Vulkanös

Ein kleiner Tapetenwechsel, den braucht man einfach ab und zu. Während es manche auf die Malediven zieht, oder wenigstens nach Malle, legte der Verfasser einen Kurzurlaub in der südlichen Eifel ein. Umsorgt und vortrefflich bekocht von einer gut organisierten Reiseleiterin und Wanderfreundin, die seit diesem Trip nur noch „Mama Calzone“ genannt wird.

Der oftmals schmale und kurvenreiche Weg führte uns über Perlen dörflicher Siedlungsformen wie „Baasern“ bis nach Manderscheid, südlich von Daun gelegen. Natürlich hätte man auch über die Autobahn fahren können, aber wir wollten ja schließlich etwas von der Gegend sehen und den Weg zum Ziel machen. Während man als Aachener die Rureifel ja sozusagen als eigenen Vorgarten kennt und schätzt, hat die Landschaft der Vulkaneifel schon den Reiz des Fremden. Das gilt auch für die Architektur von Kirchen und Bürgerhäusern und den Dialekt, der eher dem Moselfränkischen ähnelt und mit dem rheinischen Platt gar nichts gemein hat. Manderscheid selbst ist ein verschlafenes Nest mit hübschem Ortskern, und zahlreichen Ausflugslokalen.

VE1Niederburg Manderscheid

Bekannt sind die Manderscheider Burgenruinen, die sehenswerte Überreste deutscher Kleinstaaterei sind: Während die Niederburg ehemals zum Gebiet der Herren von Manderscheid, und damit zum Herzogtum Luxemburg gehörte, markierte die nur wenige hundert Meter entfernte Oberburg die Landesgrenze des Kurfürstentums und Bistums Trier. Man kann sich noch heute ganz gut vorstellen, wie die beiden Burgbesatzungen sich gegenseitig belauert und bekriegt haben. Und natürlich wurde beim Grenzübertritt von den Reisenden ein Wegzoll erhoben, von dem ein nicht unerheblicher Teil in den Ausbau der Burgen geflossen sein dürfte.

VE2Oberburg Manderscheid

Leider waren wir ein bisschen spät dran, auch wegen eines heftigen Regenschauers während und nach dem Aufbau des Zeltes und seiner Einrichtung, und konnten die Niederburg nur noch von außen besichtigen. Immerhin haben wir aber die 125 Stufen des Wehrturms der Oberburg erklommen und von dieser Warte aus die steilen Abhänge des Niedermanderscheider Talkessels in Augenschein genommen. Und die Zelte und Buden auf der Turnierwiese, die schon für das Ritterfest am kommenden Wochenende vorbereitet war, ließen die mittelalterliche Stimmung noch ein bisschen ruchbarer werden.

VE3Zusammengestellte Aufsteller

Natürlich wollten wir die landschaftlichen Schönheiten der Gegend erwandern. Deshalb brachen wir am folgenden Tag in Richtung der Ortschaft Meerfeld auf, die in der Mulde des gleichnamigen Maars gelegen ist. Wir haben gelernt, dass Maare keine Kraterseen sind, sondern Überbleibsel von phreatomatischen Explosionen. Folglich ist der erhöhte Ring um die Eintiefung eigentlich auch nicht als Krater zu bezeichnen, sondern als Rand des Einbruchstrichters. Das Meerfelder Maar ist eines der größten Maare der Eifel, aber heute nur noch zum Teil mit Wasser gefüllt, weil man Ende des 19. Jahrhunderts den Spiegel zwecks Landgewinnung künstlich abgesenkt hat. Von einem Trockenmaar spricht man übrigens, wenn der Grund des Einsturztrichters durch Sedimentation oder Verlandung vom Rand her nicht mehr mit Wasser gefüllt ist.

