Abrechnung 2010

Zwar ist noch mehr als ein Tag übrig, aber ich versuche mal den Rechnungsabschluss für das letzte Jahr. Am 31. bin ich sowieso immer viel zu emotional drauf, spätestens wenn draußen die verfrühten Böller losgehen bemächtigt sich eine -hm- sagen wir ostpreußische Schwermut meiner Seele, gegen die ich absolut nichts auszurichten vermag.

Habe eben die letzten ziemlich schweren und bereits verschmutzten Schneereste vom Balkon gefegt und nehme diesen Kehraus als Versinnbildlichung für das, was ansteht.

Sicher, im letzten Jahr ist es in so manchem Bereich besser gelaufen, als in 2009: Ich blicke auf mein bislang erfolgreichstes Geschäftsjahr zurück, auch wenn dieser Erfolg in absoluten Zahlen betrachtet das ist, was man im Fußball einen schmeichelhaften Sieg nennt. Zum Jahresende zeichnen sich hier Veränderungen ab, die mich auf eine weitere Verbesserung hoffen lassen und dazu beitragen könnten, dass ich mich wieder ein bisschen mehr wie ein „normaler Mensch“ fühlen kann. Ich lasse das jetzt mal so stehen, auch wenn ich mir darüber im Klaren bin, dass es kein erstrebenswertes Ziel ist, ein normaler Mensch zu sein, weil das tatsächlich eine ganz idiotische Worthülse ist.

Mit den Mitmenschen hat es sich im letzten Jahr merkwürdig verhalten: Einige, von denen ich es nicht gedacht hätte, haben sich ziemlich weit entfernt. Von anderen habe ich mich entfernt, weil ich nicht damit zurechtkomme, wenn man mir den Minimalrespekt, den nun mal jeder verdient und nötig hat, vorenthält. Manche sind verlässliche Konstanten geblieben, eine Eigenschaft, die ich sehr schätze. Andere wurden wunderbarerweise wiedergefunden. Eine sehr gemischte Bilanz.

Für einen sehr lieben und nahen Menschen war das letzte Jahr ein enorm bewegtes und ich freue mich ganz besonders, dass sich für ihn gerade alles zum Besten zu wenden scheint. Als wir im Spätsommer an einem sehr kaputten und Wodka-reichen Abend zusammen saßen und das Unterste nach oben kehrten ist mir wieder einmal klar geworden, was Vertrauen wirklich bedeutet. Und davon abgesehen hat mich dieser Abend in meiner Bewunderung für Arthur Schopenhauer bestärkt: „Es gibt nur einen angeborenen Irrtum, und es ist der, dass wir da sind, um glücklich zu sein.“

Meine glücklichsten Momente im vergangenen Jahr waren das 4 zu 0 gegen Argentinien bei der WM und das ANNA1-Konzert in Gladbach. Dazu kamen viele Stunden der kontemplativen Ausgeglichenheit während der zahlreichen Streifzüge im Grünen. Insgesamt werde ich immer ruhiger und das freut mich besonders. Bittere und frustrierende Momente waren natürlich auch dabei, aber die behalte ich mal für mich und nehme mir vor aus ihnen zu lernen. Mehr kann man eh nicht tun: There are things that you know, and things that you don`t know, and in between there are doors. Genau. Und es gibt Türen durch die man geht und wenn sie ins Schloss fallen, dann gibt es kein zurück mehr.

Vor langer Zeit hat mir mal eine verdammt nette Frau aus dem hohen Norden erklärt, wie das geht mit dem sich-in-sich-einrichten, damit man in sich wohnen kann. Damit konnte ich eine Menge anfangen und ich habe, so oder so, in der Zwischenzeit einiges dafür getan, dass mir das gelingt. Mir war immer klar, dass es dabei maximal um die Möblierung einer Einraumwohnung gehen kann, nicht um ein Landhaus. So weit, so gut. Nach diesen ganzen Jahren ist wahrscheinlich mal eine gründliche Renovierung angesagt. Dann fühlt man sich wohler, wenn mal jemand zu Besuch kommt. Klar ist aber auch: Ich brauche keinen Innenarchitekten, nur vielleicht ein paar lieb gemeinte Tipps.

Allen Lesern von „Just Skidding“ wünsche ich ein verdammt fettes Jahr 2011. Möge es für euch das bereithalten, was ihr euch wünscht und erhofft.

