Der Letzte…

…jedenfalls für dieses Jahr. Früher, das heißt, bis vor ein paar Jahren, befiel mich an Silvester immer eine ganz eigentümliche Beklemmung. Man zog Bilanz, war meistens nur mäßig zufrieden. Je intensiver man alkoholischen Getränken zugesprochen hatte, umso mehr neigte man dazu, den Weltschmerz zu kultivieren. Inzwischen sehe ich das alles zum Glück ein bisschen lockerer.

PJ

Draußen nebelt es sich ein. Ein paar ungeduldige Krachenlasser lassen es bereits krachen. Ich höre Oedlis Weihnachtssampler. Der letzte Kerzenrest des Adventsgestecks will noch abgebrannt werden. Ich frage mich, was hängen bleiben wird vom fast vergangenen Jahr, mache mir klar, was sich ändern sollte im kommenden. Um gute Vorsätze kann es nicht gehen, mehr um Überlebensnotwendigkeiten. Dramatisch ist das alles nicht, auch nicht traurig, nur die Wahrheit. Um es mit Semisonic (eigentlich mit Seneca) zu sagen: “Every new beginning comes from some other beginning`s end.”

Ich wünsche Euch allen einen guten Rutsch und ein fettes und fröhliches Jahr 2010!

Note to self: An Deck bleiben! Musik: Joanna Newsom, Semisonic, Hello Saferide, Muriel Zoe.

Der hässliche Schweizer

Ah, ich sollte eigentlich nicht schon wieder in die eidgenössische Kerbe hauen, aber kann irgendwie nicht anders. Darum gehts, die zugehörigen Beiträge im Spiegelforum runden das Bild ab.

Kurze Zusammenfassung: Anlässlich der bevorstehenden Kommunalwahl in der Schweiz läuft eine Kampagne der SVP, die den Zuzug von deutschen „Ellböglern“ beklagt. Diese würden den Schweizern gut bezahlte Jobs wegnehmen, die Mieten in Zürich in schwindelerregende Höhen treiben und durch ihre Arroganz das gesellschaftliche Klima vergiften. Die entsprechenden Plakate zeigen unter anderem ein Konterfei des ehemaligen Bundesfinanzministers Peer Steinbrück. Das passt ins Bild.

Mir ist klar, dass gerade wohlhabende Länder eine steuernde Einwanderungspolitik machen müssen, dies gilt naturgemäß besonders für kleine Staaten mit überschaubarer Bevölkerungszahl. Wer schon einmal mit Gedanken gespielt hat, in der Schweiz arbeiten zu wollen, der weiß, wie hoch die Hürden sind, die den Zuzug in die Alpenrepublik regeln. Damit habe ich kein Problem.

Zwei Dinge stören mich aber besonders an der chauvinistischen Schaumschlägerei der SVP: 1.) Die Kampagne appelliert an die niedersten Instinkte und Ängste des Wahlvolks. Das wirkt immer, funktioniert ja auch in Deutschland prächtig. Man beschwört das Bild des rabiaten und arroganten Teutonen, der die Almen und Matten am liebsten überrennen würde. In Wirklichkeit ist das Problem ein ganz anderes: Sehr viele Schweizer, die die eigene Provinzialität (man sehe bei Dürrenmatt und Frisch nach) gerne als Errungenschaft feiern, haben enorme Schwierigkeiten damit, dass man angesichts des Fachkräftemangels auf die Zuwanderung gut ausgebildeter Arbeitsmigranten nicht verzichten kann. Wer glaubt, dieses Problem beträfe die anderen Europäer genau so, der irrt gründlich und hat keine Ahnung von der Befindlichkeit der schweizerischen Seele (Die SVP ist zur Zeit übrigens die stärkste politische Kraft). Da passt es gut ins Bild, dass die Anhänger der SVP glauben, sie besäßen eben den Mut und die Weitsicht, eine Politik voranzutreiben, die die Anderen sich (noch) nicht trauen würden. 2.) Chauvinismus bedient sich stets unzulässiger Typisierung, das ist auch hier der Fall. Es sollte klar sein, dass man sich mit dem Land, in das man einwandert, vertraut macht und sich den dortigen Gepflogenheiten anpasst. Mir will nicht in den Kopf, dass ausgerechnet deutsche Akademiker dazu nicht in der Lage sein sollten. Aber um verständnisvolle Zwischentöne geht es hier nicht, Vereinfachung ist Trumpf. Übrigens ist es in dem Zusammenhang sehr interessant, sich einmal die Vorurteile anzuschauen, die beispielsweise in der Gegend um Genf und Lausanne gegenüber den Deutschschweizern gepflegt werden.

