Türmchen

Gell, die Schweizer: Ein lustiges, wenn auch langsames Völkchen, das in seiner alpinen Abgeschiedenheit sitzt und es vortrefflich versteht, am Elend der Welt mitzuverdienen. So hätten sie es gern: Ein beschauliches Dasein bei Kirsch und Raclette, nebenbei noch ein paar steuerbevorteilte Geldsäcke ansiedeln, die Manifestation dreister Schlechtigkeit auf hochgeheimen Konten ruhen lassen, sich gegenseitig auf die Schultern hauen, das Leben als immerwährender Rütli-Schwur.

Nun lässt das Abstimmungsergebnis zum Minarettverbot die Welt aber aufhorchen: Die Eidgenossen entpuppen sich als islamophobe Bergtrolle, tatsächlich ist das aber keine Überraschung. Die massive Stimmungsmache der SVP gegen alles Fremde fügt sich genau so ins Bild, wie die unverhohlenen Ressentiments gegenüber der zahlenmäßig größten Immigrantengruppe, den Deutschen.

Bei einem Anteil von 20% an eingewanderten Bewohnern darf man sich über die Angst vor Überfremdung nicht wundern, sie entsteht ganz von selbst, so wie die Löcher im Käse. Dass sich das Misstrauen in erster Linie gegen die muslimischen Migranten richtet, ist ebenfalls keine Überraschung. Die Ablehnung westlicher Grundwerte, die von einem Teil dieser Einwanderer gelebt wird, fordert den Aufschrei des gesunden Volksempfindens geradezu heraus (ja, dieser Satz soll niemandem wie eine Sahnetorte runtergehen). Nur hat der Bau von Türmchen auf islamischen Gotteshäusern damit eben genau nichts zu tun. Es mutet wie ein schlechter Scherz an, dass die Schweizer mit ihrem Votum genau die Freizügigkeit konterkarieren, deren Verteidigung sie vorgeben.

Es ist wahrlich schwer auf dem Grat zwischen berechtigter Kritik an islamistischer Provokation und offensiv ausgelebter Rückständigkeit einerseits und dumpfer Ablehnung des kulturell Andersartigen zu wandeln. Tatsächlich ist dies aber genau die Herausforderung, die der Westen bewältigen muss, will er die unbestreitbaren Errungenschaften seines Staats- und Gesellschaftsmodells auf Dauer verteidigen. Es ist eine große Enttäuschung, dass die Schweizer am Wochenende so daneben gelangt haben.

In diesem Zusammenhang will ich ein Gleichnis von Henryk M. Broder, einem meiner bevorzugten Reibungspunkte, bringen. Er verwendete neulich in einem bemerkenswerten Zwiegespräch im Schweizer Fernsehen folgendes Bild: Wenn er in Neukölln einer arabisch-stämmigen Familie ansichtig würde, die Frauen bis zur absoluten Unkenntlichkeit verschleiert hintendran, der Haushaltsvorstand in lockerer Freizeitkleidung mit Mobiltelefon am Ohr vorneweg, dann überkäme ihn (Broder) ein heißes Drängen, dem Manne das Handy zu entreißen. Dieses Gerät repräsentiere nämlich das Resultat jahrhundertelangen technischen Fortschritts auf der Grundlage von Freizügigkeit, Pluralismus, also aller westlichen Werte, die seit der Aufklärung gewonnen worden sind. Und jemand, der offensichtlich auf derlei Wertvorstellungen nichts gebe und im Gegenteil der archaischen Unterdrückung der Frau und muslimischen Denkverboten das Wort rede, dürfe solche technischen Aufklärungssymbole gar nicht verwenden.