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Note to self: Kein Einwurf, es geht voran. Musik: Scala & Kolacny Brothers – Was wir alleine nicht schaffen.

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Allerlei zwischen den Jahren

Ein stark verkürztes Weihnachtsfest war das, der ASEAG sei es gedankt. Zwar war auch der heilige Abend mit Oedli sehr schön, trotzdem fehlte irgendwas. Ich möchte mal anmerken, dass die Informationspolitik der hiesigen Nahverkehrsunternehmen durchaus ausbaufähig ist. Andererseits gebe ich nach der Schlittertour gen Aachen am Abend des zweiten Feiertages gerne zu, dass die Straßenverhältnisse durchaus heftig waren. Wenigstens ließ sich ein knapp zweitägiges familiäres Zusammensein realisieren, auch wenn die eingeplanten Genüsse in leicht veränderter Reihenfolge stattfanden, aber natürlich trotzdem für die nachteiligen Folgen an Bauch und Hüfte sorgten. Es ist ein Kreuz!

Es taut! Das ist einerseits sehr schön, denn es bedeutet auch, dass die Tagestemperaturen sich wieder dem Optimalbereich des Bloggers (15-18°C) annähern. Nicht ganz so schön ist, dass man bei den unaufschiebbaren Gängen in und durchs Städtchen gar nicht weiß, wo man zuerst hinschauen soll: Auf den teilweise spiegelglatten Boden, damit man sich nicht doch noch aufs Maul legt, oder nach oben, wo Dachlawinen und messerscharfe Rieseneiszapfen drohen. Wenigstens sind einige Hausbesitzer so schlau, die Gefahrenstellen mit Flatterband provisorisch zu kennzeichnen. So finde ich mich zurzeit jedes mal, wenn ich aus dem Haus trete, in einer abgesperrten Eisdolchzone wieder, man sieht es:

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Ebenfalls sehr schön ist die gelungene Anlieferung einer erheblichen Menge feinen Malzwhiskys, denn wäre ich nicht zu Hause gewesen, dann hätte ich das Paket von der Post den Berg hinauf buckeln müssen. So aber haben sich zu einem von Brüderchen geschenkten Caol Ila inzwischen ein teuflisch torfiger Laphroaig und ein ebenfalls rauchiger Bowmore gesellt. Und da man nicht nur Extrem-Malts von der Hebrideninsel Islay trinken kann, so sehr ich den medizinischen Meeresgeschmack dieser Köstlichkeiten auch schätze, sondern auch mal etwas leichteres dazwischen schieben möchte, wird das Sortiment durch einen fruchtig-vanilligen Glenmorangie, sowie durch einen schon sehr eichigen Dalwhinnie (immerhin 15 Jahre alt) und einen Glenlivet, auf den ich sehr gespannt bin, ergänzt: Ein schöner, aber auch ziemlich dekadenter Anblick, na gut, der Stoff sollte bis in den Spätsommer reichen:

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Jetzt sind wir also in der Zeit angekommen, die man irritiernderweise „zwischen den Jahren“ nennt. Mir geht es immer so, dass ich dazu neige, alles, was man vor Weihnachten nicht mehr geschafft hat, in eben diese paar Tage zu quetschen. Das führt dann dazu, dass der Stress der Vorweihnachtszeit mehr oder weniger nahtlos weitergeht. Diesmal mache ich das anders: Nur unbedingt Nötiges wird erledigt werden, ansonsten plane ich einige enorm faule Tage. Es ist nichts umzutauschen, es ist nichts einzulösen, es ist nichts Versprochenes zu halten. Das anstehende Haushaltsprogramm wird mit links zu bewältigen sein. Sehr schön!

Note to self: Überwunden, gezwungenermaßen! Musik: Protest The Hero, Alter Bridge.

Baum, baumer, baumest

Spätestens hinter Roetgen ist die Sache klar: Wir Flachländer stöhnen zwar wegen der winterlichen Verhältnisse, können aber natürlich der Bevölkerung des Berglandes diesbezüglich gar nicht das Wasser reichen. Knapp zwei Stunden später auf dem Weg nach Eicherscheid schneit es dann wirklich heftig, mehr von der Seite als von oben und pausenlos.

