Wo man besser nicht mehr hingeht

Es gab Zeiten, da konnte man in der Pontstrasse noch gut feiern gehen. Das hat sich wohl geändert. Die folgenden Videos wurden beide am vergangenen Samstag aufgenommen:

Edit 30.09.: Leider wurden inzwischen beide Videos vom Einsteller entfernt. Eines der Videos zeigte, wie ein Besucher des Apollos von einem Anderen, möglicherweise einem Türsteher des Ladens, zusammengeschlagen wird und ein Zeuge des Vorfalls offensichtlich von einem weiteren Türsteher daran gehindert wird, dem Opfer zur Hilfe zu kommen. Allerdings steht der zugehörige Artikel der „Aachener Nachrichten“ noch zur Verfügung. Möglicherweise steht die Entfernung des betreffenden Videos in Zusammenhang mit den inzwischen von der Staatsanwaltschaft eingeleiteten Ermittlungen. Wer sich das Video anschauen möchte, der möge sich bei mir melden.

Note to self: Also nein?! Musik: National Sunday Law, Decrepit Birth, Pet Slimmers of the Year.

Alerta, alerta…

Ein schöner Samstagvormittag in der Kaiserstadt. Man könnte die vorläufig letzten Herbstsonnenstrahlen genießen, sich mit einem Käffchen auf den Balkon setzen und es ruhig angehen lassen- andererseits ist aber heute die Antinazidemo im Ostviertel angesagt, vom Bahnhofsplatz sind bereits entsprechende Geräusche zu vernehmen. Also hoch mit dem Hintern und ab dafür.

Vor dem Bahnhof steht die Front deutscher Äpfel, ein paar Halbvermummte von der Antifa, Punks, Schottenrockträger und ein paar versprengte aufrechte Bürger. Man trinkt ein Kampfbierchen oder einen Kampfkaffee, manche begnügen sich mit Eistee aus dem Tetrapack. Jede Menge Fotografen sind unterwegs, ein Kameramann vom WDR schwenkt die Szene ab. Dazu natürlich Bereitschaftspolizei, Rettungssanitäter, ASEAG-Menschen.

Was mache ich eigentlich hier? Klar, ich bin Aachen, Nazis sind es nicht. Die Faschos wollen heute gegen den Moschee-Neubau protestieren. Die Kommentare zu den entsprechenden Artikeln in den „Nachrichten“ lesen sich so, als wäre die Hälfte meiner Mitbürger zu kleinen Sarrazins mutiert. Hätte ich auch nicht gedacht, aber so ändern sich die Zeiten. Mal abgesehen davon, dass Religionen die blödeste Erfindung des Menschengeschlechts sind: Von mir aus können in Aachen Dutzende Moscheen gebaut werden. Ich wünsche mir nur, dass darin auf deutsch gepredigt wird, zur Verständigung und gegenseitigem Respekt aufgerufen wird und Imame zweifelhafter Provenienz und Geisteshaltung dort keinen Platz haben. Wenn ich jetzt hier an Ort und Stelle ein Plakat mit diesen Forderungen hochhielte, würde ich das überleben? Als könnte es meine Gedanken lesen, läuft ein Deutsches-Apfel-Mädchen in Antifa-Uniform (schwarze Jacke, schwarze Kampfhose, schwarze Sonnenbrille, schwarzer Kapuzi, schwarze Baseballkappe, schwarzer Rucksack, ziemlich schwarze Adidas-Treter) an mir vorbei und mustert mich ausführlich. Der Zug formiert sich, wir brechen auf.

Ca. 1000 Leute haben sich auf dem Adalbertsteinweg versammelt. Die Linken sind da, die Grünen, die Jusos, die Falken, die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten, aber zum Glück auch zahlreiche Bewohner des Ostviertels. So richtig integrativ ist das Ganze aber nicht: Grüppchen haben sich gebildet. Die Linken beäugen die Antifa. Die Antifa beäugt die Gewerkschaftler. Dazwischen steht unser toller Oberbürgermeister und lässt sich beäugen, klar.

Ein Mitglied des Vorstands der Aachener Moschee spricht und findet verbindende Worte über das friedliche Zusammenleben in einer bunten Stadt. Das kann ich unterschreiben. Danach spricht ein Mitglied der türkischen Community: Sehr schnell, sehr aufgeregt und – auf türkisch. Ich möchte mich kneifen. Das kann doch nicht wahr sein. Die mich Umstehenden schauen sich leicht pikiert an. Danach erscheint ein Sänger mit Klampfe auf der Bühne. Er habe keine Protestsongs dabei, sondern nur Liebeslieder, die wären aber ohnehin die beste Waffe gegen den Hass. Er hebt an und teilt uns mit, dass die letzte Nacht kalt und einsam gewesen ist. Ich gehe zu einem lieben Menschen frühstücken.