VE4Am Meerfelder Maar

Nach einer kurzen Pause am schattigen Ufer gingen wir das nächste Etappenziel an, nämlich den Windsborner Kratersee (eben kein Maar, sondern eine Wasseransammlung in einem echten Vulkankrater) in der Nähe von Bettenfeld. Noch war es sonnig und hochsommerlich warm. Die Länge und Steilheit der Anstiege erwies sich als echte Herausforderung für uns Flachländler, aber schließlich erreichten wir den kleinen See in unmittelbarer Nähe des Mosenberges. Jenen Hügel wollten wir eigentlich noch erklimmen, bevor es wieder Richtung Manderscheid gehen sollte. Im Nachhinein hat sich herausgestellt, dass wir beim Abstieg vom Kraterrand (mit Gipfelkreuz, daher die Irritationen) nur den Rand des Mosenberges streiften und uns kurz danach, so wie es unseren gemeinsamen Wandertraditionen entpricht, ein wenig verliefen (obwohl wir natürlich Karten mitführten). Tatsächlich wollten wir Richtung Campingplatz abkürzen und hätten das auch geschafft, wenn der zunächst so attraktive Weg nicht mitten in der Pampa mehr oder weniger geendet hätte. So entschlossen wir uns dazu, die Richtung einigermaßen beizubehalten und unser Glück zu versuchen. Dies zwang uns erst mal zur illegalen Durchquerung einer Tannenbaumplantage. Nachdem wir den begrenzenden Zaun auf der gegenüberliegenden Seite überstiegen hatten fanden wir uns in einem düsteren Waldstück wieder und mussten uns einen steilen Abhang hinunterkämpfen, um am Talgrund wieder einen auf der Karte verzeichneten Weg zu erreichen. Zunächst schien dieser Plan aufzugehen (das ist ja das Tückische am Verlaufen, man wähnt sich ganz woanders, als man in Wirklichkeit ist) und wir folgten dem fortwährend ansteigenden Pfad bis sich nach einigen Kilometern erste Zweifel einstellten. Beim erneuten Kartenstudium (wir hatten inzwischen eine Landstraße erreicht) begann es zu regnen. Den letzten Abschnitt (längs der Straße, sicher ist sicher) absolvierten wir also bei leichtem Donnergrollen und heftigen Niederschlägen und waren wirklich froh nach insgesamt 7 Stunden und 16 Kilometern den Campingplatz zu sehen und uns wie die toten Fliegen im Vorzelt niederlassen zu können. Ganz erstaunlich fand ich, dass die Reiseleiterin noch die Energie aufbrachte, auf dem Grill sehr leckere herzhafte Teigtaschen zuzubereiten und sich so ihren neuen Spitznamen zu verdienen. Hut ab!

VE5Das Totenmaar bei Daun

Am folgenden Tag wollten wir es etwas ruhiger angehen lassen und brachen erst mal in aller Ruhe unser Lager ab. Dies dürfte vor allem die minderjährigen, extrem ruhebedürftigen Töchter unserer Zeltnachbarn gefreut haben (Eine ganz andere Geschichte, die ich vielleicht ein andermal erzählen werde). Dann ging es Los Richtung Daun. Südöstlich dieses Städtchens liegen drei Maare direkt nebeneinander, unter anderem das so genannte Totenmaar. Der Name klingt schauerlich, dabei ist seine Herkunft eigentlich lapidar: Das Totenmaar heißt nämlich in Wirklichkeit Weinfelder Maar. Die Ortschaft Weinfeld wurde aber nach einer Pestepidemie im 16. Jahrhundert aufgegeben, nur die Pfarrkirche und der zugehörige Friedhof blieb übrig und dient bis heute als Begräbnisstätte des Ortes Schalkenmehren. Wenn man vom Gräberfeld bei geschlossener Wolkendecke in das dunkle Wasser des Maarsees blickt, dann kann einen schon ein kleiner Schauer überkommen und deshalb kann es auch nicht verwundern, dass sich zahlreiche Geschichten um das Weinfelder Maar ranken, in denen mildtätige Grafen, hartherzige Grafengattinnen und hellsichtige Grafenpferde vorkommen.

