Aufgeschoben ist nicht…

Wenn ich in den letzten Monaten das zweifelhafte Vergnügen hatte, die Bemühungen der Kicker vom Tivoli im Fernsehen anzuschauen, überkam mich stets die Wehmut. Vor dem geistigen Auge entspannen sich Szenen, die an gepflegtes Kurzpassspiel, One-Touch-Football und technische Finessen erinnerten. Genauso wehmütig wird man angesichts der Leistungen von Stieber, Höger, Holtby, Schlaudraff, Pinto, Fiel in ihren neuen Vereinen. Ja, es hätte auch ganz anders und viel besser laufen können bei der Alemannia. Ist es aber nicht: Heute nun hat der Vorstand verkündet, dass der Verein, eigentlich die Lizenzspielerabteilung, d.h. die GmbH, noch nicht pleite ist. Noch nicht.

2 Millionen hat man irgendwie zusammengekratzt. Ungefähr die gleiche Geldmenge fehlt aber noch in den kommenden Wochen und die Verbindlichkeiten bis Saisonende kann derzeit niemand beziffern. Und keiner kann wirklich erklären, wie die neuerliche Finanzierungslücke eigentlich zustande kam. Wenn Heyen sich dann in der Lokalpresse mit dem Satz „Es liegt Geld auf dem Tisch“ zitieren lässt, bekommt man eine Ahnung davon, wie dubios dieses Unternehmen wirtschaftet, wie unfähig die Geschäftsführung wirklich ist.

Kraemer muss weg, soviel ist klar und er wird gegangen werden, mit einer hübschen Abfindung im Gepäck. Ob man die Verträge mit den Spielern noch nachverhandeln kann, sei dahingestellt. Ähnlich spannend ist die Frage, ob der Verein die Spielberechtigung für die dritte Liga genau so erschummelt hat, wie die Griechen die Teilnahme am Euro. Dann drohen nämlich saftige Strafen.

Soll man die Alemannia nicht pleite gehen lassen? Neu anfangen in der Amateurliga, mit Menschen die nicht um ihres Prestiges Willen, sondern wegen echter Begeisterung für den Fußball dabei sind? Ich weiß es auch nicht. Es gelingt mir kaum noch, mich emotional am Schicksal der Kartoffelkäfer zu beteiligen. Ein Kumpel hat mich neulich gefragt, ob man nicht wieder mal gemeinsam zum Tivoli gehen sollte. Hm, am 24. November kommt der derzeitige Spitzenreiter aus Osnabrück (man fasst es nicht), schaun mer mal.

Note to self: BL erstaunlich störrisch. Music: Benea Reach, Fiona Apple, A Forest Of Stars.

Ruinieren, was noch übrig ist

Das wird wieder ein Anti-Apple-Rant. Doch doch, es muss sein. Ein länglicher Artikel bei Apple Insider ist der Auslöser. Geseufzt und den Kopf geschüttelt habe ich schon ausführlich, jetzt muss der Restfrust raus. Sorry.

Ich mag iTunes. Wirklich. Ganz viele Musikliebhaber können das nicht nachvollziehen, nämlich genau die, die ihre Musik mit dem Filemanager (Finder, Explorer usw.) verwalten. Die Vorstellung eine zentrale Datenbank fürs Sortieren, Abspielen, Erstellen von Samplern, Bewerten und Brennen zu nutzen erscheint ihnen fremd. Ich finde genau das wunderbar. Gerade bei großen Musiksammlungen ist die Suchfunktion einfach saupraktisch. Die Cover-Flow-Darstellung hat wegen ihrer liebevollen Umsetzung so manchen Windowsbenutzer zu iTunes gebracht und die „Intelligenten Playlists“ sind ein absolutes Killer-Feature.

Natürlich gab es auch Kritikpunkte: Die Integration des sozialen Netzwerks „Ping“ ist zum Glück inzwischen Geschichte. Die Funktion „Genius“ war eine nette Idee, wurde aber nicht zu Ende gedacht: Beispielsweise gab es im Bereich „Alternativ Rock“ feine Verästelungen des Genres, ich hätte eine solche Unterteilung gerne bei Metal (Thrash-, Doom-, Black-, Post-, Death-, Progressive- usw.) und Hardcore (Old-School-, New-School-, Math-, Emo-, usw.) gesehen, aber man kann nicht alles haben. Dass der iTunes-Store irgendwie immer mehr um jede Ecke im Programm lugte, konnte ich noch verschmerzen. Vieles konnte man abschalten. Klar, iTunes ist in der aktuellen Version völlig überfrachtet. Beispielsweise hätte ich die Synchronisation von iPhones und iPods als externe Lösung realisiert und die Wiedergabe von TV-Serien, Filmen usw. sowieso. Eine Überarbeitung von iTunes stand also dringend an. Die erste Vorschau von iTunes 11 bringt mich aber völlig auf die Palme:

