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Mut zur Lücke haben die Macher von Alemannia Aachen in der jüngeren Vergangenheit genug gehabt, gemeint ist hier natürlich die Finanzierungslücke. Grundlage dieses Muts war die tiefe innere Überzeugung, die öffentliche Hand, also Land und Kommune, würde im Zweifelsfall schon die Schatulle öffnen und den Fehlbetrag ausgleichen. Davon ist zurzeit nicht auszugehen. 800.000 € will die DFL sehen, damit die Lizenz für den Spielbetrieb in der zweiten Liga (und seit Samstag kann man ja wenigstens wieder ein bisschen darauf hoffen, dass die Klasse gehalten werden kann) weiterhin erteilt werden kann. Woher soll das Geld kommen?

Ich sage: Nicht von Stadt und Land! Ernsthaft: Die Quersubventionierung des Volksspektakels „Profi-Fußball“ hat inzwischen Besorgnis erregende Ausmaße angenommen. Eine weitere Steigerung auf Kosten der Allgemeinheit ist nicht hinzunehmen. Der Rahmen der öffentlichen Bürgschaften ist, so weit ich weiß, vollständig ausgereizt.

Ich sage: Nicht von den Fans! Wir haben Stadionanleihen, sehr hohe Eintrittspreise und unverschämt hohe Preise für Devotionalien über uns ergehen lassen, aber jetzt ist der Kanal voll. Gerade in einer Stadt wie Aachen, mit hoher Arbeitslosigkeit und vergleichsweise geringem Durchschnittseinkommen, sollte man an dieser Stellschraube nicht weiter drehen.

Ich sage: Es muss jetzt ein tragfähiges Gesamtkonzept mit den privaten Geldgebern und Sponsoren gefunden werden. Die beteiligten Kreditinstitute sollten wissen, dass die Aussicht, das ausgereichte Geld jemals wieder zu sehen, nur dann zu realisieren ist, wenn man dem Schuldner nicht den Hals zudreht. Eine Umschuldung, die die derzeitige Geschäftsführung nun mit noch mehr Nachdruck einleiten muss, ist der einzige Weg. Wir dürfen leider nicht damit rechnen, dass, wie bei den Löwen aus München, plötzlich ein Scheich mit dicker Börse um die Ecke kommt. Gerade dieses Beispiel und die Entwicklungen bei 1860 in den letzten Tagen zeigen auch, wie trügerisch die Hoffnung auf Rettung aus privater Hand ist und welche Machtspiele damit verbunden sein können. Trotzdem bleibt diese Lösung im Falle der Alemannen der einzig gangbare Weg.

Die Erfahrung lehrt, dass Profi-Fußball ein Geschäft ist, das nur in Ausnahmefällen mit Gewinn zu betreiben ist. Selbst Welt-Vereine wie Real Madrid und Barca zeigen, dass dies kaum gelingen kann. Wenn also Zuschüsse zu diesem Verlustgeschäft mehr oder weniger ständig erforderlich sind, dann können diese Mittel nur von Fußball-Verrückten kommen, die entsprechend solvent sind. Im Grunde offenbart sich an dieser Stelle eine Parallele zu der aktuellen europäischen Schuldenkrise. Auch wenn es wünschenswert wäre, die chronische finanzielle Unterversorgung von Staaten und Fußballvereinen lässt sich nicht so einfach beseitigen. So klein können die Brötchen leider gar nicht sein. So lange immer nur den Kleineren die Luft ausgeht und genügend übrig bleiben, um den Schlamassel auszubaden, so lange wird es keine rigide Einschränkung der Ausgaben geben, weil die Gläubiger zu gut daran verdienen. Ein Teufelskreis und nur eine Abänderung des Prinzips von Zins und Zinseszins könnte daran etwas ändern.

Note to self: Besser, zum Glück. Musik: ANNA1.

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Die Zuständigen

Man kann ja von Frank Walter Steinmeier halten, was man will. Sein ganz merkwürdiger Auftritt am Abend der letzten, für die SPD so katastrophalen Bundestagswahl wird mir immer im Gedächtnis bleiben. Bei der jüngsten Debatte zum Rechtsterrorismus (ja, da muss ich noch mal nachhaken, die Vorfälle sind so unglaublich entlarvend für die Ermittlungsbehörden, da kann ich nicht anders) im Bundestag hat er aber den Nagel auf den Kopf getroffen. Er sagte: „Wir brauchen den Anstand der Zuständigen“ (noch vor dem „Aufstand der Anständigen“). Davon ist leider bislang nicht viel zu sehen.