VE6 Die Kapelle am Totenmaar

Nach der Besichtigung des Friedhofs und der trutzigen Kapelle machten wir uns über den Rundweg in Richtung des Schalkenmehrener Maars auf, dessen Wasserspiegel fast 80 Höhenmeter niedriger liegt, als der des Totenmaars. Entsprechend steil war auch der Abstieg über den Wall (und unser Tempo nach den Strapazen des Vortags doch sehr gemäßigt). Auch das Schalkenmehrener Maar besteht aus einem trockengelegten Teil, dort liegt auch die gleichnamige Ortschaft, und einem Maarsee. Und am Ufer des Sees liegt ein Freibad (Maarbad) und ein zugehöriger Tretbootverleih. Natürlich mussten wir unbedingt ein Ründchen mit dem Bötchen drehen und natürlich begann das Wetter umzuschlagen, während wir auf dem See waren.

VE7Das Schalkenmehrener Maar

Zwar kam noch mal die Sonne durch, so dass wir uns zu einem Ruhepäuschen in einem schattigen Apfelhain niederlassen konnten, doch dann grummelte es bereits vernehmlich. Als wir den Rand erklommen fielen die ersten Tropfen und als wir oben waren regnete es in Strömen und zwar weniger von oben als viel mehr von der Seite. Zum Glück war der Parkplatz nicht allzu weit entfernt. Und so verabschiedete uns die Vulkaneifel so, wie sie uns willkommen geheißen hatte. Trotzdem: Als wir Richtung Hillesheim und Stadtkyll tuckerten überkam mich der dringende Wunsch diese Landschaft noch einmal zu besuchen. Da gibt es nämlich noch einiges zu entdecken (und nächstes Mal wird der Mosenberg erklommen, jawoll.)

VE8 Kurz vor dem Schauer

Note to self: Der Auer, jetzt wirds grell. Musik: Red Hot Chili Peppers, ANNA1.

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Abrieb

Die Sache ist, wenn man sie auf einer Zeitachse mit geologischer Größenordnung betrachtet, klar wie dicke Tinte. Alle Dinge, die uns umgeben, werden im Laufe ihrer Existenz fortwährend kleiner, jedenfalls in erster Näherung. Egal ob es sich um Verschleiß durch Benutzung, um die Einwirkung von Wind, Wellen und Strömungen, oder um Korrosions- und Verwitterungsprozesse handelt, die Zeit kriegt alles klein. Und übrig bleibt neben dem sich ständig verkleinernden Ding eben der Abrieb, so lange bis wir zwischen dem Ding und dem Abrieb nicht mehr unterscheiden können. Dies wird uns nicht nur dann klar, wenn wir wieder mal mit Besen und Kehrblech einer erklecklichen Menge des wundersamen Stoffgemischs zu Leibe rücken, das wir Hausstaub nennen, dann aber ganz besonders. Und von dem mehr oder weniger unansehnlichen Haufen, der nach Beendigung der Verrichtung von der Schaufel in den Mülleimer wandert, bis zu den sandigen Ozeanen einer Gobi oder Sahara ist es dann eigentlich nicht mehr weit.

Weil wir es gerne ordentlich haben, dürfte es uns ungemein trösten, zumindest aber beruhigen, dass es auf unserem Planeten einen endgültigen Bestimmungsort für all das Abgeriebene, Abgetragene, Zersetzte gibt. Der Grund der Weltmeere gilt als globale Erosionsbasis. Was dort angelangt ist, das wird auch erstmal dort bleiben, jedenfalls so lange, das es uns nicht weiter interessieren muss. Ein neugieriges Kind in seiner „Ich löchere meine Eltern bis sie nicht mehr können“-Phase würde natürlich innerhalb weniger Minuten den Schwachpunkt obiger Überlegungen aufdecken: Wie kommt es, dass das Meer dann nicht schon längst voll ist? Und natürlich: Wo soll denn das eigentliche Meer hin, wenn es von unten immer weiter verlandet? Tja. Und schon sind wir fast bei unseren grundsätzlichsten Vorstellungen der Stoff- und Energiekreisläufe, den ewig andauernden geo- und biochemischen Prozessen angelangt, die wir einem neugierigen Kind nur mit übermenschlicher Geduld, das heißt eigentlich gar nicht, erklären können.

