Haste mal ne Macke?

DEP

Im Frühjahr 1924 wurden in Mooresville, Indiana 41 Hühner gestohlen. Ein wenig spektakuläres Verbrechen, das in der eher ländlichen Gemeinde trotzdem für Aufsehen sorgte. Durch Intervention des Vaters des Täters kam es nicht zum Prozess. Hätte ihn damals die volle Härte des Gesetzes getroffen, würden wir heute vielleicht die musikalischen Großtaten der Formation „Murphy`s Finest“ oder so bewundern. Hätte Anna Sage am 21. Juli 1934 ein -sagen wir- taubenblaues Kleid getragen, würde die Chaoscore-Kapelle aus New Jersey vielleicht „Hackysack Hedgehogs“ heißen, oder „Hammered by Haystacks“, oder wie auch immer. Aber Anna trug verabredungsgemäß ein oranges Kleid und John Dillinger wurde von drei Kugeln niedergestreckt. Zwischen den gestohlenen Hühnern und den Schüssen vor einem Kino in Chicago lagen unzählige Bank- und Raubüberfälle, spektakuläre Gefängnisausbrüche und eine vom FBI ausgelobte Belohnung von 15.000 US$.

Fünf Alben haben „The Dillinger Escape Plan“ inzwischen veröffentlicht. Die Nummer Fünf ist taufrisch und nennt sich „One of us is the killer“. Regelmäßige Leser dieses Blogs wissen, dass ich DEP in bedingungsloser Hingabe zugetan bin. Trotzdem wird diese Besprechung des neuen Werks keine Lobhudelei werden. Schon Tage bevor das Album rauskam habe ich in fiebriger Erwartung so ungefähr jede Rezension der Platte gelesen, die im Internet verfügbar war. Von mittelmäßigen Verrissen bis zu himmelhohem Jauchzen war alles dabei. Außerdem merkte man einigen Kritikern an, dass sie von dem in Rede stehenden Silberling schlicht überfordert waren. Keine Häme, diese Scheibe kann niemandem „wie eine Sahnetorte runtergehen“.

„One of us is the killer“ ist, genau wie die letzten beiden Alben, nicht mehr mit den ultrabrutalen Frühwerken „Calculating Infinity“ und „Miss Machine“ vergleichbar. Inzwischen versteht sich das Quartett von der Ostküste auf die dosierte Vermöbelung der Hörerschaft und flicht schon mal gerne radiotaugliche Kehrverse und liebreizende Intros in ihre Kompositionen ein. Greg Puciato muss nicht mehr die ganze Zeit rumbrüllen, sondern darf ab und zu auch mal mit Kopfstimme oder seiner charakteristischen Mike-Patton-Kopie glänzen.

Für mich war vor dem ersten Durchhören die Frage, ob es gegenüber den letzten beiden Alben „Ire Works“ und „Option Paralysis“ eine grundsätzliche stilistische Kehrtwende gegeben hat. Das ist nicht der Fall. Bastelriffs, kleine elektronische Effekte, Krupphusten-Schlagzeug, abstruse Breaks: Das alles finden wir wieder und nehmen zur Kenntnis, dass die Experimentalmusiker von DEP inzwischen systematische angewandte Untersuchungen betreiben und das Gebiet der Zufalls-Grundlagenforschung verlassen haben. Das ist für mich ein ganz wesentlicher Kritikpunkt. Man kann zwar nicht ständig das Mathcore-Rad neu erfinden, aber ich hätte den Dillingers einfach mehr Mut zugetraut. Klar, Stücke wie „Prancer“ oder „Magic That I Held You Prisoner“ sind absolute Oberklasse, aber es fehlt auf dem Album eine Komposition, die einem wirklich die Ohren aufreißt. Alles wirkt ein bisschen schlichter und braver. In einem Interview hat Ben Weinman angegeben, dass die Band zum Zeitpunkt der Entstehung der Stücke sehr viel klassischen Hardcore gehört hat. Ich finde das merkt man. Eine andere Sache, die mir das neue Album ein bisschen verleidet, ist der extrem höhenlastige, hohle Sound. Hört man OOUITK und direkt danach OP oder IW, dann fällt auf, wie cremig und rund die Abmischung der älteren Alben ist. Vieles auf der neuen Scheibe wirkt auch deshalb zu sehr auf die Spitze getrieben.

