Bombenstimmung

Kurz vor Fünf klingelt es Sturm. Aha, ein besonders motivierter Prospektausträger, denke ich mir, betätige den Türöffner und kehre zu meinem Käffchen zurück. Ein paar Augenblicke später rappelt es vernehmlich an der Wohnungstür. Davor steht ein Feuerwehrmann und sagt: „Sie müssen sofort ihre Wohnung verlassen. Fliegerbombe in der Bendstraße!“ Primstens. Ich greife mir in aller Eile meine Siebensachen, Schühchen angezogen und raus. Der Sammelpunkt, erklärt mir ein weiterer Wehrmann, liegt Krugenofen Ecke Hauptstraße. Also zockel ich los und ich bin nicht der Einzige. Ganze Ströme von Anwohnern bewegen sich gen Kreuzung. Ansonsten: Alle da: Berufsfeuerwehr, freiwillige FW, Polizei, THW, ASEAG und natürlich der Kampfmittelräumdienst. Ich zähle 14 unterschiedliche Einsatzfahrzeuge. Per Lautsprecherdurchsagen eröffnet man uns, wir würden gleich mit dem Bus zum Eurogress transferiert. Da kommt auch schon der „Long Wajong“ und der füllt sich fast bis zum Bersten.

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In der Notunterkunft angekommen wird klar, dass man sich der Evakuierten mit deutscher Gründlichkeit anzunehmen gedenkt. Ca. 100 Malteser (Rettungssanis, Notärzte, Zugführer, Notfallseelsorger, alle ordentlich beschriftet.) sind noch dabei alles herzurichten.

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Aber Ordnung muss trotzdem sein. Alle Evakuierten müssen ihren Perso vorzeigen, werden in Listen erfasst und bekommen mit Permanentmarker eine Nummer auf den Handrücken. Natürlich bildet sich eine lange Schlange, manch einer hat keinen Ausweis dabei, manch einer kann sich nicht verständlich machen, eine Frau sagt die ganze Zeit „Ogottogttogott“, Katzen in Transportbehältern werden von zahlreichen Hunden angebellt.

BAZFoto: Aachener Zeitungsverlag

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Das Eurogress füllt sich zusehends. Der Saal Brüssel ist bereits gut besetzt, dort gibt es kalte und heiße Getränke, der seitliche Flügel wird bestuhlt und füllt sich ebenso. Vor dem Gebäude ballen sich die Raucher. Gehbehinderte und besonders klapprige Personen werden mit Krankentransportwagen „angeliefert“. Die Gespräche drehen sich vor allem um die Dauer des Zwangsaufenthalts. „Vor 10 wird das nix“ meint einer, es ist bereits seine dritte Bombe, wie er uns lautstark wissen lässt. Es ist halb sieben. Aber der Kaffee ist prima, im Foyer finde ich einen gemütlichen Ledersessel, Mucke an, Augen zu. Abwarten.

Gegen halb acht entscheide ich mich, die Notunterkunft zu verlassen. Ich bekomme ein Kärtchen mit meiner Nummer, werde aus der Liste ausgetragen, hier kann keiner verloren gehen. Ein bisschen Fastfood in der Stadt und dann schleiche ich mich Richtung Burtscheid. Gutes Timing, denn nach einer Kippenlänge am menschenleeren und mit Flatterband abgesperrten Bahnhofsvorplatz ist der Fisch geputzt, die Bombe entschärft. „Abtransport Kampfmittel“ quäkt es aus dem Funkgerät eines sehr freundlichen Beamten. Noch ein kurzer Stop an der Burtscheider Brücke (die Bundespolizei ist wieder mal schneller und gründlicher als die Landespolizei) und dann nehmen wir unseren Straßenzug wieder in Besitz.

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Tja. Was für ein unglaublicher Personal- und KFZ-Einsatz, denke ich mir. Wenn man berücksichtigt, wie oft genau das irgendwo in Deutschland passiert und dann die Kosten seit 1945 mal hochrechnet. Wahnsinn. Hiermit meldet sich Nr. 203 zurück und stellt fest, dass auf einem Grundstück in der Bendstraße erst heute Abend der zweite Weltkrieg zu Ende gegangen ist.