Abstrus, nicht wahr? Ich will zwei Aspekte mal ein bisschen aufdröseln, weil sie meiner Meinung nach den Kern unseres Problems darstellen: 1.) Es ist völlig idiotisch, Menschen anderer kultureller und religiöser Prägung vorzuwerfen, dass sie die in unserer Gesellschaft garantierten Grundrechte wahrnehmen, also ihre Vorzüge genießen, obwohl sie sie eigentlich verachten (und auch, obwohl es in ihren Heimatländern mit der Toleranz gegenüber Andersgläubigen ganz anders aussieht, dieses Argument bringt mich regelmäßig auf die Palme). Genau das müssen wir nämlich aushalten, wollen wir uns nicht der Lächerlichkeit preisgeben, wie gerade die Schweizer. Soll der Mann aus Neukölln doch mobil telefonieren und seine Familie nach seinen rückständigen frauenfeindlichen Prinzipien zu organisieren versuchen. Erst wenn seine Frauen gegen seinen Willen die Burka ablegen oder sich gegen eine Zwangsverheiratung der gemeinsamen Tochter wehren wollen, kann unser Recht zu ihren Gunsten greifen, vorher nicht. 2.) Es ist blödsinnig anzunehmen, dass sich in diesem Spannungsfeld nur eine Seite, nämlich die westliche, fortwährend in einer Appeasementdiskussion und einem Rückzugsgefecht nach dem anderen befände, während die andere als monolithischer Block unveränderlich für alle Zeiten dastehe. Allerdings werden die kulturellen und religiösen Unterschiede um so mehr zur Identifikation durch Abgrenzung herangezogen werden, je mehr man, im übertragenen Sinne, den Bau von Minaretten verbietet.

Die Reaktionen auf das Schweizer Ergebnis waren vorauszusehen. Dass Herr Bosbach sich nicht entblödet, das deutsche Baurecht ins Feld zu führen, kann man nur kopfschüttelnd zur Kenntnis nehmen. Da hat einer zum dritten Mal sein Brotstückchen im Käsekessel verloren: „In den See, in den See, mit einem Gewicht an den Füßen.“

Note to self: Na komm. Augen zu und durch. Musik: Nile, Kodiak, Muriel Zoe, Kings of Convenience, Cannibal Corpse, Eels, Gama Bomb.

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Behind the mule

Wann ich zum ersten Mal Tom Waits gehört habe? Genau weiß ich es nicht mehr. Es muss irgendwann in der 12. Klasse gewesen sein, bei einer der unentbehrlichen Autofahrten ins Städtchen, zweifelhaften Vergnügungen entgegen. Wenig später bekam ich ein Tape (ja, so war das damals) mit dem Album „The Heart Of Saturday Night“ auf der einen und der ersten Platte von Ricky Lee Jones auf der anderen Seite von einer Schulfreundin. Ich habe mich an dieser Cassette regelrecht wundgehört. Die Musik von Waits war so weit weg von dem Gefälligkeitspop und Pseudopunk/New Wave, der damals populär war, aber auch etwas gänzlich anderes als der Progressive- und Glamrock, den ich zu dieser Zeit bevorzugt hörte.

Wenig später bekam ich die „Blue Valentines“ in die Finger und von da an war es um mich geschehen. Wenn ich heute „Christmas card from a hooker in Minneapolis“ oder „Kentucky Avenue“ höre, läuft es mir immer noch kalt den Rücken runter. Mit jeder Platte klang Toms Stimme kaputter, irgendwann hörte sie sich wirklich an, als hätte „sie ein paar Jahre in einem Wiskeyfass gelegen, sei dann geräuchert und zuletzt von einem Auto überfahren worden“. Gleichzeitig wurde seine Musik immer minimalistischer, unmittelbarer, entfernte sich Schritt für Schritt von dem schablonenhaften Barjazz der Anfangsjahre. Mit dem Meisterwerk „Swordfishtrombones“, dessen roher unaffektierter Sound jedermann entsetzte, kam Waits endgültig bei sich an. Er trieb die Provokation auf die Spitze, als er „Mule Variations“ in einem Hühnerstall aufnahm, Nebengeräusche und zahlreiche Verspieler inklusive.

