Brachiales aus Kleinasien

Computer selber bauen? Zahllose wunderschöne und potthässliche „Mods“ lassen sich im Internet finden. Der User Raptor28 bei Tonymacx86 hat eine radikale Lösung für sein Computerbedürfnis gefunden. Er schreibt: „I decided made a imac becausa imac very expensive in turkey“ (sic!) Cooler Bursche!

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Note to self: Jaja, das zweite Quartal. Jetzt wird es bunt. Musik: Kylesa, Ben Howard.

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Kathrin und Dzsenifer

In der 33. Spielminute wird der Ball von Anja Mittag steil Richtung Sechzehner der Schwedinnen gespielt. Dzsenifer Marozsán rennt wie von der Tarantel gestochen mit einer Abwehrspielerin auf gleicher Höhe dem Leder hinterher. Es sieht so aus als wäre der Ball ein bisschen zu schnell. Marozsán macht einen Riesenschritt und spitzelt ihn mit dem Außenrist des rechten Fußes an der Torfrau vorbei. Fast wie in Zeitlupe rollt der Ball Richtung Schwedentor und kullert schließlich neben dem rechten Pfosten über die Linie ins Gehäuse. In der übrigen Spielzeit verteidigen die Deutschen tapfer und zäh gegen hochüberlegene Trekronors. Die treffen zwar den Pfosten und Lotta Schelin schlenzt den Ball sehenswert ins lange Eck, aber sie hatte vorher Annike Krahn abgeräumt und die Schiedsrichterin hats gesehen. Mit ihrem bislang besten Spiel zieht die Auswahl des DFB ins Finale der Frauen EM ein und wirft den Topfavoriten und Gastgeber aus dem Turnier. Das ist die eine Seite der Medaille. Die andere Seite der Medaille ist, dass die Frauen Nationalmannschaft spielerisch und taktisch nicht mehr an vergangene Zeiten anknüpfen kann, als Grings, Prinz, Lingor und Garefrekes die Szene beherrschten.

In einem Kommentar in der Süddeutschen schreibt Kathrin Steinbichler heute, dass es dem Frauensport immer noch schwer gemacht würde, sowohl was die Medienpräsenz, als auch die Sponsorentöpfe anbelangt. In ihrem Artikel heißt es unter anderem: „Noch immer gilt es als weniger athletisch, langsamer und wenig ansehnlich, wenn Frauen Leistungssport treiben. Entsprechend weniger Platz erhalten die Wettkämpfe in der Berichterstattung.“ Liebe Frau Steinbichler, Frauenfußball ist ganz objektiv betrachtet weniger athletisch, langsamer und alleine schon dadurch weniger ansehnlich. Und wenn man in einem Spiel mal die technischen Unzulänglichkeiten, die haarsträubenden taktischen Fehler und die Fehlpässe aufsummiert, dann ist das Ergebnis erklecklich. Von daher ist es nicht verwunderlich, dass die Protagonisten anderer Sportarten sich darüber wundern, dass über Badminton, Eishockey oder Rugby sehr viel weniger im Fernsehen und im Internet berichtet wird als über die Randsportart Frauenfußball. Deutschland ist zum Beispiel amtierender Weltmeister im Faustball. Wann ist im Fernsehen je ein Faustballspiel übertragen worden? Und jetzt mal ehrlich, Frau Steinbichler: Im Wintersport, in der Leichtathletik, beim Schwimmen und bei vielen anderen Sportarten wird über die Bemühungen beider Geschlechter gleichberechtigt berichtet. Die Frauen sind längst im hochbezahlten Leistungssport angekommen, ihre Argumentation geht ins Leere.

Ich war bei dem Spiel heute Abend von der ersten bis zur letzten Minute mit ganzem Herzen dabei, so wie ich eben bei jedem Fußballspiel, bei dem meine Sympathien einseitig verteilt sind und mein Standpunkt nicht neutral ist, mit dem Herzen dabei bin. Da könnte auch Raspo Brand gegen Westwacht spielen, wäre ich Anhänger eines dieser Clubs, dann könnte mich das Spiel nicht kaltlassen. Deshalb verstehe ich auch die zynischen und überheblichen Kommentare nicht, die von Männern in zahlreichen Webforen geäußert werden. All diesen Männern wünsche ich, dass sie mal ein bisschen Abstand vom Hochglanzfußball a la Bundesliga gewinnen und sich klarmachen was eigentlich abgeht beim Fuppes. Und Kathrin Steinbichler wünsche ich, dass sie die Angelegenheit lockerer nimmt, vielleicht so wie Dzsenifer Marosán, die heute einfach in der entscheidenden Sekunde das Bein lang gemacht hat.

