Mindestens

Wenn heilige Kühe geschlachtet werden, gibt es zwei Möglichkeiten der Bewertung. Die einen finden, dass das Tier ja bereits moribund und der Einschnitt somit überfällig gewesen sei. Die anderen befürchten nicht weniger als den vollständigen Zusammenbruch der etablierten Ordnung und den Absturz ins Chaos. Die Entscheidung der Bundesregierung für den flächendeckenden Mindestlohn markiert das vorläufige Ende einer Debatte, die von ideologischer Verblendung und knallharter Lobbyarbeit seitens der neoliberalen so genannten Elite gekennzeichnet war.

So bemerkenswert die Einsicht der Regierenden ist, so spät kommt sie. Und wäre der kleine Koalitionspartner immer noch bei den Prozentpunkten, wie sie bei der letzten Wahl erreicht wurden, dann hätte Mutti sich weiter am Gängelband der Großkopferten vorführen lassen. Es ist schon bemerkenswert mit welcher Verve Wirtschaftspolitiker der Union ihre Kehrtwende zum Richtigen verteidigen. Denkverbote sind eben keine wirksamen Verbote. Das Pragmatische feiert hinter der Fassade fröhliche Urständ im wörtlichen Sinne.

Noch ist nichts gewonnen. Weder ist die Höhe des Mindestlohns festgelegt, noch gibt es konkrete Vorstellungen, wie genau diese Schwelle festgesetzt werden soll. Eine Kommission der Tarifpartner soll dies tun. Das scheint mir nicht besonders durchdacht zu sein. In Tarifauseinandersetzungen stehen sich für gewöhnlich Interessengruppen gegenüber, die beide über Druckmittel verfügen, um diese Interessen durchzusetzen. Das Lohndumping der letzten Jahre war im Wesentlichen das Ergebnis der Ohnmächtigkeit der nicht gewerkschaftlich organisierten Arbeitnehmerschaft, an der sich noch nichts geändert hat. Nehmen wir mal an, dass die oben erwähnte Kommission sich nicht auf eine Mindestlohnhöhe einigen kann. Soll dann die Arbeitnehmerseite zum Generalstreik auffordern, ohne Urabstimmung, ohne Streikgeld, ohne den solidarischen Rückhalt, den die Gewerkschaften vermitteln? Das wird nicht funktionieren. Soll es ein Schlichtungsverfahren geben, in dem die Bundesregierung das letzte Wort hat? Wenn dem so ist, dann wäre der Mindestlohn eben doch im Grunde ein gesetzlich festgelegter. Und dann hätte unser Land endlich den überfälligen Schritt gemacht.

Sicherlich: Eine Mindestlohnregelung kann durch unbezahlte Überstunden, illegale Beschäftigung und Selbstausbeutung von Scheinselbstständigen unterlaufen werden. Der Hebel wird auf der Seite der abhängig Beschäftigten immer kürzer sein, als auf der anderen, jedenfalls wenn das derzeitige Bevölkerungswachstum (7.000.000.000 ? Mir wird schlecht.) anhält. Deshalb sollte sich der ewiggestrige Herr Hundt nicht so echauffieren. Seine Position wird mehr und mehr zu einer nostalgischen, seine Empörung wird als Beißreflex wahrgenommen. Nicht schlecht.

Note to self: And you`re singing the songs, thinkin` this is the life… Musik: Amy Mac Donald, Frank Sinatra.

Auf neustem Stand

Vorweg: Dies wird ein ziemlich langweiliger, dafür aber mosaikartiger Beitrag werden. In den vergangenen Tagen hatte ich einfach zu wenig Zeit etwas Substantielles in die Tasten zu hauen, obwohl schon einiges gejuckt hat. Deshalb versuche ich jetzt mal einen Rundumschlag, um ein bisschen nachzubessern. So gesehen bin ich an diesem Abend gar nicht so weit entfernt von einem beliebigen Finanzminister der Eurozone, der gerade in Brüssel, vor und hinter den Kulissen, an einem zum Scheitern verurteilten System globaler Verschuldung herumdoktert.