Note to self: Die gute Absicht zählt. Musik: Buddha Sentenza, Heirs, A Backward Glance On A Travel Road, Ashes and Iron.

6 Punkte später

Durchatmen! Die Kartoffelkäfer stehen nicht mehr mit dem Rücken zur Wand, also auf einem Abstiegsplatz, sondern vorerst im halbwegs sicheren Mittelfeld der Zweitligatabelle. Ich muss zugeben, dass ich nach der tragischen Niederlage gegen Cottbus (wir fühlten uns alle wie geprügelte Hunde, ehrlich) gestern gar kein gutes Gefühl hatte, erst recht nachdem die wenigen Chancen in der ersten Hälfte vergeben worden waren und in der zweiten Halbzeit zunächst nur das Aluminium getroffen wurde. Ich war mir irgendwie sicher, dass wir kurz vor Schluss noch ein blödes Ding kriegen würden und die im Grunde harmlosen Paderborner die drei Punkte mitnehmen würden. Es kam zum Glück anders:

In der 75. Spielminute kommt der Ball von der rechten Seite in den Strafraum. Uludag bringt den butterweichen Zuckerpass auf Stieber. Der steht links goldrichtig und ganz frei und er steht sich auch nicht selbst im Weg, sondern schiebt ihn einfach rein. Ein Mann ohne Nerven. Das ist genau das, was der Alemannia im Sturm in den ersten Partien der Saison fehlte.

Auch wenn die Mannschaft gestern nach der englischen Woche läuferisch nicht ganz auf der Höhe war, auch wenn die Abwehr sich einmal zu simpel austricksen ließ und Paderborn vor der Pause fast die Führung erzielt hätte, auch wenn noch zu viele unpräzise Pässe in die Spitze geschlagen wurden und in den Zweikämpfen hin und wieder ein Mangel an Cleverness und Durchsetzungsvermögen zu erkennen war, es ist eine deutliche Verbesserung gegenüber der letzten Saison zu sehen, beim Spiel gegen den Ball, bei der Raumaufteilung, bei der Spieleröffnung. Denn die Alemannen spielen endlich wieder offensiver, leidenschaftlicher, frecher. Wenn jetzt noch ein bisschen mehr Selbstbewusstsein dazukommt, dann kann man mit der jungen Mannschaft die Klasse halten.

14.500 waren gestern da, das ist Minusrekord. OK, damit liegt man immer noch sehr gut im Vergleich mit der Mehrzahl der anderen Zweitligateams, aber ein bisschen mehr Zuspruch, vor allem auf den Sitzplätzen, wäre doch schön. Also, auf gehts…

Note to self: Zerlegen und wegschaffen. Musik: Decrepit Birth, Thou, Higher Council of Mars, Shroud Eater, Snail Face, Batillus.

Ausgemustert

Da werde ich doch nostalgisch: Sämtliche Online-Printmedien haben die löbliche Abkehr von der Wehrpflicht ganz oben im Programm. Angesichts der Wehrungerechtigkeit der letzten Jahre, der Verschwendung öffentlicher Mittel und des sinnlosen Verstreichens von Lebenszeit ein überfälliger Schritt. Nun soll also auch die Musterung abgeschafft werden. Mann bekommt demnächst einfach nur ein Schreiben von der zuständigen Stelle mit der Mitteilung, dass Mann als potentiell Wehrpflichtiger erfasst worden ist. Mir erscheint das ziemlich sinnvoll zu sein, denn sollte man wirklich mal zur Landesverteidigung herangezogen werden, dann besitzt die Feststellung der Tauglichkeit im zarten Alter von 18 ja nun überhaupt keine Relevanz für die tatsächliche Eignung.