Note to self: Druck aus der Ferne, geht nicht umsonst. Musik: Coffins, Defeater, Niacin.

Puritaner

Jaja, ein paar Wochen vor der Bundestagswahl, wir alle im Fadenkreuz anglo-amerikanischer Geheimdienste und überdies bekommt irgend so eine Tussy in England auch noch ein Kind. Das alles treibt aber die deutsche Öffentlichkeit nicht um, jedenfalls wenn man die pro Zeiteinheit zum jeweiligen Thema verfassten Leserkommentare auf SPON und AN als Maßstab heranzieht. Nein, das wichtigste Thema im Bundesdeutschen Sommerloch Anno 2013 ist wer wo wie viel rauchen darf. Der Fall aller Fälle ist ein Rentner, der in seiner Mietwohnung in Düsseldorf seit 40 Jahren täglich 20 Zigaretten raucht und nun von seiner Vermieterin die Kündigung bekommen hat, weil die Geruchsbelästigung den übrigen Parteien (alles Freiberufler und Gewerbetreibende) nicht zuzumuten ist. Der Spiegel lies sofort das Volk befragen, ob das Rauchen in den eigenen vier Wänden auch künftig gestattet sein sollte und das mit Kalkül: Man kann sicher sein, dass der Artikel mit den Ergebnissen der Befragung vielzehntausendfach gelesen und mit großer Begeisterung kommentiert werden wird.

Wenn ich mich an dieser Stelle dazu äußere, dann tue ich das als Nichtraucher, der seit einigen Monaten seiner schweren Nikotinabhängigkeit endlich entkommen ist. Ich kenne beide Seiten der Medaille. Inzwischen empfinde ich den Aufenthalt in verqualmten Räumen auch als nervig und stelle gerne auch mal einen vollen Aschenbecher weg, weil der Geruch mich anwidert. Trotzdem, und das möchte ich am liebsten in 48pt schreiben: Die Diskussion ist scheinheilig, sie ist der Thematik nicht angemessen und sie ist inzwischen zu einer Hexenjagd einer kleinen Gruppe von Extremisten geworden, die eine andere Minderheit als Prügelknaben und Sündenböcke missbraucht. Ich will das ein bisschen genauer ausführen:

Ein ganz wesentlicher Gesichtspunkt des zivilisierten Zusammenlebens ist das Ertragen der Andersartigkeit des Mitmenschen. Wir brauchen gar nicht die mannigfaltigen Implikationen der von Sartre beschriebenen Höllenhaftigkeit des Anderen zu beschwören, sondern können diesen Problemkreis in simplen Alltagssituationen abfrühstücken. Jeder, der hin und wieder öffentliche Verkehrsmittel benutzt, kann eine Strophe dieses Liedes singen. Jeder, der in einem Mehrfamilienhaus wohnt und nicht in einem Bungalow im Speckgürtel oder JWD, könnte gar Schröckliches berichten. Wir bekommen eine Ahnung davon, dass der in Rede stehende Puritanismus eine soziale Komponente hat, dazu später mehr.