Die ganze Angelegenheit macht mich sprachlos (naja, fast) und ziemlich wütend. Sie passt so gar nicht zu den zurückhaltenden, höflichen und geistreichen Schweizern, die ich bislang persönlich kennengelernt habe.

Note to self: Billige Riegel, wette ich. Musik: Hypocrisy.

Durchgerutscht

Das wird ein artikelreicher Tag bei Just Skidding werden. Zunächst mal das Naheliegende:

Mir ist tatsächlich eine wichtige musikalische Neuerscheinung des Jahres 2009 komplett durchgerutscht (und das ist im Grunde unverzeihlich): Es geht um das Album „The Great Misdirect“ des amerikanischen Quintetts „Between The Buried And Me“.

BTBAM

Wer sich für vertrackten Techmetal mit veritablen Progressive-Anteilen begeistern kann, kommt auch beim jüngsten Scheibchen von BTBAM voll auf seine Kosten. Ein Rezensent bei Amazon charakterisiert die Platte so:

„Meshuggah feiern mit Dream Theater, The Dillinger Escape Plan, Opeth und Fantomas einen Kindergeburtstag im Zirkus.“

Das kommt prima hin. Das neue Album ist gegenüber dem extrem brachialen Vorgänger „Colors“ ein wenig verspielter ausgefallen, besonders in den ruhigeren Intrumentalpassagen und den zappaesken Jazzdudelparts. Was mir an BTBAM gefällt: Erst mal der Gesang von Tommy Rogers. Es gibt nicht viele Vokalisten, die das ganze Spektrum von heftigem Grölen und Schleifen bis zu zartestem Klargesang so gut drauf haben. Selbst Mikael Åkerfeldt von Opeth kommt da nicht mit. Zwotens das unglaublich variantenreiche Schlagzeug: Banddienlich, immer für eine Überraschung gut und selbstverständlich nicht getriggert (das hat Blake Richardson nicht nötig). Naja und drittens liebe ich einfach Stücke, die länger als 15 Minuten sind und in dieser Zeitspanne mindestens ein Dutzend unterschiedlicher Parts abfrühstücken.

Es gibt nur eine Kleinigkeit, die mich an der Platte ein bisschen nervt und das sind die Keyboards, auch wenn sie sehr sparsam eingesetzt werden. Das geht schon los mit den wenigen Moog-Tönchen, die das Intro beschließen. Sicher, man kann das so machen, insgesamt wirken die Tastenparts aber durchweg ein wenig bieder. Deshalb und nur deshalb hätte es „The Great Misdirect“ auch nicht in meine Top 10 des Jahres geschafft, die ich deshalb nicht zu ändern brauche. Puh!

Note to self: Lass Dir nicht die Butter vom Brot nehmen, mein Liebster. Musik: Between The Buried And Me, Chimaira, Entombed.

Ein Besinnliches!

Worte, die sein müssen. Da stellen mer uns mal janz dumm: Wat is eigentlich Besinnlichkeit? Etwas, was sich rund um abgetrennte Jungfichten abspielt, wenn man träge vom überreichlichen Essen und dem einen oder anderen Gläschen Wein im Sessel hängt, während leicht schwülstige Gesänge aus den Boxen säuseln? Eigentlich nicht.

Besinnlich kann es doch nur dann zugehen, wenn man „sich besinnt“ oder „zur Besinnung kommt“. Wohlverstanden: Bei dem einen oder anderen geht es in der Vorweihnachtszeit so turbulent zu, dass er sich durchaus besinnungslos vorkommen darf. Dem dürfte der Abend des 24. und die folgenden Feiertage dann wirklich wie eine Insel im Meer der Zeit vorkommen, an deren Strand man sich erholen kann.

Uns anderen geht es wohl eher so, dass wir mit mehr oder weniger großer Begeisterung das Tütchen mit der Aufschrift „Besinnlichkeit“ zur Bescherung aufreißen und instantmäßig anrühren. Dann wird der Trunk heruntergestürzt, damit er nicht noch schaler wird. Dann ist Weihnachten.

Ich wünsche allen Lesern ein friedliches, ruhiges, von mir aus auch gesegnetes und, ihr wisst schon, besinnliches Weihnachtsfest, mit allem, was für Euch dazu gehört.

Note to self: Der Teufel ist ein Eichhörnchen. Musik: Iwresteledabearonce, Slayer, A Perfect Circle, Flyleaf.

