Heimstärke, janz weit drusse

Aha, aha: Kaum hat die schwarzgelbe Chaostruppe mal die Keule ausgepackt und den Fußballgiganten Stuttgarter Kickers mit 3:0 besiegt, da werden auch die Herren von der Abteilung für finanzielle Abgründe wieder mutiger: Rolf Dieter Mönnig zeigt, dass er mit allen Wassern gewaschen ist und droht mit dem Umzug der Alemannia ins Karl-Knipprath-Stadion in Jülich (nein, heute ist nicht der erste April), da man nicht in der Lage sei, die von den Gläubigern geforderte Jahresmiete für den neuen Tivoli aufzubringen. Übrigens, das Karl-Knipprath-Stadion, das sieht so aus:

j1Foto: groundhopping.de

Hm. Muckelig. Die Top-Spielstätte hat nur einen Schönheitsfehler: Drittligaspiele darf man dort nicht austragen, ist der DFL zu popelig und zu unsicher. Außerdem ist die „Arena“ stark renovierungbedürftig und es passen nur 5500 Leute rein, Alemannia hat aber zurzeit etwa 6000 Dauerkarteninhaber. Oha. Wir dürfen folglich annehmen, dass Mönning ein ganz gerissener Rosstäuscher ist. Seine Rechnung geht so: Wir tun mal so, als könne die Alemannia einfach aus dem Tivoli ausziehen. Da Fußballstadien nicht so einfach neu zu vermieten sind wie Zweiraumwohnungen, werden sich die neuen Inhaber, die das Stadion jetzt am Bein haben, weil die Stadion-GmbH Pleite ist, zweimal überlegen, ob sie das reduzierte Mietangebot von Mönning annehmen, oder den Postkasten leer stehen lassen. Dieses reduzierte Angebot deckt übrigens nicht mal die laufenden Kosten für den Erhalt der Spielstätte.

j2Foto: groundhopping.de

Nicht nur, dass Mönning ganz unverschämt blufft, er treibt die Angelegenheit auf die Spitze nach dem Motto: Ist der Ruf erst ruiniert…, denn die Verantwortlichen bei Stadt, Land und AM sind ohnehin gerade so dermaßen angepisst vom Verhalten des Kartoffelkäferclubs, da macht der neue Vorstoß den Kohl auch nicht mehr fett. „Ja, wir haben eure Gutgläubigkeit ausgenutzt, euch nach Strich und Faden belogen, können unsere Schulden bei euch wahrscheinlich nie zurückzahlen, also zahlt uns jetzt bitte einen Teil der Unterhaltskosten für euer schönes Stadion.“ Großer Sport!

j3Foto: groundhopping.de

Das Gemeine ist nur: Mönning kann nicht anders, die Alemannia kann nicht anders (jedenfalls wenn der Klassenerhalt geschafft wird), die Stadt kann nicht anders, das Land kann nicht anders, die AM wird sich schon fügen. Inzwischen mehren sich die hämischen Stimmen, die das Totenglöcklein für den TSV läuten hören. Eine Umbenennung in Alemannia Grenzland, oder Karolinga Aachen. Ein Neuanfang in der Kreisliga, baldige Fusion mit einem Landeslisten, Aufstieg in die Regionalliga innerhalb von 3 Jahren, danach hilft der liebe Gott. Das Ende der Alemannia, gegründet vor 113 Jahren, das tut weh.

Note to self: Ja, allmählich röhrt sichs besser. Schön. Musik: Dream Theater, Dr. Seuss Is Dead, Down.

Mi dispiace

Die armen Italiener! Jetzt mal ehrlich: Nicht nur, dass sie gemessen an ihrer Wirtschaftsleistung die höchsten „Mitgliedsbeiträge“ an die Europäische Union zahlen (und eben nicht Deutschland!). Nicht nur, dass ihr Land vom organisierten Verbrechen kontrolliert und ausgepresst wird. Nicht nur, dass sie mit dem Besitz der Insel Lampedusa geschlagen sind, die sie inzwischen sicher gerne an Marokko oder Tunesien verschenken würden. Nein, die bedauernswerten Italiener haben auch noch den Silvio-Komplex auszuhalten, der aus zwei Komponenten besteht: Komponente 1 ist ein inzwischen 20mal gelifteter Milliardär und Medienmogul mit einer Vorliebe für minderjährige Gespielinnen und einer ganz merkwürdigen Vorstellung von Recht und Moral. Komponente 2 ist ein offenbar völlig unterbelichteter Teil des Italienischen Volks selbst, der diesen Vollpfosten auch noch regelmäßig wählt. Porca miseria!