Niemand kann bestreiten, dass Rauchen sehr ungesund und Passivrauchen ebenfalls nachteilig ist. Für die vergiftende Wirkung der Inhaltsstoffe des Zigarettenrauchs gilt aber eben natürlich das, was der olle Paracelsus so treffend formuliert hat. Und alle, die sich mit ökotoxikologischen Zusammenhängen ein bisschen beschäftigt haben (und das habe ich, in aller Bescheidenheit, ziemlich intensiv und ausweislich meiner Diplomnote mit sehr gutem Erfolg getan) wissen, dass neben der Dosis auch die Expositionsdauer und das Alter des exponierten Organismus eine Rolle spielt. Wenn man all dies berücksichtigt, dann kommt man ziemlich schnell darauf, dass es sinnvoll ist das Rauchen am Arbeitsplatz und in geschlossenen Räumen öffentlicher Einrichtungen zu untersagen. Außerdem würde ich zum Beispiel das Rauchen in Autos und sogar Wohnungen verbieten, wenn sich Kinder darin befinden. Genauso leicht einzusehen ist, dass es völlig sinnlos ist das Rauchen auf der Straße, im Biergarten, auf dem eigenen Balkon, ja selbst auf Spielplätzen zu verbieten. Mag sich manch empfindlicher Zeitgenosse auch von Zigarettenrauch gestört fühlen, wenn der Nachbar am geöffneten Fenster pieft, eine gesundheitliche Beeinträchtigung kann man ausschließen.

Und da sind wir schon beim Kern der Angelegenheit: Inzwischen läuft die Diskussion so, dass militante Raucherhasser für sich selbst das Recht beanspruchen den Rauchern überall dort die Glimmstängelei zu untersagen, wo sie sich dadurch gestört fühlen könnten. Ich fühle mich zum Beispiel durch Autofahrer gestört. Habe ich ein Recht, ein entsprechendes Verbot zu fordern? Selbstverständlich nicht, ist doch ganz einfach. Ich nehme inzwischen auch wahr, dass der Mieter, der mit mir auf der gleichen Etage wohnt, Raucher ist. Ich würde mich aber nie zu der idiotischen Einlassung herablassen, meine Gesundheit sei durch den Geruch im Treppenhaus gefährdet. Nicht nur, weil ich an einer stark befahrenen Straße in einem städtischen Ballungsraum wohne und genau weiß, was da alles aus Auspuffrohren strömt und von Reifen und Bremsbelägen abgerieben wird, sondern weil ich das eingeatmete Volumen bei der Passage des Treppenabsatzes mit dem täglichen Luftvolumen ins Verhältnis setzen kann. Es geht den Puritanern nicht um die eigene Gefährdung, es geht um die Lust am Verbieten. Und diese Lust lässt sich umso leichter erreichen, je weniger man vom Verbot betroffen ist. Wer mich kennt, weiß, dass ich nichts esse, was aus dem Wasser kommt, einfach weil es mir nicht schmeckt. Wenn ich mich jetzt für ein – angesichts zurückgehender Bestände ohne Zweifel extrem sinnvolles – Verbot von Hochsee- und Küstenfischerei einsetzen würde, dann würde man mir zu recht entgegenhalten, dass ich ja gut Reden hätte.

Untersuchen wir kurz den sozialen Aspekt der Angelegenheit: In Diskussionen zum Rauchverbot wird man relativ schnell auf eine Gruppe von Befürwortern weitreichender Verbote stoßen, die Rauchen als Unterschichtenphänomen brandmarken und darauf hinweisen, dass die Menschen (Wirte, Stammgäste, Teilnehmer von Prorauch-Demos) auf den Bildern zu den jeweiligen Presseartikeln ja ganz deutlich als arme, vorschnell gealterte, am Rande der Gesellschaft befindliche Menschen zu erkennen sind. Das passt übrigens ganz ausgezeichnet zu dem chinesischen Sprichwort, das besagt, dass die Zigarette das Paradies des armen Mannes sei. Die Verachtung, die den Rauchern entgegenschlägt, ergibt sich also als Herabwürdigung all derer, die es möglicherweise ein bisschen schwerer mit dem Leben hatten, als die, denen die Sonne fortwährend aus dem Hintern schien. Die Hexenjagd auf die Raucher ist in Wahrheit der Rückzug in eine sozialpsychologische „Gated Community“.

Unsere Welt ist kompliziert. Wir möchten gerne das Richtige tun, aber wir wissen nicht, was das Richtige ist. Beim Rauchen ist das nicht so: Rauchen macht krank, Raucher sind dumm, belasten die Sozialversicherungskassen und haben immer die schlechteren Argumente. Die Raucher sind die Juden von morgen. Und die Verteufelung der Raucher ist eine pathologische Halluzination derer, die an das Heil glauben und heil werden wollen und sich, während sie unverschämt grinsen und ihre blendend weißen Zähne zeigen, ein „Alles wird gut“ zuraunen.