Die Besitzer der Weihnachtsbaumplantage kennen uns schon: Wir sind die komischen Käuze, die jedes Jahr das absolut größte vorhandene Exemplar mitnehmen wollen, entsprechend werden wir gemustert. Dieses Mal hat der Familienvorstand bereits im Herbst ein Etikett mit unserem Namen an dem voluminösen Nacktsamer angebracht. Wäre wahrscheinlich gar nicht nötig gewesen. Wer will sich schon so ein Monster in die gute Stube stellen. Bis es so weit ist, also bis der Kaventsmann an seinem Bestimmungsort angekommen ist, wird aber noch so manche Klippe zu umschiffen sein.

Kaum sind wir zu Hause angekommen wird der grüne Riese sofort und ohne Umschweife in die Garage verfrachtet und damit aus dem Sichtbereich der Ehefrau und Mutter entfernt. Mecker wird es ohnehin geben, aber er wird leiser ausfallen, wenn das Ungetüm bereits leicht eingekürzt und von den besonders ausladenden Ästen an seinem unteren Ende befreit ist. Mit Säge und Stechbeitel rücken wir dem Mammutbaum zu Leibe. Das abgeschnittene Material reicht aus, um den Betrieb des hauseigenen Kachelofens über Monate sicherzustellen. Natürlich, natürlich, man könnte auch von vorne herein eine etwas kleinere Edeltanne wählen, dann wäre die ganze Aktion aber nur halb so lustig.

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Nun gilt es, den präparierten Baum durch den Garten zu transportieren. Selbstredend sind Mütze, Schal und die Hosenbeine bis zu den Knien durchnässt, der Schnee liegt bereits beeindruckend hoch. Es folgt der erste Höhepunkt der Veranstaltung: Das Bäumlein muss mittels Seilen auf den Balkon gehievt werden. Von oben sieht er klein und niedlich und federleicht aus, aber diesmal reißt uns tatsächlich das Tau, das hatten wir noch nicht. Vielleicht liegt es an der Masse von gefrorenem Wasser, die den Nadeligen zusätzlich beschwert, vielleicht hat das Seil aber auch schon zu viele Bäume gesehen und deshalb kapituliert. Also Knoten geknüpft und nächster Versuch. Wir stehen auf vereisten rutschigen Bohlen, greifen mit behandschuhten Händen das ebenfalls vereiste Seil und geben alles. Das Ungetüm hängt zwischen Himmel und Erde, jetzt gibt es kein zurück mehr. Der neuralgische Punkt ist stets der von Blumenkästen umkränzte Rand des Balkongeländers, da hilft rohe Gewalt nämlich nicht viel. Es gilt mit Kraft und Geschick den Überhang zu überwinden und beim Umgreifen äußerst umsichtig zu sein, sonst gleitet der Riese nämlich wieder gen Boden und wenn er diesen Weg einmal eingeschlagen hat, dann ist er kaum noch aufzuhalten.

Geschafft, er ist oben und der eigens verstärkte und tiefer gelegte Christbaumständer wird angebracht. Es folgt der zweite Höhepunkt des sich jährlich wiederholenden Rituals: Der Baum muss teilweise aufgerichtet, durch die Balkontür bugsiert und dann in eine vorläufige, möglichst senkrechte Position gebracht werden. Das alles ohne die schönsten Äste abzubrechen oder die Deckenbeleuchtung zu beschädigen. Dieser Abschnitt wird stets von mahnenden Zurufen der Hüterin der häuslichen Ordnung begleitet: „Vorsicht“ (Wir sind vorsichtig) und „Achtung, die Decke!“ (Ja klar, aber der Baum ist so hoch er nun mal ist), wir kennen das schon. Wenn er dann steht, der Baum, dann erweist sich jedes Mal, dass die Spitze, auf deren schöne Ausformung beim Aussuchen besonderer Wert gelegt wird, doch wieder beschnitten werden muss. Egal: Ein paar Bettücher werden unter dem Giganten ausgelegt, damit er in Ruhe abtauen kann, ohne den Teppich zu versauen. Fertig (und immer wieder schön)!

Note to self: Theater, Theater? Musik: Hellyeah, Periphery, Low Gravity, Kylesa.

Der Stern von Kunduz

Nein, „man kann Afghanistan nicht militärisch gewinnen“. Wenn unser gegelter Bundesverteidigungsminister das in entwaffnender (no pun intended) Offenheit sagt, dann denkt man sich erstens: „Von der roten Armee lernen, heißt verlieren lernen“ und zweitens: Recht hat er, also ab nach Hause, marsch marsch. Karl Theodor wäre aber nicht Karl Theodor, wenn er nicht noch ein paar Asse (vulgo: Geheimwaffen) im Ärmel hätte, um das Scheitern des Abenteuers am Hindukusch noch in letzter Sekunde abzuwenden und den Endsieg sicherzustellen.

