Zehn Ultimative

Und hier ist er wieder, der Beitrag der höchstens schnell überflogen wird und danach noch schneller vergessen ist, seis drum. Ich werde auf die öffentliche Zusammenstellung der besten Alben des fast vergangenen Jahres nicht verzichten, einfach weil Musik für mich einer der wichtigsten Daseinsinhalte ist, ein unersetzliches Lebensmittel. Kleine Vorwarnung: Diesmal wirds hart.

WOY

Platz 10: Woods Of Ypress – Grey Skies & Electric Light
Als dieses Album im Januar veröffentlich wurde, landete es zuerst auf meinem iPod und fraß sich dann über Monate in meine Ohren und mein Hirn, denn die bittere symphonische Süße des fünften und letzten Werks der Kanadier um David Gold war der perfekte Soundtrack für den durchwachsenen Jahresanfang. Woods Of Ypress erinnern immer stark an „Type O Negative“, eben wegen der mäßigen Durchschnittsgeschwindigkeit der Stücke und des zumeist dunklen, getragenen Leadgesangs. Dazu kommen durch und durch misanthropische Textinhalte, ein wenig schwarzmetallisches Gerumpel, ein Klavier mit Klarinetten, Geigen, Bratschen und ein überhaupt nicht treibendes, teils sogar an Pink Floyd erinnerndes Schlagzeug. Es ist ein Jammer, dass es kein weiteres Album dieser Band geben wird. David Gold starb im Dezember 2011 bei einem Verkehrsunfall. Anspieltipp: „Travelling Alone“

ITTCT

Platz 9: If These Trees Could Talk – Red Forest
Instrumentaler Postmetal? Hurt me plenty! Tatsächlich ist die Zahl der Veröffentlichungen in diesem relativ neuen Genre, das dereinst von Bands wie „Isis“ begründet wurde, unüberschaubar groß und das allermeiste gefällt mir überhaupt nicht. Was machen „If These Trees Could Talk“ also anders und besser? Nun, erstmal hat das US-Amerikanische Quintett den überstrapazierten Begriff „Soundcollage“ einfach in seiner wörtlichen Bedeutung verstanden. Die Sounds und Spielweisen der drei Gitarristen ergänzen sich vortrefflich, da ist nichts zu viel und nichts zu wenig. Die Wechsel von Dynamik, Stimmung und Tempi wirken bei dieser Band nie gezwungen oder gekünstelt. Die Produktionen von ITTCT weisen stets einen deutlichen Studiohall und einen extrem sphärischen Schlagzeugsound auf. „Das große Fließen“, so könnte man den aktuellen Longplayer zusammenfassen, folglich ist es auch perfekte Musik zum Bus- und Zugfahren, zum Tagträumen und zum Innehalten: Die ruhigste Platte dieser Top 10. Anspieltipp: „The Aleutian Clouds“

AFOS

Platz 8: A Forest of Stars – A Shadowplay For Yesterdays
Konnte man den bisherigen Nennungen noch eine gewisse Massenkompatibilität attestieren, so ändert sich dies jetzt schlagartig. Das neue und mittlerweile dritte Werk des Gentleman-Clubs aus Großbritannien ist ein Album, das wegen seiner Komplexität, seiner wilden Mischung von Stilen und seiner schrillen Exzentrik den durchschnittlichen Hörer eher abstoßen dürfte. Die Band ist wahrscheinlich auch wegen der hohen Anforderungen an das Publikum ziemlich unbekannt, es gibt nicht mal in der englischsprachlichen Wikipedia einen Eintrag. „A Shadowplay For Yesterdays“ ist einerseits Blackmetal, andererseits schräger Folk, aber auch Progrock Avantgarde und Postrock/Noise. Wenn man das Album konzentriert in einem Rutsch genießt, bleibt man mit einem Satz heißer Ohren zurück und braucht erst mal eine Pause. Die Band hätte jedenfalls mehr Aufmerksamkeit verdient, ihre Musik ist mit der gleichen verschrobenen Sorgfalt gemacht und aufgenommen, wie ihre Webseite. Man hört einfach, dass sie lieben, was sie spielen. Anspieltipp: „Gatherer of the Pure“