Note to self: Luzifers großer Auftritt. Musik: Joshua Radin, Chimaira, Milking The Goatmachine.

Webhosting-Zecken, widerliche

Heute fand ich eine E-Mail von meinem Webhoster in meinem Postfach. Normalerweise würde ich jetzt den Mantel der Verschwiegenheit über den gesamten Vorgang breiten, inzwischen sehe ich aber nicht mehr ein an dieser Stelle ein Blatt vor den Mund zu nehmen: Die Firma, bei der meine Webseiten, meine wichtigsten E-Mailadressen und auch dieser Blog gehostet werden, ist die Strato AG. Früher war ich mit dem Service und den Angeboten dieses Ladens durchaus zufrieden und habe sie auch einigen meiner Kunden empfohlen. In Zukunft werde ich das sicher nicht mehr tun. Für mich ist Strato inzwischen ein Paradebeispiel für die Verscheißerung der Bestandskunden. Ich kann jedem, der einen Webhoster sucht, nur dazu raten Strato zu meiden. Warum? Darum:

Im Mai des letzten Jahres habe ich schon einmal eine E-Mail von Strato erhalten. Darin teilte man mir mit, dass mein bisheriges kleines Hosting-Paket („Webvisitenkarte C“), das für meine Ansprüche völlig ausreichte, nicht mehr angeboten würde und deshalb ein Upgrade auf das neue Paket „BasicWeb L“ vorgenommen würde: 400 MB mehr Speicherplatz, den ich nicht brauche, 50 E-Mailadressen, die ich ebenfalls nicht brauche, dafür wurde meine monatliche Gebühr mal eben um satte 50% erhöht. Ich ärgerte mich, verpasste aber den Termin zur Kündigung und blieb fortan mit den „tollen Neuerungen“ des neuen Angebots gesegnet und zahlte eben 50% mehr.

Heute nun wurde mir angekündigt, dass Strato mich erneut zu gängeln beabsichtigt, man schreibt: „wir möchten Ihnen stets die aktuellsten Produkte zur Verfügung stellen und diese kontinuierlich weiterentwickeln. Daher werden die veralteten CGI-Minianwendungen am 15. August 2013 abgeschaltet.“ Zwei Dinge fallen mir auf: 1.) Welcher hirnverbrannte Marketing-Fuzzi ist der Ansicht, dass man das Wort „aktuell“ steigern kann? Das kann man nämlich nicht. Wenn etwas aktuell ist, kann etwas anderes nicht „aktueller“ sein. Mindfarting at its best. 2.) Wenn man das mir vertraglich zugesicherte Angebot, das unter anderem auch aus den CGI-Minianwendungen (z.B. dem Gästebuch auf meiner Homepage) besteht, nicht mehr bereitstellt, müsste mir ein Recht auf außerordentliche Kündigung zustehen, oder? Wenn ich bei einem Bäcker ein Brötchen-Abo abschließe, das die allmorgentliche Lieferung von 2 Brötchen und einem Sesambrötchen vorsieht, und mir der Bäcker irgendwann mitteilt, in Zukunft nur noch drei „Normale“ liefern zu wollen, weil er Sesambrötchen nicht mehr herstellt, dann habe ich das Recht den Vertrag zu kündigen, so ist das bei uns.

Genau diese Rechtsauffassung habe ich heute auch dem Strato-Telefonsupport mitgeteilt. Natürlich sieht Strato die Sache ganz anders. Die CGI-Anwendungen werden durch die neue Plattform „AppWizzard Plus“ (ja, allein die Bezeichnung hört sich nach einem weiteren Hirnschiss der Marketingabteilung an) ersetzt und diese Plattform ist kostenfrei. Hört sich erstmal gut an, der Teufel steckt jedoch im Detail: Jede „App“ der neuen Plattform braucht eine eigene Datenbank. Das störende daran ist nur, dass mein Hosting-Paket keine Datenbanken umfasst. Das Einzige, was bisher auf meinen Seiten nach Datenbank roch, ist die SQLite-Datenbank, in der die Inhalte dieses Blogs gespeichert sind. Strato bietet demzufolge mit den „PowerWeb-Paketen“ (Hirnschiss No. 3) nur noch Verträge an, die mindestens zwei Datenbanken enthalten.