Note to self: Schmitz, da haben Sie es. Musik: Fehlfarben, Dan Sataniel, Dyse.

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Nachbars Garten

Die Morgensonne bescheint zurzeit zwischen 6 und 8 Uhr morgens den äußerst nordwestlich gelegenen Zipfel meines frühlingsfrischen Balkons. Zu dieser frühen Stunde sitze ich folglich mit einem Kaffee genau dort, blinzele dem Zentralgestirn entgegen und gebe mich Betrachtungen über meine Pseudohinterhofidylle hin.

Die handtuchgroßen Gärten der Nachbarschaft haben sich seit meinem Einzug ziemlich verändert. Besonders einer. Der heftigste Eingriff ins dortige Grünen und Blühen fand bereits vor ein paar Jahren statt, als ein Hüne mit Motorsäge die meisten der stattlichen Birken niedermachte, woraufhin sich das schmucke Gärtchen für Monate in ein Totholzlager verwandelte. Es ist immer wieder erstaunlich, wie viel Biomasse in so einem Baum steckt, wenn er erst mal am Boden liegt, nicht wahr?

Das Holz wurde abtransportiert (bzw. bei bemerkenswerten Großgrillversuchen unter erheblichster Rauchentwicklung verbrannt) und der so gewonnene Raum musste natürlich umgestaltet werden. Die umtriebige Nachbarsfrau gab sich alle Mühe damit. Allerdings fehlt es an einem stringenten Konzept der Gartengestaltung. Die Ergebnisse sind mithin irritierend unaufgeräumt und vor allem extrem kleinteilig. Da werden Beete mikroskopischen Ausmaßes angelegt, Skulpturen aus Kieseln treten hinzu, Buchsbaumhecken-Ansätze stehen dazwischen. Hier noch ein Kübel, dort noch ein Busch und dazwischen kleine Ödländer ohne distinktiven Bewuchs.

Damit keine falschen Vorstellungen aufkommen: Meinethalben soll es jeder wachsen lassen, wie es ihm beliebt. Besser ein wunderliches Experimentierfeld als Englischer Rasen und sterile Beete mit exakt ausgerichteten Bilderbuchpflanzen.

Im vorletzten Sommer wurde im „Ausprobiergarten“ an zentraler Stelle ein kreisrunder Rollrasenversuch unternommen. Und Kreisrund ist hier wörtlich zu verstehen. In der Mitte der Versuchsfläche ward nämlich ein Pflock eingeschlagen, der als Bezugspunkt für die peripheren Pflanzareale dient. Der Rollrasen wurde entsprechend abgestochen, die entstandene Kreisfläche wirklich mit Hingabe gemäht, entmoost und tipp-topp in Schuss gehalten. So bildet dieser „circulus pratensis“ einen reizvollen Gegensatz zum umgebenden Chaos an teilverwirklichten Gestaltungsideen.

Am schönsten aber ist ein Kranz von Schneeglöckchen, der in ein paar Metern Abstand vom Zentrum angelegt wurde. Die Blümchen legen sich gerade mächtig ins Zeug und bald, ganz bald wird ein leuchtend weißer Kreis zarter Blüten den Balkonbetrachter erfreuen, mögen auch die locker verteilten Narzissen und wild sprießenden Krokusse an allen Ecken und Enden im Wirrwarr des Gärtleins für optische Unruhe sorgen. Horch, von fern ein leiser Harfenton…

Note to self: Ein schwieriges Mutterbrett. Musik: Motörhead, Deep Purple, Rainbow.

Panta rhei

Nicht nur das lange Zwiegespräch am Sonntag Nachmittag und mein heutiger Gang durchs Univiertel geben mir zu denken. Aber der Reihe nach: Klar: Wer nicht kämpft, hat schon verloren und trotzdem drängt sich der Gedanke auf, dass so mancher Weggefährte von einem Schutthügel aus mehr oder weniger geschleiften Windmühlenbestandteilen herunter winkt. Ich kann das ja auch verstehen. Wenn man sich nach der Schlacht den Staub aus den Klamotten klopfen kann und somit zu den Verbliebenen gehört, dann ist man schon mal ganz bestimmt auf der richtigen Seite. Trotzdem: Fröhliche Sieger sehen anders aus.

