Querfeldraus

Die Zeit der Ausreden ist vorbei. Der Regen wird wärmer, das muss reichen. Regenjacke in den Rucksack und ab dafür. Bei Kilometer 3 lege ich mich fast aufs Maul. Alles ist glitschig, das Schwarze unter den Füßen hat sich vollgesogen, wie ein Schwamm. Ein schwerer süsslich säuerlicher Geruch liegt in der Luft, man möchte danach greifen. Bodenökologisches schwirrt mir durch den Kopf: Humifizierung, Nematoden, Springschwänze, A-Horizonte, Podsolierung. Kurz hinter Alt Linzenshäuschen komme ich vom rechten Weg ab und merke es nicht mal. Als ich es dann endlich merke, bin schon halbwegs beim Johanneshof. Was tun? Den Weg zurückgehen? Nö, kommt nicht in Frage. Die ungefähre Richtung kenne ich ja, also ab ins Gelände und durchgetobt. Wird mich schon keine Wildsau anfallen, denke ich mir. Der Trinkwasserspeicher auf dem Düsbergkopf müsste leicht zu finden sein, immer bergauf und immer nach Osten. Ilex, Roteichen, Weißbuchen, Brombeergebüsche, Adlerfarn en masse. Überall zeigen sich frische Schösslinge. Unter einem fetten Ahorn mache ich halt. Dunst hängt zwischen den Bäumen, rundherum tropft es von Blatt zu Blatt zu Blatt.

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Ein paar Zaunkönige springen leise zwitschernd zwischen den Zweigen herum, weiter entfernt schreit ein Amselhahn sein „Ich will!“ in den Wald. Sonst ist es still. Ganz still. Mir ist nach Singen, wen soll das hier schon stören. Dieses Lied habe ich schon den ganzen Tag im Kopf, eigentlich schon eine ganze Weile:

Miss Jones taught me English
But I think I just shot her son
Cause he owed me money
With a bullet in the chest you cannot run
Now he`s bleeding in a vacant lot
The one in the summer where we used to smoke pot
I guess I didn`t mean it
But man, you should`ve seen it
His flesh explode

Slow motion, see me let go
We tend to die young
Slow motion, see me let go
What a brother knows
Slow motion, see me let go

Now the cops will get me
But girl, if you would let me
I`ll take your pants off
I got a little bit of blow we could both get off
Later bathing in the afterglow
Two lines of coke I cut with Draino
And her nose starts to bleed
A most beautiful ruby red

Slow motion, see me let go
We`ll remember these days
Slow motion, see me let go
Urban life decays
Slow motion, see me let go

And at home
My sister`s eating paint chips again
Maybe that`s why she`s insane
I shut the door to her moaning
And I shoot smack in my veins
Wouldn`t you
See my neighbor`s beating his wife
Because he hates his life
There`s an arc to his fist as he swings
Oh man, what a beautiful thing
And death slides close to me
Won`t grow old to be
A junkie wino creep

Hollywood glamorized my wrath
I`m a young urban psychopath
I incite murder for your entertainment
Cause I needed the money
What`s your excuse
The joke`s on you

Slow motion, see me let go
Oh yeah
Slow motion, see me let go
Slow motion, see me let go.

Das passt natürlich überhaupt nicht. Nicht zum Wald, nicht zum verregneten Frühling, nicht zu den Zaunkönigen, nicht zu mir. Aber ich lasse mich nicht beirren. Sollte mich tatsächlich jemand hören, ist es mir auch egal.

Nach dem inbrünstigen Vortrag sind die Zaunkönige weg, kann ich ihnen nicht verdenken. Überhaupt scheint es noch stiller zu sein als vorher. Ich tanke mich durch hüfthohes Totholz, überspringe Gräben und lande schließlich ziemlich verschlammt und durchnässt auf dem Wolfsschluchtweg, tatsächlich in unmittelbarer Nähe zum Wasserspeicher.

Von da ist es nur noch ein kurzes Stück bis zum Gut Entenpfuhl. Kaum jemand ist unterwegs. Der Regen wird stärker und macht nur kurz Pause als ich den Bunker 153 erreiche (Kilometer 9). Heute zum Glück funktionslos und die Heimstatt unzähliger Fledermäuse:

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Bis zum Schmalzloch schaffe ich es heute nicht mehr. Ich nehme die Abkürzung zum Revierweg, von da an gehts ganz flott (und mittlerweile ganz automatisiert) bis nach Siebenwege, dann nach Diepenbenden (Kilometer 14) und dann nach Hause. Gut hat das getan und noch mal sorry an die cutty wrens. Nächstes mal bleibe ich stumm und schaue euch lieber noch ein bisschen zu.

Note to self: Der untere Slot, der untere Slot. Das war ja einfach. Musik: Third Eye Blind, Lemonheads, Dyse, The Inchtabokatables, And so I watch you from afar.

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Ein Gedanke zu „Querfeldraus

  1. Super geiles Foto vom aachener „Regenwald“! Wie sagte Ludwig Uhland doch noch: „Singe, wem Gesang gegeben!“ Also sing! Sag mal, Liebchen, hast du da diese Woche nicht ““was vergessen… 😉

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