Das politische Patt wird für ein erneutes Aufflammen der Eurokrise sorgen, sagen die Beobachter. Neuwahlen fordern die Analysten und sehen ansonsten das gesamte Europäische Haus gefährdet. Sollte die abendländische Kultur wirklich an einem selbsternannten „Cavaliere“ zerbrechen? Andererseits: Waren die Menschen, die Europa das letzte Mal an den Rand des Abgrunds brachten, nicht auch Witzfiguren wie Berlusconi? Besaßen Hitler und Mussolini nicht die gleiche ungesunde Mischung von Hybris, blinder Aggression, grenzenloser Eitelkeit und Dunning-Kruger-Effekt. Wurden alle drei nicht als vermeintliche Strohmänner auf den Schild gehoben? Mussolini von Marinetti und dem MI5, Hitler von Bechstein, Tyssen und Flick und Berlusconi von der P2 und der Mafia?

Nicht wenige behaupten ja, dass Berlusconi sich nur deswegen mit Verve in den Wahlkampf gestürzt hätte, um erneut ein Abgeordneten-Mandat zu erringen, das ihm für weitere Jahre Immunität verschaffen würde. Immerhin steht der Mann seit Jahren mit einem Bein im Knast. Vielleicht erleben wir ja doch noch ein Wunder: Silvio fährt ein, die Neuwahlen erbringen eine stabile, pragmatische Regierung und bei der kommenden Weltmeisterschaft schlägt Deutschland endlich mal die Squadra Azzurra.

Note to self: Dann bin ich gespannt, was da auf den Schreibtischen landet. Musik: Deftones, The Dillinger Escape Plan, Dimmu Borgir, Disciple, Disma, Dismember.

Dieses weiße Zeug…

…rieselt seit Samstag mehr oder weniger fortwährend auf die Stadt hernieder. Mal fein und verwirbelt, mal dick, nass und schwer. Inzwischen hat sich auf meinem Balkon ein gut 25cm dickes Polster gebildet. Dabei ist mir eigentlich eher nach frühlingshaftem Aufbruch zumute. Na gut: Draußen ist ja nicht nur Schneechaos, sondern auch Grippewelle, also, was solls, dann mummle ich mich lieber ein, baue am sauschnellen Kundenrechner herum (Neid!), erwäge eine neue Grafikkarte für Judas, um sie dann doch wieder zu verwerfen, installiere einem ahnungslosen Menschen in Sankt Augustin schnell den neuen Flashplayer und beseitige halbwegs das Chaos auf seinem iMac (weil ich einfach ein netter Mensch bin, gell Michael) und lese alle Forumsbeiträge zu den Themen Campusbahn und Pumpspeicherwerk in der Lokalpresse (wobei mir hin und wieder fast der Kragen platzt).

Die „Aachener Nachrichten“ bringen natürlich auch Geschreibsel zur Witterung. Unter anderem heißt es da: „Im Großen und Ganzen haben sich die Autofahrer mit dem – was man Winter nennt – gut arrangiert. Einen außergewöhnlichen witterungsbedingten Einsatz hatte die Stolberger Polizei. In Donnerberg gab´s Streit ums Schneeräumen.“ Tja, gedankenlose Gedankenstriche und ein schönes Deppen-Apostroph. Das, was man Winter nennt, schlägt manchem Redakteur oder dem Praktikanten vom Dienst halt doch gehörig aufs Hirn.

Ein paar hausmännische Pflichten stehen noch an: Wäsche, Geschirr, Staubsaugen. Dazu höre ich ganz systematisch Metal. Heute die Buchstaben C und D und nur die unbekannteren Bands. Dann stelle ich doch irgendwann leider fest, dass ich heute noch mal raus muss, wenn ich nicht schon wieder irgendwas Improvisiertes aus der Pfanne, sondern etwas Leckeres, Vitaminhaltiges, Asiatisches zum Abendessen haben will. An einer kleinen Expedition zum Supermarkt komme ich nicht vorbei. Also Ausrüstung auf Vollständigkeit überprüfen: Eispickel? Check! Taschenzelt? Check! Signalpistole? Check! Auf gehts!

FS1

FS2

Note to self: Gelöbnis: 3x die Woche, mindestens 2,5 Stunden. Musik: Crystalic, Damage Plan, Darkest Hour, Darkside of Innocence, Death Angel, Decapitated, Decrepit Birth.