Überschwere Elben

Gestern stand die Demontage einer kompletten IT-Ausstattung auf dem Programm. Dabei handelte es sich um ein Paradebeispiel für die Abscheulichkeit gewachsener Strukturen. Jeder ambitionierte Computernutzer kennt den Fall vom heimischen Kleinnetzwerk: Wenn ein neues Gerät hinzukommt, wird eben noch ein Kabel verlegt. Heraus kommt ein Wirrwarr von Patchkabeln, Kaltgeräte-Anschlußkabeln, Steckerleisten, USB- und Firewirekabeln. So, und nun stelle man sich die IT-Zentrale eines mittelständischen Unternehmens vor, in der über Jahre so vorgegangen wurde. Eine derartige Wuhling unter den Bodenplatten habe ich noch nie gesehen. Ein Vergnügen, das Chaos zu entwirren, ein zweifelhaftes.

Für Heiterkeit sorgte die Benamsung der Maschinen. Ich kann das verstehen: Wenn ein Systemadministrator zu viel Zeit in einem furchtbar lauten Serverraum verbringt, angebrüllt von einer Rotte von Rechenknechten, dann sehnt er sich nach der Stille und Beschaulichkeit des Auenlandes und der angrenzenden Landstriche Mittelerdes. Entsprechend hießen die Rechner: Aragorn, Elfe, Galadriel, usw.

EE

Als wir den ganzen Kram verladen hatten, ging das, zum Glück aufgelastete, KFZ bereits gewaltig in die Knie. Allerdings fand der Linux-Server namens Arwen nur noch auf meinem Schoß Platz und jeder, der jetzt an Liv Tyler denkt und mich beneidet, ist auf dem Holzweg. Arwen hatte nämlich nicht nur einiges an Gewicht, sondern auch einige scharfe Kanten zu bieten, die sich, gar nicht elbengleich, in meine Oberschenkel einprägten.

ET

Am neuen Standort wurde ein Rechnertürmchen errichtet. Ich sorgte dafür, dass Arwen direkt unter Aragorn zu liegen kam. Man ist ja kein Unmensch. Ich schätze, sie werden einige Zeit dort vor sich hindämmern, keiner braucht sie, und dann wird irgendwann der dunkle Herrscher zurückschlagen und die edle Schar zum Recyclinghof verfrachten, am Ende des dritten Zeitalters…

Note to self: Xserve nur waagerecht. Musik: Natalie Merchant, No Doubt.

To shoot a MacBook

MBP

Die US-amerikanische Bloggerin Lily Sussman vermeldet hier den Verlust ihres MacBook. Es wurde von israelischen Grenztruppen standrechtlich erschossen.

Die Geschichte in einer Nussschale: Frau Sussman wollte von Ägypten nach Israel einreisen, hatte dummerweise ein Foto im Speicher ihrer Kamera, auf dem ein Graffiti zu sehen war, das den Davidsstern und das Wort „Fuck“ zeigte, wurde daraufhin einer mehrstündigen Durchsuchung und Befragung unterzogen. Ihr Gepäck blieb in dieser Zeit unbeaufsichtigt. Weil die Grenzer einen Sprengstoffanschlag mit dem unbeaufsichtigten Gepäck vermuteten, wurde das Laptop hingerichtet. Die Festplatte ist in Ordnung. Das Gerät wird auf Staatskosten ersetzt.

Dieses Procedere der Gepäckerschießung scheint in Israel Gang und Gäbe zu sein, selbst Schulkinder wurden schon so von ihrem Ranzen befreit. Es handelt sich also nicht um einen Fall besonderer Drangsalierung. Zu diesem Beitrag haben bereits über 100 Menschen Kommentare verfasst (davon kann ich nur träumen, aber ich besitze ja nicht mal ein MacBook). Ich fasse mal zusammen:

– Typisch Israelis, die schießen auf alles

– Du solltest regelmäßig ein Backup machen

– Die Araber sind schuld

– Das Land Israel wurde uns von G*tt gegeben

– Die Engländer sind schuld

– Du bist eine muslimische Terroristin. Gestehe endlich

– Die Franzosen sind schuld

– Die Vereinten Nationen sind schuld

– Mit Linux wäre Dir das nicht passiert

– Die Römer sind schuld

– Schade um Dein Laptop. Israel ist toll, viel Spaß bei uns

– Die Palästinenser sind schuld

– Es gibt gar keine Palästinenser

Und so weiter, und so fort. Man scrollt durch Seiten von Paranoia, Rechthaberei, Ignoranz, Hass und verbalem Völkermord. Ein paar versöhnliche Töne gibt es zum Glück auch, sogar Entschuldigungen. Sogar von Leuten, die sich eigentlich gar nicht entschuldigen müssten. Da fällt uns David Sullivan ein:

Now beneath this lonely junction on the northbound M6
We spray our words of signature on the concrete bridge
And between the words of wisdom and the slogans of despair
Someone`s just gone and written „I`m sorry“ there
(New Model Army, „Marrakech“)

Note to self: Klar an der Kante, gleich sind sie da. Musik: Melechesh, Lyriel, Hypocrisy, Hiram.

