Eierlaufen

Zurzeit findet in Neuseeland die Rugby-WM statt, wovon man hierzulande kaum etwas mitbekommt, weil der Deutsche allen Mannschaftssportarten, in denen eiförmige Bälle verwendet werden, kritisch gegenübersteht. So weit es American Football betrifft würde ich diese Einschätzung voll unterstützen, denn dabei handelt es sich um einen maßlos überschätzten, im Grunde todlangweiligen Sport, bei dem in 4/5 der Spielzeit gar nichts passiert. Rugby ist dagegen eine hochspannende Angelegenheit, die mehr Aufmerksamkeit verdient hätte.

Der unkundige Beobachter würde Rugby wahrscheinlich als Gruppenringkampf mit Ball beschreiben und liegt damit total daneben. Allerdings gehört das Spiel zu den Sportarten, mit denen man sich schon ein bisschen intensiver beschäftigen muss, um wirklich Freude daran zu haben. Die Grundregeln sind einfach: Der Ball darf nicht nach vorne geworfen, aber nach vorne gekickt werden. Punkte erzielt man, indem man den Ball im gegnerischen Malfeld ablegt („Versuch“ bzw. „Try“ =5 Punkte), oder durch die Torstangen kickt („Drop Goal“, „Penalty“ =3 Punkte, „Conversion“ =2 Punkte). Etwas komplizierter sind die Regelverstöße, die zu Strafkicks oder „angeordneten Gedrängen“ (= Scrum) führen.

AGAngeordnetes Gedränge

Keine Frage, Rugby ist ein sehr körperlicher Sport, bei dem häufig Verletzungen passieren, zumal die Spieler außer dem obligatorischen Mundschutz, oder einer Haube bei Erste-Reihe-Stürmern zum Schutz der Ohren im Gedränge, keine weitere Polster tragen. Deshalb wird man häufig Spieler mit Platzwunden sehen, die aber auch während des Spiels auf dem Platz behandelt werden dürfen. Der Angriff auf den Gegenspieler ist eigentlich sehr streng reglementiert: Nur der ballführende Spieler darf getackelt werden und das auch nur unterhalb der Schultern, jeder Angriff auf den Hals oder Kopf ist ein verbotener „high tackle“.

HT„high tackle“

Man könnte denken, dass Rugby-Spieler in der Regel 150Kg wiegen und entsprechende „Kanten“ sind, aber auch das ist nicht richtig. Nur die Stürmer der ersten und zweiten Reihe (Nummer 1-8) sind solche Schränke, dagegen dominieren auf den anderen Positionen (Gedrängehalb =Nummer 9, Verbinder =Nummer 10, Innen- und Außendreiviertel =Nummer 11-14, Schlussspieler =Nummer 15) wendige und kleine Typen.

Folgt man zum ersten Mal einem Spiel, dann werden einem einige Absonderlichkeiten auffallen. Beispielsweise führt der enge Körperkontakt dazu, dass Spieler auch außerhalb des Tackles „aneinander geraten“, beim Fußball würde man von einer Tätlichkeit sprechen, beim Rugby gibt es so etwas nicht. Weiterhin wird man bemerken, dass der Schiedsrichter, dessen Kommandos im Fernsehen mit übertragen werden, sehr oft „please“ und „thank you“ sagt und von den Spielern stets mit höflichem Respekt behandelt wird. Die Engländer sagen: „Football is a gentleman`s game played by ruffians and rugby is a ruffian`s game played by gentlemen.“ Außerdem gibt es neben dem Gedränge Standardsituationen, wie den Einwurf in die Gasse, die dem Rugby-Neuling zunächst befremdlich erscheinen.

EGEinwurf in die Gasse

Die Faszination, die Rugby ausübt, lässt sich in Worten nur unzureichend beschreiben, deshalb zum Abschluss noch zwei Beispiele für herausragende Leistungen:

Ein wunderschöner „Try“, erzielt von der Neuseeländischen Nationalmannschaft:

Solche Genialität ist selten. In der Regel muss man sich die Punkte viel härter erarbeiten: Ein hochdramatischer Spielzug, das Spiel wird durch den „Try“ in der Nachspielzeit entschieden:

Note to self: Wo nur rinnt es hin? Musik: ABBA, Rose Kemp, Bran Van 3000.