Klar, nebenbei habe ich in der letzten Zeit auch viel Sport geschaut. Es mag an einer gewissen Übersättigung liegen, aber so richtig mit dem Herzen war ich nicht dabei. Weder die Diskussion über die merkwürdige Passiv-Abseits-Regel, noch der WM-Titel für die All-Blacks (Glückwunsch Jungens!), noch die Niederlage der Bayern gegen 96 hat mich wirklich berührt. Selbst der erste Sieg der Alemannia hat angesichts des erbärmlichen spielerischen Niveaus einen schalen Geschmack hinterlassen, auch wenn ich weiß, wie er zustande kam. Genau: Bas Sibum hat nicht gespielt. Diese Woche wird unter anderem den DFB-Pokal über uns bringen und ich überlege ganz ernsthaft einfach mal nicht zuzuschauen. Merkwürdig, finde ich.

Es gab Tage, an denen die Worte „Griechenland“, „Euro“, „Rettungsschirm“ oder „Hebel“ heftigste Reaktionen meiner Magenschleimhaut auslösten. Auch das ist inzwischen vorbei. Das Ausmaß der Miss- und Günstlingswirtschaft im Helenenstaat sprengt einfach die Vorstellungskraft. In einem älteren Beitrag hatte ich strengste Sparanstrengungen und breite Privatisierung angemahnt. Inzwischen habe ich eingesehen, dass Griechenland einfach pleite ist. Also lassen wir es pleite gehen, schenken wir es den Banken. Sollen die doch schauen, was sie damit anfangen. Irgendwas ultragemeines, hochspekulatives, menschenverachtendes wird ihnen schon einfallen. Als ich neulich bei einer Familienfeier auf der Verstaatlichung aller Privatbanken bestand, war ich wieder einmal die linke Socke. Es ist schon heftig, wie dumm die Menschen sind.

In musikalischer Hinsicht war die jüngste Vergangenheit sehr ergiebig, aber ich will dieses Blog nicht mit Plattenkritiken zupflastern. Nur so viel: Die eigentlich schon fast fertige Liste für die Top 10 des Jahres ist gerade in den Monaten September und Oktober noch einmal heftig in Bewegung geraten. Es zeichnet sich ab, dass in diesem Jahr keine extrem heftige, sondern eine ziemlich sanfte, nachdenkliche Platte den Spitzenplatz einheimsen wird. Außerdem gibt es mal wieder ein Stück, das ich den ganzen Tag hören könnte, immer und immer wieder. Das gab es schon sehr lange nicht mehr, dafür gilt es dem Schicksal zu danken.

Dann noch ein Nachtrag zu meiner Maus, für alle, die es wissen wollen: Ich schätze, dass dieses durchtriebene Tierchen meinen Blog liest, denn 48 Stunden nach der Abfassung des entsprechenden Beitrags trug sich folgendes zu: Ich saß am Rechner, verfasste irgendeine e-Mail, als ich aus dem Bereich meiner Waschmaschine die mir bereits bekannten Nagegeräusche vernahm. Ich erklärte die Schonzeit für endgültig abgelaufen, stürmte -wilde Flüche ausstoßend- in Richtung des Nagens und sah vor meinem geistigen Auge bereits einen der kostbaren Schläuche mutwillig durchlöchert. Natürlich hörten die Geräusche sofort auf, ich kehrte zu meiner e-Mail zurück. Wenig später registrierte ich aus den Augenwinkeln einen mausbraunen, schnellen Schatten, der unter dem Heizkörper Richtung Balkontür flitzte und über die Schwelle hüpfte. Geistesgegenwärtig schloss ich die Türe, öffnete sie in den nächsten drei Tagen nicht mehr, nahm dann unter Beachtung sämtlicher Vorsichtsmaßnahmen eine gründliche Inspektion meines Balkons vor, fand ihn mausfrei und bin seitdem von diesem Übel befreit – Victoria!

Note to self: Wind tut weh und verkompliziert. Musik: Machine Head, Pucifier, Feist, Wormrot.

