Bittersüß

Die 88. Minute auf dem Tivoli. Hertha BSC führt 5 zu 0 gegen die Alemannia. Die Schwarz-Gelben haben während der gesamten Spielzeit sehr mutig nach vorne gespielt, 55% Ballbesitz, 4 zu 3 Ecken. Im Grunde genommen stimmt alles, bis auf das katastrophale Ergebnis. Schon zur Pause führten die Berliner mit drei Toren. Hyballa brachte einen zweiten Stürmer und zwei offensive Mittelfeldspieler, mehr Risiko geht nicht. Die Herthaner nutzten ihre Chancen kaltschnäuzig im Stile einer Spitzenmannschaft.

Man könnte von einem desolaten Nachmittag sprechen, aber das entspräche nicht den wirklichen Verhältnissen. Während der ganzen Spielzeit waren keine Pfiffe zu hören und kurz vor Schluss feiern die Aachener Fans ihre Mannschaft, so muss das sein. Vor ein, zwei Jahren war das noch ganz anders, aber da wurde eben auch kein moderner Angriffsfußball, sondern verkrampftes Rumpelgekicke geboten. Man wird den guten einstelligen Platz in der Tabelle behalten, auch das steht schon fest und das entspricht auch dem, was man für diese Saison im günstigsten Falle erwarten durfte. Die nächsten Punkte holen wir dann eben in Ingolstadt.

Nach dem Schlusspfiff geht die Mannschaft in die Kurve, die eigentlich eine kurze Gerade ist, und wird gefeiert. Ich bin ein bisschen gerührt.

Note to self: Kräftig buckeln? OK, aber dann mit Provision! Musik: keine, Fußball.

Hanseatisch

Nein, Olaf Scholz, ausgestattet mit dem Charisma eines Überseecontainers und der rhetorischen Begabung eines Stockfischs, hätte in keinem anderen Bundesland eine echte Chance auf ein politisches Spitzenamt. Aber in Hamburg, wo es chic ist verkniffen, leicht hochnäsig und ein bisschen abgehoben zu sein, da hat er voll zugeschlagen, und zwar so heftig, dass ihm selber ein bisschen blümerant zumute war, das konnte man deutlich sehen. Tja, man muss auch gönnen können, also von mir aus Glückwunsch.

Inhaltlich ist das gestrige Ergebnis insofern interessant, als mit Scholz so ziemlich der letzte echte „Agenda 2010 Vertreter“ der Sozialdemokratie zur Wahl stand. Wir sehen also, dass fatale politische Ideen nicht so leicht auszurotten sind, jedenfalls nicht im fischköpfigen Norden, wo der hanseatischen Kaufmannsschaft und Wirtschaftskraft der unzerstörbare Anruch von Ehrbarkeit und sozialer Verantwortung anhaftet und jedes Heringsbrötchen und jeder Labskaus von der Smith`schen „unsichtbaren Hand“ höchstselbst angerichtet zu sein scheint. Wahrscheinlich ist der Sieg der alten Tante aber auch dadurch zu begründen, dass die Sozialdemokratie in der Hansestadt konservativer ist als so mancher CDU-Landesverband.

Ein erfreulicher Aspekt des gestrigen Urnengangs ist ohne Zweifel, dass das ziemlich durchsichtige Manöver der Grünen, die diese Wahl überhaupt erst herbeigeführt haben, nicht verfangen hat, obwohl laut Umfragen die Rot-Grüne Koalition das von den Hamburgern bevorzugte Regierungsmodell war. So gesehen ist es als Eigentor zu verstehen, wenn Claudia Roth gestern meinte, Stimmungen seien noch lange keine Stimmen. Genau so ist es Frau Roth und deshalb hat sich die GAL ohne Not aber mit Verve selbst von der Regierungsbank gekegelt. Wir wollen nicht vergessen, dass kein politisches Ziel der GAL in der Koalition durchgesetzt werden konnte, egal ob Moorburg, Elbvertiefung oder Einheitsschule – eine politische Bankrotterklärung, inhaltlich zu bedauern und nur mit Sarkasmus zu ertragen, denn mit Zähigkeit und ohne Schielereien auf Umfragewerte hätte sich da bestimmt noch was machen lassen.

Zum Schluss noch ein paar Sätze zu denen, die gestern mit einem blauen Auge davonkamen. Sowohl die Liberalen als auch die Linken waren erleichtert, überhaupt in die Bürgerschaft eingezogen zu sein. Man kann das verstehen. Auch wenn die paar Mandate, die man jeweils errungen hat, eigentlich nicht ins Gewicht fallen. Als gefährlich könnte sich erweisen, dass beide Parteien ihr Ergebnis als Indikator für eine Trendwende für die kommenden Abstimmungen sehen möchten, denn davon kann keine Rede sein. Das Eis ist verdammt dünn und an dieser Stelle scheint zumindest Gregor Gysi mit mehr Realitätssinn gesegnet zu sein als die selig lächelnde versammelte FDP-Parteispitze (ein Bild für die Götter!) mit ihrem Honigkuchenpferd Guido an der Spitze.