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Stößchen Wowi

Es ist schon so: Berlin ist Bundesrepublik en miniature, vielleicht ein bisschen extremer und aufregender, ganz sicher trendiger und frecher. Und sorgloser. Auch wenn die Kohle vorne und hinten nicht reicht, die Mittel, die dem Land Berlin aus dem Länderfinanzausgleich, europäischen Förderprogrammen und den Sonderzuwendungen als Bundeshauptstadt zufließen, sorgen dafür, dass die Lichter nicht ausgehen. Die Abhängigkeit von diesen Geldern führt aber nun gerade nicht zu einem Mangel an Selbstbewusstsein, im Gegenteil. Der Berliner betrachtet den Rest Deutschlands als Provinz, vielleicht sogar zu recht.

Der Laden wird geleitet von einem echten Gutelaunebären. Klaus Wowereit darf angesichts des gestrigen Wahlergebnisses eine weitere Legislaturperiode den Regierenden geben, ob nun mit den Grünen oder den Schwarzen, das wird ihm im Grunde egal sein. Er ist das Gesicht Berlins, dem der Ruf vorauseilt ein Feierbiest mit genetisch verankertem Frohsinn zu sein, auch wenn sein Zweckoptimismus und seine Schnodderigkeit in letzter Zeit etwas gequält wirkten. Zwar wird außerdem gemunkelt, dass Wowereit ein fleißiger Aktenfresser ist, dem in Verwaltungsfragen kaum jemand etwas vormacht, doch fällt dies in der Außenwahrnehmung nicht ins Gewicht.

Was Wowi abgeht, das sind politische Visionen und das weiß er auch, er ist ein wandelnder Sachzwang. Und deshalb steht er auch nicht in der Reihe der wirklich großen Berliner Landeschefs (Reuter, von Weizsäcker, Brandt), sondern eher zusammen mit Momper, Diepgen, Vogel in der Abteilung „Einer muss es ja machen“. Genau deshalb eignet er sich nicht als SPD-Kanzlerkandidat und auch das weiß er nur zu gut.

Den Berlinern wird das egal sein und zwar aus mannigfaltigen Gründen, die Stadt ist in sich eben so zerrissen, wie es die große Bundesrepublik auch ist, das verraten zumindest die Wahlergebnisse in den einzelnen Stadtbezirken: Der Westen wählt schwarze Direktkandidaten, Mitte /Kreuzberg/ Prenzlauer Berg wählt Grün oder Rot, und der Osten entweder SPD oder (Marzahn-Hellersdorf) Die Linke. An Spree und Havel hat man eben ganz unterschiedliche Probleme: In Charlottenburg und Wilmersdorf ist es die Rentenlücke und die „rote Gefahr“ (=brennende Autos), im alternativen Zentrum die Fahrradfreundlichkeit und die politisch korrekte Kinderbetreuung, im Osten reicht das ALG2 nur bis zum 20. des Monats. Daran wird Wowereit nichts ändern können. Sollte er es aber schaffen, dass die S-Bahn in Zukunft pünktlich und so häufig fährt wie früher, dann ist ihm ein Platz im Geschichtsbuch trotzdem sicher. Die wichtigsten Probleme im großen Berlin sind dann doch erstaunlich provinziell.

Note to self: Zu viel Sport. Musik: Bedlam of Cacophony, Necros Christos, Brain Drill.

Enterbt

OH

Och, nicht schon wieder eine Plattenkritik? Doch doch, diese hier muss sein. Es geht um das neue Album von Opeth namens „Heritage“, das man sich seit dem 12. dieses Monats als Webstream anhören konnte (inzwischen leider nicht mehr).

Warum mag man Opeth? Vielleicht weil sie den ungewöhnlichsten Deathmetal des Planetens spiel(t)en, meilenweit entfernt von Schweiß, Bier und fliegenden Headbangermatten, auf höchstem musikalischen Niveau, ohne jede machohafte oder martialische Attitüde. Ich kenne keinen, den der Instrumentalpart von „Deliverance“ kalt lässt, es ist einfach atemberaubend gute Musik und das 2008er Album „Watershed“ war eine wirkliche Perle, fernab von allen Klischees des Genres, mit fabelhaften Stücken wie „Porcelain Heart“ oder „Coil“, richtig groß.