Wir sollten, so gesehen, dem Abrieb ebenso viel freundliche Aufmerksamkeit schenken, wie den Dingen, von denen er abgerieben wurde. Was ich gerade eben im (stets überreichlich vorhandenen) Schweiße meines Angesichts zusammengefegt habe war sicherlich, wenn auch nur zu einem kleinen Teil, Bestandteil der Pyramiden, von tropischen Korallenriffen des Tethysmeeres, von Stoßzähnen eiszeitlicher Mammuts, der Sohlen der Sandalen römischer Legionäre, von frühmittelalterlichen päpstlichen Popeln, den Achselhaaren kniehoher Australopithecinen, dem atomaren Pilz von Hiroshima und der allersüdlichsten Felsklippe Feuerlands.

Und weil der Abrieb die Geheimnisse seiner Herkünfte zwar in sich trägt aber nicht preisgibt, und weil er nur eine Momentaufnahme aus dem übergroßen Ding-Nichtding-Kontinuum ist, und weil wir uns darin von ihm überhaupt nicht unterscheiden, dürfen wir selig mit halb geschlossenen Augen „Sternenstaub“ murmeln, uns noch einen Kaffee machen und darauf warten, dass Zeit und Schicksal eins weiterblättern.

Note to self: Mausarm, oder wie? Musik: Yello, The Pogues.

…ein bisschen kleiner?

Draußen ist der Westzipfel immer noch damit beschäftigt die Rekordniederschläge des gestrigen Abends zu verdauen, entfernte Martinshörner künden davon. Was mich betrifft, so bin ich geschützt von bunkerdicken Mauern einigermaßen durchgekommen. Nur der Ausfall meiner Mobilfunke war ein bisschen lästig, aber natürlich kein Vergleich zu den apokalyptischen und tragischen Ereignissen beim Pukkelpop oder den abgesoffenen Kellern, Tiefgaragen und Autos. Glimpflich – das ist auch so ein wirklich merkwürdiges Wort.

Da wo kein Sommer ist, kann auch kein Sommerloch sein. Gut, wir hatten die Kuh Yvonne, ein paar europäische Regierungschefs, die so tun als wollten sie etwas gegen das Kartell der Ausplünderer und Zocker unternehmen (Kicher!) und dem unsäglichen heiligen Matussek, der sich bei SPON in seinem erbärmlichen distanzlosen Geschreibsel über den Papst ergehen darf. Aber sonst verlief die Urlaubszeit bislang doch bemerkenswert knackig: Hunger in Ostafrika, Panzer in Syrien, Bodenlosigkeit in Frankfurt, Tokyo und New York, Kriminelle in London, Manchester und B-Ham, Randale in Madrid (Nee Matussek, das sind keine Idioten. Das sind Leute, die eine Perspektive wollen und nicht darauf warten können, dass der heilige Geist sie mal streift.) und seit gestern auch endlich wieder Bambule in Israel und Gaza. Nein, da kann man sich wahrlich nicht beschweren.

Ah, wollen wir mal dem Zynismus das Feld nicht zur Gänze überlassen. Ab und zu gibt es ja sommerliche Äußerungen und Vorkommnisse, die uns helfen unser Weltbild ein wenig gerade zu rücken: Da ist beispielsweise ein lesenswertes Interview mit der ehemaligen Gleichstellungsbeauftragten der Stadt Goslar, einer aufrichtigen und blitzgescheiten Frau. Zwar nicht ganz so gescheit und nicht gerade messerscharf analytisch, aber durch und durch überzeugend erklärt uns Jakob Augstein den sozialen Meltdown in Großbritannien. Und schließlich entlarvt ein Fußballreporter den Trainer Jose Mourinho als das, was er wirklich ist: Ein charakterloser Haudrauf, der den Unterschied zwischen Motivation und Anstiftung zur Körperverletzung nicht kennt.

Von solcher Hellsichtigkeit sind all die bedauernswerten Redakteure meilenweit entfernt, die sich mit dem neuen Machwerk von Charlotte Roche beschäftigen müssen. Am bedauernswertesten unter ihnen ist sicherlich Alice Schwarzer. Frau Schwarzer, haben Sie es nicht ein bisschen kleiner?