Seine Stücke erzählen Geschichten vom grandiosen Scheitern, von versoffenen Dropouts, von in skuriler Schönheit Sterbenden, von sinnloser aber naheliegender Brutalität. Dabei führt er seine Figuren aber nie vor, er beherrscht meisterhaft den Drahtseilakt zwischen plakativer Bürgerverschreckung und anrührender Verletzlichkeit. Das gilt für den Musikschaffenden Tom Waits, genau wie für den Schauspieler:

In den letzten Jahren wurde es etwas stiller um Waits. Inzwischen ist er zweifacher Vater, sesshaft geworden, einigermaßen trocken und durchaus bürgerlich. Darin ähnelt er ein wenig seinem Seelenverwandten Charles Bukowski, dem man auch nicht abnehmen würde, dass er große Teile seines Lebens als Briefträger gearbeitet hat. Toms Stücke besitzen aber nach wie vor die gleiche emotionale Wucht der Anfangsjahre und seine Bühnenpräsenz haut immer noch um. Davon kann man sich überzeugen, wenn man die neue Liveplatte „Glitter And Gloom“ anhört. Das Album ist keine Offenbarung, vor allem angesichts der Hinrichtung des von mir sehr geliebten „Dirt In The Ground“ aber ein würdiges Spätwerk eines dirty old man.

Note to self: Kein Kastengucken, kein Spachteln und Streichen. Musik: Tom Waits, Scythelence, Skitsystem.

Scotch on southern rocks

Gestern am sehr späten Abend: Eigentlich sollte ich mich schon längst in Morpheus Arme begeben haben, aber irgendwann stolperte ich dann über eine Dokumentation, die mich davon abhielt: Reinhold Messner und Arved Fuchs durchqueren zu Fuß die Antarktis. Es gab allerhand Lustiges zu sehen, beispielsweise die wund gelaufenen Füße der Protagonisten und die Stümpfe der abgefrorenen Zehen. Manch Anderes konnte den Zuschauer ganz schön desillusionieren, zum Beispiel die beachtlichen Müllhaufen, die dort überall herumliegen oder die Stammbesatzung der Pol-Station, die sich mitten im Permafrost einen Western nach dem anderen per Videotape reinzog. Nebenbei nahm ich zur Kenntnis, dass die Abenteurer sich bei Erreichen eines jeden Breitengrads einen ordentlichen Streifen Whisky genehmigten.

Genau daran musste ich denken, als ich heute in der beliebtesten Online-Postille Deutschlands las, dass der Konsum schottischer Destillenprodukte im antarktischen Eis offenbar eine lange Tradition hat. Das scheint mir irgendwie auch ziemlich naheliegend zu sein. Ich meine, wenn man den ganzen Tag halb schneeblind durch die Ödnis stapft, sich von Schlittenhunden und Dosenbrot ernähren muss und die taghellen Nächte in einem ständig feuchten Schlafsack zusammengepfercht mit seinen stinkenden Kollegen in einem winzigen Zelt verbringen muss, dann kann man sich schon mal ein Schlückchen gönnen.

Die Expeditionen Ernest Henry Shackletons waren schon zu seinen Lebzeiten berüchtigt für die durch chronische Unterfinanzierung bedingte unzureichende Ausrüstung. Umso bemerkenswerter ist es, dass der für sein Improvisationstalent bekannte Ire den Scotch gleich kistenweise mit sich führte. Er war offensichtlich fest entschlossen, sich die Widrigkeiten der Südpolarregion schön zu saufen. Immerhin brachte Shackleton sich und seine Männer stets zurück in die Zivilisation (Er selbst starb in einer Walfängerstation auf Südgeorgien). Das ihm zugeschriebene Zitat „Better a live donkey than a dead lion.“ bezeugt seinen Realitätssinn, der anscheinend vom Konsum hochprozentiger Lebensmittel nicht getrübt war. Welch ein Unterschied zu Robert Scott, dessen grandioses Scheitern heute in surrealer Übersteigerung verklärt wird.

Shackle

Nun also soll ein Teil der flüssigen Hinterlassenschaft des Abenteurers geborgen und vermarktet werden. Was für ein bizarres Unterfangen. Es steht jedoch außer Frage, dass dieses Unternehmen rentieren wird, rechnen wir mal hoch: Ein „Ardbeg Single Cask France“ aus dem Jahre 1976 kostet heute 698 Tacken, ein „Macallan Speymalt“, der 1950 ins Fass kam, wird heute für flockige 1158 Euronen die Flasche angeboten. Somit dürfte der im Artikel erwähnte McKinlay, Jahrgang 1909 bei linearer Extrapolation bei ca. 2000€ die Flasche liegen, wenn es sich um Standard-Lagerware aus Schottland handelte. Angesichts der besonderen Umstände wäre vermutlich auch das drei- bis vierfache zu erzielen. Tatsächlich wird dieser Extremwhisky aber in einer exklusiven Sammleredition, eingeschlagen in authentisches Expeditionssegeltuch und begleitet von einem Döschen mit Fußnägeln des Polarforschers, für mindestens 15.000 Ocken die Flasche angeboten werden, da mache ich jede Wette. Und sollte ich sie verlieren, dann würde ich auch zu Fuß zum Südpol laufen.