Und das neue Werk? Ich will gar nicht herumdrucksen, es ist eine große Enttäuschung für mich. Dabei geht es nicht so sehr darum, dass „Heritage“ überhaupt keinen Metal, geschweige denn Deathmetal enthält. Wesentliche Teile meiner musikalischen Sozialisation bestanden aus dem typischen Progressive Rock und Jazz Rock der 70er und ich kann bis heute eine Menge mit solcher Musik anfangen. Insofern stört es mich nicht, dass die neue Platte bisweilen nach Genesis, King Crimson, Jethro Tull, manchmal sogar nach Pink Floyd klingt. Ich hätte mir einfach gewünscht, dass das Mastermind Mikael Åkerfeldt auf dieser Grundlage einen mutigen Schritt weiter geht und das passiert nicht.

In einem ausführlichen Interview sagt Åkerfeldt unter anderem, dass er selbst beim Hören der Platte den Eindruck hätte, das wäre gar nicht er, der da Gitarre spielt und singt. Das wundert mich überhaupt nicht. Dieses Album ist von vorne bis hinten steril, distanziert, unpersönlich und, man muss es so deutlich sagen, leider ein bisschen beliebig (Im gleichen Interview sagt Mikael, dass er mit Metal im Großen und Ganzen durch ist. Schade Mann, verdammt schade!). Es gab vorher schon einmal ein sehr zurückgenommenes Album von Opeth namens „Damnation“, das einen unwiderstehlichen, mystischen Sog entwickelte und den Hörer auf eine Reise zu wunderbar fremden Orten mitnahm. Genau das gelingt auf „Heritage“ nicht.

Man braucht bei einer Platte von Opeth eigentlich nicht erwähnen, dass die Qualität der Produktion und die Spielkunst der beteiligten Musiker über jeden Zweifel erhaben ist. Die akustischen und elektrischen Gitarren, das akzentuierte und variable Schlagzeug, sogar die Sperenzchen des neuen Keyboarders, all das ist mit viel Liebe zum Detail und gewohnt virtuos eingespielt. Nein, es sind die Songs selbst, zu denen ich überhaupt keinen Zugang finde. Es fehlt nicht an spannenden Kontrasten und herausfordernden Wendungen, es fehlt nicht an den Opeth-typischen seltsam schwebenden Melodien, es mangelt an Herzblut, an Emotionen, das Album ist oberflächlich.

Wir sind hier nicht bei den Amazon- Kundenrezensionen, aber wollen dieses Werk mal nach dem bekannten 1-5 Sterne-Verfahren beurteilen. Einen Stern muss ich für die uninspirierten Ausblendungen von „Marrow of the Earth“ und „Folklore“ abziehen, sie sind für einen begnadeten Songwriter wie Åkerfeldt ein Armutszeugnis. Einen Stern ziehe ich ab für die Querflöte in „Famine“: Zu gezwungen, zu aufgesetzt, furchtbar. Und einen Stern kostet das grottige Cover (ist mir eigentlich nicht so wichtig, aber dieses hier ist so scheußlich, da kann ich nicht anders). Bleiben zwei Sterne für „The Devil`s Orchard“, „I Feel The Dark“ und einige bessere Momente in „The Lines in My Hand“. Zwei Sterne für ein Opeth-Album? Traurig, aber wahr!

Note to self: Zerschlagen und irgendwie bedient. Musik: Opeth.

Der Beitrag mit der Maus

Du hattest deinen Spaß. Als du mich heute früh beim ersten Morgenlicht, als meine Blase mich aus dem Bett trieb, mit deinen frechen Knopfaugen von meinem heiligen Schreibtisch aus angeglotzt hast, war das bestimmt ein Vergnügen allererster Kajüte für dich: Ein großes, nacktes, übergewichtiges Tier mit ganz komisch verteilten Haaren, dem vor Staunen der Mund offen stehen bleibt. Die erste Runde ging an dich.