Das kleinste dieser Pakete kostet genau so viel, wie ich bislang bezahle. Zwar würde man mir für die Einrichtung 8,60€ abknöpfen, aber gut, damit könnte ich noch leben. Der Strato-Mitarbeiter am anderen Ende der Leitung teilt mir aber klipp und klar mit, dass ein solches „Sidegrade“ (der kleine Bruder von Upgrade, Hirnschiss No.4) nicht vor Ablauf meiner Vertragslaufzeit möglich ist, selbstverständlich könnte ich jederzeit auf ein größeres Paket upgraden. Das nächst größere Paket kostet dann 4,99€ statt 2,99€. Das wäre nochmals eine Preissteigerung um 67% und gegenüber meinem ursprünglichen Paket eine Preissteigerung von 150% innerhalb von 15 Monaten. Mit anderen Worten: Ein Paket, das den mir bislang vertraglich zugesicherten Funktionsumfang garantiert, kann Strato mir zum jetzigen Zeitpunkt nicht anbieten, eine vorzeitige Kündigung wegen nicht erbrachter Leistungen ist ebenfalls nicht möglich. So, wie der Mitarbeiter mir das sagt, höre ich ganz deutlich, wie ein „Im Übrigen sitzt unsere Rechtsabteilung da unter Garantie am längeren Hebel“ in seinen Worten mitschwingt. Ich sage ihm wortwörtlich, dass ich die Firma Strato für eine Versammlung von Arschlöchern halte und lege auf. Die Kündigung zum nächstmöglichen Zeitpunkt geht morgen raus. Bei der Konkurrenz bekomme ich 5 de-Domains und beliebig viele Datenbanken ohne Einrichtungsgebühr für 2,95€ im Monat. Saftladen.

Note to self: Essen? Echt nicht! Musik: Five Finger Death Punch, Farsot, Kaiser Chiefs.

Yeah yeah yeah

STS
Artwork: Achim Schwan

Manchmal kommt alles zusammen, das Timing und das Setting und eine ganz bestimmte Geschmacksrichtung an positiver Wut. Dann gibt es diese Klick-Momente, in denen man -ähnlich wie bei einem Deja Vu- feststellt, dass die Seele gerade ein Foto gemacht hat, damit man sich später besser erinnern kann. Bei dem überhaupt erst zweiten Konzert von Satosa hatte ich eine ganze Reihe solcher Momente.

Das erste Konzert des Aachener Trios vor ein paar Jahren war eigentlich keins: Man spielte ein paar Stücke im Wild Rover als Support, alles war noch ziemlich roh und holperig. Und als stiller Begleiter und Beobachter des Projekts fragte man sich in dieser frühen Phase der Bandgeschichte des öfteren, ob die Satosas jemals die Kurve kriegen würden. Die ersten Kompositionen waren keine, vielmehr wurde um den minimalen Konsens herumimprovisiert. Die Stücke waren länglich, verspielt, nicht uninteressant aber ohne richtigen „Zug zum Tor“. Ansonsten zeichnete sich die Kapelle vor allem dadurch aus, dass es zu jeder Aufnahme von jedem Stück ein liebevoll gestaltetes „Cover“ gab. Schade, dass es noch keine Webseite von Satosa gibt, denn die skurrilen Grafiken alleine hätten es verdient der Welt präsentiert zu werden. Mit der Zeit bildete sich dann doch ein Repertoire heraus. Die neueren Kompositionen waren erdiger, heftiger, von Stoner mehr in Richtung Sludge könnte man vielleicht stark verkürzt sagen und die Musiker verbesserten sich ganz enorm im Zusammenspiel.

Das, was Sascha, Torsten und Savas am Samstag Abend präsentierten ist gar nicht so leicht in die musikalische Schubladenlandschaft einzuordnen. Einerseits ist es erdiger härterer Garagenrock, der gerade und einfach gestrickt daher kommt. Andererseits gibt immer wieder rhythmische Wendungen, schräge Breaks und Intermezzi, die Sahnehäubchen und Erker bilden. Man merkt, dass die drei früher viel Kyuss und in der letzten Zeit eher Kvelertak und Baroness gehört haben. Und da man als Trio unterwegs ist, kommt man gar nicht in die Versuchung zu dick aufzutragen. Die Präsentation auf der Bühne ist angenehm zurückgenommen, auch wenn das Publikum bereits im Stadium der Raserei angekommen ist.