Wenn es um Medienpräsenz und -wirkung geht, dann gibt es kaum einen Politiker, der dem fränkischen Edelmann das Wasser reichen könnte. Virtuos beherrscht er die Klaviatur der Meinungsveröffentlichungsmaschine. Vor diesem Hintergrund kann es nicht überraschen, dass zum jüngsten Besuch der Truppe nicht nur ein williger Hofberichterstatter namens Kerner samt Tross auf Staatskosten eingeflogen wurde (Hallo?), sondern die Freifrau des Freiherrn höchstselbst ihre zarten bestiefelten Füßchen auf den staubigen afghanischen Boden setzen durfte.

In der Berichterstattung über diesen PR-Coup fehlen folgerichtig weder Angaben über die Garderobe der Ministergattin („Landliebe-Chic“), noch entsprechende Fotos (ohne Gefechtshelm, solche Aufnahmen waren untersagt). Da können Glatzen-Gysi und Rettungsring-Gabriel noch so sehr wettern, gegen den Liebreiz von Burgfrau Stephanie sind sie chancenlos. Und jetzt mal ehrlich: Ich gönne unseren Soldaten, unbeweibt und fern der Heimat, das schöne warme Gefühl in der Magengrube (oder ein weniges darunter) angesichts der Stippvisite des adeligen Leckerchens (wer diese Zeilen geschmacklos findet, sollte sich die Absurdität der Situation noch mal vor Augen führen). Sie wolle sich „einen Eindruck vor Ort“ verschaffen und mit den Soldatinnen des Kontingents „von Frau zu Frau“ sprechen. Joh, beides ist sicher bitter nötig und wird zweifellos die Wende bringen.

Vielleicht hätte die Frau Ministergattin aber auch auf ihren Ausflug nach Kunduz verzichten sollen. Vielleicht hätte sie besser die Zeit dazu nutzen sollen, die Angehörigen der inzwischen vierundvierzig Väter, Brüder und Söhne zu besuchen, die im Sarg aus Afghanistan zurückgekommen sind. Nein, das gibt keine schönen Fotos und höchstens ein paar Zeilen auf Seite 5, aber wenn man gut zuhört, dann kann man vielleicht den Ehemann mal zur Seite nehmen und ihm erklären, warum es höchste Zeit ist, den Wahnsinn endlich zu beenden.

Note to self: Endlich bügeln. Musik: Morkobot, Teeph, Hallowed Butchery, Batillus, Ufomammut.

Nasenfahrräder

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Irgendwann, so im Alter von 15, 16 Jahren saß ich neben meinem Erzeuger im Gottesdienst und stellte fest, dass es mir nicht möglich war, die vorne angezeigten Lieder und Strophen, also das Singprogramm der gerade laufenden Veranstaltung, zu entziffern. Mal abgesehen davon, dass es ziemlich ernüchternd ist, wenn man bereits in diesem zarten Alter mit den ersten Anzeichen des körperlichen Verfalls konfrontiert wird, machte mir diese Erfahrung klar, dass die Tücke des Älterwerdens auch darin besteht, dass diese kleinen Trippelschritte Richtung Bahre nicht feststellbar sein wollen. Vielleicht ist das auch ganz gut so.

Meine erste Brille war, der Mode der damaligen Zeit entsprechend, ein voluminöses Monster aus irgendeiner merkwürdigen Legierung, die alsbald korrodierte und die Haut unterhalb der Schläfen immer ein bisschen wundscheuerte. Ganz erstaunlich war jedoch vor allem die Erfahrung, dass dieses fremde Ding in meinem Gesicht innerhalb kürzester Frist zu einem neuen Körperteil wurde. Bereits nach 10 Tagen legte ich mich mit meinem Nasenfahrrad ins Bett und vergaß das Ablegen vor dem Duschen. Das ist wahrscheinlich für jemanden, der keine Brille trägt, nicht so leicht nachzuvollziehen.