Note to self: Ballast loswerden, sackweise. Musik: ZZ Top, Jimi Hendrix, Clutch, Melechesh.

Fan failure

Eigentlich wollte ich nur zwei neue Festplatten in meinen Powermac einbauen. Ein sich wiederholendes Ritual, denn nach dem Einbau ist man stets der Überzeugung, nun genug Speicherplatz für Jahrzehnte zu haben. Ein paar Monate später sind die Platten wieder voll, ich weiß auch nicht. Die Ursachen sind wahrscheinlich in der genetischen Ausstattung des Skidman zu suchen. Dessen Erzeuger hat das gleiche Problem nicht mit Daten, sondern mit Holzresten, Schrauben und anderen kleineisernen Köstlichkeiten. Muttern steht mehr auf leere Marmeladengläser, Dosen und Döschen und Cremes aller Art.

Der Platteneinbau wurde von Reinigungsmaßnahmen im Gehäuseinneren begleitet. In diesem Zusammenhang sei den Knüpferinnen dieses wirklich schönen Teppichs, der mich seit Jahren vor Fußkälte schützt, ein herzliches „Ihr mich auch!“ zugerufen, denn was dieser Bodenbelag an Staubmäusen, Fusseln und Fasern abgibt, das spottet einer mehrbändigen Beschreibung.

Nach dem Eingriff machte ich mich daran, die elektromagnetische Wüstenei zu füllen und wirklich in Besitz nehmen. Da fiel mir zum ersten Mal ein leises, singendes Geräusch auf, das von der Kiste emittiert wurde. Wenig später stellten sich die Netzteillüfter als Emittenten heraus. Einfach toll.

Als der G5 auf den Markt kam, wurde er von den Macianern auch deswegen gefeiert, weil er dank seiner hochkomplizierten Lüftersteuerung und Luftführung sehr sehr leise war, jedenfalls für ein Gerät dieser Leistungsklasse. Die Vorgänger mit G4-Aggregat waren dagegen die reinsten Brüllwürfel (na gut, Quader).

Einer der an diesem anbetungswürdigen Mirakel beteiligten Temperatursensoren hat nun in meinem Doppelprozessor-Wunderwerk die Füße hochgerissen. Ob er sich plötzlich entblößt fühlte, weil ich die umgebende Schutzschicht entfernt habe, ob der mit dem Ziehen des Netzsteckers verbundene Reset der Steuereinheit diese in die ewigen digitalen Jagdgründe beförderte, ich weiß es nicht. Jedenfalls suggeriert die Steuerung meinen Ventis im Sekundentakt: Zu heiß, in Ordnung, zu heiß, in Ordnung…

Erst war ich baff, dann ziemlich sauer, dann ein bisschen traurig, inzwischen schicksalsergeben. Er rechnet ja noch. Wollen wir hoffen, dass das Netzteil die Stoßlüftung noch ein bisschen mitmacht und mir nicht die Bude abfackelt. Natürlich ist es so, dass das Ersatzteil (egal ob PSU oder Mutterbrett) den Restwert der Maschine erreicht bzw. übertrifft. Das scheint ja eine Art Naturgesetz zu sein, das im Grunde noch viel grausamer ist, als Murphy mit seinen Marmeladenbroten. Ich würde mit Freuden ganze Rotten und Rudel dieser Frühstücksbestandteile auf der klebrigen Seite landen sehen, wenn Apple wieder die Hardwarequalität hinbekäme, die Ende der 90er geliefert wurde (Die Macs aus dieser Zeit, und ich besitze einige davon, laufen und laufen und laufen.).

Und wer darf die Chose ausbaden? Meine Nachbarn natürlich. Wenn man die Mucke ein bisschen lauter macht, ist von den Quirrlen nämlich nichts zu hören. Sorry folks!