So wird den jungen Männern also eine Prozedur erspart bleiben, an die ich mich mit sehr gemischten Gefühlen erinnere. Rückblende: Als ich das Schreiben mit dem Musterungstermin vom Kreiswehrersatzamt erhielt, da hatte ich meine Verweigerung schon lange an das Bundesamt für den Zivildienst geschickt. Tatsächlich war die Entscheidung gegen den Kriegsdienst die erste, die ich wirklich ganz für mich selbst getroffen habe, ohne Zureden von Eltern, Mitschülern, Kirchengemeinde. Die peinliche obligatorische Gewissensprüfung vor einem Tribunal (Die berühmte Freundin-im-Park-Angelegenheit, die Älteren werden sich erinnern) war kurz zuvor abgeschafft worden, man gab sich mit einer ausführlichen schriftlichen Begründung zufrieden, die in meinem Falle vom Schicksal meiner Großväter berichtete, sowie die üblichen Zitate aus Erich Maria Remarques „Im Westen nichts Neues“ enthielt. Leider habe ich keine Kopie, denn das umfangreiche Machwerk wurde mit spitzen Fingern auf einer uralten mechanischen Schreibmaschine mit schönen grünen Bakelit-Tasten unter Verwendung unglaublicher Mengen von „Tipp-Ex“ verfasst, nix Textverarbeitung. Die sogenannte „Anerkennung“ erhielt ich knapp drei Wochen nach der Einreichung. Sie bestand nur aus einem einzigen Satz: „Sie sind berechtigt, den Wehrdienst zu verweigern.“

An jenem Morgen, es war ein schneidend kalter Wintertag, fanden sich also die zu Musternden in einem schmucklosen Funktionsgebäude ein, das schon bessere Zeiten gesehen hatte. Es roch nach Putzmitteln, altem Holz, Schweißmauken und nach kaltem Zigarrettenrauch. Man wies uns ein Zimmer zu, dort hatte man sich bis auf die Unterhose auszuziehen und abzuwarten. Rauchen in öffentlichen Gebäuden war damals noch kein Thema. Und so hockte man also in einem unerträglich überheizten Raum unter einem runden Dutzend wildfremder junger Männer in spärlichster Bekleidung, die fast alle die durch die bizarre ungewohnte Situation bedingte unterschwellige Nervosität mit dem fleißigen Verbrauch von Fluppen zu kompensieren suchten. Dann wurde man einzeln zur medizinischen Kontrolle herausgerufen und zwar durchaus in Kasernenhoflautstärke. Den Höhepunkt der Untersuchung nach Wiegen, Messen, Abhören, Betastung der Gliedmaßen, Abgabe der Urinprobe, Sehtest bildete der herzhafte Griff ans Gemächt, der vom Kommando „Husten!“ begleitet wurde und von einer blonden Matrone mit sehr kalten gummibehandschuhten Pfoten durchgeführt wurde. Was für ein Job! Danach gings wieder in den Warteraum, in dem man die Leidensgenossen angesichts der erheblichen Verqualmung kaum noch erkennen konnte. Schließlich wurde mir der Befund („T2“) vom Musterungsausschuss mitgeteilt. Der Vorsitzende konnte sich die schnippische Bemerkung „Sie haben sich ja für einen anderen Weg entschieden“ nicht verkneifen, malte mir aber trotzdem in aller Ausführlichkeit die Herrlichkeit der für mich infrage kommenden militärischen Betätigungsfelder („Panzerfahren“) aus. Ob er wirklich annahm, mich unter dem frischen Eindruck der straff organisierten, mit deutscher Gründlichkeit durchgeführten Musterung von den Vorzügen des Wehrdienstes überzeugen zu können? Ich weiss es nicht. Ich dachte die ganze Zeit nur: „Ihr Säcke kriegt mich nicht.“

Im Spätsommer jenes Jahres rückte ich dann ein: Ganze zwanzig Monate Krankentransport hatte das Schicksal für mich vorgesehen. Das ist aber eine ganz andere Geschichte.

Note to self: Jut wird et. Musik: Neurosis, Fink.

Beweise, dass es böse ist.

Das Organ, das unseren evolutionären Erfolg maßgeblich bestimmt, ist alles andere als perfekt. Praktisch und hinreichend leistungsfähig ist es aber ganz bestimmt. Unser Gehirn ist so ausgelegt, dass wir aus den auf uns einstürzenden Eindrücken typische einfache Muster ableiten und speichern. Könnten wir das nicht, wir würden wahnsinnig werden. Die Ergebnisse dieser Musterbildung befähigen uns zu schnellen Entscheidungen, wobei wir deren Grundlagen nicht mehr hinterfragen müssen.

Das bedeutet aber auch, dass die ganz überwiegende Anzahl unserer Urteile Vorurteile sind. Davon kann sich niemand freimachen. Und klar ist auch, dass diese abgespeicherten Muster einer wirklichen rationalen Analyse manchmal nicht standhalten, wir uns aber trotzdem weiterhin an ihnen orientieren, denn das Verfahren an sich bewährt ja fortwährend.

