durchsetztes, schwieriges Terrain. Inzwischen ist es schon ziemlich finster, aber ich bin dennoch guter Dinge. Immerhin sind sogar noch ein paar Hundehalter mit ihren Fiffis unterwegs. Auf einer Bank sitzend wechsele ich meine Schuhe, während mich ein kleiner Terrier (für genauere Ansprachen ist es doch schon zu dunkel) umtänzelt. Ich werfe ihm ein freundliches „Na Dicker“ zu, das aus dem Dunkeln mit einem ängstlich-weiblichen „Bei Fuß, Fritz“ beantwortet wird. Tss, als wäre ich ein Unhold, bin doch nur ein harmloser Spaziergänger.

Tatsächlich verbessern sich Weg- und Lichtverhältnisse kurz darauf, als ich die Atherstraße erreiche und die Bahnstrecke nach Brüssel überquere. Zwischen den typisch großzügigen belgischen Landhäusern mit ihren schlecht nachgemachten schmiedeeisernen Toren und Türen stehen gelblich strahlende Funzeln, die ein traniges Leuchten auf die inzwischen wieder asphaltierten Wege zaubern. So hatte ich mir das vorgestellt. Auch die Steigung entspricht den Erwartungen: Bei rund 200 Meter über NN bin ich losgestiefelt, jetzt sind es bereits 286 Meter.

Der nächste Streckenabschnitt führt durch die Wolfsheide Richtung Schmalzloch, hach welch romantische, rührende Bezeichnungen. Zur Belohnung führt die Strecke jetzt mit 13 bis 15% Steigung bis auf 335m über NN. Am Beginn des Waldwegs Wolfsheide steht ein rotes Grablicht in einer Blaustein-Mauernische. OK, ab jetzt wird aussortiert. Die Weicheier und Wollsockenträger sollten besser umkehren. Die Ausgeschlafenen und Checker sitzen eh bereits mit ihrem zwoten Bier vor dem Fernseher. Die wirklich Abgedrehten dürfen weiter in die Schwärze wanken. Ich wechsle die Musik: Von „Sunbather“ (Hippiemetal) und „Farsot“ (Studentenmetal) switche ich auf „Altar of Plagues“ (ganz schwarzer Metal) und tauche in den dunklen Wald ein.

Diesen kurzen Verbindungsweg bis zur mir wohlbekannten Schutzhütte im Oecher Bösch habe ich mir vorher ganz genau angeschaut. Mir ist klar: Sobald ich die Hütte erreiche, werde ich auch im Stockfinstern heim finden, die Strecke kenne ich im Schlaf. Das Zwischenstück ist ungefähr 1,5 km lang, das muss doch zu schaffen sein. Während ich unsicher nach vorne tapse, versuche ich mir den Verlauf des Wegs aus Google Earth ins Gedächtnis zu rufen. Zwar kann ich auch mein Mobiltelefon konsultieren, doch bin ich dann für die nächsten 90sec wirklich völlig blind. Taktile Orientierung ist noch am besten merke ich: Wenn die Tritte tiefer werden, bin ich abseits des ca. 70cm breiten Trampelpfades.

Etwa die Hälfte des tiefschwarzen Dilemmas habe ich bereits geschafft, wie mir mein tolles GPS-Programm verheißt. Siehste Genosse, geht doch. Beschwingt schreite ich aus, da erwische ich mit dem Schwungbein einen völlig unsichtbaren Baumstumpf, der mich allzu plötzlich abbremst. Auch das Standbein will mir nicht mehr gehorchen. Zwar greife ich auf dem Weg gen Erdmittelpunkt noch nach schemenhaften Zweigen, um den Fall zu bremsen, die entpuppen sich jedoch als Hirngespinste.

Rums: Irgendwas Hartholziges drückt zwischen den Schultern, das rechte Schienbein fühlt sich auch suboptimal an. Kühles Laub schmiegt sich an den heißgeschwitzten Nacken. Die Kopfhörer sind von den Ohren gerissen, von ferne brüllt Dave Condon “ A body shrouded“. Joh Alter, genau das ist es. Ansonsten höre ich nur den ziemlich heftigen Wind, der durch das trockene Laub der Bäume fährt, jedenfalls zunächst. Dann raschelt etwas steuerbord von meiner ramponierten Unter-Extremität.