Note to self: Weihnachtsplätzchen von Kurti. Immerdar. Musik: Flyleaf, Kalevala, Nile.

Ausweichen

UL

Mitschrift des Funkverkehrs auf der Frequenz des Maritimen Notrufs Spaniens, Canal 106, am 16. Oktober 1997:

Schauplatz: die Küste Galiziens „Costa Finisterra“.

Galizier:
(Geräusch im Hintergrund) „Hier spricht A-853 zu Ihnen, bitte ändern Sie Ihren Kurs um 15 Grad nach Süden, um eine Kollision zu vermeiden.“ (…) „Sie fahren direkt auf uns zu, Entfernung 25 nautische Meilen.“

Amerikaner:
(Geräusch im Hintergrund) „Wir raten Ihnen, Ihren Kurs um 15 Grad nach Norden zu ändern, um eine Kollision zu vermeiden.“

Galizier:
„Negativ. Wir wiederholen: Ändern Sie ihren Kurs um 15 Grad nach Süden, um eine Kollision zu vermeiden.“

Amerikaner:
(eine andere amerikanische Stimme) „Hier spricht der Kapitän eines Schiffes der Marine der Vereinigten Staaten von Amerika zu Ihnen. Wir beharren darauf: Ändern Sie sofort Ihren Kurs um 15 Grad nach Norden, um eine Kollision zu vermeiden.“

Galizier:
„Dies sehen wir weder als machbar noch erforderlich an, wir empfehlen Ihnen Ihren Kurs um 15 Grad nach Süden zu ändern, um eine Kollision zu vermeiden.“

Amerikaner:
(stark erregter, befehlender Ton) „HIER SPRICHT DER KAPITÄN RICHARD JAMES HOWARD, KOMMANDANT DES FLUGZEUGTRÄGERS „USS LINCOLN“ DER MARINE DER VEREINIGTEN STAATEN VON AMERIKA, DEM ZWEITGRÖSSTE KRIEGSSCHIFF DER NORDAMERIKANISCHEN FLOTTE. UNS GELEITEN ZWEI PANZERKREUZER, SECHS ZERSTÖRER, FÜNF KREUZER, VIER U-BOOTE UND WEITERE SCHIFFE, DIE UNS JEDERZEIT UNTERSTÜTZEN KÖNNEN. WIR SIND IN KURSRICHTUNG PERSISCHER GOLF UNTERWEGS, UM DORT EIN MILITÄRMANÖVER VORZUBEREITEN UND IM HINBLICK AUF EINE OFFENSVE DES IRAK AUCH DURCHZUFÜHREN.

ICH RATE IHNEN NICHT, ICH BEFEHLE IHNEN IHREN KURS UM 15 GRAD NACH NORDEN ZU ÄNDERN! SOLLTEN SIE SICH NICHT DARAN HALTEN, SO SEHEN WIR UNS GEZWUNGEN, SCHRITTE EINZULEITEN, DIE NOTWENDIG SIND, UM DIE SICHERHEIT DIESES FLUGZEUGTRÄGERS UND AUCH DIE DIESER MILITÄRISCHEN STREITMACHT ZU GARANTIEREN. SIE SIND MITGLIED EINES ALLIIERTEN STAATES, MITGLIED DER NATO UND SOMIT DIESER MILITÄRISCHEN STREITMACHT.

BITTE GEHORCHEN SIE UNVERZÜGLICH UND GEHEN SIE UNS AUS DEM WEG!“

Galizier:
„Hier spricht Juan Manuel Salas Alcántara. Wir sind zwei Personen. Uns begleiten unser Hund, unser Essen, zwei Bier und ein Mann von den Kanaren, der gerade schläft. Wir haben die Unterstützung der Sender Cadena Dial Von la Coruna und Canal 106 als Maritimer Notruf. Wir fahren nirgendwo hin, da wir mit Ihnen vom Festland aus reden. Wir befinden uns im Leuchtturm A-853 Finisterra an der Küste von Galizien. Wir haben eine Scheißahnung, welche Stelle wir im Ranking der spanischen Leuchttürme einnehmen. Und Sie können die Schritte einleiten, die Sie für notwendig halten und auf die Sie geil sind, um die Sicherheit ihres Scheiß-Flugzeugträgers zu garantieren, zumal er gleich an den Küstenfelsen Galiziens zerschellen wird, und aus diesem Grund müssen wir darauf beharren und möchten es Ihnen nochmals ans Herz legen, dass es das Beste, das Gesündeste und das Klügste für Sie und Ihre Leute ist, Ihren Kurs um 15 Grad nach Süden zu ändern, um eine Kollision zu vermeiden.“

Note to self: Spaß am Billermann. Musik: Baskery.