Inzwischen gibt es fast jeden Tag neue Verhaftungen und Details zu den unglaublichen Verbrechen der „Braunen Zelle Zwickau“ und ihrer logistischen Basis im neofaschistischen Sumpf. Bezeichnend fand ich die zerknirschten Stellungnahmen der politisch Verantwortlichen nach der außerordentlichen Sitzung des Innenausschuss. Was dort an Hilflosigkeit, Intransparenz und offensichtlichem Versagen offenbart wurde, das schlug selbst das konfuse Gestammel unseres überforderten Bundesinnenministers auf der PK nach dem Bekanntwerden der Ereignisse. Wenn ich lesen muss, dass wichtige Unterlagen beim Verfassungsschutz des Landes Thüringen inzwischen nach 5 Jahren Aufbewahrungsfrist vernichtet wurden, wohingegen Akten zu extremistischen Islamisten bis zu 15 Jahren vorgehalten werden, dann kommt mir die Galle hoch.

Dass die Union jetzt wieder die Vorratsdatenspeicherung aus der Mottenkiste holt, kann nicht überraschen. Trotzdem ist an dieser Stelle zu bemerken, dass mit dem Gesetz zum sogenannten „großen Lauschangriff“ die Grundlagen für eine effektive Überwachung von Bürgern, die schwerer Straftaten verdächtig sind, bereits gegeben sind. Der Verlauf der Ermittlungen gegen die so genannte „Sauerland-Gruppe“ beweist dies. Was soll da der Generalverdacht gegen Millionen von Unbescholtenen? Auch die geforderte Zusammenlegung von Polizei und Geheimdiensten ist eine untaugliche Maßnahme, denn die Zusammenarbeit der beiden Organe ist längst Realität, aber ihre Trennung schützt den Bürger, der eben nur ein bisschen Dreck am Stecken hat, vor staatlicher Willkür a la Gestapo.

Wenn über NPD-Verbot und V-Mann-Unwesen diskutiert wird, denke ich mir vor allem eines: Wären wir nicht viel weiter, wenn rechte Gesinnungstäter einfach die ganze Härte des Gesetzes unter dem gegenwärtig gültigen rechtlichen Rahmen zu spüren bekämen? Was nützt ein jahrelanges Verbotsverfahren, wenn am Tag nach dem Urteil einfach eine neue rechtsradikale Partei gegründet wird? In der Lokalpresse lesen wir heute, dass zwei Straftäter aus der KAL (Kameradschaft Aachener Land) durch die Hinweise eines V-Manns dingfest gemacht wurden. Schön. Und dann lesen wir, dass beide, obwohl sie unter anderem Sprengstoffanschläge mit Splitterbomben geplant haben, nur zu einer Bewährungsstrafe verurteilt wurden. Da fällt mir dann auch nichts mehr ein.

Note to self: Beule entbeult, und tolle Wurst. Komme ich davon? Musik: Massive Attack, Megadeth, The Whitest Boy Alive.

Der Boden und acht Füße

An der Heizungsanlage vorbei, durch die seit Jahren bekannte Doppeltüre ins Freie. Eiskalte klare Novembernacht, ein paar Sterne und der gleichgültige käsegelbe Mond über Alsdorf mit einem Rest von Dunst an der Backe. Die Luft, die ich in mich reinpumpe, schmeckt nach rostigem Metall. Alles ist, gar nichts ist, wie immer.

Ein paar Meter hinter mir, verborgen hinter Sichtbeton, der Raum „Luftschutz II“, darin zwischen Verstärkern, Gitarren, Kabeln, Trommeln, Becken und leeren Flaschen ein Mann. Der Mann. Der Mann mit den Nerven. Wovon man nicht sprechen kann, davon soll man nicht schreiben. Ich wünschte, es würde schneien. Wir könnten Spuren machen, zu viert, mit gleichmäßigen Schritten, nachher. Die Treppe herunter, am verlassenen Sportplatz vorbei, beklatscht von den Kaninchen. Und eins raunt dem anderen zu: „Wie gerade sie sich halten!“

Annas Herz sollte schlagen, laut wie Düsenjäger, langsam und stetig wie Zeppeline. Es sollte Löcher in die Luft stanzen, die beizeiten gefüllt werden. Löcher stopfen, wo dunkle Vorahnungen waren. Dazu kommt es nicht. Wir stehlen uns davon, vereinzelt, verloren. Heute Abend macht keiner seinen Frieden. Wir wollen weinen, aber können nur schweigen. Nächste Woche gehen wieder 8 Füße in den Keller. Nicht zum Lachen.