Die Welt besser machen, das wollte ich zum letzten Mal in den späten 80ern. Da hörte man BAP und so, wäre gern in Gorleben und Wackersdorf dabei gewesen und schaffte es dann doch nur zum Ostermarsch nach Köln und zur Anti-Karlspreisdemo auf dem Markt (Und stand dann auf dem Dach eines weißen Mercedes-Coupes mit ein paar anderen „langhaarigen Bombenlegern“ und brüllte „Feuer und Flamme für diesen Staat“. Die Freundin fands klasse.). Aber davon mal abgesehen: Klar, es juckt mich eine ganze Menge, manches sogar ganz erheblich (Ich habe ja schon des öfteren an dieser Stelle darüber geschrieben), aber tatsächlich käme es mir gar nicht in den Sinn aufzumucken. Mir kommt immer etwas wichtiges dazwischen: Die Bundesliga, 40-Grad-Wäsche, ein unentbehrlicher Großspaziergang, Vaterlandsliebe oder ein paar Bier. Es ist also gar nicht die Müdigkeit oder eine gut gepflegte, zynische Geisteshaltung, die mich abhält. Es ist der fatale Eindruck, die jeweils letzte Unverschämtheit der so genannten Eliten und Volksbelüger böte gar nicht mehr Wut-Potenzial als die Vorletzte. Und da man beim vorletzten Mal auch still blieb, macht man es jetzt eben genau so. Paul Watzlawick nannte das das „Mehr desselben-Prinzip“. Ja, der Mann hatte wirklich Humor (Und mir fällt in dem Zusammenhang das neue Haben-Wollen-Effektgerät unseres Gitarristen ein, das nur am Rande).

Als ich heute der studentischen Besatzung unserer exzellenten Hochschule ansichtig wurde, vom bierflaschenschwenkenden Dropout bis zum verklemmten Aktentaschenträger, da überkam mich eine gewisse stille Heiterkeit, die damit begründet war, dass ich mich von denen umgeben fühlte, die eben genau so viele zusätzliche Jahren Strampelei vor sich haben, wie ich inzwischen hinter mir habe, seit ich selber Studiosus war. Jeder kennt die Geschichte mit den zwei Fliegen, die in einen Topf voller Milch fallen. Ich konnte mich heute des Eindrucks nicht erwehren, dem Butter-Stadium doch ein Stück näher zu sein, als so manches Milchgesicht. So ist das eben: Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen. Und das liegt nicht nur am Fluss.

Note to self: War mir irgendwie klar. Macht es aber nicht besser. Musik: Nebula, Sita, Mysticum, Grinderman.

TFT-Nachschlag

Nur ganz kurz und der Vollständigkeit halber: Mein TFT ward gerettet, dank des heldenhaften Einsatzes des heiligen Michael (nochmals heißen Dank): I am so happy. Die herausgelöteten Billig-ElKos:

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Mindestens einer der Kondensatoren (nämlich C56) hatte die Füsse hochgerissen, der Deckel wölbte sich unschön und das Dielektrikum war teilweise ausgetreten:

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Alles in allem war die Reparatur so unproblematisch, dass ich mich bereits dabei ertappt habe, bei ebay genau dieses Modell mit den gleichen Symptomen „für Bastler“ zu suchen. Allerdings bin ich da nicht der Einzige und die erzielten Preise sind dann doch recht hoch.

Note to self: Weg mit dem Elektroschrott am Dienstag. Musik: Clawfinger, Canibal Corpse, Genesis.

TFT-Oh weh!

Keine andere Schnittstelle Mensch-Maschine hat eine so große Bedeutung für entspanntes Arbeiten am Rechner, wie der Bildschirm. In diesem Zusammenhang darf die Einführung von TFT-Monitoren als Meilenstein gefeiert werden. Wie komme ich darauf?

Nun vor ein paar Jahren legte ich mir auch so ein Wunderdingen zu und zwar kein Billiggerät, sondern ein sehr gut getestetes Markenprodukt eines namhaften deutschen Herstellers für einigermaßen viel Kohle. Vor ca. 14 Tagen fing der Bildschirm an zu schwächeln: Er brauchte immer länger, bis nach dem Einschalten ein Bild kam und heute kam dann gar nichts mehr.