Bahn frei?

SB

Hurra, wir werden gefragt. Vor ein paar Tagen flatterte mir ein A4-Kuvert ins Haus. Darin die Abstimmungsunterlagen und eine Informationsbroschüre zur geplanten Stadtbahn in Westzipfel-Town. Die so genannte Campusbahn dürfte momentan mit Abstand das lokalpolitische Thema sein, das die Bürger am meisten bewegt. Juut, will ich die Stadtbahn?

Nach Lektüre der Stellungnahmen der Ratsfraktionen und Bürger-Initiativen und Durchsicht der Informationen im Netz bin ich extrem unentschieden. Schauen wir uns mal die Aussagen der unterschiedlichen Gruppen an:

Die Verwaltung ist für die Bahn, verwendet eine extrem geringe Textgröße, lässt deswegen ein Drittel der zugestandenen A4-Seite frei, bringt Einzelheiten zur Förderung und verweist auf die Zusammenarbeit mit den KVB und auf ein Gutachten der IHK. Autsch. Eigentor.

Die BI Campusbahn = Größenwahn grüßt mich als „sehr geehrten Bürger“, schreibt „Sie“ groß, aber „ihnen“ klein und verwendet ein ganz merkwürdiges Layout mit putzigen Aufzählungszeichen. Die Gegenargumente sind zahlreich, aber nicht sauber von einander zu unterscheiden (zB. Stau, Bau, Einzelhandel). Tenor: Zu teuer.

Die CDU kommt ohne Anrede direkt zur Sache und stellt ihrer Argumentation voraus, dass jeder, der sich ausreichend informiert, nur für die Bahn sein kann. Das klassische „Ich bin doch nicht blöd“-Argument. Kurzer Absatz zur Finanzierung („Dat klappt schon!“) dann: Innovation, Technologie, Hochschulen, Wirtschaftsstandort. Kurze Absätze und Hauptsatz, Hauptsatz, Hauptsatz. Die Seite schön voll, routinierter Hinweis auf die eigene Webseite, hat ein PR-Profi gemacht.

Die SPD verwendet einen riesigen Zeichensatz, grüßt mich in Fettdruck als „lieben Bürger“ (wenn ihr wüsstet…). Dann folgen komplizierte Satzkonstruktionen, Fettdruck im Blocksatz und zweifelhafte Interpunktionen. Argumente pro Bahn: Abkehr von Individualverkehr, erneuerbare Energien, Barrierefreiheit, Schienenproduktionsstandort. Wichtigster und längster Absatz: Die SPD war schon 1999 für die Straßenbahn. Gut, dass wir das jetzt wissen. Zum Schluss Hinweis auf die eigene Stadtbahn-Webseite (das Wort „Campusbahn“ wird auffällig vermieden), da man den komplexen Sachverhalt nicht auf einer A4-Seite beleuchten könne (wundert mich kein bisschen).

Die Grünen legen einen sauber strukturierten Text mit eigenen Unterkapiteln vor und nennen mich einen „lieben Aachener“: Von mir aus. Argumentation: Verändertes Mobilitätsverhalten (Joh! Echt?), weg vom Öl (und weg von den Gewinnen für die Ölmultis, boah), dann zum Schluss 5 Zeilen zur Finanzierung (Dat klappt schon, hat die CDU gesagt). Keine Webseite, aber Telefonnummer für Rückfragen (da muss ein armes, einsames Mitglied vor dem Apparat sitzen).

Die Linke legt einen zweispaltigen Text in riesigen Lettern mit Serifen und Kapitälchen vor, grüßt mich aber überhaupt nicht. Die Gestaltung der Seite wirkt so sozialistisch wie eine Einladung zur Bonzenfeier auf Büttenpapier mit Fliederduft. Argumentation: Bezahlbarer, attraktiver ÖPNV für Arbeitslose, Arme, SchülerInnen und Studierende, Selbstbelobigung wegen Sozialticket, immerhin ein Hinweis darauf, dass die Mehrzahl öffentlicher Projekte im Kostenrahmen bleibt. Zur Finanzierung ansonsten: Joh, teuer, aber sollten wir uns leisten (Mach dir ein paar schöne Stunden, fahr Stadtbahn!). Auch hier stringente Vermeidung des Begriffs „Campusbahn“. 20% der Seite wären trotz der Riesenschrift leer geblieben, hätte man nicht „Deshalb werben wir für ein Ja am 10. März.“ in 48pt dort hingeschrieben.