Note to self: Komm, eine Stunde, oder so. Musik: Les Claypool, Yello, J.S. Bach, Godspeed You! Black Emperor.

Kneifen gilt nicht

Hatte mir vorgenommen wenigstens bis zum dritten Spieltag der Zweitligasaison zu warten, bis ich mich zur aktuellen Situation bei den Alemannen äußere. Nun denn: Null Punkte, 1:6 Tore, Tabellenletzter. Und ich kann nicht mehr an mich halten. Bei einer Gartenparty vor kurzem hielt ich ein lockeres Schwätzchen mit einem Fan im besten Sinne, einem Berufsoptimisten und unabdingbar Begeisterten, der die Aussicht auf die kommende Saison in den rosigsten Farbtönen malte. Ich hielt ihm entgegen, dass der Abgang von drei Leistungsträgern (Stieber, Höger, Arslan) diesmal nicht zu kompensieren sein würde. Ich habe leider recht behalten.

Fußball, so sagen alle Experten, ist ein Fehlerspiel: Will sagen, bei einem Aufeinandertreffen zweier etwa gleich starker Teams geht gewöhnlich die Mannschaft als Sieger vom Platz, die an diesem Tag weniger individuelle Fehler macht. So ist das bislang zweimal gelaufen: In Aue haben beide Innenverteidiger einmal komplett geschlafen, gegen Sankt Pauli hatten Erb und der Schiedsrichter jeweils einen Totalaussetzer. Dazu kommt eine indiskutable Leistung gegen Braunschweig, die vor allem zeigte, dass es der Mannschaft zuweilen an einer wirklichen offensiven Spielidee fehlt, wenn es gegen einen gut organisierten, kompakt stehenden Gegner geht (ein altes Problem der Schwarz-Gelben), aber eben auch an der charakterlichen Festigkeit und dem Willen, den Karren aus dem Dreck zu ziehen, wenn man hinten liegt.

Sowohl gegen Aue, als auch gegen Pauli und Karlsruhe hat man gegen einen taktisch und spielerisch erschreckend schwachen Gegner verloren. Bleiben wir bei den individuellen Fehlern: Der Klassenerhalt sollte eigentlich drin sein, wenn unser Freund Erb sich mal zusammennimmt, Stiepermann auch mal abspielt, Radu mal ein Kopfballduell gewinnt und im Sturm das allgemeine Nervenflattern abgestellt werden kann. Mehr als ein Platz im Mittelfeld ist aber diesmal nicht möglich.

Einige der Neuzugänge haben durchaus überzeugend gespielt. Waterman strahlt wesentlich mehr Ruhe aus als Hohs, Sibum gibt einen soliden, wenn auch abschlussschwachen Sechser, Stiepermann versucht seine Stärken im Eins-gegen-Eins zur Geltung zu bringen. Es sind mehr die bewährten Kräfte wie Junglas, Kratz, Uludag und Auer, die bislang nichts auf die Kette kriegen. Und ich glaube, das ist vor allem ein psychologisches Problem: Die altgedienten Spieler wissen eben ganz genau, dass wegen der prominenten Abgänge nicht viel zu reißen sein wird. Wenn sie aber glauben, dass die Klasse auch mit halber Kraft zu halten sein wird, dann haben sie sich getäuscht.

Ich erwarte beim nächsten Heimspiel ein deutliches Zeichen. Cottbus ist zur Zeit wahrlich kein übermächtiger Gegner. Da muss es einfach klappen, sonst sehe ich schwarz für Hyballas an sich löbliches Konzept. Also: Kneifen gilt nicht.

Note to self: Dann bin auch mal nicht da. Musik: The Number Twelve Is Looking Like You, Rolo Tomassi, Decapitated, Terra Naomi, ANNA1.