Himmel, was kann das sein? Das Rascheln wird lauter. Eigentlich fühle ich mich als Mitteleuropäer stets als überlegener Primat unter harmlosen Großsäugern. Allerdings kann ich gerade jetzt irgendwie nicht weglaufen. Was ist, wenn es ein Wildschwein ist? Die vermehren sich doch in letzter Zeit wie früher nur die Karnickel. Möglicherweise ein männliches Schwein, ein kapitaler Keiler. Beginnt die Fortpflanzung des Schwarzwildes nicht im November? Vielleicht ist mein Exemplar ein bisschen aus dem Takt geraten, Klimawandel und so. Ein brünftiger, kapitaler Keiler, der seinen Paarungsbezirk mit Hauern und Geifer vor der Schnautze verteidigen wird.

„Für eine Leiche braucht man drei Schweine“, so heißt es bei „Snatch“. Zwar bin ich noch keine Leiche und ziemlich wohlgenährt. Trotzdem: Einem wilden Eber würde ich keinesfalls Paroli bieten können. Ich sehe mich bereits als unappetitlicher Haufen im Polizeibericht, hebe aber trotzdem den Kopf. Da, wo es vorher geraschelt hat, ist Schwärze. Ich sortiere mich, richte mich auf, stelle fest, dass noch „alles dran ist“. Immerhin. Beim Aufstehen fühlt es sich so an, als hätte jemand ein paar Wirbel entnommen, wie ein Kartenspiel gemischt und an den falschen Stellen wieder eingesetzt. Ahja: Jetzt überlegen wir mal „Wo ungefähr sind wir und wo geht es weiter.“

In den nächsten 10 Minuten versuche ich zurück auf den Weg zu finden. Als es mir gelungen ist, bin ich lt. GPS noch ca. 500m von der Schutzhütte entfernt. Ich gehe in mich. Gehe ich weiter, oder kehre ich um? Die Vernunft siegt: Noch einmal taste ich mich schrittweise durchs Gehölz, bis das rote Grablicht von Ferne grüßt. Als ich es erreiche, setze ich mich erst mal auf die Mauer. Wenn ich noch rauchen würde, würde ich mir jetzt die Zigarette der Wiedergeburt anstecken. So bastel ich mir ersatzweise eine Alternativstrecke über Hergenrath zur Zollstation Bildchen. Als ich kurz vor 8 in den Bus steige, leicht hinkend und den Busfahrer überschwänglich grüßend, schaut der mich an, als hätte ich einen an der Klatsche. „Ich fahre aber nicht bis Hauptbahnhof..“ „Ich weiß, nur bis zur Schanz“ sage ich, denke mir aber „Wenn mich das Schwein nicht gekriegt hat, wird mich auch die ASEAG nicht umbringen.“

Note to self: Dr. Molly hat zwar keinen Schimmer, aber lässt die Puppen tanzen. Musik: Sunbather, Farsot, Altar of Plagues, Defeater.

Drucksache Nummer Zwei…

…in der heutigen ersten Sitzung des neuen Bundestags betraf die Neuwahl der Bundestagsvizepräsident-innen (muss es in diesem Fall heißen, denn 4 von 6 Amtsträgern sind Frauen). Bislang hatte jede Fraktion eines dieser Ämter inne, eine der ungeschriebenen Regeln des Parlamentarismus. Es gab in der Geschichte der Bundesrepublik nur eine Ausnahme, nämlich die Grünen, die keinen Stellvertreterposten bekamen, als sie das erste Mal in den Bundestag einzogen. Man dachte damals, das seien keine echten Mitglieder, sondern so eine Art Ekzem, das von alleine abheilen würde. Ja, Macht hat auf Dauer schon immer arrogant, feist und brunzdumm gemacht.

Heute aber wollte man niemandem einen Stellvertreterposten vorenthalten, im Gegenteil: Union und SPD haben sich jeweils einen zweiten Vizepräsidenten genehmigt. Die Anforderungen an diese Leute sind überschaubar: Die Rednerliste in Debatten abarbeiten, ab und zu mal ein Autobahnteilstück einweihen und salbungsvolle Reden halten. Dafür bekommt man (festhalten jetzt) 11.000 € Gehalt plus steuerfreie Kostenpauschale, plus Dienstwagen, plus Büro, plus 4 Zuarbeiter auf Vollzeitstellen und natürlich erwirbt man schöne Pensionsansprüche.