Die FDP schreibt mir tatsächlich in blau auf von weiss nach gelb verlaufendem Hintergrund. Ja, sieht scheiße aus. Keine Anrede aber: „Nein zur Campusbahn – aus Liebe zu Aachen“ klingt nicht ganz rund. Dann Kosten (die böse Kämmerin), Gewerbesteuern, Grundsteuern, so weit klar. Aber immerhin ein Hinweis auf demnächst wahrscheinlich abnehmende Studentenzahlen (gutes Argument) und Elektrobusse (Alda, FTP, weiste. Voll die Elektromobilitäts-Checker, joh!). Wichtigstes Contra-Argument: Wir können dann nicht mehr so gut Autofahren. Danke, setzen!

Der Rest in aller Kürze: Die Piraten bemängeln die unsichere Finanzierung und natürlich „die mangelnde Beteiligung der Bürger im Vorfeld des Projekts“ (langweilig!). Man klopft sich nicht mal auf die Schulter, dass man jetzt mal eine Bürgerbefragung zum Thema hat. Klar: Das Einzelratsmitglied Felix Bosseler ist inzwischen völlig marginalisiert. Die FreieWählerGemeinschaft Aachen (sic!) hat eine interessante Argumentation: Für den Gegenwert der Campusbahn könnte man (festhalten!) „Robbie Williams, Udo Jürgens, Madonna, Anna Netrebko, Paul McCartney, Sting und die toten Hosen gemeinsam für ein Jahr jeden Tag auf dem Katschhof auftreten lassen“ (Dio mio, dann lieber die Campusbahn!) „Oder einmal jährlich 365 Jahre hintereinander“ (Das schafft vielleicht Madonna, die hantelt ja, aber auf Udo Jürgens würde ich nicht setzen.). Davon abgesehen: Straßen werden aufgeschlitzt, Bürger müssen bluten, Autos werden verbannt, Unternehmer werden gebrochen. Aha, solche „freien Wähler“ sind das also. Abscheulich! Die UWG, also eigentlich „Ihr/Euer Horst Schnitzler“ setzt und textet stur in Times New Roman 14pt. Finanzierbare Mobilität, eingesparte KFZ-Kilometer, volkswirtschaftlicher Nutzen. Ist schon ein dufter Typ, der Horst. Echt jetzt. Bauassessor Egbert Form ist eigentlich bei der CDU findet die Campusbahn aber teuer, riskant, laut und befürchtet „Eingriffe ins Privateigentum“, außerdem fand er die Grünen immer schon scheiße und wäre schon längst bei den FreienWählern, wenn die nicht so einen merkwürdigen Musikgeschmack hätten. Auf der letzten Seite grüßt Marcel Philipp, unser geliebter OB, der auf einem großen Foto eine seiner extrem geschmackvollen Krawatten präsentiert und das tut, was er am besten kann: Lächeln. Er erklärt ohne Umschweife: Förderung von Bund und Land nur bis 2020, also kommt in die Puschen, lasst uns die Kohle abgreifen! Ihr wollt es doch auch.

Ein sentimentales Seufzen bricht sich Bahn. Hätte man doch in den 70er Jahren einfach die Schienen liegen lassen und die Straßenbahn behalten. Tatsächlich: Aachen besaß das viergrößte Straßenbahn-Netz Deutschlands und zum Zeitpunkt des Beschlusses zur Einstellung des Bahnbetriebs einen vergleichsweise modernen Fuhrpark. Ich bin als Kind noch mit großem Vergnügen Straßenbahn gefahren, mein Opa war Schaffner. Ach ja. Ich will mal die 3 jeweils wichtigsten Argumente für beide Alternativen auflisten:

Pro Campusbahn
– Eine Stadtbahn ist schneller und bequemer als jeder Omnibusbetrieb.

– Das Busangebot der ASEAG ist an seinen Kapazitätsgrenzen angelangt, eine weitere Erhöhung des Taktes ist nicht mehr sinnvoll.

– Die Campusbahn fährt rein elektrisch und sorgt so für bessere Luft im „Aachener Kessel“.

Contra Campusbahn
– Die Kosten des Projekts sind enorm hoch, wenn man sie auf die jetzt geplanten Strecken umlegt. Dies gilt vor allem vor dem Hintergrund der äußerst angespannten Situation des städtischen Haushalts.