Das Internet strotzt vor Berichten frustrierter Benutzer dieses Bildschirms, deren Geräte mit genau den gleichen Symptomen den Weg alles Irdischen gegangen sind. Und zum Glück existieren auch Reparaturanleitungen. Ein paar ElKos sind zu wechseln, die Bauteile kosten weniger als zwei Euro. Ich habe die Ersatzteile bestellt und erhalten und auch einen lieben Menschen an der Hand, der den Lötkolben schwingen kann und mir hoffentlich aus der Patsche hilft.

So weit so gut. In der Zwischenzeit muss ein älterer Röhrenschirm als Ersatz herhalten. Was für eine Tortur. Nach 20 Minuten bekomme ich Augenflimmern, nach 90 Minuten Kopfschmerzen. Dann ist eine Zwangspause angesagt. Mir ist völlig unbegreiflich, wie ich mit diesem Monitor 4 Jahre arbeiten konnte.

Jetzt mal ehrlich: Wie kann es sein, dass alle Monitore, die hier ihr Dasein fristen (und das sind einige), länger halten als der modernste und teuerste Schirm, den ich hier habe? Bewahrheitet sich da wieder mal die Annahme, dass gerade im Bereich Unterhaltungselektronik die durchschnittliche Qualität der Produkte so weit abgenommen hat, dass man heute nur noch Schund bekommt? Es scheint so.

Da ich heute ohnehin in der Stadt unterwegs war, habe ich mir mal die verfügbaren TFT-Displays in einem Elektronikmarkt angeguckt. Es ist ja nicht gesagt, dass der Reparaturversuch fruchtet. Was ich zu sehen bekam, hat mir den Rest gegeben. Alle angebotenen Monitore hatten eine glänzende Bildschirmoberfläche. Hallo? Ich ich will mich vor dem Teil nicht rasieren, ich will damit arbeiten. Alle Angebote hatten das Bildschirmformat 16:10. Was soll das? Hier geht es um einen Computer-Monitor, nicht um einen Fernseher. Egal ob man textet, surft, kalkuliert, emailt: Die verfügbare Höhe des dargestellten Inhalts ist stets wichtiger, als die Breite. Ich will arbeiten, nicht ständig scrollen. Alle im Sortiment befindlichen Bildschirme kommen in der zurzeit modernen Klavierlack-Optik. Ich könnte heulen: Erstens sieht man auf den glänzend-schwarzen Oberflächen jedes Staubkörnchen überdeutlich, von Fingerabdrücken ganz zu schweigen. Zweitens sieht es billig aus. Drittens reflektieren die glänzenden Flächen zum Teil das Monitorbild. Ergonomie ist zum Fremdwort geworden.

Entweder bin ich der Außerirdische und meine Anforderungen an einen Monitor sind völlig exotisch, oder die Gesetze des Kapitalismus (Angebot und Nachfrage) gelten nicht mehr. Gut: Billig sind die Displays geworden, aber das ist eben nicht alles. Wahrscheinlich darf man vom Sortiment eines Ich-Bin-Doch-Nicht-Blöd-Filialisten nichts anderes erwarten. Wenn man nämlich mal bei einigen Herstellern nachguckt und zwar im Business-Bereich der Webseiten, dann findet man durchaus Modelle, die den eigenen Anforderungen einigermaßen entsprechen. Diese bewegen sich finanziell dann auch wieder in gänzlich anderen Größenordnungen.

So ist das eben: Egal ob Fernseher, Hifi-Geräte, Computer, Barttrimmer oder eben Monitore: Wir werden entweder -pardon- zugeschissen mit dem billigsten Dreck, oder wir dürfen uns für hohe Qualität ruinieren. Dazwischen gibt es nichts mehr. In der globalen Wirtschaft ist es eben genau so, wie in der globalen Gesellschaft. Eins oben, sechs unten und alles (oder eben fast gar nichts) ist dein.

Note to self: Fedora, oh Fedora. VNC ist aller Laster Anfang. Musik: Heathen, John Zorn.