Natürlich hast du fett in dich rein gegrinst, als ich mich dann auf die Verfolgung begab, meine Wohnküche in ein Chaos verwandelte, mich in Kabeln verhedderte und dich nicht finden konnte. Ganz lässig hast du deine Patrouillengänge absolviert: Von der Spülenecke, hinter dem Kühlschrank durch, an der Mikrowelle vorbei, hinter den Bücherschrank bis in die finsterste, unzugänglichste Ecke des Zimmers. Oh, ich habe dich gesehen und gehört und ich habe nur so getan, als würde ich beiläufig und schicksalsergeben meinen Kaffee schlürfen. Hätte ich eine Zwille oder ein Luftgewehr zur Hand gehabt, dann hätte dein letztes Stündlein geschlagen.

Dies ist eine Kriegserklärung und ein Ultimatum. Ich bin nicht bereit mein Domizil mit dir zu teilen, also nutze die kommende Nacht und verschwinde. Du kannst nicht auf meine Gnade oder Weichheit rechnen. Mit Lebendfallen und ähnlichem Tand gebe ich mich nicht ab, bei mir gibt es nur die klassischen Todesschnappfallen, unwiderstehlich beködert, und den Klappspaten. Mir ist klar, dass du ein ganz besonders gerissener Vertreter deiner Spezies bist, immerhin wohne ich im zweiten Obergeschoss. Natürlich bewundere ich aus professioneller Sicht deine Anpassungs- und Überdauerungsfähigkeit, doch gilt das nur für deinen Stamm im Allgemeinen, nicht für dich im Speziellen. Und auch wenn du mit deinem braunen Fell, deinem ständig bebenden Schnurrbart und deinen rosigen Ohren ganz knuffig aussiehst, das zieht bei mir nicht. Ich bin dein Armageddon.

Noch ein Letztes: Solltest du weiblich und geschwängert sein und vorhaben mit deiner Brut bei mir niederzukommen, wird das meine finsteren Absichten nicht ändern. Bei mir gibt es keinen Mutterschutz. Ich werde dich und dein Geschlecht ausmerzen, bis nichts von euch übrig ist. Ich weiß, dass du schneller und wendiger bist als ich. Ich bin schlauer und vor allem gemeiner. Und Gemeinheit, das habe ich gründlich gelernt, setzt sich am Ende immer durch. Also mach dich vom Acker oder stirb einen grausamen Tod.

Du konntest das nicht wissen: Diese knapp 40 Quadratmeter sind nicht nur mein bevorzugter und häufigster Aufenthaltsraum, sie sind meine Fluchtburg, meine Basis, meine rettende Floßplattform in stürmischer See, mein wichtigstes Überlebensmittel, ganz für mich allein. Unnachgiebig, zäh und mit äußerster Entschlossenheit werde ich sie verteidigen. Klingt komisch, ist aber so.

Note to self: Falscher kleiner mieser bebrillter Bäuchleinhase, kriech wieder unter deinen Stein. Musik: Morbid Angel, Mors Principium Est.

Tschö Peter

Weg isser, der Hyballa. Das ging ja dann doch schneller als erwartet. Die Beurlaubung ist eine Entscheidung, die mit dem Rücken zur Wand gefällt wurde. Ist sie gerechtfertigt? Hat Hyballa wirklich so viele schwere Fehler gemacht?

Er hat Fehler gemacht, so viel ist klar. Wer die letzten Spiele der Alemannia gesehen hat (oh, ich habe sie gesehen, kopfschüttelnd, deprimiert, in die Tischkante beißend), der musste sich zum Beispiel fragen, warum Stiepermann mal rechts, mal links, aber fast nie zentral als hängende Spitze aufgeboten wurde. Das ist die einzige Position, die er, mit viel gutem Willen, spielen kann. Dann darf man fragen, warum Radu nicht konsequent als Mitglied der Startelf aufgestellt wurde, als sich abzeichnete, dass Auer eigentlich keine Lust mehr hat und sich nur noch im Glanz vergangener Spielzeiten sonnt. Eine ganz wichtige Frage: Warum durfte Junglas, der in seiner derzeitigen Verfassung nicht in die zweite Liga gehört, Woche für Woche auf einer anderen Position herumdilettieren? Und warum wurden Neuzugänge, die ihre Form suchen, nur immer für 20 Minuten gebracht. Einen Hadouir kann man auch mal von Anfang an aufstellen und zur Halbzeit auswechseln. Dazu kommt die Frage nach einem tragfähigen System: Hyballa ließ mal 4-1-4-1 spielen, mal 4-2-3-1 und mal 4-4-2. Ein klarer Kurs sieht anders aus.