– Das innovative Konzept mit oberleitungsfreien Abschnitten, Akkubetrieb und Lademöglichkeiten für andere elektromobile Verkehrsteilnehmer ist eine riskante Welturaufführung.

– Der Inselbetrieb mit nur einer Achse zu Projektbeginn ist nicht sinnvoll.

Andere Argumente spielen für mich eine eher untergeordnete Rolle: Sollte der motorisierte Individualverkehr durch die Bahn behindert werden, ist das für mich kein Problem. Die Baustellenproblematik nehme ich ernst, aber mit heftigen Baustellen sind wir in den vergangenen Jahren auch fertig geworden. Die Probleme anderer Großprojekte von Kaiserplatzgalerie bis Aachen-Arkaden habe ich heftig kritisiert, sehe aber nicht unbedingt die Verantwortung der jeweils politisch Handelnden. No risk, no fun.

Für mich bleibt irgendwie der finanzielle Knackpunkt übrig. Klar, das Projekt ist durchgerechnet, die Förderung durch das Land ist üppig. Abstriche bei Sozialausgaben sind nicht geplant, allerdings eine Erhöhung der Gewerbesteuer, die mich nicht gerade begeistert. Aber: Ist es nicht sehr wahrscheinlich, dass der vorgesehene Rahmen gesprengt wird? Ist eine Kostenexplosion nicht zwangsläufig zu erwarten? Die CHIO-Brücke über die Krefelderstraße wurde mal eben 70% teurer als veranschlagt. Nehmen wir an, die Campusbahn wird nur um 20% teurer, dann wäre das der finanzielle Kollaps für die Stadt.

Aber: Bewerte ich dieses Risiko angesichts von Stuttgart21, Elbphilharmonie und BER nicht zu hoch? Das Campusbahn-Projekt ist ohne Zweifel ein großer Schritt in die richtige Richtung: Eine Stadt, die nicht für Autos, sondern in erster Linie für die Bürger da ist. Wie wäre es denn mit einem Kombiprojekt: Campusbahn von vorne herein mit zwei Achsen, zusätzliche Ringlinie auf dem Alleenring und innerhalb des Rings dürfen nur noch Anwohner und Lieferanten mit dem Auto fahren. Das wäre mal ein mutiges Projekt.

Am 10. März wird abgestimmt, da kann ich ja noch ein bisschen grübeln. Basisdemokratie ist schwer.

Note to self: Texten, Scannen, Formatieren. Musik: Chimp Spanner, Storm Corrosion, Fink, Cryptopsy.

Pater numquam incertus est

kb

Schon lustig: Manchmal glaubt man, dass das wichtigste Sachbuch, das im vergangenen Jahrhundert veröffentlicht wurde, uns von Morgens bis Abends vor die Stirn geschlagen gehört, auf das wir klug werden. Heute hat das OLG Hamm entschieden, dass der biologische Vater von Kindern, die mit Hilfe „anonym“ gespendeter Samenzellen erzeugt wurden, eben nicht anonym bleiben kann, wenn die Kinder wissen wollen, was Sache ist. Das dürfte nur der erste Schritt sein. Der nächste ist dann die Unterhaltspflicht für den nicht mehr anonymen Nachwuchs und der übernächste die Sorgepflicht.

Dieses Urteil fügt sich nahtlos in die Reihe von Vorkommnissen ein, über die in den letzten Wochen und Monaten berichtet wurde. So wurde ein Vater wider Willen dazu verknackt Unterhalt für zwei Zwillinge zu zahlen, die er gar nicht zeugen wollte und auch nicht gezeugt hat (Auch diese Entscheidung wurde vom OLG Hamm gefällt, was rauchen die da?). In erster Instanz hatte man übrigens die Ärzte zum Unterhalt verdonnert, nicht aber der Mutter beschieden: Sind deine, du wolltest sie, jetzt schau, wie du zurecht kommst. Offenbar sind Mütter hierzulande sakrosankt. Zur Abrundung könnte man dann noch diesen Fall aus den Vereinigten Staaten anführen, bei dem die Unterhaltsbehörde fand, dass der biologische Vater ruhig zahlen könnte. Wir lernen: Beim Geld hört Freundschaft auf, fängt Vaterschaft an. Oder auch nicht: Wenn nämlich ein Ehemann die tatsächliche Abstammung eines in der Ehe geborenen Kindes per Vaterschaftstest klären lassen möchte, dann geht nichts ohne das Einverständnis der Kindesmutter. Ja, Mütter sind einfach bessere Menschen.