Note to self: Schmeckt einfach nicht, nicht mal ein bisschen. Merks dir. Musik: Rorcal, Aurea Borealis.

Capture the flag

Wer das Spiel der Alemannia beim SC Paderborn gesehen hat, der hat sich vielleicht über die lautstarken Bekundungen „Fussballfans sind keine Verbrecher“ gegen Ende der ersten Hälfte gewundert, es wurde nämlich nichts darüber berichtet: Nicht bei Sky, nicht in der Sportschau, nicht im Sportstudio. Das lässt tief blicken. Zugetragen hatte sich folgendes: Der Polizei gefiel nicht, dass die Alemannen-Fans zwei Fahnen an sogenannten Wellenbrechern im Gästeblock angebracht hatten, da dadurch die Videoüberwachung ausgehebelt wurde (Man könnte zum Beispiel hinter den Fahnen zündeln, etc.). Zwar erzielten die Fanbeauftragten der Aachener mit dem Ordnungsdienst vor Ort die Übereinkunft, dass die Fahnen hängenbleiben durften, doch stürmten kurz darauf zahlreiche Polizisten (die berüchtigte Hundertschaft aus Bielefeld) den Block, setzten Pfefferspray und Schlagstöcke ein, unter anderem gegen völlig Unbeteiligte und Kinder und erzwangen das Abnehmen der Fahnen. Damit nicht genug: Im Sanitärbereich für die Gäste wurde munter weitergeprügelt und den Aachener Fans die Benutzung der Toiletten in der Pause untersagt.

Die mitgereisten szenekundigen Polizeikräfte aus Aachen stuften den Einsatz als unverhältnismäßig ein und haben einen eigenen Bericht angekündigt. Zurzeit werden Anzeigen gegen die beteiligten Beamten vorbereitet. Bereits kurz nach Spielende lag eine entsprechende Stellungnahme der Fan-IG vor.

So und jetzt mal Klartext: Wenn Fussballfans sich daneben benehmen (gestern Schmierereien der Rostocker, der besprühte Bayernbus, Idioten in Schwarz-Gelb beim Spiel gegen Oberhausen, Bengalos aus St.Pauli beim Derby), dann wird zu recht ausführlich darüber berichtet. Ich kann mich auch noch an eine Auswärtsfahrt nach Siegen erinnern, wo ich für kein Geld der Welt mit dem Zugpersonal im Regionalexpress getauscht hätte. Wenn aber friedliche Fans grundlos zusammengeschlagen werden und sich in ärztliche Behandlung begeben müssen und im Fernsehen nicht mal eine Silbe zu hören und keine Bilder zu sehen sind, dann stösst das extrem sauer auf. Offenbar gibt es eine Übereinkunft der übertragenden Sender, die man nicht gutheissen kann. Zum Glück liegen zahlreiche Videos und Bilder im Internet vor, die den ganzen Schlamassel zeigen. Trotzdem: Ich befürchte, dass die Übergriffe der (ich schreibs jetzt einfach mal) Prügelbullen keine Konsequenzen haben werden. Wäre ja nicht das erste Mal. Zum Reihern. Ansonsten den Kartoffelkäfern Glückwunsch zu drei verdienten Auswärtspunkten und den Verletzten gute Besserung.

Note to self: Ja was solls, Einsatz war da und vorbildlich. Musik: Shrinebuilder, Aurea Borealis.

Nachträge

Keine Bange, keine Bange: Zwar habe ich seit 10 Tagen keinen neuen Artikel bei Just Skidding veröffentlicht, aber es gibt mich mich noch und das Blog gibt es auch noch. Alles paletti, nur war ich in der Zwischenzeit ein bisschen krank und ziemlich beschäftigt. Also dann: Die Nachträge:

Wo zur Hölle liegt eigentlich Porcheresse? Die Frage ist gar nicht so leicht zu beantworten, denn es gibt mehrere Porcheresses. Hier ist aber das malerische Ardennen-Dörfchen gemeint, das in der Nähe von Daverdisse liegt. Und Daverdisse wiederum liegt südlich von Dinant in der Wallonie.

pd

Wenn man auf der Autobahn Richtung Lüttich, dann Richtung Luxemburg und schließlich Richtung Namur fährt, dann erreicht man irgendwann die Abfahrt 23, das Dörfchen Halma (echt!) und biegt kurz danach in die wirkliche Wildnis ein. Als wir am letzten Freitagabend bei Nebel und Dunkelheit dort entlang fuhren, dachten wir tatsächlich, dass die Welt hinter der nächsten Kurve zu Ende sein könnte.