Es gibt natürlich auch einen Haufen Gründe für den derzeitigen Misserfolg, die Hyballa nicht zu verantworten hat: Beispielsweise ist die Verpflichtung von Sibum ein glatter Fehlschlag: Kopfballschwach, kein Offensivdrang, miserable Übersicht, schwache Pässe, zu viele dumme Fouls. Dann darf man sich fragen, warum man mit Falkenberg einen verletzten Spieler geholt hat, der jetzt schon wochenlang ausfällt und weiter ausfallen wird. Überhaupt, die rechte Abwehrposition. Das kann ja wohl nicht sein, dass Fardi, der technisch beste Spieler des Teams, dort versauert, weil die Neuverpflichtung Erb es nicht bringt.

Wie geht es weiter? Erst mal mit einem Interims-Trainer. Wenn es richtig ist, dass Fußball Kopfsache ist, dann war der Rauswurf von Hyballa vielleicht der Durchrüttler, den die Mannschaft gebraucht hat. Ich hoffe, dass es so ist, aber ich habe starke Zweifel, ob die Qualität der Spieler ausreicht, um die Klasse zu halten. Es ist schade für Hyballa, dessen Idee vom Offensivspiel ich sehr mochte.

Meine Aufstellung fürs nächste Heimspiel gegen den Spitzenreiter (brrr): Abwehr: Waterman, Achenbach, Feisthammel, Olajengbesi, Erb. Mittelfeld (flache Raute): Kratz, Yabo, Fardi, Hadouir. Angriff: Stiepermann, Radu.

Note to self: Zurückgesetzt, aber selbstverursacht. Musik: Fair To Midland, Genghis Tron.

Capsule Living

CLAlpine Capsule by Ross Lovecroft, Photo by Dezeen

Würden wir doch alle gerne ab und zu: Alle Brücken hinter uns abbrechen, unsere Ruhe haben, für lange lange Zeit. Und da das Szenario der berühmten einsamen Insel angesichts des steigenden Meeresspiegels, der erklecklichen Zahl der von Kokosnüssen Erschlagenen und den Gefahren überbordender UV-Strahlung gar nicht mehr so paradiesisch erscheint wie einstmals, müssen Alternativen her. Da kommt die Idee des künstlich erschaffenen, möglichst autarken Wohnraums fern aller sozialer Bindungen und Verpflichtungen gerade recht.

Nun hat zwar die selbstgewählte Einsamkeit durchaus ihre Reize, das schreibt einer, der das Alleinsein braucht, wie Grabenkrieger den Schnaps, doch wenn diese „splendid isolation“ länger andauern soll als, sagen wir, ein Wochenende mit vorgeschaltetem Feier- und Brückentag, dann macht man sich über geeignete Begleitung ernsthaft Gedanken. Befragt man Menschen nach den berühmten „drei Dingen“, die sie auf die oben erwähnte Insel mitzunehmen wünschen, dann werden zuallererst Angaben wie „meine Frau“, „meinen Freund“, „meinen Hund“ oder „meine Skatbrüder“ gemacht. Dagegen würden nur die wenigsten ihren Abteilungsleiter, Bundestagsabgeordneten oder den erstbesten Menschen, dem sie auf der Straße begegnen, nennen. Das bedeutet leider, dass die überwiegende Mehrheit der Menschheit in einem grausamen Irrtum befangen ist, denn Vertrautheit und Sympathie sind Ergebnis des gemeinsamen Erlebens und was im Reihenhaus oder in der schnuckeligen Zweiraumwohnung alltäglich zusammengewachsen ist, kann unter Insel- bzw. Kapselbedingungen grandios in die Hose gehen. Zerrüttung und Zerwürfnis drohen, wenn er abends nicht noch mal „schnell auf ein Bier“ und sie nicht „auf einen Klönschnack zu Gabi“ gehen können. Deshalb kann es nicht verwundern, dass zusammengewürfelte Besatzungen gewählt werden, wenn die Kapselidee professionell angegangen wird. Beispiele sind die Biosphäre 2, oder das Projekt Mars 500.