Die Wolke

Wie kommt das eigentlich, dass moderne Netz-Aficionados so sehr auf „die Cloud“ abfahren? Woher kommt der Begriff überhaupt? Gut, in Schema-Zeichnungen, mit deren Hilfe Netzwerktechnologien illustriert werden sollen, wurde und wird das Internet stets als Wolke dargestellt. Das impliziert vor allem eins: Wir müssen und wollen gar nicht verstehen, was in der wolkigen Welt hinter der Amtsdose vor sich geht. So wie der Strom aus der Steckdose kommt, kommt das Internet eben aus dem TAE-Anschluss und damit fertig. Derjenige, der mal damit angefangen hat das Symbol zu verwenden, hätte einen Gebrauchsmusterschutz beantragen und damit reich werden können.

Die Verlagerung von Rechenprozessen und Daten in diese Wolke hat für viele Menschen etwas ungeheuer reizvolles. Einerseits für die Entscheider in der Industrie: Wenn ich ein Tabellenkalkulations-Werkzeug als Dienst zur Verfügung stelle, dann spare ich mir die Arbeitsplätze vom Helpdesk, denn die Nutzer können bei der Installation nichts mehr falsch machen, es ist nicht schlimm, wenn lokale Festplatten abkacken usw.. Und wenn der Server mal abraucht, dann übernimmt eine Fallback-Maschine die Ausführung, das Problem wird von einem Spezialisten analysiert und man reduziert die Anzahl der „single point of failures“ drastisch. Der Nutzer profitiert auch, er muss das Programm nicht kaufen, installieren, updaten, es funktioniert und gut. Selbiges gilt auch für die Benutzerdaten: Ich brauche mir keine Gedanken über Datensicherungskonzepte zu machen (in Wirklichkeit ist eine tragfähige Lösung dieses Problems dem Durchschnittsbenutzer ohnehin nicht zu vermitteln; Datenverluste sind an der Tagesordnung und werden in der Rubrik „Schicksal“ verbucht). Also: Alles wolkig in der Wolke, oder? Es scheint so, denn entsprechende Angebote schießen wie die sprichwörtlichen Pilze aus dem Boden (deshalb heißt es ja auch „mushroom cloud“, har, har , har). Samsung brachte kürzlich das Chrome-Book heraus, einen Mobilcomputer, der sich ohne Internetanbindung in einen Ziegelstein verwandelt. Cloud-Dienste werden von allen großen Playern im IT-Markt angeboten und zwar zu sehr günstigen Konditionen. Das wird sich spätestens dann ändern, wenn die User hinreichend angefixt sind und es ohne nicht mehr geht.

Meine Kritik an dieser Entwicklung setzt an ganz unterschiedlichen Gesichtspunkten an, die ich mal kurz umreißen will: Der erste und wichtigste heißt „Kontrolle“. Mündigkeit bedeutet in der Zeit der Informationsgesellschaft auch, dass ich und sonst keiner möglichst umfassende Kontrolle über meine Daten habe. Mir ist schon klar, dass das eine Wunschvorstellung ist, dieser Blog und meine Webseite ist nur die Spitze des Eisbergs, in Wirklichkeit hinterlasse ich eine breite Spur von Daten im Netz und kann wenig dagegen unternehmen. Trotzdem schaue ich, dass ich nicht mit meinem Google-Account angemeldet bin, wenn ich die Suchmaschine benutze und frage mich selbst bei allen Inhalten, die ich ins Netz stelle, ob sie mir in 20 Jahren peinlich sein könnten. Außerdem lasse ich die Finger von Facebook, Google+ und so weiter. Immerhin etwas.

Der zweite Aspekt ist ein ökologischer: Rechenzentren sind Stromfresser. Neulich hörte ich in einer Dokumentation, dass allein für die Klimatisierung von Serverräumen weltweit zahlreiche Atomkraftwerke laufen. Wenn man Server so auslegen würde, dass sie höhere Temperaturen vertrügen, könnte man schon einige Blöcke abschalten. Warum sollen also meine Daten ständig verfügbar sein und zwar in mehrfacher Kopie (Datensicherheit)? Warum soll eine gewaltige Infrastruktur aufrecht erhalten werden, nur damit ich an jedem Rechner der Welt meine Urlaubsfotos auf den Schirm zaubern kann? Natürlich hat diese Vorstellung ihren Reiz. Ich will auch nicht verschweigen, dass ich bis vor zwei Jahren einen eigenen Server und natürlich eine zugehörige Security-Appliance betrieben habe, die rund um die Uhr liefen. Es geht aber auch ohne.