Note to self: Und du? Musik: Massive Attack, Totomoshi, The Gutter Twins.

Metallisches im zweiten Halbjahr

Natürlich, natürlich: Die zweite Jahreshälfte ist noch gar nicht ganz durch. Aber erfahrungsgemäß nimmt die Zahl beachtenswerter Neuerscheinungen im Bereich Metal spätestens ab Mitte November drastisch ab (Na gut, die Neue von „Lamb Of God“ ist für den 24.11. angekündigt, da freue ich mich sehr drauf.), von da her ist es nicht zu früh, die wichtigen Releases der Sommer- und Herbstmonate zu besprechen. Hören wir rein:

WITTR

Den Anfang machen diesmal „Wolves In The Throne Room“ mit ihrem Album „Celestial Lineage“. Diese amerikanische Band hat es durch einige sehr feine Langrillen, angefüllt mit atmosphärischem modernen Black Metal, zu erstaunlicher Bekanntheit gebracht. Die Mitglieder leben auf einer Farm im Bundesstaat Washington und beschäftigen sich dort nicht nur mit Musik, sondern auch mit dem ökologischen Anbau von Gemüse. „Celestial Lineage“ soll nach Angaben der Band das letzte Album von WITTR sein, mithin handelt es sich hier um ein musikalisches Vermächtnis. Ein schwer verdauliches Vermächtnis. Die zum Teil überlangen Tracks gehen ganz deutlich in Richtung Drone bzw. Funeral Doom. Angedeutete Kirchenorgeln, esoterische Schlagwerkerei, New Age Synths, allerhand merkwürdige Samples, Schamanen- und Elfengesänge und skurile Akkordfolgen gesellen sich zu ganz schweren Gitarren. Wenn es dann zwischendurch doch mal ein bisschen halbwegs traditionellen Black Metal gibt, dann ist die Abmischung, vor allem der Schlagzeugsound, dermaßen bescheiden, dass man sich mit Grausen abwenden möchte. Ich bin von diesem Album mehr als enttäuscht. WITTR waren mal eine hochinnovative Band, inzwischen sind sie nur noch ein Schatten ihrer selbst. Die Platte sei all denen ans Herz gelegt, die sich gerne bei Vollmond, gehüllt in alte Flokatis, an Kreuzungen von Feldwegen treffen, um dort makrobiotische Möhrchen zu knabbern. Alle anderen können auf die Scheibe verzichten.

MTH

Wir legen die neue Platte von „Mastodon“ mit dem Titel „The Hunter“ in den CD-Player und fragen uns: Ist das noch Metal? Das haben wir uns schon bei der letzten Veröffentlichung „Crack The Skye“ gefragt. Jenes Album enthielt vor allem Tracks epischer Länge, die völlig verwurschtelt und verkopft waren. Eigentlich mag ich solche Musik ganz gerne, aber „Crack The Skye“ war mir schon eine Spur zu unzugänglich. „The Hunter“ kommt da viel griffiger und weniger sperrig rüber. Stilistisch präsentiert sich das Quartett aus Atlanta ungeheuer variabel und gereift. Stücke wie „Curl The Burl“ oder „Spectrelight“ gehen als harter Stoner Rock durch. Dagegen bieten Kompositionen wie „Creature Lives“ oder „Thikening“ fast klassischen Progressive Rock mit psychedelischen Einsprengseln. Beachtlich finde ich, dass Mastodon es schaffen die sehr unterschiedlichen Stücke des Albums trotzdem mit einem roten Faden zu verweben. Ebenfalls beeindruckend ist, dass die Band auf Grundlage durch und durch klassischer Ansätze sehr innovative und mutige Wege geht. Die Produktion ist transparent und trotzdem schön warm, einfach meisterlich. Mit „The Hunter“ ist den Amerikanern ein echter Meilenstein gelungen, der nicht beim ersten Durchhören zündet, sich dann aber umso nachhaltiger in den Hirnwindungen festfrisst. Und? Ist das noch Metal? Wahrscheinlich nicht, es ist eher das Album, das Kyuss noch gerne aufgenommen hätten, aber es ist hinreißende und wegweisende Musik.