Bleiben wir bei diesem Mars-Experiment, auch wenn das zugrunde liegende Konzept natürlich Banane ist, denn angesichts des ständigen Beobachtens der Marsonauten durch Videokameras wird sich niemals ein echter Kapselkoller ausbilden, wie er beispielsweise in Sartres „Geschlossener Gesellschaft“ heraufbeschworen wird. Zwar gilt immer noch „Die Hölle, das sind die Anderen“, aber die Anderen sind in diesem Fall zunächst mal die Menschen auf der anderen Seite der Kapselwand. Trotzdem kommt natürlich Langeweile auf. Nicht zufällig beginnen so manche Sci-Fi-Klassiker in genau dem Moment, in dem die Protagonisten in Zielnähe aus dem Kälteschlaf erwachen. Denn kein Drehbuch- oder Romanautor kann sich ausmalen, mit welchen Maßnahmen eine Crew auf interplanetarischer Mission vom Durchdrehen durch geistige Verödung abzuhalten wäre.

Der Aufenthalt in der Kapsel ist also nur dann lustig, wenn wir seine Dauer selbst bestimmen können, vielleicht täglich eine knappe Stunde, oder so? Haben wir längst, kennen wir schon, ist unsere erfolgreichste Erfindung. Nennt sich Automobil und ist unser Minimalrefugium, die metallgewordene Illusion von Freiheit, ein chromblitzendes Versprechen vom großen Verschwinden, sind wir darin ists egal wohin.

Note to self: Besser, oder nicht? Eher nicht! Musik: Diablolo Swing Orchestra, Textures, Primus.

11 Jahre später

Ja, es ist wahr! Nach 11 Jahren gibt es seit heute ein neues Studioalbum von Primus. Unfassbar! Und wie das heutzutage so ist: Man kann sich das gesamte Werk per Webstream zu Gemüte führen. Das habe ich natürlich sofort und ganz besonders intensiv getan.

Wer avantgardistische handgemachte Musik der etwas härteren Gangart schätzt, der muss sich für Primus begeistern. Das Trio von der amerikanischen Westküste brachte 1989 als Debüt eine fulminante Live-EP mit dem Titel „Suck On This“ heraus, die damals heftig an den Grundfesten der etablierten musikalischen Genres rüttelte. Ich kenne einige Leute, die sich ihre Ohren an diesem Tonträger regelrecht wundgehört haben. Primus nennen ihren Stil „psychedelische Polka“, treffender kann man es nicht ausdrücken. Der ungemein perkussive, funkige Bass von Les Claypool und seine merkwürdige Art zu singen (Ein nasales Fisteln) sind absolut einmalig.

In den folgenden Jahren bis 1999 brachte die Band einige höchst beachtenswerte Alben heraus, eins verschrobener und masseninkompatibler als das andere. Stellvertrtetend seien „Frizzle Fry“, „Sailing The Seas Of Cheese“ und „Pork Soda“ genannt. Dann kam noch eine EP im Jahr 2003 und danach war erst mal Schluß. Claypool widmete sich zahlreichen Nebenprojekten, wirkte als Gastmusiker und veröffentlichte schließlich zwei Soloalben, zuletzt „Of Fungi And Foe“.

OFAF

GN

Nähern wir uns der neuen Primus-Platte mal behutsam und unvoreingenommen an: Das Cover ist schon mal sehr vielversprechend und erinnert sofort an die zahlreichen quietschbunten und grell wunderbaren Musikvideos, die Primus der Welt hinterlassen haben. Tja, und was zur Hölle ist „Naugahyde“? Es ist die Handelsbezeichnung für einen speziellen Kunststoff, einen Abkömmling des Vinyls, der für Dämmungen und Polsterungen verwendet wird.

