Poppodium im Oefenbunker

PP

Ein wenig Live-Musik gefällig am Samstagabend? Warum nicht. Nach den Fußballergebnissen des Tages (Alemannia gewonnen, Borussia gewonnen) war ich ohnehin euphorisiert. Also schloss ich mich spontan der Fahrgemeinschaft nach Landgraaf an.

Das Kulturzentrum „Oefenbunker“ (Leute, wer hat denn die Webseite gemacht? Da krieg ich ja Augenkrebs!) entpuppt sich als typische Location (Getränke gegen Bons, Salzstangen auf den Tischen, Mittelalte Menschen mit Sozialpädagogengesichtern kontrollieren die Szene) mit niederländischem Einschlag (Komisches Bier in ganz kleinen Gläsern, Schaum wird nach dem „Zapfen“ abgestrichen, Süßliche Schwaden im Foyer).

LOG

Als wir ankamen waren „Lord Of Giant“ aus Mönchengladbach bereits zugange. Drei Gitarren und ein riesiger tätowierter Kerl am Mikro. Das fiel vor allem auf, als „Big Hand“ Eva als Zweitsängerin auf die Bühne gebeten wurde, die ungefähr halb so groß wie der Schrank war. Ging ganz gut ab. Stoner-Rock eben: Muss fett sein, schnörkellos und gut laut. Ein bisschen lauter hätten die Giganten schon sein dürfen. Ansonsten wird kein Besucher vergessen, dass der Gitarrist, der sich permanent hinter dem Bassisten versteckte, Tony Anioli heißt. Er wurde nämlich nach jeden Stück vorgestellt. Rätselhaft.

FF

Eigentlich waren wir wegen „Flash Future“ da. Eine Band, die bis gestern für mich aus einem älteren Mercedes-Bus bestand, der mit dem Bandlogo verziert ist und immer wieder in meiner Nachbarschaft geparkt wird. Mein lieber Bruder hatte mit seligem Plieren „drei Gitarren auf C runtergestimmt“ angekündigt. Dazu muss man anmerken, dass drei Gitarren in einer Band auch kräftig in die Hose gehen kann (Matsch). Bei den Flashies läuft das offenbar so, dass einer („The Motörvic“) fürs mächtige Fundament verantwortlich ist, einer („Cpt. Pelzer“) für sphärische Sounds und Spielereien sorgt und der dritte („Cpt. Frenz“) sehr sparsam ohne Plektrum auf einer Paula rumzupft und ansonsten singt, hüpft und rumhampelt. Spaß beiseite: Die Jungs hatten Lust, der Sound war klasse, alles sehr tight und gefällig gemacht und die Songs sehr überzeugend. Eines der Stücke hätte auf der ersten Platte von Tool sein können, das meiste ging eher Richtung „Queen Of The Stoneage“. Insgesamt nicht unbedingt der klassische Stonerrock, aber mit schönen Breaks und pfiffigen rhythmischen Akzenten. Auf ihrer Webseite kann man sich einige MP3s anhören, lohnt sich. Von mir aus hätten sie ruhig noch ein, zwei Stückchen mehr spielen können.

MS

Den Abend beschlossen die local Heroes „Mescaliner“ aus Heerlen. Die spielten aber keinen Stoner-Rock, sondern instrumentalen Post-Rock. Mich erinnerten sie an Bands wie „And so I watch You from afar“ und „Shadowcast Sun“. Der Auftritt wurde von einer abgedrehten Videoshow hintermalt, die aus schwarz-weißen Schnipseln bestand und die „üblichen Verdächtigen“ (Nixon, Agent Orange, Bikini, der junge Ronald Reagan) präsentierte. Mich begeisterte vor allem das abwechslungsreiche, akzentuierte Schlagzeugspiel, ansonsten konnte man konstatieren, dass die Jungs bestimmt ganz fleissig üben (10 Minuten-Stücke, zahlreiche Parts, technisch anspruchsvoll) und handwerklich voll überzeugten. Davon abgesehen ist Post-Rock für mich kaum Live-Musik. Ich hätte mir den Auftritt gut in einem fetten Ledersessel mit einem schönen Glas Rotwein geben können. In einem gut besuchten Kulturzentrum, in dem immer geschwätzt und neues Bier geholt wird (eben wegen der winzigen Gläser, das hatten wir ja schon), konnte einfach nicht die richtige Stimmung aufkommen. Und dann ist das Soundgewitter mit Delay, Flanger, Phaser, Hastenichgesehen irgendwann auch ein bisschen ermüdend.