Es ist überhaupt nicht erforderlich, MacOS-Programme immer stärker an iOS anzupassen, weil die Bedienungskonzepte bei stationären und mobilen Geräten völlig anders sind. Warum wird dann die praktische Seitenleiste gestrichen? Warum wird die iCloud so integriert, dass es keine Unterscheidungsmöglichkeit mehr zwischen lokalen Dateien und Dateien auf den Apple-Servern gibt? Warum wird die Brennfunktion gestrichen? Was wird mit den von mir so geschätzten Statistikfunktionen (Anzahl Wiedergabe etc.)? Warum muss mir das Programm bei jedem eingeblendeten Album anzeigen, welche Titel ich nicht habe und welche im Music-Store verfügbar sind? Es sind noch viele Fragen offen, aber ich befürchte das Schlimmste. Und bislang hat Apple in den letzten Jahren meine schlimmsten Befürchtungen stets übertroffen. Ich werde mir die Version 10.7 jedenfalls separat downloaden und gut verwahren. Schade Apple, verdammt schade. Es ist schon bemerkenswert, mit welcher blindwütigen Konsequenz diese Firma sich lächerlich macht.

Note to self: Ah, die erste externe Bestellung! Musik: Between The Buried And Me, Black September.

Goldener Oktober

Nun ja, so richtig goldig gehts mir eigentlich nicht gerade. Aber der zehnte Monat des Jahres hat es aus musikalischer Sicht in sich, gerade so als hätten sich einige meiner Helden zu großen Würfen verabredet. Also, hören wir rein:

PII

Ich weiß noch ganz genau wie es war, als ich zum ersten Mal eine Platte von „Between The Buried And Me“ gehört habe, nämlich das Album „Colors“ aus dem Jahr 2007: Was für eine feine Melange aus Brachialem und Progressivem – subtil und skurril, verspielt und trotzdem deftig, irgendwie alles gleichzeitig! Und dazu noch unglaublich gekonnt dargeboten. Seit damals haben die Männer aus North Carolina ein weiteres Album und eine EP nachgelegt. Seit wenigen Tagen ist „The Paralax II“, also die Fortsetzung eben jener EP, endlich zu bekommen. Es handelt sich um ein Konzeptalbum, in dem es um die Seelenverwandtschaft zweier Wesen in weit voneinander entfernten Galaxien geht – verschrobener Kram also und folglich auch verbastelte Musik. Paralax II ist sicherlich das komplexeste Werk von BTBAM. Man könnte einen „Klingt wie“-Vergleich versuchen und würde bei Genesis, Yes, Queen einerseits und Anthrax, Slayer und Botch andererseits landen. Im Grunde verbieten sich solche Vergleiche, denn das Album ist so unglaublich monströs, dabei gleichzeitig elegant und teilweise berührend zart und sphärisch, dass es monolithisch wie die Cheops-Pyramide dasteht. Eines ist für mich aber sonnenklar: BTBAM haben mit diesem Werk eine Hommage an die die legendären Konzeptalben aus den 70ern abgeliefert. Sicherlich ist diese Platte nur etwas für ganz wenige Liebhaber, aber die kommen voll auf ihre Kosten. Und selbst hartgesottene Fans der Formation werden nach dem Genuss dieser 72 Minuten erst mal durchschnaufen müssen.

CV

Immer wenn ich Converge höre, frage ich mich, wie ein Mann mit chronischer Sehnenscheidenentzündung so dermaßen geil Gitarre spielen kann. Der Mann heisst Kurt Ballou und seine Band ist absoluter Kult. Converge sind ein Urgestein des Mathcore, seit 22 Jahren hauen sie der Hörerschaft mit größter Wucht auf den Allerwertesten. Dabei sollte man nie vergessen, dass diese Band eben nicht nur im Bauch und ein bisschen tiefer, sondern auch im Kopf stattfindet. Als 2009 „Axe To Fall“ herauskam war ich schlicht baff, die Kapelle hatte sich irgendwie neu erfunden. Die Platte war extrem facettenreich und strotzte vor halb versteckten Melodien und genialen Momenten, die den Hörer hinterrücks überfielen. Das neue Album „All We Love We Leave Behind“ geht wieder in eine deutlich traditionellere Richtung, trotzdem ist sie keineswegs so roh und schmutzig wie „Jane Doe“ oder „You Fail Me“, sondern sogar erstaunlich glatt und unglaublich druckvoll. Converges große Kunst besteht darin, ein auf den ersten Blick chaotisches Knäuel zu servieren, in dem erst nach und nach wohlgeordnete Feinstrukturen erkennbar werden. Bei konzentriertem Zuhören offenbart das Material auf „All We Love We Leave Behind“ eine beängstigende Souveränität – Converge befinden sich in einer Sphäre, in die 90% der aktuellen Hard- und Mathcorebands niemals vorstoßen werden. Da kann man auch gut verschmerzen, dass das Durchschnittstempo inzwischen ein bisschen abgenommen hat. Alle Hochgeschwindigkeitszocker sollten mal versuchen, ein so beißend böses Stück wie „Coral Blue“ oder eine symphonische Offenbarung wie das Titelstück hinzubekommen.