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Jedenfalls hatte der liebe Sascha anlässlich seines runden Geburtstags in ein uriges Häuschen in unmittelbarer Nachbarschaft des Chateau Porcheresse eingeladen.

CP

Natürlich haben wir dort gefuttert, gespielt, Leckeres getrunken (Luksusowa, Laphroiag) und ziemliche Mengen von Holz in zwei besonders anmutige, gedrungene gußeiserne Öfen (Bauform: „Iron Dog“) gestopft. Die Klamotten riechen immer noch danach. Das Wetter war sehr brauchbar, wir umwanderten das Dörfchen und freuten uns des Lebens.

Leider war unser Versuch am Sonntag das Chateau de Walzin näher zu erkunden nicht von Erfolg gekrönt. Zwar fanden wir es tatsächlich, doch ist das ganze Gelände in Privatbesitz, wie Schilder und Stacheldraht unmissverständlich klarmachten.

CW

Nächstes Thema: Lieber Dr. -summa cum laude- zu Guttenberg wissen Sie was: Ihr kometenhafter Aufstieg, ihr oberstaatsmännisches Getue und Ihre peinlichen Auftritte in Afghanistan sind mir immer schon sauer aufgestoßen. Ich hätte jede Wette angenommen, dass auch Sie die eine oder andere Leiche im Keller haben. Nun, inzwischen hat man insgesamt 30 nicht gekennzeichnete Zitate in Ihrer Dissertation gefunden. Ich hoffe nur, dass adlige Bundesminister genau so behandelt werden wie Otto Normaldoktor. Dem würde man nämlich die Doktorwürde stiekum aberkennen (ist schließlich kein Ruhmesblatt für die Fakultät). Und ein Plagiator kann kein Bundesminister sein. So sehe ich das jedenfalls. Und noch was: Ich kenne da einen, der hat mal eine Doktorarbeit verfasst (und leider nie eingereicht). Der wäre im Boden versunken, wenn man ihm ein nicht gekennzeichnetes Zitat nachgewiesen hätte, so etwas ist einfach unterste Schublade.

Letztes Thema: Die Volksaufstände in der arabischen Welt: Also jetzt mal ehrlich, ich wusste nichts davon, dass in Ägypten gefoltert und per Notstandsgesetzgebung regiert wird. Ich hatte keine Ahnung davon, dass in Tunesien eine Clique von Ausbeutern und Leuteschindern an der Macht war. Sicher, unser grandioser Bundesaußenminister hat das alles wahrscheinlich gewusst, aber da er genug damit zu tun hat Anzeichen für spätrömische Dekadenz in gesetzlich garantierten Sozialleistungen zu suchen, kam er einfach nicht dazu die Unrechtsregime in Nordafrika anzuprangern. Jetzt wird seitens der Bundesregierung das hohe Lied der demokratischen Erneuerung gesungen. Schön, aber wenig glaubhaft. Immerhin ist es die Regierung, die weiterhin mit Libyen und Algerien zusammenarbeitet, mit dem Iran große Geschäfte macht und einen Militärstützpunkt in Usbekistan unterhält (Nein, das ist leider kein Scherz.). Wenn der wesentliche Beitrag des Westens an diesen Umstürzen die Bereitstellung von Facebook ist, und so sieht es derzeit aus, dann lässt das verdammt tief blicken.

Und noch was: Wenn in den vergangenen Monaten von demographischen Faktoren in muslimischen Ländern die Rede war, dann ging es doch stets darum, dass angeblich eine Schlacht um die Weltherrschaft in den Kreißsälen geführt wurde. Dass in einer viel zu schnell wachsenden Gesellschaft mit unzählbar vielen jungen Leuten eben auch eine gewaltige Menge sozialer Sprengstoff steckt, das haben die Angstmacher und Clash-of-Cultures-Beschwörer komplett ausgeblendet. Jetzt fällt es ihnen wieder ein, aber man ist bereits nach Lampedusa unterwegs. Die Araber wollen eben das, was alle anderen auch wollen: Lebenschancen, Wohlstand, einen Rechtsstaat, in dem sie leben können. Wenn sie das nicht kriegen, dann werden sie sich Richtung Festung Europa aufmachen oder sich religiös fanatisieren lassen. Das ist völlig klar.

Note to self: Wechseln, das ist es! Musik: Textures, Architects, Botch.