Note to self: Zehnachtzwo macht auch nicht froh. Musik: All of the above.

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Überschwere Tauben

„Il paraît que la colombophilie
A trois cents tonnes de plombs dans l’aile“

frei nach A L’Envers, A L’Endroit von Noir Désir

Kann sich noch jemand an dieses Lied von Hans Hartz „Die weißen Tauben sind müde“ erinnern? Furchtbares Teil und Höhepunkt der Betroffenheitsmusik-Welle in den frühen 80er Jahren. Wie komme ich da jetzt drauf? Naja, als ich heute morgen mit meinem Morgenkäfchen meine E-Mails checken wollte, musste ich feststellen, dass mein privater Mail-Server nicht funktionierte.

Dieser Mailserver läuft mit vielen anderen Serverdiensten auf einem uralten Mac mini mit 1,42 GHz PPC Prozessor und tat das in der Vergangenheit sehr zuverlässig. Ich muss zugeben, dass die Einrichtung des Mailservers erst nach tagelangem Studium diverser Tutorials und ewigem Rumprobieren gelang. Und ich war echt glücklich als postfix, fetchmail und dovecot endlich miteinander sprachen und meine Elektropost eingesammelt, auf die Postfächer verteilt und nach Spam durchsucht wurde, so dass sie in verschlüsselter Form auf jeden Computer weltweit übertragen und dort mittels Webmailer gelesen werden kann.

Tja „dovecot“ (engl. für Taubenschlag) ist das Stichwort, denn dieser MTA (mail transfer agent) hatte sich auf meinem Mini auf die Nase gelegt, aber nicht einfach so. Vielmehr hatte das Programm eine Log-Datei von 52,3 Gigabyte Größe geschrieben, das dürfte von der Textlänge her einigen hunderttausend zwanzigbändigen Brockhaus-Gesamtausgaben entsprechen. Dovecot hatte die Festplatte des Servers wirklich bis aufs letzte Byte vollgeschrieben und sich dann grußlos verabschiedet. Und nicht nur das: Alle anderen Prozesse, die danach versuchten auf die Platte zu schreiben, rissen ebenfalls die Füße hoch. Mit anderen Worten: Mein schöner kleiner Server hatte sich über Nacht in einen Haufen Softwareschrott verwandelt.

Gut, normalerweise würde ich in einem solchen Fall die Fallback-Maschine starten, die letzten gültigen Arbeitsdateien aus der Time-Machine-Sicherung einspielen und wäre nach einer Viertelstunde wieder im Geschäft. Dummerweise habe ich zurzeit eben jene Fallbackmaschine an einen Kunden verliehen. Dovecot hatte mich mit heruntergelassenen Hosen erwischt und mir mit seiner gigabyteschweren Taube den nackten Hintern versohlt.

Eigentlich war heute Wintersport gucken, Unterlagen sortieren und abheften und Müßiggang angesagt. Anstatt dessen habe ich Launchdeamons runter und wieder hoch gefahren, Benutzerrechte händisch angepasst, Dateien-Fragmente zusammengefegt, Log-Dateien studiert, zerschossene Daten aus einem Uralt-Backup wieder eingespielt und vor mich hin geflucht. Vor 10 Minuten kam die erste E-Mail dann wieder durch, die Webseiten sind oben, der Open-VPN-Server läuft, FTP geht. Durchatmen und aufpassen auf den teuflisch-korrupten Taubenschlag!

Note to self: Passt schon. Musik: Keine. Glotze.

#keinaufschrei

So meine geschätzten und nicht ganz so geschätzten Damen: Wir können uns darauf einigen, dass Menschen gleich welchen Geschlechts, Alters, Einkommens Respekt beim täglichen Miteinander verdienen. Und wir können gemeinsam konstatieren, dass es allenthalben daran mangelt. Und den aktuellen #aufschrei vergessen wir mal ganz schnell.

Wir vergessen Frau Himmelreich, die eine unangenehme Begegnung mit Reiner Brüderle hatte und sie ein Jahr später auspackt, als eben jener zum Spitzenkandidaten der Liberalen gekürt worden ist (was natürlich furchtbar ist und zwar wegen Brüderles Kopf-, nicht wegen seines Hoseninhalts).