Digitaler Konsequentialismus

Was hat er denn jetzt schon wieder? Magendrücken hat er. Aber gemach, gemach, fangen wir bei den untersten Niederungen an, bei Brot und Wasser:

Niemand wird bestreiten können, dass Realpolitik unter anderem auf einer Binsenweisheit fusst, nämlich auf der Erkenntnis, dass der Zweck die Mittel heiligt. Man mag entrüstet mit dem Fuß aufstampfen und danach einen Tanz um das goldene Kalb namens „Grundrechte“ aufführen, aber realiter funktioniert Gefahrenabwehr eben ganz anders. Wir geben uns mit diesem Missstand auch deswegen zufrieden, weil wir glauben zu wissen, wer „die Guten“ sind. Deshalb grinst man eben auch, wenn der eine Kommissar im Tatort dem anderen ein „Hier brennt es doch, riechst du nichts?“ zuwirft und dann die Wohnungstür des Verdächtigen aufbricht. Dieses Grundvertrauen in das Augenmaß und den gesunden Menschenverstand der Strafverfolgungsorgane funktioniert aber nur unter bestimmten Voraussetzungen:

Die wichtigste ist Transparenz, zumindest innerhalb des Apparates. Eine weitere ist die Anwendung des 4,6,8-Augenprinzips in kniffligen Situationen. Ferner bedarf es der Formulierung eines angemessenen und verbindlichen Handlungsrahmens, der den Begriff des rechtfertigenden Notstands für den Normalbürger plausibel macht.

Betrachten wir nun den am Wochenende aufgedeckten Skandal um die von Bundes- und Landesbehörden eingesetzte Software zur Online-Durchsuchung von Computern, dann stellen wir eklatante Verletzungen der oben genannten Prinzipien fest. Ich frage daher:

1. Wie kann es sein, dass der Chaos Computer Club Zugriff auf die in Rede stehende Software hat, nicht aber der Bundesbeauftragte für den Datenschutz (und zwar bereits bei Einführung dieser Software)?

2. Wie kommt es, dass das Bundesinnenministerium und das Justizministerium keine detaillierte Kenntnis über die technischen Möglichkeiten dieser Software hatten, die zwar von Landesbehörden eingesetzt wird, deren Anwendung aber einen Rechtsrahmen betrifft, der keinesfalls von Ländergesetzen geregelt wird?

3. Warum wird eine Software eingesetzt, die ganz offensichtlich den durch das Bundesverfassungsgericht festgelegten rechtlichen Rahmen verletzt? Warum gab es an dieser Stelle keine Kontrolle durch übergeordnete Stellen?

4. Warum will uns kein Verantwortlicher sagen, in welchem Maße diese Software seit wann eingesetzt worden ist, wer sie entwickelt hat und wer im Einzelfall ihren Einsatz legitimiert hat?

5. Wie kommt es, dass eine Software, die in diesem hochsensiblen Bereich eingesetzt wird, offenbar so schlampig programmiert ist, dass sie dem Missbrauch durch Dritte Tür und Tor öffnet?

Diese Fragen muss sich der durchschnittlich paranoide Bürger stellen. Er wird damit leben müssen, dass dieser Vorgang mitnichten zufriedenstellend aufgeklärt wird. Und er wird damit leben müssen, dass diejenigen, die man mal für „die Guten“ gehalten hat, hoffentlich wissen, wer „die Bösen“ sind. So weit haben sie uns schon, armes Deutschland.

Note to self: Das Beste hat nicht gereicht, nicht meine Schuld. Musik: Yes.

Godspeed Steve

SJ

No one wants to die. Even people who want to go to heaven don’t want to die to get there. And yet death is the destination we all share. No one has ever escaped it. And that is as it should be, because Death is very likely the single best invention of Life. It is Life’s change agent. It clears out the old to make way for the new.
(Steve Jobs, 2005)

Man sagt, dass man Dich nur lieben oder hassen konnte. Das ist nicht wahr. Ich habe Dich bewundert und verflucht. Du bist eine der großen Ikonen des Computerzeitalters gewesen: Charismatisch, ungerecht, talentiert, egozentrisch, visionär, einengend, überaus erfolgreich und unglaublich bevormundend.

Wenn Du recht hast, dann wird Deine Seele bald wiedergeboren. Wenn ich recht habe, dann hat sie heute Nacht aufgehört zu existieren. Deine Kathedralen waren immer die buntesten und elegantesten. Deine Denkmale haben uns geholfen „anders zu denken“. Deine Zerbrechlichkeit der letzten Jahre in „blue jeans and black turtle neck“ hat auch den letzten Zyniker berührt. Du bist angekommen. Wir sind auf dem Weg dahin, wo nichts mehr ist.