Für das neue Album haben Claypool und LaLonde ihren ehemaligen Schlagzeuger Jay Lane zur Mitarbeit überredet. Schade, ich hätte es gerne gesehen, wenn Tim „Herb“ Alexander weiterhin auf die Töpfe gehauen hätte, der zwar weniger bandorientiert spielte, aber sich mit seinen beiden Mitstreitern stets kleine spannende Scharmützel lieferte und gekonnt Kontrapunkte setzte. Ich schätze, dass das Multitalent Alexander, inzwischen nicht nur als Schlagzeuger (A Perfect Circle, Pucifier), sondern auch als Gitarrist, Sänger und Performer (Blue Man Group) unterwegs, sein kreatives Potential lieber woanders einbringt. Da kann man nix machen.

Der erste Eindruck von „Green Naugahyde“ betrifft den Sound des Albums. Man merkt sofort, dass sich in der Zeit seit „Animals Should Not Try to Act Like People“ (2003) in puncto Studiotechnik einiges getan hat. Selbst der qualitativ nicht besonders hochwertige Stream kommt kristallklar und ungeheuer präsent rüber. Claypool verwendet eine Unzahl an Effektgeräten für Stimme und Bass. Dagegen ist die Gitarre durchweg eher schlicht und der Sound des Drumkits sehr naturbelassen, was ich überaus schätze.

Auch die neuen Stücke von Primus sind eigentlich musikalische Miniaturen. Komplizierte Abläufe und Rifffolgen gibt es nicht. Die Grundidee des Songs wird oftmals über die gesamte Spieldauer beibehalten und kaum variiert und diese Grundidee besteht fast immer aus einem formidablen Bassriff mit den charakteristischen Synkopen, mehrstimmigen Abschnitten, kleinen Hochgeschwindigkeitsläufen und punktgenauen Slappings. LaLondes Gitarrenarbeit ist bis auf kurze Ausbrüche sehr zurückhaltend, liefert atmosphärischen Füllstoff und natürlich die typischen, dezenten Offbeats. Und das Schlagzeug? Gefällt mir richtig gut! Lane ist nicht so wuchtig wie Alexander: Weniger Toms, sparsame Basedrum, dafür viel beachtenswerte Kleinarbeit auf Snare und Hihat. Insgesamt spielt er mehr auf den Beats, lässt mehr Platz für die beiden anderen und das trägt entscheidend zum minimalistischen Gesamteindruck des Albums bei. Eher selten gibt es kurze, knackige Soli der Saiteninstrumente, die aber nie angestrengt virtuos, sondern stets lapidar lässig daherkommen. Charakteristisch für die neue Platte sind außerdem collagenhafte Intermezzi und Intros, in denen teigige, schwere Sounds dominieren.

Bleibt der Gesang: Ich kenne viele Leute, die Primus nicht mögen, weil sie Claypools Stimme so furchtbar finden. Richtig ist, dass der Mann nicht besonders gut singen kann. Auf „Green Naugahyde“ werden oft zahlreiche Gesangsspuren simultan verwendet, in denen von dumpfem Brummen, über tonloses Flüstern und gebrochenen nasalen Falsett, bis zu hohem Zischen und Quieken das gesamte Spektrum abgerufen wird. Die Texte sind typisch für Primus, sehr ironisch, sehr abseitig, zuweilen zivilisationskritisch, aber nie bierernst. Und natürlich gibt es mit „Last Salmon Man“ wieder ein Stück, das sich mit Claypools Lieblingshobby auseinandersetzt. Er ist passionierter Angler.

Vorläufiges Resümee: Eine Platte, die sich gewaschen hat. Kein bahnbrechender Neuanfang, kein Stilbruch, eher eine logische Weiterentwicklung gereifter Könner. Mir fehlt so ein bisschen ein richtiger Feger, ein Stück wie „Southbound Pachyderm“, „Hamburger Train“, „Harold Off The Rocks“ oder „Tommy The Cat“. Ansonsten gebe ich dem „Grünen Dämmstoff“ noch ein wenig Zeit zum Wachsen.

Note to self: Teurer werden, fröhlicher werden, entlastet sein. Musik: Primus.