Whiteout & Bluenail

Aha, der erste Schnee des Winters, der auch tatsächlich liegenbleiben kann, weil das sibirische Hoch „Cooper“ für knackige Kälte im Grenzland sorgt. Bis -9°C soll es Ende der Woche runtergehen. Es ist an der Zeit die dicken Socken und langen Unterhosen doch wieder raus zu kramen, damit hatte ich, ehrlich gesagt, nicht mehr gerechnet. Und es fieselt gleichmäßig in zarten Flöckchen weiter. Schon schön.

So schön, dass ein Kumpel anrief, um zu fragen, ob man nicht ein spontanes Ründchen im Wald drehen sollte. Sollte man. Flott mit dem Auto bis zum Waldstadion und dann in den Busch. Ein wunderschöner Spaziergang durchs berieselte Gehölz schließt sich an und das Geräusch der Stiefel im frischen Schnee, dieses ungemein satte Knacken, hat man wirklich vermisst.

Nach einem guten Stündchen werde ich wieder abgeliefert und beim Aussteigen passiert es: Ein bisschen fahrig und zu schwungvoll, die Tür, die Hand, die zu kleine Lücke. Ein echter Klassiker denke ich, während der Schmerz mir in den rechten Mittelfinger fährt, den ich sogar noch irgendwie aus dem Spalt herausbekommen habe.

bn

Die Pein der nächsten Stunden kann man in folgende Phasen einteilen: 1.) Die akute Adrenalinphase: Man kennt das ja: Erst mal ist man so ärgerlich über die eigene Blödheit und die Ausschüttung des Stresshormons tut ein übriges, da rückt der Schmerz in den Hintergrund. Diesmal nicht. Die Fingerkuppe sendet ein lautfröhliches „Ich explodiere gleich“. Ich packe mir ein paar Eiswürfel drauf. 2.) Die ist-ja alles-nicht so schlimm Phase: Der Schmerz lässt nach. Das Zwischenergebnis der vorläufigen Inspektion wirft vor allem die Frage auf, ob ich den Nagel diesmal behalten darf. Daran schließt sich sofort die zweite Frage an, nämlich wie viele Wochen ich damit zu tun haben werde. Ach ja. 3.) Die Comeback Phase: Eine gute halbe Stunde nach der fatalen Zehntelsekunde stellt sich ein solides Pochen ein, die Einblutung hat das Nagelbett erreicht und jede Berührung der Fingerkuppe bringt mich den Wolken näher.

Inzwischen habe ich mir ein munteres „Lässt sich aushalten!“ und ein „Das wächst sich raus!“ zugerufen. Es hat aufgehört zu schneien und die Wintersonne taucht die wattierte Szene in ein güldenes Licht. Lovely Cooper.

Note to self: Es ist keine Suppe mehr da. Musik: Metallica, Darkane, Disma, Beneath Oblivion, Alcest.

38/34

Klamotten kaufen, ich hasse das. Mag daran liegen, dass mir Mode und Stil ohnehin irgendwie abgehen (gibt schlimmeres). Die Sachen müssen leidlich passen, pflegeleicht und natürlich bezahlbar sein. Marken sind mir egal, Trends sind mir schnuppe, Individualität spielt sich bei mir zwischen den Ohren ab und das reicht auch. Wenn ich eine neue Hose brauche, dann steuere ich schon seit Jahren immer das gleiche Bekleidungshaus in der Aachener Innenstadt an. Auch wenn dieses zwischendurch pleite war und von der Konkurrenz übernommen wurde, hat sich in der Abteilung für Herrenoberbekleidung noch nie etwas verändert: Die Designerjeans, die Stoffhosen, die Sonderangebote – alles immer am gleichen Platz, das lob ich mir.

Mein größtes Bestreben ist, die Beschaffungsaktion mit einem für mich befriedigenden SHQ abzuwickeln. Der SHQ ist der Skidman`sche-Hosen-Quotient, den ich im folgenden kurz herleiten will. Es handelt sich dabei um das Produkt aus Kosten x Zeit, dividiert durch die Anzahl der erworbenen Hosen. Die Benennung der Größe ist folglich Eurominuten. Beispiel: Eine modebewusste junge Frau kauft im Rahmen einer 4stündigen Odyssee durch diverse Boutiquen ein Edelbeinkleid für 95 €, der SHQ beträgt entsprechend 22.800 €min. Mein heutiger SHQ errechnete sich dagegen zu 2025 €min, ein Spitzenresultat. Wer in diese Leistungsklasse vorstoßen will (ich wende mich hier ausschließlich an die mitlesenden Männer, für Frauen sind derartige Werte unerreichbar), der möge folgende Ratschläge beherzigen:

1.) Man darf bis zu 4 Teile in die Umkleidekabine mitnehmen, also nimmt man auch nicht weniger mit.