N

Platz 7: Nile – At The Gate Of Sethu
Die neue Platte von „Nile“ habe ich bereits besprochen und will mich auch nicht wiederholen. Mir war schon bei ihrem Erscheinen klar, dass sie sich in den Top 10 des Jahres platzieren würde. „Nile“ ist für mich einfach eine Herzensangelegenheit. „At The Gate Of Sethu“ ist eigentlich das einzige Album in dieser Rangliste, das man zweifelsfrei dem Genre „Technical Death Metal“ zuordnen kann, dazu später noch eine Bemerkung. Jedenfalls habe ich diese Scheibe seit dem Sommer regelrecht „dünngehört“ und sie ist dabei eher gewachsen als geschrumpft. Anspieltipp: „Natural Liberation of Fear Through the Ritual Deception of Death“

K

Platz 6: Krallice – Years Past Matter
Joh, also man kann Blackmetal nicht neu erfinden. Würde man es ersthaft versuchen, sähe man sich der Gefahr ausgesetzt von einem geschminkten, nach Verwesung stinkenden Norweger mit einer Streitaxt erschlagen, dann gevierteilt und schließlich verbrannt zu werden. Das will man ja nicht. Man muss sich also Bands wie „Wolves in the Throne Room“, „Liturgy“ oder eben „Krallice“ mit Behutsamkeit nähern. „Years Past Matter“ ist Blackmetal, aber doch eben ungewöhnlich: Ungewöhnlich dudelig, ungewöhnlich brillant aufgenommen und ungewöhnlich symphonisch. Trotzdem schafft es das Quartett aus New York City die Wesensmerkmale des Genres authentisch rüberzubringen: Die kompromisslose Monotonie, klirrende Kälte und harte Ablehnung alles Philanthropischen. Ob man die Stücke einer CD alle mehr oder weniger „IIIIIII“ nennen muss (kein Scherz!) sei jetzt mal dahingestellt. Ein großes Album! Anspieltipp: „IIIIIIIII“

LOG

Platz 5: Lamb Of God – Resolution
Darf man heute noch einfach ein Metal-Album rausbringen? So ein ganz simples, groovig-krachendes, knüppelig rauhes Metal-Album? Offenbar nicht. Die neue Scheibe von „Lamb Of God“ wurde allgemein verrissen, bei mir kommt sie auf Platz 5. OK, Randy Blythe wird immer ein bisschen wie Phil Anselmo klingen, nur besser. Die Songs von LOG werden immer einfach strukturiert sein, stört beim Bangen kein bisschen. Die Riffs erinnern zuweilen an Metalcore-Durchschnitt? Nachspielen oder Klappe halten! Wenigstens besteht wohl Einvernehmen darüber, dass das Schlagzeug Weltklasse und höchstens leicht angetriggert ist. Also, aufhören mit dem Herumkritteln! Bier her! Tanzen! Anspieltipp: „The Undertow“

BTBAM

Platz 4: Between The Buried And Me – The Parallax II
Der zu diesem Album bereits an dieser Stelle veröffentlichten Kurzrezension will ich doch noch ein paar Zeilen hinzufügen: Es ist wirklich schwierig diese Platte einzuordnen: Ich habe sie mehrfach ganz in Ruhe auf dem Sofa am Stück und seit Oktober ständig häppchenweise unterwegs gehört. Einerseits ist es wirklich ein gewaltiges Album, das sich immer noch breit macht, also noch gar nicht ganz angekommen ist. Andererseits ist ein locker-flockiger Umgang mit dem musikalischen Inhalt fast nicht möglich und das kann auch ermüden. Ich wünsche mir inzwischen, dass das nächste Album von BTBAM wieder etwas simpler gestrickt ist. Und das wird der Fall sein, denn ich glaube nicht, dass man beim Songwriting, Arrangieren und musikalischen Ostereierverstecken noch einen draufsetzen kann. Anspieltipp: „Extremophile Elite“