Ich hoffe, dass ganz viele Männer in Anerkennung der biochemischen Wahrheiten und ihrer derzeitigen juristischen Auslegung ihr Spendeverhalten anpassen, d.h. darauf verzichten werden. Der Nutzer „Hihi“ fasst es im Forum bei SPON ganz gut zusammen:

Wer jetzt noch Samen spendet, muss ziemlich dämlich sein.
Quasi der Gegenentwurf zur „Nobelpreisträger-Samenbank“
Also meine Damen: Wollt ihr ein Kind von einem Vollidioten?

Wenn man das ein bisschen weniger -hm- volkstümlich formulieren möchte, kann man das mit einem Zitat des großartigen Richard Dawkins tun:

„Wir sind als Genmaschinen gebaut und werden als Memmaschinen erzogen, aber wir haben die Macht uns unseren Schöpfern entgegenzustellen. Als einziges Lebewesen auf der Erde können wir uns gegen die Tyrannei der egoistischen Replikatoren auflehnen.“

Note to self: Wirklich „Afterlive“? Musik: Kabul Golf Club, Mnemic, Encircling Sea.

Vercheckt

Und? Den großen Markencheck zum Thema Apple gestern gesehen? Ich schon. Hätte ich mir sparen können. Klar, die Sendung richtete sich nicht an IT-Affine, sondern an Joe Sixpack, aber ein bisschen mehr Tiefgang hätte ich mir dann doch erwartet. Leser dieses Blogs wissen, dass ich mit der wertvollsten Marke der Welt in der Regel hart ins Gericht gehe. Aber Kritik will fundiert begründet werden, wenn sie ernstgenommen werden soll. Da gab es gestern erhebliche Defizite:

Schon der Einstieg in die Sendung gefiel mir überhaupt nicht. Man kann nachweisen, dass Produkte von Apple Regionen in Konsumentenhirnen stimulieren, die sonst nur von engen Freunden oder den eigenen Kindern angeregt werden. Gut, aber inwiefern hilft das bei der Beurteilung der Geräte von Apple? Es ist doch ein Allgemeinplatz, dass Markenprodukte auch deshalb so erfolgreich sind, weil sie die Kunden emotional ansprechen. Das dürfte nicht nur für Mobiltelefone, sondern auch für Autos oder Klamotten gelten. Immerhin wurde auch darüber berichtet, dass Produkte von Apple Maßstäbe im Bereich Industriedesign setzen. Danach sank dann das Niveau der Sendung Richtung unterirdisch:

Dass ein Rentner Probleme beim Umgang mit seinem nagelneuen Tablet-PC hat (Adressbuch ohne Einträge!) ist kein Nachweis, dass Apple-Produkte kompliziert zu bedienen sind. Man hätte schon eine größere Stichprobe untersuchen müssen. Die Alltagstauglichkeit von Mobiltelefonen lässt sich nicht dadurch ermitteln, dass man die Geräte in Biergläsern versenkt und dann die Reparaturmöglichkeiten vergleicht. Dass Apple teuer ist, ja das wussten wir irgendwie schon vorher. Ob die Produkte ihr Geld Wert sind, muss jeder für sich selbst entscheiden.

Natürlich wurden auch einige wirkliche Schwachpunkte von Apple kolportiert: Nicht selbst austauschbare Akkus, Mitarbeiter in AppleStores, die Neugeräte statt alternativer Lösungen präsentieren, die Gängelung der Nutzer, die Zensur kostenpflichtiger Inhalte. Hätte man vielleicht ein bisschen mehr über Computer und weniger über Gadgets berichtet, wären vielleicht auch noch ein paar Unstimmigkeiten in der Produktpalette zur Sprache bekommen, die ich hier schon lauthals bekrittelt habe.

Ein Gutteil der Sendezeit wurde für die Berichterstattung über die skandalösen Arbeitbedingungen bei der Firma Foxconn in China verwendet. Nichts dagegen, die Zustände dort sind wirklich grausam. Und sicher könnte ein Schlüsselkunde wie Apple sich dort noch mehr für die Arbeitssklaven einsetzen. Ist das ein Grund auf Produkte von Apple zu verzichten? Naja, es gibt eben keine in Europa oder Nordamerika hergestellte Alternativen. Ja, Globalisierung ist Scheiße. Nein, das ist ausnahmsweise mal nicht Apples Schuld.

Note to self: Wie Gewitter, wo Ordner, warum Rechnungen? Musik: Biffy Clyro, Sulphur Aeon.