2.) Hosen unterschiedlicher Hersteller fallen bei gleicher Größenangabe unterschiedlich aus, vor allem beim Längenmaß. Man kann die Länge aber auch ohne Anprobieren vergleichen, indem man bereits als passend identifizierte und zur Auswahl stehende Hosen aneinander hält (duh!).

3.) Man(n) gehe tunlichst alleine einkaufen. Nicht nur, dass zeitaufwendige Extraschlenker entfallen („Schatz, ich guck nur mal eben bei den Blusen“), man spart sich auch die erniedrigende Kommunikation zwischen Lebenspartnerin und Fachverkäuferin („Wir suchen eine Hose für i*h*n“).

4.) Beratung durch das Personal tut nicht Not, stört sogar. Wird man trotz dicker Kopfhörer mit extrem lautem Deathmetal dennoch von der Seite angesprochen, reicht ein freundlich bestimmtes: „Danke, ich komme zurecht!“ Das ist keine Floskel Männer: Wir kommen zurecht!

5.) Es schadet überhaupt nichts ein bereits anprobiertes und für passend befundenes Modell in Mehrzahl zu erwerben. Zartere Naturen greifen zum gleichen Modell in unterschiedlichen Farbgebungen.

Der Beitrag ist jetzt schon ziemlich lang, trotzdem will ich von meinem heutigen Hosenkauf noch folgendes berichten: Zeitgleich mit mir war ein mittelaltes Ehepaar niederländischer Provenienz in der Hosenabteilung zugange. Das Beratungsgespräch lief bereits, als ich mit schnellen und entschlossenen Schritten die Jeansecke enterte. Zeitgleich mit dem bedauernswerten Ehemann, nennen wir ihn Claas, betrat ich die Umkleidekabine. Während ich bereits mit der ersten Hose befriedigt feststellte, dass sich meine Größe nicht geändert hatte, hörte ich von nebenan nach einigem Keuchen ein vernehmliches „Zu eng“. Claas musste offensichtlich dem weihnachtlichen Gespachtel nebst zahlreicher Pilsgetränke Tribut zollen. Ihm wurde aber von seiner besseren Hälfte nach Abstimmung mit der Verkäuferin ein weiteres Beinkleid in die Kabine zugereicht. Ich setzte nach 2 Treffern aus 4 zur nächsten Runde an, alldieweil Claas diesmal ein schon ziemlich ratloses „Zu lang“ vermeldete. Als ich mit dem zweiten 4er den Kabinenbereich betrat, wedelte Claas mit seinem gut gebräunten und schwarz behaarten Unterarm und der 5. zu langen Jeans hinter dem Vorhang hervor. Als ich den dritten und letzten Treffer setzte war Claas wieder bei „Zu eng“ angelangt. Er hörte sich völlig verzweifelt an, auch weil seine Frau begonnen hatte, seine Körperform mit niederländischen Sticheleien zu beschreiben, die ich leider nicht mit hinreichender Authentizität wiedergeben kann. Dabei warf sie der Verkäuferin verschwörerische Blicke zu. Ich verließ die Szene Richtung Kasse. Armer Claas!

Note to self: Fritz! und Annex A. Mir bleibt nichts erspart. Musik: Schroeder Roadshow, The Jimi Hendrix Experience.

Wer den Schaden hat…

…der spottet jeder Beschreibung, oder so. Wer an dieser Stelle eine Stellungnahme zu der politischen Null erwartet, die sich zurzeit Bundespräsident nennt, der liegt völlig daneben. Es folgt vielmehr ein Rant zum Thema „Die Schattenseiten der Tätigkeit von Logistikunternehmen“. Tja.

Produktauswahl, Preisvergleich, Bestellung und Bezahlung, all dies findet ja heutzutage vor dem Bildschirm statt, während man bequem auf dem Hintern sitzt. Perfekt wäre es, wenn die Ware auch noch heruntergeladen werden könnte, oder sich auf wunderbare Weise im eigenen Wohnzimmer materialisieren würde. Man stelle sich das vor: Ein Knistern, ein Knacken, etwas rosa Rauch und schon steht der neue Flachbildschirm anschlussfertig da. Ein Traum und leider noch Zukunftsmusik, denn nach Abschluss der Bestellung treten die modernen Geißeln der Wohlstandsgesellschaft auf den Plan: DHL, DPD, GLS, Hermes, UPS und wie sie alle heißen.