Und was wünscht sich die Anhängerschaft von Satosa? Ich wünsche mir bald mal ein paar offizielle Veröffentlichungen, sei es als CD oder MP3 per Webseite oder USB-Stick. Und wenn dann der Siro von Nota Falsa als Aufnahmeleiter gewonnen werden könnte, könnte dabei ein epochales Elaborat herauskommen. Das wiederum könnte der Öcher Szene ein paar Jahre nach dem Ende von Parajubu extrem gut tun.

Note to self: Wie war der Plan? Musik: Chimaira, Milking The Goat Machine.

Orientalische Schizomyceten

Und wieder hat es heute nacht in Kairo mehrere Dutzend erwischt. Der Spaltpilz steckt tief in der Ägyptischen Gesellschaft und der Militärputsch hat im Grunde nichts besser gemacht, nicht mal für wenige Tage den Druck vom Kessel genommen. Machen wir uns nichts vor: Mursi war der gewählte Präsident der Ägypter. Ein gefährlicher, unfähiger, überforderter Präsident, aber ein durch die Mehrheit des Volkes legitimierter Präsident. Der Kardinalfehler in der Demokratisierung der größten Arabischen Nation war ein Verfahrensfehler: Es hätte eine durch Volksabstimmung abgesicherte Verfassung geben müssen, in der auch die Stellung der Verfassungsgerichtsbarkeit festgeschrieben wäre, bevor ein religiöser Fanatiker die Gelegenheit erhält am noch schlupffeuchten Staatsgebilde herumzuschrauben. Denn natürlich ist es kreuzgefährlich, wenn ein Regierungschef zwar demokratisch ins Amt kommt, aber dann die Macht des Souveräns aushebelt. Wir Deutschen wissen, wozu so etwas führen kann.

Klar ist aber auch, warum das Militär vor Jahresfrist einer Präsidentenwahl zugestimmt hat, wohlwissend welches Ergebnis dabei herauskommen würde. Jeder, der die Macht in Ägypten hat, ist zurzeit mächtig gekniffen. Die Probleme des Landes sind vor allem wirtschaftlicher Natur. Und sie sind so tief mit der arabischen Mentalität, die aus familiärer Abhängigkeit, ständig verletzter Eitelkeit und großem Talent zum Selbstmitleid besteht, verknüpft, dass man sich nur die Finger daran verbrennen kann. Vor diesem Hintergrund hätte ich mir gewünscht, dass Mursi 4 Jahre Zeit bekommen hätte, den Karren vor die Wand zu fahren. Dann hätte vielleicht auch der letzte verstanden, dass nicht der Koran, sondern eine maßvolle Zahl an eigenen Kindern Garantie für ein auskömmliches Dasein ist, dass wohlhabende Touristen nicht gerne in ein Land fahren, in dem die Scharia gilt, dass der Schutz von religiösen und ethnischen Minderheiten im ureigensten Interesse der Mehrheit liegt.

So wie es jetzt steht, droht dem Land ein Bürgerkrieg, in dem die Armee vor allem ihre eigenen Interessen vertritt. Sie hat am meisten zu verlieren und sie fährt jetzt mit dem fort, was sie vor Mursis Amtsantritt begonnen hat: Inhaftieren, verschwinden lassen, kaltstellen. So lange die US-Amerikanische Militärhilfe weiter fließt, wird sich daran nichts ändern. Und die Milliardenzahlungen werden weiter gehen, das ist mal sicher. Wenn Amerika eins nicht brauchen kann, dann ist es ein Ägyptischer Amoklauf in unmittelbarer Nachbarschaft zu Israel.