Wir sind Zeitzeugen einer weltpolitischen Wende, die in ihrer Bedeutung mit der Teilung des römischen Weltreichs im Jahre 395 (Ende der Antike) oder der Eroberung Konstantinopels im Jahr 1453 (Ende des Mittelalters) zu vergleichen ist. Der 11. September 2001 markiert eine tiefe Zäsur. Auch wenn wir das nicht wahrhaben wollen: Nirgendwo steht geschrieben, dass die Welt von weissen Christen beherrscht werden soll.

Es ist völlig klar, dass die Konsequenzen dieser Machtverschiebung dem durchschnittlichen Bewohner einer beliebigen westlichen Demokratie ein erhebliches Magendrücken verursachen können. Daraus folgt in in ebenso schöner Klarheit, dass wir dazu neigen, mit größter Vehemenz auf diejenigen einprügeln, die wir als Urheber dieser Verschiebung ausgemacht haben wollen. Nur so ist es zu erklären, dass ein an sich tolerantes Volk, wie es die Deutschen oder die Amerikaner sind, Rattenfängern hinterherläuft, gegen den Bau von religiösen Gebäuden demonstriert, oder schlimmstenfalls Bücher verbrennen will.

Die Crux an dieser Angelegenheit ist aber dies: Es reicht nicht aus Geburten, Ehrenmorde und Attentate zu zählen bzw. aufzuzählen. Es reicht nicht aus ausgewählte Suren aus dem Koran oder Daten aus Kriminal- und Arbeitslosenstatistiken zu zitieren. Wir müssen nachweisen, dass unser westlicher Wertekanon angemessener und überdauerungsfähiger ist als eine blinde Unkultur, die auf der stumpfen Wiederholung tradierter Rechtschaffenheitskonstruktionen basiert und im Grunde keine Abweichung davon zulässt.

Bislang ist es noch immer so gewesen, dass kulturelle Errungenschaften, wie der römische Staats- und Bürgerbegriff, oder die gemeinsame europäische Werteordnung des Mittelalters Zeitenwenden überlebt haben, weil sie sich als leistungsfähige und leicht zu verstehende Muster erwiesen haben, die die Menschen angesichts ihrer praxisorientierten cerebralen Verarbeitungsverfahren mit Leben füllen konnten. Wir dürfen also davon ausgehen, dass dies auch in Zukunft der Fall sein wird. Wenn wir versuchen diesem Gedanken zu folgen, dann bleibt uns eine viel schwierigere und im Grunde zum Scheitern verurteilte Bemühung erspart, nämlich zu beweisen, dass „sie“ böse sind.

Note to self: Hilft nix. Musik: Death Angel, Gorath, Crystalic, Dead Poetry.

Nach Diktat verreist

WSH

Wenn ein Feuilletonist, der jeden Morgen mit Tocotronics Songtitel „Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein“ auf den Lippen beginnt, sich eine Band zusammenbaute, dann würden die Helden dabei herauskommen. Das hat sich seit der „Reklamation“ (2003) nicht geändert. Und sonst? Sieben Jahre, zwei Kinder und unzählige Interviews später: Das aktuelle vierte Album der Berliner läuft derzeit in Bloggers Bude im Hintergrund, nicht zum ersten Mal. Und ja, es hat sich offenbar eine Menge geändert.

Ich mochte an den Helden immer die intelligente konstruktive Wut am liebsten, die nachdenkliche Trotzigkeit, die auf jede typisch deutsche Nabelschau verzichtende mutige Vorwärtsstürmerei und trockene Selbstmitleidslosigkeit. Davon ist kaum noch etwas übrig. Das neue Album ist eine vertonte Geschichte vom enttäuschten Rückzug ins ganz Private und setzt damit einen Trend fort, der sich auf „Soundso“ bereits ankündigte.

Musikalisch ist „Bring mich nach Hause“ ein ziemlich heftiger Umschwung hin zum Minimal-Folk mit Lagerfeuer-Anmutung bzw. Harmlos-Softrock, der mir eine Spur zu nett klingt. Man hört schon, dass das Quartett sich ziemlich oft im Proberaum einfach zum gemeinsamen Schrammeln getroffen hat, da habe ich auch gar nichts gegen. Nur ist das, was dabei herausgekommen ist, oft genug von erschreckend bemühter Schlichtheit, vor allem bei den Gesangslinien, und Spielfreude klingt auch irgendwie anders. Löbliche Ausnahmen sind die Stücke: „Was Uns Beiden Gehört“ und „23.55- Alles Auf Anfang“. Am schlimmsten sind die allgegenwärtigen Xylophone und Bläser, die wie eine opulente Milchschaumkrone auf einem zu dünnen Filterkaffee daherkommen.