A

Platz 3: Ahab – The Giant
Man schließt die Augen und sieht das Meer. Träge wie Quecksilber und trotzdem kabbelig und ein ganz leichter Dunst verbirgt den Horizont. Besser kann ich nicht beschreiben, was mit mir passiert, wenn ich das dritte Album von „Ahab“ höre, das ich am Anfang gar nicht so sehr mochte. Lag vielleicht daran, dass die beste deutsche Band im Bereich Doom Metal mit ihren bisherigen Langeisen die Messlatte unglaublich hoch gelegt hatte. „The Giant“ ist wieder ein Konzept-Album, nämlich die Vertonung der Erzählung „Der Bericht des Arthur Gordon Pym“ von Edgar Allen Poe. Die Platte ist ein bisschen leichter und lebensbejahender als die Vorgänger, Funeral Doom war gestern. Aber die Stimmung, die „The Giant“ verbreitet, ist unheimlich dicht, was möglicherweise auch daran liegt, dass das Material live und analog eingespielt wurde (ich knie nieder, was für ein Sound). Klargesang ist drauf (Grutle Kjellson/Enslaved), viele cleane Gitarren, Ahab gehen neue Wege und inzwischen bin ich sehr einverstanden damit. Wer mit solcher Musik eigentlich nichts anfangen kann, der gebe sich mit voller Lautstärke „Fathoms Deep Below“, vor allem das Ende. Mein lieber Herr Gesangverein! Anspieltipp: „Fathoms Deep Below“

C

Platz 2: Converge – All We Love We Leave Behind
Eins der Geheimnisse, warum mir die beiden letzten Platten von „Converge“ so unwahrscheinlich gut gefallen, ist eigentlich keins: Kurt Ballou dürfte einer der besten Produzenten auf diesem Planeten sein und natürlich gibt er sich bei seiner eigenen Band immer besonders große Mühe. Das Ergebnis ist kraftvoll und trotzdem transparent, erdig und trotzdem crisp, einfach unglaublich, wie macht er das? Meine Begeisterung für „All We Love We Leave Behind“ hatte ich hier bereits anklingen lassen, davon ist nichts zurück zu nehmen. Im Gegenteil: Es gibt nicht viele Bands, die nach mehr als 20 Jahren noch einen drauf setzen können. Vergleicht man „Converge“ mit den Jüngelchen, die sich in jüngster Zeit an Mathcore versuchen, dann bleibt kein Zweifel, wer der Platzhirsch ist. Die neue Scheibe hat das Zeug zum Klassiker zu werden: Musikalische Planierraupen, beißende Alchemie, eine anrührende Subtilität – mir gehen die Superlative aus. Wenn man die Welt nicht mag, dann sollte man das so gekonnt wie „Converge“ tun.