I hate the blues

Wie das so ist mit älteren und jüngeren Geschwistern: In vielen Dingen geben die zuerst geborenen erst mal den Takt vor, zum Beispiel auch beim Musikgeschmack. Bei meinem kleinen Bruder konnte ich mit Queen, Pink Floyd, Metallica und Tom Waits landen. In späteren Jahren glich sich das ganze dann aus und wurde mehr zu einer gegenseitigen Befruchtung. So kam ich zu Element of Crime, Primus und zu Dead Moon.

Dead Moon sind eigentlich die merkwürdigste Kapelle überhaupt und noch merkwürdiger ist wohl, dass sie mich auch noch restlos begeistert. Das Trio aus den USA ist nicht mit übermäßigem handwerklichen Talent gesegnet, um es mal vorsichtig zu sagen. Die Songs im Punk-Rock bzw. Garagen-Rock-Stil folgen dem „Three chords that made a million“-Schema, packen einen aber doch irgendwie. Die Singstimmen liegen gerne mal einen Halbton oder etwas mehr daneben, aber die fast schon hysterische Inbrunst ist immer spürbar. Die Tonträger der Kapelle sind Dokumente des genialen Scheiterns: Ständig brummt es irgendwo, mal tritt einer auf ein Kabel und erzeugt einen mörderischen Knackser, mal fällt ein Kanal im Verstärker aus, zahlreiche Verspieler und Unsauberkeiten gehören einfach dazu. Manche der Schallplatten (!) sind von vorne bis hinten völlig (also wirklich völlig) übersteuert, zudem sind die meisten frühen Alben, die bis Mitte der 90er Jahre rauskamen, konsequent mono. Nur nebenbei sei erwähnt, dass einige der offiziellen Veröffentlichungen der Band (keine Bootlegs) weder einen Plattentitel noch ein Erscheinungsdatum haben. Sie sind einfach da. Klasse.

Als mein kleiner Bruder mich zu Zivildienstzeiten anrief und meinte: „Heute geiles Konzert, da müssen wir hin.“, da kannte ich nur ein paar Stücke von Dead Moon, die damals den Zenit ihrer Karriere erlebten. Vielleicht kann der eine oder andere sich ja noch an „54 40 or fight“, „Play with fire“, „Out in the blue“ oder eben an „I hate the blues“ erinnern. Ich sagte zu und so zockelten wir in einem silbernen Golf 1 Diesel Richtung Rockfabrik in Übach-Palenberg. Es sollte das denkwürdigste Konzert meines Lebens werden.

DM

Der Schuppen war nur mäßig voll. Vorgruppe gabs nicht. Irgendwann ging die Musik von Konserve aus. Das Saallicht wurde runtergedreht. Fred Cole und Toody schlurften auf die winzige Bühne, fummelten ihre Instrumentenkabel in die Amps, Andrew schwankte heran, ließ sich hinters Schlagzeug fallen, zählte mit den Sticks die vier an und ab ging die Luzi. Lightshow gabs nicht. Ansagen gabs nicht. Und obwohl nichts an diesem Auftritt besonders gekonnt oder außergewöhnlich war, brachten Dead Moon die Meute zum kochen. Woran das lag? Sie waren einfach authentisch. Es war so, als hätten sie ein Plakat aufgehängt mit der Aufschrift: „Ob euch das gefällt, was wir machen, ist uns egal. Ob es schick ist, ist uns egal. Ob ihr eigentlich nur zum Saufen hier seid, ist uns egal. Wir machen das hier, weil wir es machen müssen. Der Rest interessiert uns nicht.“ Keine Ahnung, was sie sich vor und während des Auftritts alles in den Kopf taten, ich wills auch gar nicht wissen. Irgendwann wurden große Teile der Bühne mit Bier übergossen, auch das Schlagzeug. Und wenn Andrew auf die Töpfe haute, spritzte die Brühe bis unter die Decke. Die Luft war zum Schneiden. Das Publikum brüllte und pogte. Einfach unglaublich. Man könnte annehmen, dass ich diesen Abend in der Rückschau verkläre, aber das ist es nicht. OK. Ich war verdammt jung und dachte, ich sei ein Punk (mit kaum entwickeltem Pferdeschwanz und Domestos-Jeans).