Abschließend: Ein Album von DEP kann keine Enttäuschung sein, aber das Neue ist auch nicht die Überplatte, auf die ich gehofft hatte. Natürlich kann man die stilistische Rückbesinnung auf den eigenen Ursprung auch extrem positiv bewerten und natürlich ist „One of us is the killer“ eine der bisher besten Veröffentlichungen des Jahres.

Note to self: Säckchen für Säckchen für Säckchen. Musik: The Dillinger Escape Plan.

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Zum Siegen verdammt

ROS

Eigentlich war alles wie immer in den letzten 17 Tagen in einer mittelgroßen Stadt in South Yorkshire. Ronnie O`Sullivan enterte das Crucible Theater in Sheffield, spielte seine Kontrahenten an die Wand und errang den 5. WM-Titel im Snooker trotz einer fast einjährigen Turnierpause. Dazu brauchte er nicht einmal besonders gut zu spielen. Die gefährlichsten Gegner hatten sich nach einer anstrengenden Saison bereits früh verabschiedet. Der Finalgegner Barry Hawkins konnte sich zwar gegenüber seiner miserablen Performance im Halbfinale im Endspiel deutlich steigern, war letztlich aber chancenlos.

Auch sonst zeigte O`Sullivan all das, wofür er berühmt, aber auch berüchtigt ist: Er musste wieder mal von der Schiedsrichterin wegen einer obszönen Geste verwarnt werden. Er zeigte sein typisches Minenspiel, wenn er mit dem Geschehen am Tisch nicht einverstanden war, mäkelte an der Bespannung des Tisches mit dem berühmten Wolltuch herum, bearbeitete seine Pomeranze mit einer riesigen groben Feile. Aber natürlich bot er ab und zu auch das, wofür er auf der ganzen Welt geliebt wird: Snooker in Perfektion, unglaubliche Spielball-Kontrolle, eine kreative Stoßauswahl, eine beängstigende Präzision. Allein im Finale erreichte er 7 Century Breaks.

In diesen Phasen hält man den Atem an und begreift, dass „the most gifted player ever “ wirklich ein absolutes Unikat ist. Vielleicht wird es nach Ronnie nie wieder einen Menschen geben, der so Snooker spielen kann. Aber man konnte auch sehen, dass O`Sullivan nicht mehr das liebt, was er besser kann als alle anderen. Er spielt Snooker, weil er muss, weil er einen Vertrag mit einem Sponsor abgeschlossen hat, der ihn dazu zwingt nach dieser WM noch 9 weitere Turniere zu spielen. Das Spiel mit den rotbunten Bällen ist inzwischen keine Leidenschaft mehr, sondern ungeliebter Broterwerb. Vielleicht weil klar geworden ist, dass kein anderer Spieler ihm das Wasser reichen kann. Vielleicht aber auch weil er nicht ertragen kann, dass er selbst den idealen Snooker ohne Fehler nicht spielen kann.

Der seit seiner Jugend depressive O`Sullivan, der sich bereits wegen Alkohol- und Cannabis-Mißbrauchs behandeln lassen musste, der innerhalb eines Jahres 25 Kilo zunahm und wieder abtrainierte, ist mehr oder weniger pleite. Das Schulgeld für seine Kinder ist seit 2,3 Semestern fällig, dazu kommen nicht beglichene Anwaltskosten in sechsstelliger Höhe. Seit er Berufsspieler ist hat er allein 7 Millionen Pfund an Preisgeldern erspielt. Dazu dürfte noch einmal mindestens die gleiche Summe aus Werbeverträgen kommen. Das Geld ist weg und er hat keine Ahnung, wo es hingegangen ist. Jedenfalls hat er im vergangen Jahr, in dem er seine Auszeit vom Snooker nahm, auf einer Farm gearbeitet, hat Rinder gefüttert, Zäune repariert und ist Traktor gefahren.

In den Interviews nach dem Sieg hat O`Sullivan wieder einmal mit seinem Ausstieg aus dem Snooker-Geschäft kokettiert. Wahrscheinlich würde er wirklich am liebsten seine Ruhe haben, aber spätestens nach ein, zwei Jahren wäre er wieder da. Er ist eben auch eine Diva, die ihre Fans zur Raserei bringt, die geliebt und gehasst werden will.

Note to self: Brüchige stinkende Säcke-Teil 1. Musik: Soundgarden, Neurosis, Naked City.