M

Platz 1: Meshuggah – Koloss
Der erste Platz in dieser Rangliste ist nicht unumstritten, tatsächlich liegen die Plätze 1-3 in diesem Jahr verdammt nah beieinander. Sehr vieles zu Meshuggahs neuer Platte habe ich bereits im März
geschrieben. Mit etwas Abstand will ich noch folgendes hinzufügen: Also, ich habe in diesem Jahr ziemlich viel „Djent“ gehört (man merkt es dem Jahressampler an, kicherkicher), also eine Stilrichtung, die von „Meshuggah“ wenn nicht begründet, doch zumindest wesentlich beeinflusst wurde. Wenn man „Benea Reach“ oder „Chimp Spanner“ mit „Meshuggah“ vergleicht, dann wird schnell deutlich, dass es mit dem ultraflotten Zocken von „palm-muted“-Riffs eben doch nicht getan ist (abgesehen davon, dass man diesen charakteristischen Sound inzwischen als Effektgerät kaufen kann). Meshuggah ist viel mehr. Meshuggah ist nicht mehr und nicht weniger als die Neuerfindung des Metals. Doch, doch das meine ich ernst. Es ist eine Sache, bestimmte Elemente musikalischer Genres auf die Spitze zu treiben, daran versuchen sich viele (mehr oder weniger erfolgreich). Es geht immer noch schneller, härter, bombastischer, bassiger. Bei Meshuggah ist es aber so, dass sie auf allen Alben seit „Destroy, Erase, Improve“ eine ganz eigene Idee entwickeln, was Metal eigentlich bedeuten könnte und die beginnt mit einer Frage: Wie kann man jemandem nach „Reign In Blood“, nach „Master Of Puppets“, nach „Vulgar Display Of Power“ eigentlich noch so richtig auf die Fresse hauen? Und die Antwort ist: Reduktion. Das Wesentliche finden. Und das können sie einfach so gekonnt, dass man sie dafür lieben muss.

OK, ganz kurz: Wer hat es knapp nicht geschafft, ist aber bestimmt hörenswert: Ich nenne mal: Gojira – L’enfant sauvage (Klasse Titelstück, Rest fällt leider etwas ab), Asphyx – Deathhammer (solide, gut für die Füße), Black September – Into The Darkness Into The Void (doch doch, das ist ne „Sängerin“, die da „singt“), Aborted – Global Flatline und Cannibal Corpse – Torture (und zu diesen zwei TechDeath-Alben die noch fällige Bemerkung: Es knallt, es zischt, es ist großartig, aber die Konkurrenz war diesmal zu stark). Und warum ist die neue von „Cryptopsy“ nicht in den Top Ten? Die traurige Wahrheit ist, dass ich sie erst zweimal gehört habe, aber jetzt ist sie auf allen iPods und dem iPhone.

Ja und die größten musikalischen Ärgernisse des Jahres? Doch doch, die gabs auch: Circa Survive – Violent Waves (Lieber Adam Green, kannst echt geil singen, lass doch mal andere komponieren), Fiona Apple – The Idler Wheel Is Wiser Than the Driver of the Screw and Whipping Cords Will Serve You More Than Ropes Will Ever Do (Frau Apple, haben Sie keine Lust mehr?), Hellyeah – Band of Brothers (wegen des unerträglich zertriggerten Schlagzeugs, grauenhaft). Und dann die größte Enttäuschung des Jahres: Baroness -Yellow/Green (die allenthalben hochgejubelt wurde, mir völlig unverständlich: Langweilig, zahm, gekünstelt, braucht keiner, die Platte).

Note to self: So jetzt noch der Sampler und dann los. Musik: All of the above.

2012 – Eine Abrechnung

364 Tage und 13 Stunden sind vergangen, der Rest passt unter einen Fingernagel. Tja, da sitzt man dann wieder, sinnt dem letzten Jahr nach, erinnert sich an Schönes und nicht ganz so Schönes, hört den persönlichen Sampler mit den bedeutsamsten Stücken und verfasst die Jahresabrechnung. Heute bin ich ein bisschen früher dran als gewöhnlich. Normalerweise beginne ich das Geschreibsel erst, wenn die Dämmerung einsetzt und damit auch die für mich typische Schwermut zum Jahresende. Und normalerweise gönne ich mir dazu ein erstes Gläschen eines schönen Single Malts, gut dafür ist es noch eindeutig zu früh. Also, wie war es denn, ganz und ganz nüchtern betrachtet, das letzte Jahr?