Wir ignorieren die selbstmitleidigen Einlassungen von Patricia Dreyer, die tatsächlich behauptet: „Alltäglicher Sexismus ist nämlich unser aller Problem. Reden wir darüber.“ Also, Frau Dreyer, ehrlich, ich habe bestimmt alle möglichen Probleme, aber aktiver oder passiver Sexismus gehört nicht dazu. Und ich würde behaupten, dass die allermeisten Menschen in meinem Umfeld auch kein Problem damit haben.

Liebe Frau Roth, auch wenn jeden Tag Menschen aneinander schuldig werden und zwar mit zum Teil furchtbaren Konsequenzen, es ist müßig ein Ende des Sexismus in Deutschland zu fordern. Wissen Sie warum? Unsere moderne Gesellschaft ist ein Haifischbecken, in dem Menschen beiderlei Geschlechts um materielle (Geld + Gut), soziale (Macht + Einfluss), und im weitesten Sinne genetische (Sex) Vorteile kämpfen und zwar mit allen Mitteln. Egal, ob Sie es mögen, oder nicht, Sie werden es nicht ändern. Ihr Einsatz für die „Quote“ ist übrigens in diesem Zusammenhang ein gutes Beispiel.

Natürlich gibt es Grenzen der Zumutbarkeit. Der geneigte Leser mag sich den Artikel von Matthias Kaufman durchlesen und für sich selbst überlegen, was er selbst als sexuelle Belästigung empfinden würde. Vielleicht mal so als Zusatzinformation dazu: In den meisten US-Amerikanischen Firmen, also im Land der „Political Correctness“, wird ein männlicher Kollege sich hüten, einer Kollegin wegen eines schicken Kleids oder einer neuen Frisur ein Kompliment zu machen, da dies bereits als Grundlage von (erfolgreichen und damit extrem teueren und erniedrigenden) Belästigungsklagen herangezogen wurde.

Die sexuelle Fortpflanzung wird von Fachleuten als geniale Erfindung der Evolution gefeiert. Ob wir nicht alle ein bisschen friedlicher zusammenleben würden, wenn Jeder und Jede im Bedarfsfall einen vegetativen Tochterspross in der Kniegegend sprießen lassen könnte, das sei jetzt mal dahingestellt. Es steht außer Frage, dass Männer und Frauen, sei es aus einem Mangel an geistiger Reife, sei es aus biochemischen Gründen, sich dem anderen Geschlecht gegenüber daneben benehmen, meistens handelt es sich dabei um Kommunikationspannen, seltener um peinliche Machtspiele und noch seltener um wirklich Justiziables. Also können wir bitte ein bisschen abrüsten und die Kirche im Dorf lassen. Ich meine unser Männer-Frauen-Vehikel steckt schon viel zu tief im Dreck.

Note to self: Nachfragen zwecklos. Musik: The Beautiful Girls, Degial, Mors Principium Est, Porcupine Tree.

Der Englische Patient

Da hat er jetzt aber mal sauber auf den Tisch gehauen, der David Cameron und den kontinentalen Europäern den Marsch geblasen. In seiner heutigen Ansprache zur EU und zum Verbleib Großbritanniens in derselben hat der englische Premier, man muss es so deutlich sagen, an die dunkelsten Momente im Verhältnis zwischen dem Vereinigten Königreich und dem Rest des Kontinents angeknüpft, genau: An die Tage von Margaret-„I-want-my money-back“-Thatcher. Dem Rest dieses Artikels will ich vorausschicken, dass ich absoluter GB-Fan bin und auch bleiben werde, nur damit mir keiner chauvinistische Beißreflexe unterstellt.

Die britische Abneigung gegen alles Europäische ist eine uralte Geschichte. Sie entstammt letztendlich der „Splendid Isolation“-Denke des neunzehnten Jahrhunderts, als das Empire die Welt umspannte und man tatsächlich auf Kooperation mit anderen Europäischen Mächten nicht angewiesen war. Mit dem Verlust der Kolonien wurde ein nationales Trauma begründet, dessen übelsten Ausflüsse sich in Form von Atom-U-Booten, Commonwealth-Games und eben auch in der trotzigen Ablehnung der EU manifestieren, so weit, so bekannt. Wie ist Camerons heutige Rede vor diesem Hintergrund einzuordnen?