Inzwischen könnte ich mir kaum noch vorstellen, ohne das Ding auf meiner Nase durchs Leben zu gehen. Es gehört einfach zu mir. Den Wechsel auf Kontaktlinsen habe ich nie ernsthaft erwogen. Die Vorstellung, sich morgens, möglicherweise sogar noch vor dem ersten Kaffee, irgendwelche Fremdkörper vor die Augäpfel popeln zu müssen, ist für mich grauenerregend. Außerdem halte ich mir zugute, die dafür nötige Eitelkeit einfach nicht zu besitzen. Wahrscheinlich passt diese Einstellung überhaupt nicht in unsere Zeit der sonnengebräunten, stets wie aus dem Ei gepellten, stromlinienförmigen Gutgelauntheit. Ja was solls.

Note to self: Zahnlose Nullnummer, schade drum. Musik: keine, Biathlon.

Die 10 besten Alben 2010

Es ist wieder einmal so weit: Zwar ist der Dezember noch nicht mal zur Hälfte rum, aber ich präsentiere hiermit meine 10 Lieblingsplatten des fast vergangenen Jahres. Letztes Jahr ist mir das immer noch aktuelle Album von „Between the Buried and Me“ dadurch gegangen (der eine oder andere erinnert sich vielleicht) und ich musste ein bisschen zurückrudern. Ich hoffe, dass mir dieses Mal eine solche Peinlichkeit erspart bleibt. Also: In medias res:

VP

Platz 10: Negură Bunget – Vîrstele Pamîntului

Die Zahl der Liebhaber von rumänischem angefolktem Black Metal dürfte überschaubar sein. Trotzdem haben sich Negură Bunget mit ihrer wüsten Mischung von Flöten, Rasseln, atmosphärischen Samples und eben BM-Geknüppel in den letzten Jahren einen festen Platz in dieser Nische erspielt. Nun hat sich die Band im letzten Jahr unter allerlei Misstönen von zwei Mitgliedern getrennt und präsentiert mit Vîrstele Pamîntului die erste Langrille mit dem neuen Line-Up. Der metallische Anteil ist zurückgegangen, trotzdem enthält die Scheibe sagenhaft schaurig-schöne Momente mit dem typischen „Transsilvanien-ich-komme-Feeling“. Natürlich vermisst man den alten Sänger, kann sich in diesem Fall aber mit der gleichfalls 2010 veröffentlichten Scheibe „Maiestrit“ trösten, die die letzten Aufnahmen der ursprünglichen Besetzung enthält. So gesehen war es doch gutes Jahr für die Fans des „nebligen Waldes“.

MS

Platz 9: Agalloch – Marrow of the spirit

Es geht verschroben und ungewöhnlich weiter: Agalloch sind ein Quartett aus Oregon, das in den letzten Jahren mit ihrer eigenwilligen Mischung aus Doom und Black Metal Furore gemacht hat. Auf der aktuellen Platte präsentieren sie sich mit veränderter Besetzung, unter anderem ist ein frischer und sehr fähiger Schlagzeuger dazu gekommen. Bereits das sehr ruhige Intro versetzt mich in die waldigen Hügel des pazifischen Nordwestens der USA. Und spätestens wenn John Haughm mit seinem kehligen Gegrowle einsetzt, ist es um mich geschehen. Sehr gut gefällt mir die sorgfältige Abmischung der Scheibe, die in dem erdigen elektrischen Fundament immer wieder Platz für akustische Gitarren lässt und niemals überladen wirkt. Wirklich böse ist die Musik nicht, das stört aber auch nicht. Stücke wie „Black Lake Nidstång“ oder „To Drown“ nehmen den Hörer mit auf eine spannungsgeladene Reise zu ganz und gar wunderlichen Orten. Eine tolle Platte zum Tagträumen.

PO

Platz 8: Decrepit Birth – Polarity

So, jetzt wird es richtig böse: Für Liebhaber von brutalem technischem Death Metal war das Jahr 2010 nicht besonders ergiebig, um es mal vorsichtig zu sagen. Eine löbliche Ausnahme bildete da die jüngste Veröffentlichung des kalifornischen Quintetts Decrepit Birth. Gegenüber dem ebenfalls schon sehr guten Vorgänger „Diminishing Between Worlds“ haben sich die Herren um Bill Robinson nochmals gesteigert. Man geht jetzt ein wenig stringenter zu Werke, lässt sich aber immer noch Raum für die typischen melodiösen Intermezzi. Beim ersten Anhören können einen die verschachtelten Arrangements schon überfordern, man muss sich ein wenig Zeit geben, dann offenbart sich aber gerade die Schönheit der progressiven „Düdel-Parts“. Prächtig geholzt wird natürlich auch, rhythmisch Vertracktes fehlt ebenso wenig. Kurz: Es ist alles vorhanden, was eine gute TDM-Scheibe ausmacht und mit dem Titelstück ist ein echter Übersong dabei.