Bekannt ist, dass die Lohnsklaven, die für diese Unternehmen tätig sein müssen, mit unverschämt niedrigen Pauschalentgelten abgespeist werden. Kein Wunder, dass die Paketboten im Durchschnitt eher übelgelaunt und übermüdet rüberkommen. Auch kein Wunder, dass der Bote mit der Sendung im Parterre hinter der Eingangstür wartet und das Paket eben nicht die Treppe heraufbringt. Daran hat man sich schon gewöhnt. Der Moment der Überraschung kommt dann, wenn man die Verpackung öffnet und die Ware in Augenschein nimmt:

G5

Hübsch, gell? Natürlich will mein Kunde diesen verbeulten Rechner nicht. Die Transportverpackung der Sendung war übrigens vorbildlich: Jede Menge Pappe, Polster, ein stabiler Karton und einige „Vorsicht zerbrechlich“ Aufkleber. Da fragt man sich: Was hat der Carrier mit diesem Paket angestellt? Sind die Jungs in der Mittagspause mal ein bisschen mit dem Stapler drübergefahren? Ist der G5 spontan auf der Autobahn vom Laster gehüpft? Ist die Sendung von Thors Hammer getroffen worden?

Den Ärger habe ich jetzt: Erst habe ich mir ein Auto organisiert, um den Rechner im Paketshop abholen zu können, denn natürlich war ich zum Zeitpunkt des Zustellversuchs auf Arbeit. Dann habe ich die 22,4kg schwere Workstation durch eine Fußgängerzone gebuckelt, wo sich der Paketshop sinnigerweise befindet. Das gleiche darf ich jetzt wohl noch mal durchführen, die Austauschware ist bereits unterwegs. Naja und den defekten Rechner darf ich dann auch noch zum Shop transportieren. Neben dem dicken Hals werde ich also auch noch etwas für den Umfang meiner Oberarmmuskulatur tun.

Ich hätte keine Scheu den beauftragten Paketdienst zu nennen, aber da derartige Unverschämtheiten bei allen Unternehmen auftreten, bringt das nix. Jedenfalls ist es eine bodenlose Sauerei, wie heutzutage mit Paketen umgegangen wird. Da wünscht man sich die Zeiten der Bundespost zurück. Den Verursachern dieses Transportschadens würde ich den ramponierten Boliden gerne mit Schwung vor den Schädel knallen. Am besten gleich zwei- dreimal hintereinander.

Note to self: iBook fast im Schlaf. Von mir aus gerne wieder. Musik: Edvard Grieg, Fernando Sor, Federico Moreno Torroba.

Todendorf

TD

Wir bilanzieren in Säcken. Ein voller Sack ist ein guter Sack. Ein sich im Keller befindender voller Sack ist ein perfekter Sack. Ein leerer Sack ist ein Sack, der zu füllen ist. Mehr kann man, ohne allzuweit auszuholen, nicht darüber schreiben.

Note to self: Sorgen? Lachhaft. Musik: PJ Harvey, Amebix, Marduk.

ducal, Martell & me

Die kleinen fiesen Entscheidungen höhlen aus, Ding für Ding, Frage für Frage. Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten wohin auch immer. Das wäre ein Anfang, aber so leicht ist es nicht. Wir haben ein kompliziertes System ersonnen, einen Schrank mit unzähligen Schubladen, darin so viele „Neindankes“ und „Jabittes“, dass es uns erschlägt. Wir bilden uns eine Menge ein auf die Werke unserer Hände, auch wenn sie gegen eine Amöbe Schund und Stückwerk sind und nur auf Müllhalden und Scheiterhaufen enden können. Davor dienen sie uns dazu, uns voneinander zu unterscheiden, denken wir. Noch weiter davor gebären sie falsche Wünsche und fade Träume, lehren uns, wie leicht man sich zum Sklaven machen kann.

Wir können uns nicht mal Frühstück machen, ohne über Leichen zu gehen. Jedes Krümelchen, jedes Körnchen, jedes Flüschen, das wir bei uns haben, hat schon einen anderen unglücklich gemacht. Mit jeder Beschaffung, jedem „Ich will“ setzen wir den Verrat an unserer Spezies fort. Mit jedem „Ich habe“ mauern wir uns ein Stück weiter ein. So bleiben wir geborgen in einem Kokon aus Abfall, der dauerhafter ist als wir selbst. Ein Sarg aus Plastik, darin ein bisschen Kohlenstoff, ein bisschen Stickstoff, ein kleines bisschen Schwefel und sehr viel Wasser. Es ist eine Gnade, dass wir nichts davon mitnehmen können. Es ist eine Schande, dass wir genau das so heftig bedauern. Dunkle Materie, wir verstehen und verstehen doch nicht.

Zigaretten und Weinbrand, aber in Maßen. Kein Rausch kann milde stimmen, keine Vergiftung beim Davonstehlen behilflich sein. Wäre nichts da, mir den Blick zu verstellen, würde eine Menge fehlen. Ein Irrer inmitten von Verrückten, dessen Wut eine Geschichte vom Abfinden schreiben muss. Ein Feigling inmitten von Deserteuren, dessen Angst fern der Front kleingekocht werden soll. Ein Kretin inmitten von Volltrotteln, dessen Scham sich tief in der Nacht mit der Welt versöhnen will.