TD

In der Rubrik „Hart, handgemacht und aus Holland“ haben sich „Textures“ aus Tillburg mit ihren Alben still und heimlich Stufe um Stufe ganz nach oben gearbeitet. Spätestens seit „Silhouettes“ aus dem Jahr 2008 sind sie in der „Eredivisie“ angekommen und das neue Werk „Dualism“ untermauert diesen Rang, deshalb veröffentlicht man jetzt auch bei „Nuclear Blast“. Zwar ist die aktuelle Scheibe deutlich melodischer ausgefallen, das liegt vor allem am neuen Vokalisten Daniel de Jongh und seinem sehr ausdrucksstarken Klargesang, doch finden wir alle Stilelemente wieder, die die Musik von „Textures“ bislang auszeichnete: Viel Polyrhythmik, eher komplizierte Songstrukturen, songdienliche Gitarrenarbeit und das sehr eigenständige, verspielte Schlagzeug von Stef Broks. Auch der neue Keyboarder leistet Überzeugendes und sorgt für Akzente und füllende Untermalungen in den ohnehin sehr ausgefeilten Arrangements. „Textures“ finden immer wieder das richtige Maß von Frickeligkeit einerseits und balladesker Eingängigkeit andererseits. Für mich ist das genau die richtige Musik zum Bahnfahren, Spazierengehen und Tagträumen. Das einzige Manko der aktuellen Platte ist die etwas teigige, flache Produktion, bei der die Rhythmusgruppe insgesamt zu weit vorne ist. Sonst ein sehr schönes, solides Album mit einigen echten Ohrwürmern („Consonant Hemispheres“, „Reaching Home“). Weiter so!

SF

Was muss man über Sólstafir wissen? Naja, sie starteten mit klassischem Viking Metal, nicht unbedingt mein bevorzugtes Genre, und haben sich inzwischen mit einer sehr eigenständigen Mischung von Post Rock, Doom und Psychedelic Rock einen Namen gemacht. Das Album „Köld“ wurde von vielen Metalheads als epochaler Tonträger gefeiert. Ich konnte ehrlich gesagt nicht so furchtbar viel damit anfangen. Hören wir mal rein in die Neue namens „Svartir Sandar“ (Schwarzer Sand). Gesungen wird konsequent auf Isländisch, denn Sólstafir kommen aus Reykjavik. Entsprechend handeln die Stücke von viel zu kalten und viel zu dunklen Wintern. Und da wir schon beim Gesang sind: Ich werde mich nie an diese heiser-hysterische, gepresste Pseudofalsettstimme gewöhnen können. Zwar wird dem Hörer durch die gequälte Vokalperformance sehr eindrücklich klar gemacht, dass es ganz furchtbar sein muss in Island zu leben, aber diese Tristesse kann man auch anders verarbeiten. Die kompositorischen Möglichkeiten von „Sólstafir“ sind, um es mal vorsichtig zu formulieren, sehr sehr eingeschränkt. Die Melodien und Akkordfolgen sind abgegriffen und simpel, die Arrangements minimalistisch und ausdrucksschwach. Die technischen Fertigkeiten der Instrumentalisten liegen teils, man muss das so hart ausdrücken, auf dem Niveau einer unterdurchschnittlichen Schülerband. Mir ist völlig unbegreiflich, wie man um diese Kapelle und ihre Werke einen solchen Kult veranstalten kann.