Schlagen wir mal die Brücke vom Nil zum Bosporus: Die Ägyptische Armee hat mit Sicherheit genau beobachtet, was derzeit in der Türkei passiert: Nach einer langen Phase mit bestimmendem Einfluss der Militärs sind diese von Erdogan und der AKP Stück für Stück zurückgedrängt worden. Das hat einerseits höhere Chargen hinter Gitter gebracht, die Blut an den Händen hatten. Aber gleichzeitig wurde religiösen Vorstellungen der Boden geebnet und die einzige islamische Demokratie ist dabei die Überzeugungen ihres Staatsgründers zu verraten und zugunsten der konfrontativen muslimischen Identität aufzugeben, die zurzeit so unglaublich en vogue ist. Genau wie in Ägypten stehen die säkularen Kräfte in der Gesellschaft und das Militär in der Türkei auf der gleichen Seite. Nur, und da schließt sich der Kreis, gehen diesen Kräften angesichts der wirtschaftlichen Entwicklung in der Türkei allmählich die besseren Argumente aus. Wie war das noch mit dem Fressen und der Moral?

Note to self: Kartenhaus und Kartentrauma? Musik: Altar Of Plagues, Deafheaven, Niacin.

Dunkelbunt

Man muss schon merkwürdig drauf sein, wenn man an einem sonnigen Sonntagmorgen im Juli beim zweiten Kaffee beginnt, einen Artikel über modernen Black Metal zu schreiben. Ich weiß, dass dieses Thema bei „Just Skidding“ vergleichsweise oft vorkommt und muss deshalb annehmen, dass mein diesbezüglicher missionarischer Eifer inzwischen pathologisch geworden ist. Der Anlass für diesen Artikel sind ein paar neue Platten, auf die ich ein paar Abschnitte später noch zu sprechen kommen werde. Vorab ein bisschen was Grundsätzliches, denn ohne kommt Black Metal nicht aus, es handelt sich eben um radikale Musik. Also: In der Vergangenheit hatten die Anhänger der schwarzmetallischen Subkultur vor allem ein Problem:

BM1Foto: Peter Beste

Genau: Man wollte im Bus nicht unbedingt neben ihnen sitzen. Auch die typischen Freizeitbeschäftigungen des harten BM-Kerns, nämlich Kirchenbrandstiftungen, Abmurksen von Bandmitgliedern, Missbrauch von Schlachtabfällen passten so gar nicht zum minimalen Konsens, den sich das christliche Abendland zwecks Gedeihlichkeit des Zusammenlebens verordnet hatte. Aber wie das eben bei allen radikalen Lebensentwürfen ist: Der Kommerz macht sich über sie her, höhlt sie aus und lässt nur eine Karikatur der ursprünglichen Idee zurück. So ging es den Punks, den Blumenkindern, selbst den Dandys. Die obige Fotografie wurde 2008 veröffentlicht, da waren aus den harten, misanthropischen Individualisten schon traurige Freaks geworden. Und es kam noch schlimmer:

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Foto: Antonella Arismendi

Corpsepaint wurde zum nekrophilen Chic, zwar nicht für das samstagabendliche Schwofen in der Dorfdisko, aber zumindest war aus der schmuddeligen Aggression der skandinavischen Anfangsjahre etwas in den Metropolen Vorzeigbares geworden. Gleichzeitig kam der Black Metal auch ideologisch auf den Hund. Man darf nicht vergessen, dass BM, genau wie Bob Dylan, Joan Baez und BAP, Musik mit einer Message ist. Nur lautet diese Message eben nicht „Wir haben uns jetzt mal alle tierisch lieb“, sondern „a) Wir hassen alles, auch uns selbst. b) Wir werden alle sterben. c) Wir sind von Grund auf böse.“ Aus a-c folgte dann: „d) Es gibt keinen Grund, sich nicht wie der größte, asozialste Menschenfeind zu benehmen.“ Irgendwie klar, dass die Message bei der breiten Masse nicht so gut ankam, dafür aber umso besser bei einer kleinen Splittergruppe. Die reine Lehre (Individualismus, Sozialdarwinismus, Misanthropie, Atheismus) wurde schon relativ früh mit anderen Inhalten vermengt: Erst kam der Satanismus, dann der Nationalsozialismus, schließlich das Neuheidentum. War die Message des Black Metal in den Anfängen einfach nur wenig lebensbejahend, entwickelten sich nun Splittergruppen in der Splittergruppe, deren ideologischer Unterbau ganz deutlich Richtung ausgewachsener Hirnschiss ging. Dem aufgeklärten Musikbegeisterten blieb folglich nur ein Standpunkt: „Ich versteh ja eh nicht, was sie Grunzen, bangen wir lieber und schweigen wir.“