NM

Platz 7: Futile – 7 Nighmares

Diese Platte habe ich bereits in einem älteren Beitrag besprochen. Inzwischen haben sich einige der Stücke regelrecht in meinem Gehör festgefressen, was bestimmt auch daran liegt, dass ich die Platte während zahlreicher Spaziergänge im Aachener Wald rauf und runter gehört habe. Im Unterschied zu den bislang vorgestellten Alben könnte man schon sagen, dass es sich hier um Pop handelt. So what? Eine neue Platte von Tool gibt es immer noch nicht. Tja, dann müssen wir halt Futile hören.

ZM

Platz 6: KLark Nova – Zero Music

Auch diesen Tonträger aus der schönen Kaiserstadt habe ich bereits besprochen. Nach intensivem Durchhören hat die Platte sogar noch ein Krönchen mehr bekommen. Natürlich kann man so etwas nicht zum Aufstehen hören, aber wenn man sich mal wirklich Zeit nimmt und sich mit dem Material intensiv beschäftigt, dann muss man vor den Klarks einfach den Hut ziehen. Ein bemerkenswert frisches Album.

LDR

Platz 5: Shadowcast Sun – Lucid; Dreamscape; Remedy;

Im letzten Jahr hat sich bei mir ein gewisser Hang zu etwas ruhigerer, rein instrumentaler Gitarrenmusik ergeben. Beispielsweise habe ich viel von „And so I watch you from afar“ oder „Pet Slimmers of the Year“ gehört. In einem ähnlichen Fahrwasser sind die Herren von „Shadowcast Sun“ unterwegs, auch wenn das Endergebnis vielleicht ein wenig dunkler und sphärischer daher kommt. Außerdem bieten die Klanglandschaften der Iren weniger rhythmische Schmankerl, sondern setzten mehr auf hypnotische Wiederholung in eingängigen 4-Vierteln. Trotzdem gelingt ihnen in wunderschönen Stücken wie „Arcane“ oder „Thread“ immer wieder der Brückenschlag Richtung Funeral Doom, Isis, Red Sparrowes. Solche Musik funktioniert nur, wenn sie so perfekt und glasklar aufgenommen und abgemischt wird, wie es auf „Lucid; Dreamscape; Remedy;“ gelungen ist. Deshalb seien den geneigten Hörern auch die beiden neu gemasterten „Lie; Up; Sky; Scroll;“ und „Void;“ ans Herz gelegt, die Shadowcast Sun in diesem Jahr nochmals herausgebracht haben. Also: Play loud und am besten per Kopfhörer. Gute Reise.

H1OM

Platz 4: Joanna Newsom – Have One On Me

Also schön, ich bin Opfer des Hypes geworden. Als mein kleiner Bruder mir zum ersten Mal auf youtube ein paar Sachen von Joanna vorspielte ging es mir, wie wahrscheinlich vielen anderen: Was für eine durchgeknallte Nudel! Der stets leicht hysterische Gesang, die viel zu groß wirkende Harfe, die ziemlich abgedrehten Texte – nein, irgendwie überzeugte mich das alles nicht so sehr. Allerdings musste ich nach mehrmaligem Hören zugeben, dass die Werke von Frau Newsom ganz bestimmt etwas sehr eigenständig haben und eine emotionale Wucht mitbringen, die man selten findet. Anfang des Jahres kam dann das neue Album mit sage und schreibe 3 CDs auf den Markt. Manche sagen, sie sei gezähmt worden, manche sagen, sie klänge jetzt wie Kate Bush und manche sagen, sie habe sich jetzt endgültig verzettelt. Vielleicht erst mal so viel: Natürlich können auf einer so umfangreichen Veröffentlichung nicht alle Stücke epochale Perlen sein. Newsom präsentiert sich gereift, spielt souverän mit ungewöhnlichen Arrangements und Instrumentierungen und lehnt sich ganz bewusst an amerikanische Folk- und Countrytraditionen an. „Have One On Me“ bietet ein unglaubliches Spektrum von üppigen und schlichten Momenten und der Wahnsinn schimmert immer noch kräftig durch. Leicht verdaulich ist das Ergebnis ganz bestimmt nicht, aber es gibt Stücke auf dem Album („`81“, „Jackrabbits“, „Occident“, „Esme“) die unzweifelhaft das große Talent einer sehr sehr begabten Songwriterin illustrieren. Newsoms Musik strotzt vor Brüchen, vor ungewöhnlichen Harmonien und abstrusen Verläufen. Joanna ist vielleicht die sehr hilflose und sehr verletzliche geniale kleine Schwester, die wir ab und zu alle gerne hätten und sehr lieb haben würden.