Der dritte Punkt ist die Chancengleichheit. Natürlich hat man als Bewohner eines städtischen Ballungsraums mit einer fetten Anbindung keine Probleme mit netzbasierten Diensten und Inhalten. Aber schon wenige Kilometer entfernt, im durchschnittlichen Kuhdorf in der Provinz sieht das völlig anders aus, ganz zu schweigen von der Situation in Schwellenländern und Staaten der dritten Welt. Schon deshalb sollte man das Netz schlank halten. Allein die Übertragung einer durchschnittlichen Webseite stellt die Benutzer schmalspuriger Verbindungen vor Probleme, da ist es nicht erforderlich den Brief an Tante Erna, den man nach dem Schreiben ausdrucken und per Post verschicken möchte, mit minütlicher Aktualisierung durch die Leitungen zu quetschen.

Der nächste Punkt betrifft die Sicherheit: Sollte der Brief an Tante Erna in die falschen Hände geraten, dann ist das unschön aber keine Katastrophe. Bei den Bilanzdaten eines mittelständigen Unternehmens sieht das schon ganz anders aus. Berücksichtigt man den Aufwand, der tagtäglich im globalen Hase-und-Igel-Spiel betrieben werden muss, um kritische Daten vor Langfingern zu schützen, dann gibt es keinen Grund, das zu schützende Datenvolumen um ein Vielfaches zu steigern.

Ein letzter, sehr persönlicher Aspekt: Mein Rechner und die darauf befindlichen Daten sind „mein Baby“. Die Vorstellung, dass meine Daten von irgendwelchen Agents manipuliert und abgelegt werden, ist mir ein Graus. Zudem bin ich eine Krämerseele und habe darin viel mit meinem Erzeuger gemeinsam, dessen wesentliche Aufgabe in seinem Berufsleben darin bestand ein umfangreiches Lager mit Verbrauchs- und Ersatzteilen zu verwalten und zwar mit Karteikarten. Mir ist es also irgendwie in die Wiege gelegt Dinge geordnet abzulegen und wieder zu finden. Mein Rechner bietet eine sogenannte inhaltsbasierte Dateisuche an, die ich aber eigentlich nie benutze. Ich weiß einfach, wo sich das Gesuchte ungefähr befindet und komme so schneller zum Ziel. Mir ist klar, dass es völlig blödsinnig ist, sich den Aufenthaltsort von Dateien über Eselsbrücken assoziativ zu merken, aber ich bin es nun mal so gewohnt. Die Vorstellung, dass meine Dateien irgendwo in der Wolke stecken, ist mir zuwider. Natürlich würde ein Suchalgorithmus, der von viel intelligenteren Menschen als ich es bin ersonnen wurde, mir bei Eingabe von „Tante, Erna, Brief“ die gesuchte Datei in Sekundenbruchteilen präsentieren. Ich möchte aber in den Ordner „Korrespondenz“ gehen, dann in „Familie“, dann in „Tante Erna“ und dort das Dokument im Filemanager sehen. Ich brauche das.

Die Wolke ist die Zukunft, so viel ist mir auch klar. In absehbarer Zeit werden wir wahrscheinlich alle mehr oder weniger entwurzelte digitale Nomaden sein. Dann setzte ich mich morgens vor irgendeinen Bildschirm, eine Stimme sagt sofort: „Guten Morgen Skidman, was kann ich für dich tun?“ Und dann sagt sie: „Du siehst aus, als wäre es gestern wieder mal spät geworden.“ Und dann sagt sie: „Das finden auch 65% der verbundenen Benutzer, dein Vorgesetzter, deine Mutter und dein Disziplinbeauftragter. Der erwartet dich in 10 Minuten zur Videokonferenz. Willst du jetzt einen Katalog der in den letzten drei Tagen bearbeiteten Dokumente sehen?“

Note to self: Glatter als erwartet. Musik: Krisiun, Limbonic Art, Jurojin, Kittie.