Sandkasten Kasinostraße

Unter all den Meldungen, die am Neujahrstag in den lokalen Onlinemedien veröffentlicht wurden, ragt eine heraus: In der Silvesternacht wurde bei mir um die Ecke ein Haus besetzt. Ja tatsächlich! Ein kleiner Trupp von vermummten Aktivisten hat sich des leerstehenden Gebäudes (Kasinostr. 55) bemächtigt, um „sinnvolle Widerstandsformen gegen neofaschistische Formierung, rassistische Ausgrenzung, sexistischen Normalzustand und soziale und politische Repression“ zu finden.“ Wow! Aachen als Keimzelle für eine neue Massenbewegung gegen so ziemlich alles, was uns unter den Nägeln brennt? Respekt!

Die Polizei jedenfalls nimmt die Aktion durchaus ernst und sperrt erst mal die Kasinostraße in beiden Richtungen. Diese Maßnahme hätte an einem normalen Werktag zu ganz besonders unschönen Szenen geführt. In der Haut der Beamten an der Absperrung hätte ich nicht stecken mögen. Nach und nach sickern Informationen zum Objekt und zur Aktion durch: Das Haus steht leer, weil es demnächst von Grund auf saniert und umgebaut werden soll. Die Besetzer suchen den Schulterschluss mit den Ortsansässigen und bitten um Spenden: Nahrungsmittel, Decken, Tabak und Blättchen. Auf der Straße kommt es zu einem Unterstützungsbrunch am gedeckten Tisch (samt durchaus bourgeoiser weißer Tischwäsche) durch Nachbar_innen, Spender_innen werden lobend erwähnt, die Unterstützer_innen zu Solidaritätskundgebungen aufgefordert. Möglicherweise schlafen die aber noch ihren Silvesterrausch aus. Es tut sich wenig.

BB

Allerdings bekommen die Besetzer Besuch, erst vom hiesigen Polizeipräsidenten, dann von einem Bundestagsabgeordneten der Linken. Auf der Webseite zum Projekt (s.o.) werden regelmäßig Updates gepostet: Die GSG9 soll sich bereits im Anmarsch befinden (Joh Leute!), von Taschenkontrollen unbeteiligter Passanten wird berichtet. Auf den Webseiten von AN und AZ diskutieren Sympathisanten und Kritiker mit ungewohnter Heftigkeit. Diese Kommentare werden wiederum auf der Projektseite diskutiert. Zu einer Einlassung eines gewissen „Andreas Kampe“ (Wir wissen, wo dein Auto steht!) lesen wir dort:

„Sein Ausfall strotzt vor strukturellem Rassismus und legt dabei en passant die Ausgrenzungsmechanismen offen, die unsere Scheißgesellschaft Tag für Tag und seit immer konstituieren. Nie wieder Deutschland! „

Hammer! Armes Deutschland! Aber offensichtlich sind die Besetzer zum Äußersten entschlossen. Mit der Ausrufung der neuen deutschen Räterepublik von der Burtscheider Brücke aus ist stündlich zu rechnen.

Es kommt anders: In der Nacht wird verhandelt. Nach Begutachtung der Schäden am Objekt durch ein Mitglied des Stadtrats wird die Kurzzeitbesetzung beendet:

„Der Eigentümer hat nach langen Verhandlungen den BesetzerInnen absolute Straffreiheit seinerseits garantiert (sic!). Auch die Staatsanwaltschaft war gezwungen, nicht weiter gegen die im Haus verbliebenen Personen zu ermitteln (wow!). Alle Verbliebenen sind wohlbehalten und ohne Personalienkontrolle und mit sämtlichem Equipment raus.“

Tja Leute, so wird das aber nix mit „Nie wieder Deutschland!“ da müsst ihr schon ein bisschen ausdauernder und ausgekochter werden. Wie wäre es das nächste Mal mit einem Trainingslager im Öcher Bösch im Vorlauf? Versteht mich nicht falsch, angesichts des Mangels an bezahlbarem Wohnraum in Aachen hätte eine gut vorbereitete und plausibel begründete Aktion durchaus mein Wohlwollen gefunden. Den „sexistischen Normalzustand“ hätte man ja später immer noch angehen können, nicht wahr. Tröstet euch: Auch der Verfasser dieser Zeilen hat mal an der Zerstörung einer Mercedes-Limousine mitgewirkt und dabei „Feuer und Flamme für diesen Staat!“ gebrüllt. Hat aber nix geholfen. Schade auch.

Note to self: Einwerfen und gut ist. Musik: Keine.