Kein Wunder, dass dieser Posten so begehrt ist. Bei der Union hat man Peter Hinze, den fleischgewordenen Offenbarungseid ins Amt gehievt, und natürlich einen wenig bekannten Menschen von der Bayerischen Schwester. Proporz muss sein. Der wirkliche Skandal ist aber, wer den Stein mit der doppelten Vizepräsidentschaft ins Rollen gebracht hat, nämlich die Sozen. Was man so hört, wollte man sich eine Kampfabstimmung zwischen linkem und rechtem Parteiflügel unbedingt sparen, die für Ulla Schmidt bzw. Edelgard Bulmahn votieren wollten

Als der SPD diese Verschwendungssucht vorgehalten wurde, stellte sich Oppermann ans Rednerpult und erklärte den verdutzten Grünen, 25,6 Prozent seien eben doch mehr als 8,4. So schnell geht das zwischen ehemaligen Wunschpartnern. Es ist schon traurig, wie unglaublich gründlich die derzeitige Führung der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands vor die Hunde gegangen ist. Ein lächerlicher, peinlicher Haufen Dreck, dem die eigene Basis hoffentlich demnächst den Entwurf zum Koalitionsvertrag um die Ohren haut und dann die Stühle vor die Tür stellt.

Note to self: Gut gebrüllt, Bettvorleger. Musik: keine, Glotze.

Beati pauperes quia ipsorum est regnum caelorum

TB

Eine der bizarrsten Stellen in Umberto Ecos „Der Name Der Rose“ ist der bis aufs Blut ausgetragene Streit unter Mönchen und höheren kirchlichen Chargen, ob Jesus einen Geldbeutel besessen hätte. Angesichts der Diskussionen um den Limburger Bischof, der heute zum Speed-Dating bei dem großartigen Papst Franziskus war, kann man behaupten, dass genau diese Frage, nämlich ob die Kirche arm und ihre Repräsentanten bescheiden sein sollten, die Menschen nun schon seit mehr als 1000 Jahren umtreibt.

Mit dem Gebahren des Tebartz van Elst will ich mich ausdrücklich nicht befassen. Die Verschwendungssucht eines für sein Amt gänzlich ungeeigneten Mannes liegt auf der Hand und scheint uns fast krankhafte Züge anzunehmen. Er wird in die Schranken gewiesen werden und sein restliches Leben in der Abgeschiedenheit eines Klosters mit der Gewissheit verbringen, dass Christus ihn trotzdem liebt (siehe oben).

Nein, viel interessanter sind Fragen der Dotierung der Kirchen durch die öffentliche Hand, die in der Vergangenheit meist totgeschwiegen wurden und nur den Allerwenigsten bekannt sind. Seit dem Reichsdeputationshauptschluss, also der letzten gesetzlichen Regelung, die im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation beschlossen wurde, zahlt die weltliche Macht auf deutschem Boden an die Kirchen. In den letzten Jahren betrug der Obulus etwa eine halbe Milliarde. Damit werden Gehälter bezahlt und kirchliche Einrichtungen unterhalten (deren Mitarbeiter gekündigt werden, wenn sie geschieden sind und sich neu verheiraten. Das ist übrigens ein klarer Verfassungsbruch.). Noch mal zur Verdeutlichung: Das sind keine Kirchensteuern, die kommen noch mal oben drauf, sondern ein Ausgleich für die durch Napoleon durchgeführte Säkularisierung, also die Überführung kirchlichen Eigentums in weltlichen, meist fürstlichen, Besitz.

In einer Talkshow zu den Limburger Vorkommnissen war unter anderem auch der Hamburger Bischof Jaschke zu Gast, der übrigens in einer kleinen Mietwohnung wohnt und an diesem Abend vieles sagte, was hochvernünftig und der Sache angemessen war. Als aber die Sprache auf die Dotierung kam, da verlangte Jaschke eine Abschlusszahlung, etwa in Höhe des Zwanzigfachen der jährlichen Zuwendung. Seit 1803 zahlt das deutsche Volk an die Pfaffen und die Kirche kriegt den Schlund immer noch nicht voll.

Die Angelegenheit ist ein Skandal, aber wahrscheinlich wird nicht mal der Papst etwas daran ändern. Die Bundesrepublik sollte ein laizistischer Staat sein, ohne Religionsunterricht in öffentlichen Schulen, ohne Kruzifixe in Gerichtssälen und ohne staatlich alimentierte Kindesmißbraucher.

Note to self: Bewegung, schlimmer wirds auch so. Musik: Altar Of Plagues, ANNA1.

Das Loch von Sinsheim

Eins vorweg: Nichts in diesem Beitrag hat mit der Tatsache zu tun, dass ich den Fußballverein TSG 1899 (kicher) Hoffenheim nicht ausstehen kann.