MHL

Nun noch eine Platte zum äußerst versöhnlichen Abschluss: Bereits die letzte Veröffentlichung von „Machine Head“ namens „The Blackening“ war eine Wucht und knüpfte an die großen Zeiten dieser begnadeten Thrash Metaller an. Das Quartett aus Oakland hat mit „Unto The Locust“ nochmal einen draufgelegt. Das Album ist bei mir in Dauerrotation und vor allem das Stück „Darkness Within“ hat sich als absoluter Burner entpuppt. Einerseits ist „Unto The Locust“ ein klassisches Thrash Album, das sich unumwunden zu den hardrockigen und punkigen Wurzeln bekennt, immerhin enthält die Extended Version ein Cover des Judas Priest Stücks „The Sentinel“. Andererseits ist eine konsequente Weiterentwicklung des Stils von „Machine Head“ ablesbar und außerdem hat Robert Flynn angeblich inzwischen Gesangsunterricht genommen. Manche behaupten „Unto The Locust“ sei ein Progressive Metal Album. So weit es die Gitarrenarbeit anbelangt, kommt das hin. Auch das Schlagzeug enthält durchaus Elemente, die weniger an Thrash und Groove angelehnt sind, sondern eine lautmalerische Funktion übernehmen. Was mich aber vor allem anderen überzeugt, ist die Tatsache, dass sich einige Beispiele für wirklich gekonntes Songwriting auf der Platte befinden. Genannt seien das Titelstück „Locust“, „Pearls Before The Swine“, „This Is The End“ und natürlich das bereits erwähnte „Darkness Within“, das sich auch in einer sehr schönen und schlichten Akustikversion auf der Platte findet. Leichte Abzüge gibt es für die Metalhymne „Who We Are“, die geht mir zu sehr Richtung Manowar. Aber sonst ein prima Album meine Herren.

Bevor ich jetzt anfange über gänzlich abseitige Alben zu schreiben, wie beispielsweise die neuen Werke von „Lantlôs“, „Farsot“, „Necros Christos“ oder die schöne neue Platte von „Thrice“ mache ich den Laden zu.

Note to self: Madame voll der Gnaden. Was für ein merkwürdiger Film ist das? Musik: All of the above.

War das etwa Terror?

Subsummieren wir: Neun extremistisch motivierte Morde, verübt an Kleinunternehmern mit Migrationshintergrund und zwei Bombenattentate zwischen 2000 und 2006. Dazu ein feiger Mord an einer Polizistin, Brandstiftung und mindestens ein Banküberfall. Wie liest sich das? Nun, ich würde sagen das liest sich wie die schwerste terroristische Bedrohung der Bundesrepublik seit dem „Deutschen Herbst“. Und die Ermittlungsbehörden? Die tappen im Dunklen. 24 Ordner mit Ermittlungsunterlagen zur „Braunen Zelle Zwickau“ hat der Verfassungsschutz übergeben. Trotzdem können wir festhalten, dass sich in den vergangenen 11 Jahren in unserem Land eine beispiellose Serie schwerster Verbrechen zugetragen hat, ohne dass der Staatsapparat nennenswerte Erkenntnisse zur Identität, Vernetzung, Sympathisantenszene und zur Verwicklung so genannter V-Leute in die Geschehnisse gewonnen hat. Das ist, um es mal vorsichtig zu formulieren, die kompletteste Bankrotterklärung der Ermittlungsorgane, die wir in Deutschland seit 1949 konstatieren dürfen.

Die Experten streiten sogar darüber, ob es sich in diesem Falle überhaupt um Terrorismus handelt; es fehle die Selbstbezichtigung, also Bekennerschreiben und der zur Schau gestellte Stolz auf die eigenen Untaten. So, dann vergleichen wir mal: In den vergangenen Jahren brannten zunächst in Berlin, dann in der ganzen Republik zahlreiche Autos. Ich will diese Brandanschläge nicht beschönigen, aber daran erinnern, dass ein wahrer Sturm der Entrüstung durch bundesdeutsche Landeskriminalämter zog. Jeder Law-and-Order-Politiker aus dem konservativen Lager ließ sich mit Beschwörungsformeln zum neuen linken Terror zitieren. Es fehlt bei der Bewertung von terroristischer Gewalt von rechts und links ganz offensichtlich an einer realistischen Einordnung und der alte Vorwurf aus der Weimarer Republik, dass der Staat auf dem rechten Auge blind sei, drängt sich auf. Da fällt einem sofort das Oktoberfest-Attentat von 1980 ein, der schwerste Terrorakt in der Geschichte der BRD, verübt von einem Rechtsradikalen aus dem Umfeld der Wehrsportgruppe Hoffmann, der bis heute im Grunde nicht zufriedenstellend aufgeklärt ist.