Einerseits präsentiert der PM seine Argumentation in entwaffnender Offenheit, wenn er von seinem Volk als einem nach Unabhängigkeit strebenden Inselvolk spricht, das sich stets frage, wie es selbst von Europa profitieren könne, ohne Rücksicht auf die anderen Mitglieder zu nehmen. Würde die Bundeskanzlerin derartiges äußern, würden sich ihre Sympathiewerte hierzulande sofort in himmlische Sphären katapultieren, wähnen sich die Deutschen doch als Zahlmeister (in Wirklichkeit sind das übrigens die Italiener, nur nebenbei bemerkt) und permanent Untergebutterte (das sind in Wirklichkeit die Ostländer) der EU. Zu Camerons Popularität dürfte außerdem beitragen, dass er sein Volk über den Verbleib in der EU abstimmen lassen will. Das klingt natürlich sehr verlockend und bei uns mehren sich die Stimmen, die das Gleiche für Deutschland fordern. An dieser Stelle sei daran erinnert, wie die Abstimmung zur Europäischen Verfassung zum Beispiel in den Niederlanden ausgegangen ist, einem Land, das wie kaum ein anderes vom Europäischen Einigungsprozess profitiert hat. Solidarität und das langsame, komplizierte Weben an supranationalen Strukturen sind Dinge, die kaum popularisierbar sind.

Tiefgreifende Reformen hat David Cameron angemahnt (das wirkt im Zusammenhang mit dem für 2017 (!) angekündigten Referendum natürlich wie die Pistole auf der Europäischen Brust, nicht wahr), schaut man sich dann aber die Kritikpunkte an, kann einem teilweise der Kragen platzen. Richtig ist, dass die EU schlanker und transparenter werden muss. Ebenfalls richtig ist, dass bei der Einführung des Euro heftige Fehler gemacht worden sind, deren Folgen jetzt vor allem die abgehängten Südländer ausbaden müssen. Aber das Land des Herrn Cameron ist Mit-Verursacher der Fiskalkrise der letzten Jahre. Großbritannien ist ein de-industrialisiertes Spekulantenparadies und die City of London das übelste Furunkel am Hintern des Casino-Kapitalsimus. Das Vereinigte Königreich hat inzwischen bei öffentlicher und privater Verschuldung ein Niveau erreicht, das man nur als skandalös bezeichnen kann. Und schließlich hat GB sich in der Vergangenheit immer wieder gegen dringend erforderliche Reformen auf nationaler und Europäischer Ebene gesträubt, sie verschleppt oder ausgesessen.

Tatsächlich kann die EU viel besser auf die Briten verzichten, als die Insulaner auf den Restkontinent, aber so konfrontativ braucht man die Sache ja nicht anzugehen. Das weiss der Herr Cameron eigentlich auch ganz genau, um so schlimmer, dass er sich heute dazu hinreißen ließ seinen antieuropäischen Parteifreunden nach dem Mund zu reden.

Note to self: 20 Tage, das Schlimmste ist geschafft. Musik: Jamie Cullum, Jarabe De Palo.

Türme des Schweigens

Die ewig gleiche Geschichte: Auf der einen Seite der Kunde, unbedarft und unschuldig, an das Gute glaubend und mit einem in seinen Augen harmlosen Begehr. Auf der anderen Seite der Kundenhotline der Call-Center-Sklave, unterbezahlt, ausgebeutet und getreten, beständig konfrontiert mit nervigen, unkundigen Kunden. Klaro, das ist einfach eine Lose-Lose-Situation, Missverständnisse sind vorprogrammiert. Also dann man los:

Aufgabe war die Kündigung eines Vertrags über den Bezug von Strom bei einem Discount-Anbieter. Wohlgemerkt: Kein Umzug, denn die Wohnung mit der in Frage stehenden Verbrauchsstelle wurde aufgelöst. Die näheren Umstände will ich nicht schildern, sondern nur so viel verraten, dass der Anbieter bei dem hier gegebenen Kündigungsgrund in Abweichung von der monatlichen Kündigungsfrist eine rückwirkende Kündigung mit einer Frist von 5 Wochen einräumt. Dies erfuhr ich bei einem kurzen Gespräch mit der Kundenhotline des Versorgers, die bei diesem Erstkontakt einen freundlichen und sehr kompetenten Eindruck machte. Ich hätte gewarnt sein müssen. Gekündigt werden sollte zum 31.12. und zwar am 31.12 (also 4 Wochen rückwirkend und damit fristgerecht).