UM

Einige der allerbesten Bands der Welt sind Trios, zum Beispiel Rush, Primus oder von mir aus The Police. Damit will ich nicht sagen, dass Ufomammut aus dem Piemont in diese Kategorie einzuordnen wären, sicherlich gehören sie aber zu den experimentierfreudigeren Combos des Planeten (Scheint eine italienische Spezialität zu sein, man gebe sich mal ein Werk der Extremisten von Morkobot, aber nur, wenn man eine belastbare Magenschleimhaut hat, denn die Jungs haben definitiv einen an der Waffel). Es ist schwierig ihren Stil in ein Genre einzuordnen, sagen wir mal, es handelt sich um Space-Doom. Das neue Album „ORO: Opus Alter“ ist der zweite und offenbar letzte Teil des ORO-Gesamtwerks. Den Hörer erwartet böses Grollen und erdiges Stampfen, das sich mehr oder weniger langsam aber beharrlich auf einem kosmischen Synthie-Bett entwickelt. Obwohl oder gerade weil nichts an dieser Musik besonders raffiniert oder virtuos ist, verbreiten Ufomammut stets einen fiesen hypnotischen Sog. Das liegt auch daran, dass sie ihre Platten mehr oder weniger live einspielen, mit geringfügigen Overdubs (man hört es an den minimalen rhythmischen Schlampereien). Einziges Manko der neuen Platte: Alles ein bisschen flott, langsamer und schwerer wäre mir noch lieber.

Note to self: Pause beim Schiffeversenken. Musik: All of the above.

Gepriesen

Da haben wir Europäer ihn also, den Friedens-Nobelpreis. Was fangen wir damit an? Naja, zunächst mal reiben wir uns verwundert unsere europäischen Äuglein, denn erstens erinnert uns die Vergabe daran, dass die EU eben nicht nur aus einer Staatsschuldenkriese besteht. Stimmt, da war noch was anderes. Dann nehmen wir zur Kenntnis, dass dieser Preis auch als Aufmunterung verstanden werden muss, im europäischen Einigungsprozess nicht nachzulassen, gerade auch vor dem Hintergrund von Interessengruppen, die raus wollen aus der EU und Interessengruppen, die andere raus haben wollen. Insofern fühlt man sich an den Preisträger Obama erinnert, der dafür ausgezeichnet wurde, was er versprochen, nicht was er vollbracht hatte. Und drittens wundert man sich, dass das Nobelpreiskomitee für den Friedenspreis, immerhin eine norwegische Institution und aus den Reihen des norwegischen Parlaments rekrutiert, ein Herz für die EU hat, wo doch die Norweger den Beitritt zur EU bereits zweimal in einer Volksabstimmung abgelehnt haben.

Was ändert sich für uns Europäer durch den Preis? Nichts wesentliches. Das Preisgeld von ca. 900.000 € würde aufgeteilt auf die 502,5 Mio Einwohner der EU einen Betrag von weniger als 0,2 Cent pro Kopf ausmachen. Also könnten sich jeweils 1000 EU-Bürger zusammentun und untereinander auslosen, wer auf Kosten von Alfred Nobel ein Glas Bier trinken kann. Aber vielleicht nutzen wir die Gelegenheit, uns noch mal darüber klar zu werden, was EU eigentlich alles für uns bedeutet. Und das ist eben mehr als ohne Grenzkontrolle in Vaals eine Fritte mit Gulasch essen zu können.