We build cathedrals to our pain
Establish monuments to attain
Freedom from all of the scars and the sins
Lest we drown in the darkness within

Note to self: Immer kürzer aber nicht mehr lange? Musik: Machine Head.

Wie ein Hemd…

Nach einem mehr oder weniger durchgearbeiteten langen Wochenende (Tag der Deutschen Einheit? Sollte besser Tag der Outlook-Katastrophe und der seriellen Verbindung heißen.) hätte ich eigentlich einen brauchbareren Morgen verdient gehabt: Kaffee-Filter gerissen, in der Dusche ausgerutscht, Kunde kommt über eine Stunde zu spät. Nun ist es fast Zwölf, die Schlachten sind geschlagen und ich bin in eine Phase des Sinnierens und Philosophierens eingetaucht.

Wäre das nicht schön, wenn man die Begeisterung für einen Fußballverein ganz locker gegen die Begeisterung für einen anderen Verein eintauschen könnte? Man stelle sich (nur für einen Moment natürlich) vor, man wäre Fan des FC Bayern München. Wäre das nicht schön? Fast jedes Jahr irgendeinen Titel feiern, wenn es mal nicht klappt, dann klappt es halt im nächsten Jahr. Man könnte sich an den Finessen eines Ribery, am Potential eines Müller, an der Klasse eines Lahm, am Instinkt eines Gomez erwärmen. Und die Stänkerer und notorischen Besserwisser könnte man einfach reden lassen, mit großer Genugtuung, weil nichts erotischer als Erfolg ist.

Tja, leider geht das nicht. Ich werde für alle Zeiten Anhänger von Borussia Mönchengladbach sein, weil ich das in meiner Kindheit so beigebracht bekommen habe, mit Vati im Feinripp-Unterhemd Samstag Nachmittag vor der Glotze, frisch gebadet, in den glorreichen 70ern als die Begegnungen der Fohlen gegen die Bayern die Höhepunkte des Fußballjahres waren. Und (auch wenn das seltsam klingt und ein seltener Fall ist) mit gleicher Inbrunst wird mein Herz immer der Alemannia gehören, seit den Besuchen auf dem alten Tivoli zu Regionalligazeiten mit solchen Größen wie Krohm und Delzepich. Die Initialzündung war eindeutig das Pokalspiel gegen Waldhof Mannheim, genau, das Spiel mit dem Ballwurf und dem zu wiederholenden Strafstoß. Erlittenes Unrecht schweißt zusammen. Und weil man die Anhängerschaft eben nicht wie ein Hemd wechseln kann, bin ich dazu verurteilt mich einerseits über die aktuellen Leistungen der Borussia zu freuen (Wobei ich nach wie vor nur Punkte zähle, ab 40 kann man dann weitersehen) und das Versagen der Aachener Rumpeltruppe hinzunehmen.

Wäre ich am Freitag im Stadion gewesen, vielleicht wäre ich auch ausgerastet, wie so mancher auf der Bitburger-Tribüne. Denn irgendwann ist der Kanal voll. Wenn man sich über solche Reaktionen der Fans wundert oder aufregt, sollte man folgendes berücksichtigen: Die Schlachtenbummler sind der Verein, denn sie haben eben keine Wahl. Mögen die Spieler, Trainer, Manager, Aufsichtsräte auch den Arbeitgeber wechseln (eben wie ein Hemd), die Leute auf den billigen Plätzen bleiben, sie sind die einzige Konstante in diesem merkwürdigen Unterhaltungsgeschäft. Mag der Verein auch absteigen, Woche für Woche scheitern, pleite gehen, der wirkliche Fan bleibt schicksalsergeben, bis zuletzt hoffend, ausgeliefert, nibelungentreu:

Uns ist in alten mæren
wunders vil geseit
von helden lobebæren,
von grôzer arebeit,
von freuden, hôchgezîten,
von weinen und von klagen,
von küener recken strîten
muget ir nû wunder hœren sagen.

Note to self: Buchführung, trotzdem schön. Musik: Textures, Feist, Machine Head, Mastodon.