Nach wie vor kann man Frau Holofernes alles das, was sie so singt, auch tatsächlich abnehmen. Und natürlich gibt es nach wie vor Textzeilen, die von vortrefflicher überraschender Hirnverrenkung strotzen, aber dennoch mit Leichtigkeit auf den Punkt treffen. Was das anbelangt, macht ihr hierzulande keiner etwas vor, außer vielleicht Herr Regener von „Element Of Crime“. Leider gibt es auf der neuen Platte aber auch Momente nerviger Wiederholungen und fast noch nervigerer Rüttelreimigkeit. Am stärksten sind die Texte, die sich mit Traurigkeit, Zerbrochensein und enttäuschter Erwartung beschäftigten. Das enorm düstere Titelstück ist das beste Beispiel. Davon abgesehen fehlen dem Album einfach ein, zwei Stücke, die dem Hörer mit voller Wucht ins Gesicht springen.

Vielleicht kommt dieser Veriss ein bisschen früh. Vielleicht muss sich die CD noch ein paar mal drehen und ich komme dann zu einem anderen Urteil. Vorläufig überwiegt ein fataler, unbewohnter Eindruck. Keine Ahnung, ob die Helden auf dem Weg nach Hause sind. Jedenfalls haben sie ein Album hinterlassen, auf dem eigentlich „Nach Diktat verreist“ steht.

Note to self: Und wieder hocken geblieben. Musik: Wir sind Helden.

Pingpong

Offenbar geht es nicht mehr ohne soziales Netzwerk: Steve Jobs hat gestern nicht nur neue iPods vorgestellt, sondern auch eine neue Version des ehemaligen Musikspielers iTunes. Ehemalig? Kann man mit iTunes nicht mehr Musik hören? Doch, eigentlich schon, aber…

Das Programm war mal eine sehr elegante Lösung, um die eigene Musik zu verwalten, Lieblingslisten anzulegen und eben zu hören. Dann kamen die Cover für die Alben in der Bibliothek dazu, auch schön. Inzwischen kauft und mietet man mit iTunes Musik, Filme und Fernsehsendungen, abonniert Podcasts, verbindet sich mit iPhones, iPads, iPods, AppleTVs und entfernten Lautsprechern. Es steckt ein Genius drinnen, der mir sagt, was musikalisch besonders gut zusammenpasst. Es gibt tolle Visualisierungen, die epileptische Anfälle auslösen können. Das Programm ist zu einer eierlegenden Wollmilchsau geworden.

Seit gestern hat Apple der Applikation ein absolutes Killerfeature hinzugefügt: Das soziale Netzwerk „Ping“. Darauf hat die Welt gewartet. Endlich kann ich jetzt meinen Lieblingskünstlern folgen, wie ein Jünger. Ich kann mich mit anderen Jüngern über Fotos und Videos austauschen, die meine Idole bei Ping veröffentlichen. Ich kann virtuellen „Freunden“ mitteilen, welchen Song ich gerade im iTunes-Store gekauft habe. Ich kann Leute finden, die genau den gleichen kaputten Musikgeschmack haben, wie ich. Jetzt mal ehrlich: Wer braucht so was?

Bislang habe ich mir immer auf die Schultern geklopft, weil ich keinen Facebook-Account habe. Dazu kommt jetzt, dass ich mir keinen Ping-Account anschaffen werde. Bin ich asozial? Es geht gar nicht so sehr darum, dass ich gesteigerten Wert auf meine Privatsphäre lege (sonst würde ja auch dieses Blog nicht existieren). Es geht eher darum, dass soziales Tun und Treiben sehr viel intensiver und befriedigender ist, wenn man mit wirklichen Menschen zu tun hat, denen man ins Gesicht sehen kann. Natürlich redet man im Freundeskreis über neue Platten und Lieblingsmusik, aber dann hört man sie eben auch gemeinsam. Alles andere ist mir zu steril. Wie sagt Georg Danzer: „Aber wir hier lieben alles Abwaschbare, weil wir selbst abwaschbar sein wollen.“ Genau so ist es.

Note to self: Ganz spät zurückgefallen, schade auch. Musik: Eläkeläiset, The Cure.