Die interessierte Öffentlichkeit wird hoffentlich bei den aktuellen Ereignissen sehr genau darauf achten, ob etwaige Verstrickungen, oder bloße Versäumnisse des Verfassungsschutzes hinreichend aufgeklärt werden. Und wir werden verfolgen, ob eine etwaige Beteiligung der rechten Unterstützer-Szene an den Verbrechen der Mundlos-Zschäppe-Böhnhardt-Bande mit der gebotenen Intensität verfolgt wird. Die Sache stinkt zum Himmel, so viel ist klar.

Note to self: Vier Räder zu wenig. Musik: Megadeth, Amy MacDonald.

Nager

Und wieder ein Maus-Beitrag. Nein, keine Bange, jenes an dieser Stelle bereits ausführlich behandelte renitente Nagetier ist nicht Thema, sondern das von den meisten Menschen intensiv benutzte Eingabe- und Zeigegerät für den Computer. Wie langweilig? Na, mal sehen:

Man kann Computernutzer in Mausschubser und Keyboarder unterteilen, oft genug ist damit auch eine Charakterisierung des informations-technologischen Durchblicks verbunden. Den Keyboardern wird nachgesagt, dass sie alle Shortcuts ihrer Programme auswendig kennen und sich ansonsten am liebsten den ganzen Tag auf der Konsole herumtreiben, wo sie mehr oder weniger Kryptisches in die Tasten hauen. Die Mausschubser gelten dagegen als ahnungslose arme Würstchen, die ohne ein buntes GUI mit Schaltflächen, Kästchen zum Ankreuzen und Icons verloren wären. Darunter kommen in der digitalen Hierarchie dann nur noch die E-Mail-Ausdrucker.

Seis drum: Die Auswahl des richtigen Nagers stellt den durchschnittlichen User mitunter vor erhebliche Probleme. Natürlich gibt es auch solche, die einfach irgendwie mit jeder vorhandenen Maus zurechtkommen. Wenn man sich aber jahrelang an ein bestimmtes Modell gewöhnt hat und dann umsteigen muss, dann fallen die ersten Schiebeübungen meist unerwartet schwer. Nicht nur, dass heute Mäuse am Start sind, die über Extrafunktionen en masse und programmierbare Zusatztasten verfügen, nein: Form, Größe, Gewicht und Reibungswiderstand sind wichtige Kenngrößen, die darüber entscheiden, ob man eine Maus (früher schrieb man immer Mouse, gell) richtig liebgewinnen kann. Abgesehen davon ist das auch eine Frage der Ergonomie am Arbeitsplatz und der Mausarm, mit dem der Verfasser auch schon zwischenzeitlich Bekanntschaft machen musste, ist eine der häufigeren Berufskrankheiten unseres Zeitalters.

Meine ganz persönliche Maushistorie sieht so aus:

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Meine erste: Die typische Performa-Maus der 90er Jahre: Beige, einigermaßen leicht, mit Kugel, die immer verschmutzte und natürlich nur mit einer Taste, Rechtsclick war etwas für Windows-Idioten.

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Im Institut benutzte ich dann zunächst die klassische Mac-Maus, ebenfalls beige, immer versifft, ziemlich ausgeleiert aber extrem kultig. Natürlich nur eine Taste, Rechtsclick war immer noch etwas für Windows-Idioten.

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Die so genannte Pro Maus kam mit dem G4 und sah aus wie ein Raumschiff. Größter Vorteil: Meine erste optische Maus, die Reinigung der Kugel war nicht mehr erforderlich. Benutzt habe ich sie nur ganz kurz.

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Plötzlich war Rechtsclick schick und unentbehrlich und Mausrad war noch viel schicker und unentbehrlicher. Damit war die Zeit der Original Apple-Mäuse erstmal vorbei. Ich verwendete die klassische Wheel-Mouse von Logitech in zwei Varianten. Zu Hause beige und mechanisch, auf Arbeit optisch, weiß/rot mit schicker LED. Es ist bis heute die Maus, die mir am besten in der Hand liegt, Gewöhnung halt.

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Ein Weihnachtsgeschenk von einem sehr lieben Menschen: Die „Mighty Mouse“ (was für ein Name) und zwar das kabellose Bluetooth-Modell. Ich liebte sie heiß und innig, auch wenn die Akkus ständig schlapp waren und das kleine Bällchen ziemlich bald komische Geräusche machte. Die rührten von dem Dreck her, der sich ständig darunter sammelte. Ich nahm sie auseinander, reinigte sie mit Hingabe, aber nach zwei Jahren war sie hin: Nach oben Scrollen und Click aufs Bällchen gingen nicht mehr, schade auch. Zurück zur Logitech Wheel Mouse.