Als 1957 die Römischen Verträge unterzeichnet wurden betrug der Anteil der Europäer an der Weltbevölkerung 22%. Im Jahre 2050 werden es nur noch 6,5% sein. Wenn wir es nicht lernen in verschiedenen europäischen Sprachen aber mit einer Stimme zu sprechen, dann wird die Weltgeschichte über uns hinweg gehen. Der alte Kontinent könnte nicht nur zum überalterten Kontinent, sondern zur Marginalie werden. Vielleicht verstehen wir unseren Friedens-Nobelpreis als Einladung zur wirklichen Teilnahme am Großversuch Europa, gerade weil wir so unterschiedlich sind und auch irgendwie bleiben wollen. Ah, da ist sie: Die Gelegenheit meinen Lieblings-Europäer-Witz aufzuschreiben:

In a European Heaven
The cooks are French,
The policemen are English,
The mechanics are German,
The lovers are Italian,
and it is all organised by the Swiss.

In a European Hell
The cooks are English,
The policemen are German,
The mechanics are French,
The lovers are Swiss,
and it is all organised by the Italians.

Note to self: Das eine lassen, das andere tun. Immer und immer. Musik: A Forest Of Stars, Benea Reach, Fiona Apple.

Amtlich?

Zuerst hatte ich mich ja gefreut, dass auf SPON seit ein paar Monaten in der Rubrik „Amtlich“ wichtige musikalische Neuerscheinungen vorgestellt und besprochen werden. Weniger erbaulich fand ich, dass ausgerechnet Jan Wigger, dessen selbstverliebte, abgehobene Schreibe ich einfach nicht leiden kann, einer der Rezensenten war. Und auch der Aufbau der Artikel, also die verwendeten Kategorien („Aussehen“, „Cover“, „Anspruch“), begeisterten mich keineswegs. Gut, immerhin gab es etwas metallisches im wichtigsten Online-Nachrichtenmagazin Deutschlands, da muss man Abstriche machen.

Der miese Eindruck verstärkte sich allerdings in den letzten Monaten immer mehr und das lag vor allem an der Auswahl der besprochenen Platten: Die neuen Sachen von Nile, Dying Fetus, Cryptopsy, Enslaved, Ahab, Naglfar, Cannibal Corpse? Fehlanzeige. Von etwas innovativeren Combos wie Krallice oder Ufomammut ganz zu schweigen. Gut, jeder hält eben andere Musik für höchst relevant. Aber dann findet sich in der letzten Ausgabe eine Besprechung des Albums „No Holier Temple“ von Hexvessel, das nebenbei bemerkt gute Chancen hat, im unsäglichen „Metal Hammer“-Forum Album des Monats zu werden, mehr muss man eigentlich nicht wissen. Also gut, hören wir mal rein.

HV

Hexvessel nennen ihre Musik: „Forest Folk from Finland“ und der Sänger Mat McNerney sagt über das Album:

„This is the sound of a cult, all focused on summoning the same magic, joined in prayer, haunted by the same demons.“

Joh. Wenn man dann noch das Cover gesehen hat, dann weiß man eigentlich schon Bescheid: Es handelt sich um Musik für Freizeitdruiden, Baumliebhaber und Mondanheuler. Wer gerne in dunklen, nebligen Nächten im Wald hockt, um dort auf ein Erweckungserlebnis oder die Verwandlung in ein Fabelwesen zu warten, findet hier genau den Soundtrack für solche Aktivitäten. Man verstehe mich nicht falsch: Die Musik hat durchaus was. Sie ist variabel instrumentiert, gefällig gemacht und weiß atmosphärisch zu überzeugen. Aber es ist kein Metal, es ist nicht mal Post-Metal. Es könnte Neofolk sein, oder etwas ähnlich furchtbares.

Deshalb entschuldigt sich Boris Kaiser, seines Zeichens Textchef beim „RockHard“, auch dafür, dass er diese Platte in „Amtlich“ hineingenommen hat. Damit ist es aber nicht getan. Nicht wenn gerade wirklich epochale Neuerscheinungen (s. oben) ins Haus stehen. Ich sehe diese Plattenkritik im Zusammenhang mit einer aktuellen Strömung im Bereich „Heavy Metal“, die mir überhaupt nicht gefällt, nämlich die Begeisterung fürs seicht Okkulte, blödsinnig Esoterische. Im Grunde genommen ist das der logische nächste Schritt nach Pagan-Metal, völkischer Musik und Neuheidentum. Damit will man einfach nichts zu tun haben, also ich jedenfalls nicht.

Seis drum. Vielleicht werde ich mir die Lektüre von „Amtlich“ demnächst einfach sparen. Wenn ich abstruse Besprechungen von total merkwürdigen Platten lesen will, dann lese ich deafsparrow. Da lernt man wenigstens noch ein paar schräge Vokabeln.

Note to self: Man wird wärmer. Gut, gut. Musik: Hexvessel, Black September.