Natürlich fällt die Bilanz sehr gemischt aus, fangen wir mit den Extremen an: Sicherlich war eine gewisse berufliche Veränderung, die auch ins Private hineinreichte, der absolute Tiefpunkt des Jahres, mit dem ich auch immer noch nicht ganz fertig bin. Es verbietet sich, an dieser Stelle Details zu erörtern. Festzuhalten bleibt, dass ich sehr sehr enttäuscht worden bin und mich ungerecht behandelt fühle. Als absoluten Ausschlag ins Positive bewerte ich die erfolgreiche Durchführung einer Wohnungssanierung nebst Neuvermietung, auch weil dieses Projekt ziemlich zäh verlief, physisch und psychisch den ganzen Skidman forderte und man nach erfolgreichem Abschluss tatsächlich ein schönes Ergebnis begehen und betrachten konnte. Etwas ganz anderes als eine erfolgreiche Serverinstallation eben.

Und dazwischen? Na, teilen wir mal ein: Politisch/Allgemein, Sozial und ganz privat: Ich denke, dass das letzte Jahr für die meisten von uns einige Nackenschläge bereithielt, deren Auswirkungen uns aber erst in Zukunft treffen werden. Tatsächlich wird unser Land von einer unfähigen Chaoskoalition regiert, deren Chefin stets auf Sicht fährt, ohne Visionen, ohne politische Idee. Lasse ich die Bundesminister vor dem geistigen Auge Revue passieren, überkommt mich bis auf ein, zwei Ausnahmen das Grauen. Ob tatsächlich ein grundsätzlicher Befreiungsschlag gelingen kann, der zu einer Entmachtung der Bankster und Finanzhaie führen muss, das steht in den Sternen. Ob wir tatsächlich fähig zu einer nachhaltigen Politik der gleichberechtigten Teilhabe in globalem Maßstab sind, daran zweifle ich, gebe aber die Hoffnung nicht auf. Ich wünsche mir einfach, dass endlich mehr Menschen die derzeit allgemein gültige Antwort „Wachstum, Konsum, Beschäftigung“ auf die Probleme unserer Welt nicht mehr glauben, weil sie eine dreiste Lüge ist.

In meinem sozialen Umfeld und bei mir stelle ich exakt die gleichen Entwicklungen fest, die auch im großen Rahmen gelten: Es dominieren der Rückzug ins Private, die Verzettelung auf Nebenkriegsschauplätzen, die stumpfe Verteidigung ererbter und gestohlener Pfründe und ängstliches Misstrauen. Schön, dass es wenigstens ein paar Menschen gibt, auf die man sich verlassen und denen man unbedingt vertrauen kann. Für mich selbst wünsche ich mir ein bisschen mehr Mut und Stringenz, wer nicht wagt…

Über gute Vorsätze zum Jahreswechsel habe ich mich immer lustig gemacht, diesmal habe ich selbst ein ganze Latte davon, teils weil die symbolische Schwelle eben für mich doch auch eine psychologische und damit eine gute Gelegenheit für Veränderungen ist, teils weil bei bestimmten Aspekten für mich die Grenze der Gleichgültigkeit und Leidensfähigkeit erreicht ist und teils, weil es einfach nicht anders geht. Große Worte, ich weiß, aber ihnen werden Taten folgen, das habe ich mir versprochen.

Einen „Guten Rutsch“ wünscht man gemeinhin zum Jahreswechsel und meint im Grunde wenig damit. Ich wünsche den Lesern von „Just skidding“ ein ganz besonders buntes Jahr 2013, auf dass wir in zwölf Monaten vielleicht eine versöhnlichere und nicht ganz so bittere Bilanz ziehen können, wie meine diesjährige ausgefallen ist.

Note to self: So viel in einem Hut. Musik: Nile, Converge.

Stöckchen

USBS

Mein erster Computer hatte eine 160 Megabyte Festplatte und natürlich ein Laufwerk für 1,4 Megabyte Disketten. Das wars an Massenspeicher. Kein CD-ROM, kein DVD-Laufwerk und USB gab es überhaupt noch nicht, das Internet für Privatanwender auch nicht. Und wenn man eine Datei transportieren wollte, benutzte man eben die heute anachronistisch wirkenden Floppy-Disks. Wenn man Glück hatte, konnten diese anfälligen Datenträger auf der Empfängerseite sogar gelesen werden. Ein Transport in der Hosentasche führte in der Regel zum Defekt. Pech, wenn das einzige Exemplar eines Referats oder eines Versuchsprotokolls dann im digitalen Orkus verschwand.