Ich verfasste ein Kündigungsschreiben, scannte die erforderlichen Unterlagen ein, druckte den ganzen Kram aus und schickte ihn per Post als Standardbrief nach Süddeutschland. Es passierte – nichts. Gar nichts. Also rief ich bei der Hotline an. Die diesmal nicht ganz so kompetent wirkende Mitarbeiterin, konnte mir immerhin nach fünf Minuten Sucherei „im System“ (ich liebe dieses Wort) mitteilen, dass eine Kündigung nicht vorläge. Ich fragte, was nun zu tun sein, sie darauf: „Faxen Sie uns noch mal die ganzen Unterlagen, dann wird das heute noch bearbeitet.“ Ich tat wie mir geheißen, bastelte ein schönes PDF, faxte es mit Hilfe eines ganz alten Mac mini (unter Verwendung des eingebauten Fax-Modems, eine detaillierte Beschreibung der erforderlichen Umstellungen in meinem Heimnetz unterbleibt, da sie den Rahmen sprengen würde) und wartete. Es passierte – nichts. Gar nichts. Also kam es zum dritten Kontakt mit dem telefonischen Kundendienst, diesmal mit erschwerter Ausgangslage, da der Durchmesser meines Halses sich inzwischen bereits leicht vergrößert hatte. „Wir haben kein Fax erhalten“ ward mir flötend beschieden. „Doch, haben Sie“ knurrte ich zurück „Ich habe hier einen Sendebericht mit dem Status „Zugestellt“ und die Nummer stimmt.“ „Dann schicken Sie uns bitte nochmal alles per E-Mail“ flötete es weiter, ich brummelte etwas nicht Zitierfähiges, beendete das Gespräch und machte die E-Mail fertig.

Heute nun kam ein Schreiben des Versorgers an, mit dem die „Änderung Ihres Anschlusses“ bestätigt wurde. Noch zu erledigen sei die Übermittlung des Zählerstandes und die Angabe der neuen Bezugsadresse nach dem Umzug. (Au Möööhr!) Beides sei entweder schriftlich d.h. postalisch oder auf einer Service-Webseite möglich. Also flott den URL aufgerufen, Kundennummer eingegeben, Zählernummer eingegeben, Zählerstand eingegeben. Ab dafür!

„Derzeit ist keine Erfassung möglich, da kein offener Ableseauftrag für Ihre Zählernummer vorliegt. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an unsere Service-Hotline.“

Das wäre ja auch zu einfach gewesen. Am anderen Ende der Telefonleitung meldete sich ein freundlicher Herr, nennen wir ihn Herr Sommer. Ich trug routiniert und ausführlich mein Sprüchlein vor, nicht ohne den einen oder anderen resigniert-ironischen Seitenhieb, und las die Meldung der Internetseite vor. „Klar“ meinte Herr Sommer „den Zähler gibt es nicht mehr für die Software, da der Anschluss ja bereits gekündigt ist.“ Ich spürte ein heftiges Pochen in der Schläfengegend und frug, ob er nicht den Zählerstand direkt „ins System“ eintragen könne. „Kann ich, kein Problem. Kundennummer? Zählernummer? Zählerstand? Anschluss-Partnernummer?“ „Hab ich nicht“ „Oh, das ist schlecht, aber die krieg ich raus, dann brauche ich nur noch die neue Adresse.“ Zugegeben, in diesem Moment implodierte irgendwas in mir.

TDS

Ich fühlte mich wie ein scheintoter Zoroastrier, der in einem Dakhmah aufwacht, nachdem er gerade zwecks Entfleischung den Geiern vorgelegt worden ist und nun vergeblich versucht dieser äußerst unkomfortablen Situation zu entkommen. „Herr Sommer, es gibt keine neue Adresse“ „Die brauche ich aber.“ „Die Wohnung ist aufgelöst, wir brauchen nur eine Abschlussrechnung.“ „Moment, ich sehe gerade, dass im letzten Jahr fast kein Strom verbraucht worden ist, das kann ja nicht sein.“ „Doch das kommt hin, die Wohnung wurde im letzten Jahr saniert und nur Strom für Elektrowerkzeuge und ein bisschen Beleuchtung verbraucht.“

Schweigen auf der anderen Seite. Die Sonne verbrannte meine blasse Haut, mit lautlosem Flügelschlag ließ sich ein Aasfresser nach dem anderen nieder und musterte mich eingehend. Nach endlosen Sekunden „Na gut, dann brauche ich die Bankverbindung für die Rückerstattung.“ Das furchtbare Bild verpuffte, von Indien zurück in den Westzipfel in wenigen Hundertsteln. Glücklich stammelte ich die benötigten Daten hervor, bedankte mich überschwänglich, wünschte einen guten Tag, legte auf und stieß einen Triumphschrei hervor, der sicher in der ganzen Nachbarschaft zu hören war.