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„Deathspell Omega“ sind ein gutes Beispiel für fortgeschrittene Verstandesfäule im Blackmetal, es gibt aber einen ganzen Haufen ähnlich bedauernswerter Kapellen. Während sich die Message veränderte, blieb die Musik über die Jahre erstaunlich gleich: Primitiv, gerade, schnell, unsauber, miserabel aufgenommen. Was dem Liedermacher seine Schrammelgitarre, war dem Schwarzmetaller sein Blastbeatgewitter mit Simpelriff, Bummerbass und hysterischem Krächzen. Wer daran rüttelte galt als Nestbeschmutzer, als „untrue“. Zum Glück entschlossen sich aber dann doch ein paar Menschen, die den Black Metal einfach zu sehr liebten, um ihn unmusikalischen Satanisten und Nazis überlassen zu wollen, dazu neue Wege zu gehen.

Inzwischen staunt die Welt über die atmosphärische Dichte der Platten von „Wolves In The Throne Room“, die eine Kommune auf dem flachen Land irgendwo in den USA gegründet haben. Ihre Textaussagen lassen sich folgendermaßen subsumieren: „Die Erde ist ein düsterer Ort Reisender. Hier, nimm ein makrobiotisches Möhrchen!“. Dazu erklingen Geräusche aus der elektronischen Abteilung, Glöckchen und Rasseln sind zu hören, bevor die Gitarren wieder das Kommando übernehmen. Man kann aber auch mit minimalem ideologischen Ballast und mit studentischer Unbekümmertheit an das Thema Black Metal herangehen, das beweisen „Liturgy“, natürlich aus Brooklyn, und zwar mit Köpfchen und Zöpfchen. Ein ganz sicheres Zeichen dafür, dass es sich hierbei um eine große Kapelle handelt, ist die Tatsache, dass Jan Wigger sie nicht mag. Bleiben wir in New York: Selbst wenn man sich für lange Haare und Headbanging entscheidet und die musikalische Essenz des schwarzen Metalls traditioneller interpretiert und beibehält, kann das Ergebnis spektakulär sein, wie „Krallice“ beweisen.

„Sunbather“ heißt das neue Album von „Deafheaven“, das von Jan Wigger allerdings heftig gefeiert wurde. Übrigens: Im Grunde ist mir Herr Wigger Piepe. Ich finde nur, dass er die bescheuertsten Plattenkritiken schreibt, die ich je gelesen habe. Aber zurück zu Deafheaven: Mal abgesehen davon, dass sie auf Deafsparrow schon 6 Wochen vor der Kolummne auf SPON als eine der besten Veröffentlichungen des Jahres bezeichnet wurde, ist die merkwürdige Mischung von Shoegazing und Black Metal sicher ein Ding, das sehr viele Kapellen beeinflussen wird, dabei liegt die Idee eigentlich relativ nahe. Für mich ist das unfassbar Geniale an der Platte allerdings das Schlagzeug, weil die Gratwanderung zwischen Bonham, Mason und Mounier einfach atemberaubend ist. Wir wundern uns auch nicht darüber, dass es auf der Scheibe sanftere und schrammelige Passagen gibt, denn „Deafheaven“ kommen eben nicht aus New York, sondern aus Frisco.

AOP

Die mittlerweile dritte Platte von „Altar Of Plagues“ aus Cork, Irland nennt sich „Teethed Glory & Injury“. Man vergleiche das Cover mal mit dem von Deathspell Omega, da tun sich Welten auf. Und um auch mal einen Kritiker zu loben: Ich finde, dass die Besprechung dieser Platte von Thorsten Dörting durchaus gelungen ist. Deshalb will ich auch gar nicht mehr so viel dazu schreiben, der Artikel ist eh schon viel zu lang. Mein Fazit. Zum Glück tut sich einiges im Bereich Black Metal, für mich ist es das zurzeit das Metal-Subgenre, das am stärksten in Bewegung ist. Gut so!

Note to self: Hurtig, hurtig. Musik: All Of the Above.