In diesem Beitrag möchte ich ein kleines Stückchen Hardware würdigen, das heute fast jeder Computerbenutzer besitzt und fast täglich benutzt. USB-Sticks sind die Maultiere der elektronischen Datenverarbeitung. Nicht nur, dass man sie zum Austausch von Dateien verwendet: Manch einer trägt die wichtigsten Bestandteile seiner digitalen Existenz auf einem Stick ständig mit sich herum. Die kleinen, robusten Speicher haben sich außerdem als Backup-Datenträger bewährt und überstehen sogar eine maschinelle Vollwäsche bei 40°C. USB-Sticks dienen dem IT-Dienstleister als Notfall-Bootmedien, Quarantäne-Station für verseuchte Dateien und sind beim kleinen Datentransport zwischendurch einfach schneller und unkomplizierter als Freigaben im Netzwerk. Mögen wir auch von Glasfasernetzen, superschnellen SSDs und Cloud-basierten Speicherlösungen umgeben sein: Wenn fast nix mehr geht, ein USB-Stick geht immer.

In einer nostalgischer Anwandlung habe ich heute mal alle meine USB-Sticks rausgekramt und abgelichtet. Tatsächlich habe ich noch alle Sticks, die ich jemals besessen habe, bis auf einen, den ich als Werbegeschenk erhielt und später dann weiter verschenkte. Man kann an den unterschiedlichen Modellen sehr gut die Evolution des Hosentaschenspeichers nachvollziehen. Das allererste Exemplar besitzt eine Kapazität von sagenhaften 64 Megabyte und nennt sich „USB Harddrive“. Als ich es für teures Geld erwarb, hantierte ich zwar schon mit 100MB-Zip-Disketten, die damals sehr verbreitet waren, trotzdem war die Usability des klobigen Riegels mit USB1.1-Stecker ein gewaltiger Fortschritt. Keine Ahnung, wie oft dieser Stick bereits formatiert wurde, welche Dateisysteme (HFS, HFS+, FAT16, FAT32, ext3, NTFS) er beherbergte und wie viele Dateien er gesehen hat. Er ist langsam, aber sehr stabil und wird heute immer noch für kleine digitale Häppchen verwendet. Erstaunlicherweise reichte mir dieser Speicher ein paar Jahre aus. Erst sehr spät legte ich mir einen neuen Stick mit USB2.0 und 2 Gigabyte Kapazität zu. Es handelte sich um ein Modell eines Billigherstellers und folglich quälte mich dieses Stöckchen mit grottigen Zugriffszeiten, lädierten Dateisystemen und defekten Dateien. Mit erstaunlicher Leidensfähigkeit verwendete ich ihn über Jahre als ständigen Begleiter am Schlüsselbund. Der Rest ist schnell erzählt: USB-Sticks wurden zu Massenartikeln, fast schon zu Einwegware und so erwarb ich nach und nach Modelle mit 4 und 8 GB Kapazität, bevor ich kürzlich einen extrem schnellen Speicher mit USB 3.0 und 32 GB als Geschenk erhielt, der den aktuellen Gipfel dieser Technologie repräsentiert.

Und die Kehrseite der Medaille? Dieses Loblied auf den USB-Stick soll zwei wesentliche Nachteile dieser praktischen Knubbel nicht verschweigen: Der private, von Viren und Würmern besiedelte Speicherstick in der Buchse des Firmenrechners (oder Servers, besonders lecker) ist der Alptraum eines jeden Systemadministrators. Und außerdem sind die Teile inzwischen so klein, dass man sie gerne verliert. Tatsächlich dürfte die Zahl der Stick-Verlierer ungefähr so groß sein, wie die der Stick-Besitzer. Wo Licht ist…

Note to self: Passabel, gemütlich, terminal? Musik: Chimp Spanner, The National.