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Platz 3: Salome – Terminal

In einem der zahlreichen Reviews zu dieser lange erwarteten Platte stand sinngemäß, es sei ja nun ganz einfach mit Doom und Sludge Metal: Man wüsste recht schnell, wie und ob die Musik funktioniert, und sie würde immer auf die gleiche Weise funktionieren. Das stimmt irgendwie auch. Es geht bei diesem Genre um repetitive Muster, die im Bauch und nicht im Kopf widerhallen, darin liegt aber eben auch ein besonderer Reiz. Um es vorweg zu nehmen: Der zweite Tonträger des Trios aus den Südstaaten funktioniert einfach. Kann man Doom Metal ohne Bass machen? Eigentlich nicht, oder? Da fehlt doch gerade das bauchige, tieffrequente. Salome schaffen es aber doch: Die Vokalistin Katherine Katz (ehemals Agoraphobic Nosebleed) holt wirklich alles aus sich raus, röchelt und kreischt, dass es eine Freude ist, Rob Moore schafft mit seiner Klampfe den Spagat zwischen Transparenz und Wuchtbrummen (und das, ohne auf C runter zu stimmen) und Aaron Deal am Schlagzeug haut genau in die richtige, nämlich schlichte, Kerbe. Dazu ist dieses Schlagzeug auch noch so wunderbar aufgenommen, dass man wirklich glaubt, direkt davor zu sitzen. Das besondere an Salome ist vielleicht, dass sie es schaffen eine im Grunde sehr abstrakte, minimalistische und extreme musikalische Idee so zu transportieren, dass der hypnotische Spannungsbogen nie verloren geht. Wenn man das Album in einem Rutsch durchhört, dann merkt man, wie intensiv sie genau daran gearbeitet haben. Es ist sehr einfach, Musik dadurch interessant zu machen, dass man hier ein Erkerchen und dort ein Türmchen anbaut. Das Ergebnis solcher Bemühungen kann zuweilen aber auch unglaublich nerven (Dream Theater, The Mars Volta). Salome gehen einen ganz anderen Weg: Sie lassen uns den rohen Herzschlag der Musik spüren und wenn wir genau zuhören, dann schlägt es bis zum Hals.

MT

Platz 2: Neuromist – Move Of Thought

Zu dieser Platte bin ich gekommen, wie die Jungfrau zum Kinde: Beim Durchstreifen eines Portals für freie Downloads lief sie mir über den Weg: Death Metal aus Moldavien? Na gut, hören wir halt mal rein. Zwar habe ich das Album schon mal vorgestellt, ich will aber noch mal ausführlicher beschreiben, warum ich es so genial finde: Es handelt sich um genau die Art von „Erkerchen und Türmchen-Musik“, die ich gerade eben noch verrissen habe, mit einem Unterschied: Neuromist können es einfach, sie haben das gewisse Etwas und auch wenn die Musik irgendwie vom Reissbrett stammt, sie lebt und sie nimmt den Hörer mit. Bei aller Komplexität und Variabilität geht der Drive niemals verloren, auch wenn technische und kompositorische Finessen in dichter Folge geboten werden. Das Quartett hat etwa zwei Jahre an dieser Veröffentlichung gefeilt und das hört man auch. Um klassischen Death Metal handelt es sich nicht: Es sind viele Elemente aus dem Progressive-Rock dabei, dazu ein bisschen Jazz-Rock. Das Ergebnis wirkt zu keiner Zeit aufgesetzt, die Musik fließt. In vielen Veröffentlichungen aus dem Bereich „Technischer Extrem Metal“ dominieren allein Gitarre und natürlich Schlagzeug das Gesamtergebnis. Bei Neuromist sieht das ein bisschen anders aus: Das Bassspiel von Alex Petriuk ist dermaßen versiert und facettenreich, dass es das geheime Zentrum der Musik bildet und das Zusammenspiel mit Mike Grigorash am Schlagzeug ist schlicht atemberaubend. Wenn man mal berücksichtigt, dass es sich bei „Move Of Thought“ um ein Debütalbum einer noch sehr jungen Formation handelt, dann dürfen wir von dieser Band noch einiges erwarten.