Das zweite Phantom-Tor der Bundesligageschichte erregt die Republik. Ich muss gestehen, dass auch ich dieses Tor zunächst für regulär gehalten habe, genau wie der Kommentator („Da schießt der Kießling so ein Klassetor und die Leverkusener freuen sich gar nicht.“). Wenn man die Reaktionen der Spieler genau betrachtet, dann ist beispielsweise beim vermeintlichen Torschützen die gleiche Ver*wunder*ung zu beobachten, die auch eine Marienerscheinung im Strafraum ausgelöst hätte: Kießling wusste, dass er den Ball am Tor vorbei geköpft hatte und er konnte sich nicht erklären, wie er dann trotzdem im Netz zappeln konnte. Genau so ging es dem Schiedsgericht und selbst den Hoffenheimern.

Erst als die TSG-Ersatzspieler Dr. Felix Brych auf das Loch im Tornetz aufmerksam machten, wurde das Wunder zum Versäumnis des Platzwarts und des Schiedsrichterassistenten, der das Netz vor dem Anpfiff zu inspizieren hat. Und spätestens in diesem Augenblick hätte der Kießling dem Brych klipp und klar erklären müssen „Hömma Schiri, der war nicht drin.“ Natürlich hätte auch der Brych nach Inaugenscheinnahme des Netzes den Leverkusenern erklären können: „Hömma Werkself, der war nicht drin.“

Der Fußball verschanzt sich an dieser Stelle hinter der so genannten Tatsachenentscheidung. Das erinnert mit an den alten Sponti-Spruch: Wo wir sind, ist vorn, und wenn wir hinten sind, ist hinten vorn.“ Es kann gar nicht anders sein: Dieses Spiel wird wiederholt werden müssen. Im Grunde wäre es das Fairste, wenn man nur 20 Minuten neu spielen lassen würde, denn in der 70. Spielminute schlüpfte der Ball durch das Loch von Sinsheim und Leverkusen führte schon 1:0. Und die allerbeste Stellungnahme zum Geschehen lieferte Rudi „Tante Käthe“ Völler ab, der fragte, warum man in Hoffenheim Millionen und Millionen in den Verein pumpt und sich dann nicht mal vernünftige Netze leisten kann.

Note to self: Ugliness jetzt wirklich ugly. Musik: Volbeat, Defeater.

Sauger für staatenbildende Hymenopteren

BHV

Wenn ich Musik von Beehoover höre, muss ich immer an einen Bassisten aus meiner Heimatstadt denken, mit dem ich auch mal eine Weile das Vergnügen hatte. „Brauchst lediglich einen coolen Drummer, hörste?“ möchte ich ihm zurufen, aber ach, inzwischen ist dieses Intermezzo auch schon länger Geschichte und auch nicht aufwärmenswert.

Wo ich jetzt schon den Einstieg in diesen Artikel versemmelt habe, will ich gleich das wichtigste zum neuen Tonträger des dynamischen Duos aus Good Old Germany subsumieren: Drei Jahre nach „Concrete Catalyst“ melden sich die Herren Petersen und Hamisch mit „The Devil And His Footmen“ sehr eindrucksvoll zurück. Subtile Verfeinerung und gleichzeitig ein Bekenntnis zur blutigen Rohheit sind die wichtigsten Neuerungen auf der neuen Platte, geblieben ist der dämonische Groove, der die Musik von Beehoover auszeichnet. Ob man das Ergebnis jetzt Stoner Rock oder Doom Metal nennt, ist eigentlich egal, denn keines dieser Etiketten wird dem avantgardistischen Grollen und Donnern gerecht.

Die neue Platte klingt an vielen Stellen wie eine Live-Aufnahme aus dem Proberaum. Das gilt nicht nur für den Gesamtsound. Vielmehr sind Nebengeräusche, Anzähler und auch kleinere Tempo-Unwuchten deutlich auf der Scheibe zu hören und der Gesang wirkt wesentlich naturbelassener. Der Basssound profitiert am meisten von der organischen Herangehensweise: Bei genügender Lautstärke sehe ich vor dem geistigen Auge stets die träge schwingenden Saiten, die meinen Bauchraum zum Brummen bringen. Insgesamt ist die Bassgitarre deutlich perkussiver als auf dem Vorgänger.

Die acht Stücke und drei Intermezzi auf dem neuen Album sind weniger eingängig als das Material auf dem davor, manchmal fühlt man sich sogar ein bisschen an Progrock aus den 70ern erinnert. Ich glaube, dass die beiden Protagonisten mit ihren Machwerken am besten bei Leuten ankommen, die selber Musik machen und Spaß an kompositorischen Pointen haben. Der treibende Groove der Bienensauger bleibt jedenfalls absolut kennzeichnend und haut den Hörer mitunter einfach aus den Stiefeln. Crank it up…

Note to self: How long so low? Musik: Beehoover.