Sauer, sicher, unterirdisch

Eine kurze, ganz individuelle Presseschau aktueller Meldungen. Beginnen wir mit zwei Bundesministern der Pünktchenpartei. „Sauer“ ist der Wirtschaftsminister Rösler, weil GM das Opel-Werk in Bochum zumachen will. Sehen Sie, Herr Minister, das ist eben Marktwirtschaft, da werden Entscheidungen im Management getroffen, etwa die, dass Opel nicht in die automobilen Wachstumsmärkte in Asien verkaufen darf und schon hat man den Salat, bzw. einen postindustriellen Großraum, der so richtig den Bach runtergeht. Was beschweren Sie sich, läuft doch alles in Ihrem Sinne. Sein Kollege, der Gesundheitsminister ist sogar „stinksauer“, weil interne Papiere aus seinem Haus an den Apothekerverband weitergegeben worden sind und das systematisch über Jahre hinweg. Lieber Herr Bahr, der wahre Skandal ist, dass man sich in Ihrem Hause die Gesetzesentwürfe von solchen Interessengruppen in die Feder diktieren lässt. Von da her können Sie den aktuellen Fall in die Rubrik „Hinterbandkontrolle“ einordnen und einfach weiter schlafen. (Sony hat übrigens gestern den Stop der Produktion von Cassettenabspielgeräten angekündigt, sic transit gloria mundi).

Ein „sicheres Stadionerlebnis“ verordnet sich mit dem heutigen Entscheid die DFL, etwas anderes war auch nicht zu erwarten. Meine eigene Haltung zu dem heiß diskutierten Sicherheitskonzept ist zwiespältig: Ich befürworte den Verbot von jeglicher Pyrotechnik im Stadion und offenbar ist eine flächendeckende Videoüberwachung der Tribünen unumgänglich, denn für so manchen Fan ist ein Fußballspiel ohne Ausraster kein solches. „Fankultur“ ist in dem Zusammenhang ein problematisches Wort. Hingegen lehne ich die Ganzkörperkontrolle am Einlass in eigens dafür aufgestellten Zelten grundsätzlich ab, denn sie entspricht im Grunde der „Prozessualen Durchsuchung“ und die setzt einen „konkretisierten Anfangsverdacht nach §102 StPO“ voraus (Das sollte man immer im Hinterkopf haben, wenn man seitens der Polizei aufgefordert wird, die Taschen zu leeren. Eben das ist nämlich Teil der körperlichen Durchsuchung. Da kann man dann einfach mal fragen: „Was wird mir vorgeworfen?“). Die Zukunft wird zeigen, in welchem Rahmen diese Durchsuchung tatsächlich durchgeführt werden, sollte man mich ins Zelt bitten, werde ich auf dem Absatz kehrtmachen und nicht mehr zum Fußball gehen. Punkt.

Der Brüller des Tages ist für mich eindeutig der gesprengte Kostenrahmen für den Bahnhof S21. Fast 7 Milliarden soll das Schmuckstück kosten, es wird noch mehr werden, verlasst Euch drauf. Als während der im Fernsehen übertragenen Schlichtung darauf hingewiesen wurde, dass die Kosten die Voraussagen weit übertreffen würden, hat die Bahn stets abgewiegelt. So, der Bund gibt nix (jedenfalls nicht vor der Wahl), das Land gibt wirklich nix, die Bahn muss selber schauen, wie sie die Löcher stopft. Als intensiver Nutzer des schienengebundenen öffentlichen Nahverkehrs freue ich mich jetzt schon auf die kommenden Preissteigerungen. Die ganz Kleinen zahlen die Mindfarts der Nieten in Nadelstreifen.

Note to self: Was ihr der geringsten Epost meiner Kunden getan habt, das habt ihr mir getan. Musik: DJ Cam, Jarabe De Palo, Jamie Cullum.