Kaufen, verkaufen, halten

Nicht der Besitz oder Nichtbesitz der Dinge gibt uns den Kick, sondern der Erwerb und die Veräußerung. Diese Erkenntnis ist ja schon fast eine Binsenweisheit. Das, was wir haben, verursacht uns im Grunde genommen nur Probleme, es will geputzt, in Schuss gehalten, sicher verwahrt, in geeignetem Rahmen vorgezeigt oder unbedingt verborgen sein und muss schlimmstenfalls versteuert werden. Das, was wir haben wollen, regt unsere Fantasie an, erscheint uns unentbehrlich. Nichts könnte praktischer, moderner, angesagter sein. Und wie beneiden wir die, die es bereits haben. Das, was wir unbedingt loswerden wollen, liegt uns wie Wackersteine im Magen. Wie gerne sind wir bereit, es für einen Appel und ein Ei loszuschlagen, um die Wonne des gewonnenen Stauraums auszukosten. Dabei schmieden wir bereits seit Wochen Pläne, welche Köstlichkeit die entstandene Lücke füllen könnte.

So und nur so ist beispielsweise der Erfolg von ebay zu erklären. Es dürfte einen ganzen Wust von Artikeln geben, die eigentlich ständig auf der Reise sind, zwischendurch angeschaut, dann schnell wieder verpackt, bis sie irgendwann als Irrläufer in einem Verteilzentrum enden, eingestampft und vergessen werden. Weil das Grundprinzip im Großen wie im Kleinen gültig ist, sind die Nachrichten voll von Aufsehen erregenden Transaktionen. Heute waren ein paar besonders schöne Stücke dabei:

1. Die Hypo Group Alpe Adria (Und morgen die Bayerische Landesbank?): Sicher, so eine Landesbank macht sich gut. Ein repräsentativer Bau nebst schicker Dienstwagenflotte und die größten Nieten der eigenen Partei kann man in den Aufsichtsrat abschieben. Noch besser macht sich eine transalpine Tochtergesellschaft, die freistaatliche Interessen in Österreich und auf dem Balkan wahrnimmt, also hochriskante Beteiligungen eingeht und sich an faulen Verbriefungsgeschäften versucht. Gibt es etwas Schöneres, als dem schlechten Geld das gute hinterherzuwerfen, Steuermillionen, nein, Steuermilliarden, mit vollen Händen. Und wenn man etwas verkauft und dabei noch kräftig drauflegt, fühlt sich das nicht geil an? Sagen Sie doch mal, Herr Seehofer.

2. Thomson Correctional Center in Illinois: Zu den unverkaufbarsten Artikeln überhaupt dürfte der durchschnittliche Guantanamo-Insasse gehören. Zwar ist die Mehrzahl der Jungs in ihren schicken orangen Overalls möglicherweise doch nicht so gefährlich, wie ursprünglich angenommen, aber man weiß ja nie. Unser frischgebackener Friedensnobelpreisträger hat das inzwischen auch festgestellt. Was macht man nun, wenn man an seinem Wahlversprechen festhalten und den auf Kuba gelegenen Schandfleck US-amerikanischer Sicherheitspolitik tilgen will? Man kauft sich ein Hochsicherheitsgefängnis und verordnet den „feindlichen Kämpfern“ einen Umzug. Damit steigt immerhin deren Chance auf ein Gerichtsverfahren nach rechtsstaatlichen Prinzipien, man verschafft sich etwas Luft und die CIA darf in ihren anderen Folterknästen weiter wurschteln. Tja, quod licet Jovi, non licet bovi. Wie fühlt man sich denn so als Oberochse, Herr Obama?

3. Heiße Luft: Ganz einfach: Ich schalte meinen 600-Watt-Boliden, meinen Heimserver und meine Firewall endgültig ab und verzichte zukünftig auf Fleisch. Ihr schafft eure Autos ab, bescheidet euch mit 16°C Innenraumtemperatur (so wie ich) und zieht einen Pulli über. Wer bereits ein eigenes Kind hat, verhindert durch geeignete Maßnahmen die Entstehung weiterer. Das vermelden wir nach Kopenhagen, dann können sie dort einpacken und etwas sinnvolleres tun, als das hochnotpeinliche Geschacher fortzusetzen. Jeder weiß, dass wir die Zukunft unserer Spezies verheizen werden. Wir sind zu blöd und zu bequem, um das abzuwenden. Diese Erkenntnis ist aber anscheinend überhaupt nicht zu verkaufen. Also verkauft man die letzten Urwaldreste für ein paar Milliarden und sich selbst und alle anderen für dumm.

Note to self: Wann jetzt? Musik: Baroness, Pearl Jam, Converge, Psyopus.