OP

Platz 1: The Dillinger Escape Plan – Option Paralysis

Klar, der erste Platz in der diesjährigen Bestenliste ist für alle, die mich musikalisch im letzten Jahr ein bisschen begleitet haben, keine Überraschung. Meiner bereits veröffentlichten Rezension habe ich auch nicht so wahnsinnig viel hinzuzufügen. Es stimmt mich ein bisschen nachdenklich, dass genau wie im letzten Jahr (Converge -Axe to fall) wieder ein Album aus dem Bereich Mathcore den Spitzenplatz belegt. Ehrlich: Ich höre gar nicht so viel extrem krausen Kram, er beeindruckt mich einfach nur am nachhaltigsten. „Option Paralysis“ ist zwar das mit Abstand am häufigsten gehörte Album des letzten Jahres, aber das führe ich auch darauf zurück, dass man schon einige Durchläufe benötigt, um das Machwerk wirklich zu durchdringen.

OK, der Artikel ist jetzt schon unzumutbar lang, aber ich will noch schnell einige Platten nennen, die ganz knapp an der Top Ten vorbei geschrammt sind: Da wäre zunächst mal die „EOS“ von „Talbot“, dann das selbstbetitelte Album von „Olde Growth“ und „The Invitation“ von „Zed“. Ebenfalls gut angekommen sind die neuen Scheiben von den Gorillaz und den „Fantastischen Vier“ (Jaja, schon gut).

Und dann gab es noch die größten Enttäuschungen des Jahres: Die Neue von den „Helden“ habe ich schon verrissen und muss es deswegen nicht noch mal tun. Ebenfalls sehr schlimm, weil völlig langweilig finde ich die „End Times“ von den „Eels“. Als wenig überzeugend entpuppten sich die aktuellen Werke von den Melvins („The Bride Screamed Murder“), von Watain („Lawless Darkness“), von K`s Choice („Echo Mountain“) und leider auch „Summit“ von „Thou“.

Note to self: Schwarz oder nicht schwarz? Musik: All of the above.

Kicken in Katar

Ich mache es mal ganz undiplomatisch: Kann es sein, dass jemand den Mitgliedern des FIFA-Abstimmungsgremiums ins Hirn geschissen hat? Man vergibt eine Weltmeisterschaft in ein winziges Land mit etwas über einer Mio Einwohner, wo in den Austragungsmonaten tagsüber Temperaturen von etwa 45°C bei enormer Luftfeuchtigkeit herrschen? Man vergibt eine WM in ein Land, in dem die Scharia gilt, Frauen sich bedecken müssen und man während des Spiels noch nicht mal ein vernünftiges Bierchen zischen kann? Man vergibt die WM in ein Land ohne jede wirkliche Fußballtradition und das bei Mitbewerbern wie England, Spanien und Portugal? Man vergibt eine WM in ein Land, in dem 80% der Bevölkerung aus ausländischen Arbeitskräften besteht, die größtenteils so viel schlechter als die einheimische Bevölkerung gestellt ist, dass sich der Begriff Sklavenhaltung aufdrängt? Habe ich das soweit richtig verstanden?

Wenn das so ist, dann frage ich mich, warum man bei der FIFA nicht endlich mal mit eisernem Besen dazwischen geht, das System Blatter mitsamt seiner Seilschaften beseitigt und so etwas wie einen transparenten Neuanfang wagt? Natürlich es liegt an der Kohle, an gegenseitigen Abhängigkeiten, an der idiotischen Idee zwei Weltmeisterschaften bei einem Termin vergeben zu wollen und an dem FIFA-typischen: „Stimm ich für dich, stimmst du für mich“. Insofern hat sich wieder mal bestätigt, dass dieser Verein nicht viel besser als die Mafia ist.

Ich hoffe sehr, dass diese Entscheidung wegen der im Raume stehenden Bestechungsvorwürfe für nichtig erklärt wird. Wenn die Bonzen Ohren haben, dann dürfte ihnen der Sturm der Entrüstung, den ihr Votum ausgelöst hat, nicht entgangen sein. Aber vielleicht lagen sie ja auch in der Zwischenzeit tagtäglich an irgendeinem 5-Sterne-Pool am persischen Golf rum. Wundern würde mich da nix mehr.

Note to self: In love with Rebecca. Musik: Bela Bartok, Arkodaemik, Sikth, Neuromist.