Fein raus sein

Für die Fischer auf Lampedusa könnte es doch ein zweites Standbein sein, gegen Gebühr ertrunkene Afrikaner aus dem Mittelmeer zu ziehen. Nein, das ist nicht zynisch. Das ist Realität in einem Land, das die Rettung von Menschen in Seenot damit zu unterbinden versucht, dass man die Retter damit bedroht, sie im Nachgang der Schlepperei anzuklagen. Nur nebenbei sei angemerkt, dass dieses Land die illegale Einwanderung als Straftatbestand einordnet und gegen die Migranten Geldstrafen von 5000€ pro Kopf verhängt. Die Republik Italien hat unter dem Einfluss rechtspopulistischer Parteien extrem scharfe Einwanderungsgesetze erlassen und da das nicht half, hat man Einwanderer auch schon mal mit einem Transitvisum und einem Zugticket Richtung Deutschland in Marsch gesetzt. Italien hat im vergangenen Jahr rund 15.000 Asylbewerber aufgenommen, Deutschland 65.000.

Martin Schulz, der Präsident des EU-Parlaments, hat heute verlangt, dass Deutschland mehr Flüchtlinge aufnehmen solle. Hat er recht? Wenn man die Stellungnahmen der Foristen auf SPON und Co. liest, so könnte man denken, dass die Deutschen ein Haufen hartherziger, fremdenfeindlicher Egoisten sind, die auf den Zinnen und Türmen der Festung Europa stehen. Das ist ja schon schlimm genug, schlimmer noch ist, dass diese Foristen, die so laut die Einwanderung in die sozialen Netze Europas kritisieren, mit grenzenloser Dummheit geschlagen sind. Der durchschnittliche Lebensstandard der Europäer trägt zur Verelendung Afrikas mit Fischereiabkommen, subventioniertem Export von Geflügelteilen, Milchpulver, Waffen bei. Unsere Entwicklungshilfe wandert wenigstens zum Teil direkt in die Taschen der korrupten Oberschicht. Das ist eine Seite der Medaille.

Die andere Seite ist noch viel unangenehmer: Der Wunsch des Durchschnittsafrikaners nach Wohlstand in EU-Maßstab ist zwar verständlich, aber genau so wirklichkeitsfern wie die Annahme der Europäer, ihr Wohlstand könnte sich auf lange Sicht konservieren lassen. Wollte die gesamte Menschheit auf Hartz IV Niveau leben, bräuchten wir die Ressourcen zweier Planeten Erde, so einfach, so brutal ist es.

Also, was hilft? „Bildung“ sagen die einen und verkennen, dass in Nordafrika und in Teilen Asiens inzwischen eine gut ausgebildete junge Generation mit immer geringerer Chance auf Teilhabe heranwächst. „Teilen“ sagen die anderen und nehmen nicht wahr, dass diejenigen, die am leichtesten abgeben könnten, schon lange aus dem Modell „solidarische Gesellschaft“ ausgestiegen sind, man schaue sich nur die Aufstellung der 500 Reichsten Deutschlands an, die heute veröffentlicht wurde. „Krieg“ sagen die Zyniker und rechnen schon den Zeitpunkt aus, ab dem es dann richtig knallen wird.

Wir müssen zugeben, dass wir dieses Problem nicht lösen können. Egal ob wir aus sozialdarwinistischer, humanistischer, technokratisch rationaler, christlicher, globalisierungskritischer oder romantisch verklärender Sicht argumentieren. Alle Ansätze scheitern letztlich an der Natur des Menschen, an seinem Wunsch möglichst gut und sorgenfrei zu leben, und sei es auch auf Kosten der anderen. Was wir aber tun können, ist das Problem zu verkleinern statt zu vergrößern. Das bedeutet die kriminellen Tätigkeiten multinationaler Konzerne in der so genannten Dritten Welt zu unterbinden. Das bedeutet auch Lebensmittelexporte auf absolute Nothilfeszenarien zu beschränken. Aber vor allem bedeutet es, alle Maßnahmen zu fördern, die das Bevölkerungswachstum begrenzen. Es ist noch gar nicht so lange her, dass europäische Armutsflüchtlinge in Massen nach Nord- und Südamerika auswanderten. Der Unterschied zu heute ist der, dass die Welt damals vergleichsweise leer war. Amerika war deswegen leer, weil etwa 80% der indigenen Bevölkerung von Pocken, Masern, Grippe und dem Christentum dahingerafft worden waren. Igeln wir uns also weiter ein und malen wir düstere und schöne Bilder von dem, was die Evolution der Mikroorganismen möglicherweise für uns bereithält.

Note to self: Ein-aus-ein-aus-ein. Musik: Sunbather.