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Das neuste Modell: Die „Magic Mouse“ (der Name ist noch bescheuerter) ist mir zugelaufen, gekauft hätte ich sie mir nicht. Die ach so innovative Gestensteuerung ist nix für einen alten Mann. Man kommt zurecht, aber am Hauptrechner benutze ich inzwischen wieder meistens eine „Mighty“, diesmal das kabelgebundene Modell, mal schauen, wie lange die durchhält. Dazu kommen die Logitech und eine NoName-Notebook-Maus. Aus ergonomischen Gründen habe ich mir angewöhnt, möglichst häufig den Nager zu wechseln, je nach der Anzahl der Stunden, die ich am Rechner verbringen muss, mehrmals am Tag.

Mir geht es immer noch so: Wenn ich an einem fremden Computer-Arbeitsplatz sitze, und das kommt aus beruflichen Gründen sehr häufig vor, dann sind die ersten Mausbewegungen oft genug ein Abenteuer. Man findet Exemplare vor, die so verschmutzt sind, dass man erstmal die Sagrotanflasche zücken möchte („Ich habe sie erst vor zwei Monaten sauber gemacht“). Manche haben die Zeigergeschwindigkeit so langsam eingestellt, dass man gefühlte Kilometer auf dem Schreibtisch zurücklegt („Sonst treffe ich nicht“), andere so schnell, dass man mit der Präzision eines Feinmechanikers vorgehen muss („Zeit ist Geld“). Dann gibt es noch die Spezialisten, die noch nichts von der Inkompatibilität von optischen Mäusen und Glastischen gehört haben („Ja sie springt, aber daran habe ich mich gewöhnt“). Aber am liebsten sind mir Benutzer, die ihre Multifunktionsmaus mit 15 Tasten stolz präsentieren, aber nicht mehr wissen, welche Funktion nun auf welcher Taste liegt („Warten Sie, warten Sie…“). Es ist nicht so, dass es nur die sprichwörtliche Ähnlichkeit von Hund und Herrchen gibt…

Note to self: Es scheint vollbracht. Ich jauchtze. Musik: Rolo Tomassi, Ulcerate, Origin.

Trick or treat

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Vampire sind unterwegs, sie riechen nach Bier, bellen in Mobiltelefone. Der ungewöhnlich milde Abend ist Resultat des allgemeinen Vorglühens, da bin ich mir sicher. Jeder Kobold ein kleines Blockheizkraftwerk, jede Hexe eine Brennstoffzelle, jeder bestgelaunte Unhold eine Zündkerze. „Der Regionalexpress RE1 nach Aachen Hauptbahnhof, planmäßige Abfahrt 21 Uhr 53, wird heute etwa 10 Minuten später eintreffen. Wir bitten um Ihr Verständnis.“ Als hätte ich eine Wahl.

Wäre es dunkel, man könnte tanzen. Im neonlichtverschmutzten Hier und Jetzt bleibt nur Auf- und Abstehen. Wenn es wahr ist, dass jeder sein eigenes Reh zu Tode hetzen muss, dann habe ich mich verpirscht. Wie sonst könnte ich hierhin gespuckt sein? Ein Güterzug donnert durch die Station. Rotterdam oder Antwerpen. Der Bahnsteig zittert als wollte er mich abwerfen.

Der Gegner heißt Frankenstein. Doktor von Frankenstein. Mit wenigen Worten ist das nicht zu erklären. Wir spielen Verstecken, eigentlich seit Tagen, für mich sind es Monate. Er verbirgt sich in seriellen Kabeln und USB-Adaptern, kichernd. Natürlich ist er nicht echt, genau so wenig wie die trunkene angemalte und verkleidete Meute, die hier versammelt ist. Zu meiner Verspottung. Trotzdem, hinter der nächsten Ecke könnte er stehen. Ausholend. „Süßer, jetzt gibts Saures.“

Note to self: Letzte Runde! Musik: Amy MacDonald, Jeff Buckley, Feist, Textures, Thrice.