Note to self: …and a world of slow decay. Musik: Chimp Spanner, Cryptopsy, Nepomuk, Cursed.

Perspektive bodenlos

MH Foto: Ansgar Spiertz, groundhopping.de

Mal ehrlich: Muss man nicht schon ein kleines bisschen masochistisch veranlagt sein, um sich ein Auswärtsspiel der Alemannia in der zweiten Runde des FVM-Pokals (Fußball-Verband-Mittelrhein, jaja es wird finster) anzuschauen, im so genannten Flughafenstadion (s.o.) in der Merheimer Heide, östlich von Deutz, fast schon im Bergischen? Antwort: Muss man natürlich nicht, aber dieser Besuch eröffnet einen schonungslosen Ausblick auf die sportliche Zukunft des TSV: Keine VIP-Lounges und kein Parkhaus, dafür ist das Stadiönchen von Wald umgeben und alle stehen/sitzen auf den langen Seiten des Spielfelds. Genau solche Spielstätten wird man bei Auswärtsspielen demnächst wohl öfter erleben, oder sogar Schlimmeres. Da raunt der eine Fan dem anderen zu: „Weißte noch, Pokal gegen Viktoria, da gabs noch ne Bratwurstbude.“

Sonnig und windstill ist es, da kann man es auch bei Minusgraden gut aushalten, auch wenn das Spiel alles andere als erwärmend ist: Der Viertligist steht kompakt und kontert bisweilen gefährlich. Die Aachener spielen ungenau nach vorne, sind hinten im Hühnerhaufen-Modus und mehr mit sich selbst als mit dem Gegner beschäftigt. Immerhin geht man zwischendurch mal für eine Minute in Führung. Den Gegenzug mit dem Ausgleich für die Kölner sehe ich zum Glück wegen menschlicher Bedürfnisse nicht. Unentschieden nach 90 Minuten, ein alkoholfreies Kölsch (so ziemlich das erbärmlichste Getränk meines Lebens), torlose Verlängerung (jetzt doch etwas kalte Füße), Sieg im Elfmeterschießen. Hurra.

MH2 Foto: Ansgar Spiertz, groundhopping.de

Und die Randnotizen: Alemannia gegen Viktoria, das ist ein so genanntes „Risikospiel“ (deshalb Alkoholverbot im Stadion), so viel Bereitschaftspolizei auf einem Haufen habe ich selten gesehen. Man sah den Wald vor lauter Beamten nicht. Liegt auch daran, dass die Alemannenfans inzwischen als absolute Radaubrüder gelten. Offenbar nicht zu unrecht, denn nach dem Spiel sah man Figuren, die bäuchlings und mit Kabelbindern gefesselt auf dem Waldboden lagen. Und natürlich gabs wieder und zum letzten Mal (s.u.) Radau zwischen der Karlsbande und der ACU. Ich frage mich, ob die Chaoten jemals zur Vernunft kommen werden. Was man so liest, hat die ACU sich gestern aufgelöst. Dann haben die Faschisten also gewonnen. Als es gestern zwischen den Blöcken zur Sache ging, hörte man von der Haupttribüne aus dem Viktoria-Block „Nazis raus“, der Ruf der Alemannia ist offenbar bereits völlig ruiniert, wir sind jetzt ein Nazi-Club, danke Karlsbande, danke Fanbeauftragte, danke Vereinsführung. Tja Viktoria, du hast es besser: Keine braunen Fans, einen Hauptsponsor, ein bezahltes „Stadion“ und eine sportliche Perspektive in der vierten Liga. Wir haben uns immerhin im Pokal eine Runde weiter gezittert und spielen vielleicht in der nächsten Runde gegen die Tus Homburg-Brültal (kein Scherz, bittere Realität). Berlin, Berlin, wir marschieren nach Berlin.

Note to self: Der Akku, das Akku, mein Schatz. Musik: Adele, Joanna Newsom, Flyleaf.