Ende 2006 lösten sich Dead Moon nach 20 Jahren auf, weil der Drummer sich inzwischen das Hirn aus dem Kopf gesoffen hatte. Es gibt immer noch eine Webseite, die genau so unfertig aussieht, wie die Band zur Zeit ihres Bestehens gewesen ist. Und wer jetzt noch weiß, woher der Spruch „We are ugly, but we have the music“ kommt, der kriegt einen Extrapunkt.

Dead Moon sind nie groß rausgekommen, die Musik hat sie wahrscheinlich gerade immer so am Leben gehalten. Kein Produzent hat sich ihrer angenommen und sie zurechtgefeilt (da wäre wohl auch außer Spänen nicht viel übrig geblieben). Heute würde man sie kurzerhand zum Kult erklären und auch daraus noch Kapital schlagen (Wer hat da gerade „White Stripes“ gesagt?). Das war eben damals noch nicht so. Vielleicht war es mit Dead Moon einfach so: Sie hatten das, was sie wollten, darüber hinaus hatten sie keinerlei Ehrgeiz und waren, so gesehen, vielleicht immer mit zu wenig zufrieden. Und vielleicht ist es das, was mir so gut an ihnen gefällt.

You know my life would be easy
If people would leave me alone
Stop steppin` on my fingers
That I`ve been workin` to the bone
Maybe then I could get back with you
God damn I hate the blues

Note to self: Ich will jetzt Schneeglöckchen und so. Es reicht. Musik: Dead Moon.

Respekt Herr Waltz

Ehrlich gesagt interessiere ich mich nicht für Filmfestivals und ihre palmigen, bärigen und oscarigen Auszeichnungen, dazu bin ich viel zu wenig Cineast und kann eigentlich nicht mitreden. Ich schaffe es ja noch nicht mal, mir die wichtigen Premieren der Saison anzuschauen. Trotzdem will ich einige Anmerkungen zur Nacht der Goldjungs machen:

Ich habe den Rummel um die Filme von Quentin Tarantino nie nachvollziehen können, sie sprechen mich nicht übermäßig an. Weder würde ich Pulp Fiction als Kultfilm bezeichnen, noch konnten mich Machwerke wie From Dusk Till Dawn, Jackie Brown, Sin City oder Kill Bill wirklich beeindrucken. Mir fehlt da das Talent zur Bewunderung für plakative Übersteigerung und die typische Hemdsärmeligkeit dieses Filmemachers. Die zahlreichen Anspielungen auf andere Regisseure und Filme bekomme ich meistens nicht mit, da fehlt es eben am Hintergrund.

Genau so geht es mir auch mit Inglorious Basterds. Nicht dass ich fände, dass man sich dem Thema Nazi-Diktatur auf diese Art nicht nähern dürfte, das ist schon in Ordnung. Außerdem muss ich zugeben, dass der Film genial besetzt ist. Sogar Brad Pitt, den ich bis auf wenige Ausnahmen (Kalifornia, A River Runs Through It, Seven) immer ziemlich furchtbar finde (Troy, 12 Monkeys, Seven Years in Tibet), liefert eine beeindruckende Leistung ab. Ich finde einfach, dass der Film keinen inneren Zusammenhang hat, keinen Spannungsbogen. Vielleicht bin ich altmodisch, aber ich komme mit der von Tarantino stets bis zum Exzess ausgelebten Vorschlaghammermethode einfach nicht klar. Es ist bestimmt ein begnadeter Provokateur, aber ein lausiger Geschichtenerzähler und ein miserabler Dramaturg.

Dass der Film trotzdem sehenswert ist, liegt an Christoph Waltz. Seine Verkörperung von Landa ist subtil, gekonnt und einfach großartig. Von da her gönne ich ihm seinen Oscar von Herzen, er hat ihn wirklich verdient.

Wir wollen mal großzügig darüber hinwegsehen, dass in der zum Teil extrem peinlichen Berichterstattung über die Oscarverleihung Waltz durchweg als „deutschsprachiger“ Schauspieler bezeichnet wird. Da fühlt man sich an Jan Ullrich erinnert, der zur Zeit seiner großen Erfolge immer ein „Deutscher“ war, später dann aber ein „Rostocker“. Ja, so sind die Schreiberlinge.

Note to self: Strampeln, immer schön strampeln. Musik: Muse, Nada Surf, My Morning Jacket.