Gestammel, Geschwurbel, Regen

Meine Antwort auf die Frage des Tages: Ich saß in einem Schwesternwohnheim vor der Flimmerkiste, freute mich, dass wieder ein Tag der 20 Monate, die ich abzureißen hatte, vorbei war, trank Bier und war genau so überrascht, wie alle anderen auch.

Man sollte an einem Tag wie heute nicht fernsehen. Bis eben habe ich das auch prima hingekriegt. Zwanzig Minuten zappen haben gereicht für: Zwomal Schabowski, einmal Marius Müller Westernhagen mit „Freiheit“, einmal die Scorpions mit „Wind Of Change“ und oben drauf eine ganze Reihe Untoter (Seiters, Teltschik, der Dicke, Genschman, Gorbi). Mir reichts.

Ich will die Bedeutung dieses Tages nicht klein reden. Sicherlich ist er für viele Menschen ein Wendepunkt ihrer Lebensgeschichte, ein Wendepunkt zum Besseren. Man erinnert sich daran, dass in der Zeit bis zum Oktober 90 so viel passierte, dass man kaum hinterher kam. Ich muss zugeben, mir damals, in den Tagen und Monaten nach der Grenzöffnung, einen anderen Verlauf der deutsch-deutschen Geschichte gewünscht zu haben, den „dritten Weg“ sozusagen. Das war sicher die spinnerte Träumerei eines unverbesserlichen Idealisten, aber träumen durfte man damals ja auch noch.

Im Juli 90 machten wir uns auf nach Berlin, um dort Herrn Waters Maueraufbau und -fall auf dem Potsdamer Platz beizuwohnen. Ein kleines Abenteuer incl. Übernachtung in einem ostdeutschen Kohlfeld neben der ehemaligen Transitstrecke. Einige Kollegen machten für ein paar Jahre rüber, wohnten in besetzten Häusern auf dem Prenzlberg, waren umweht vom hauptstädtischen Flair und schauten auf uns Provinzler herunter.

Zahlreiche Bewohner Neufünflands schlugen im Westzipfel auf. Ein paar beschwerten sich, aufgekauft worden zu sein. Die meisten waren ziemlich nett, zu nett zum Teil, das waren die ersten, die offensichtlich schwer enttäuscht wieder abzogen. Zeit verging. Ich lernte die Schönheit Brandenburgs, Sachsens und Rügens kennen, freute mich über perfekt sanierte Innenstädte in Potsdam, Bautzen, staunte nicht schlecht in Dresden. Nur wenig später fragte mich ein Besucher aus Magdeburg, warum denn in Aachen die Straßen so schlecht wären. Die Antwort blieb mir im Hals stecken.

Man soll bei dieser Angelegenheit nicht nachkarten, erst recht nicht nachrechnen. Es lohnt nicht. Diejenigen, die sich in Ost und West die Mauer zurück wünschen, müssen einen an der Waffel haben. Diejenigen, die sich der „Es war nicht alles schlecht“-Fraktion zurechnen, sollten begreifen, dass Rosinenpickerei in diesem Fall blödsinnig ist. Diejenigen, die der Ossi-Wessi-Aufhetzerei das Wort reden, können mich mal gern haben.

Köhler spricht. Salbungsvoll, bedeutungsschwer, gleichzeitig irgendwie blutleer, so wie halt nur Hotte das hinkriegt. Am Brandenburger Tor regnet es. Passt ganz gut.

Note to self: Umschläge? Versandtaschen! Musik: Emperor, Behemoth.

Sonderturnen

Zugegeben, ich wäre heute morgen mal wieder bereit für eine ausufernde Wintersportübertragung, auch wenn ich weiß, dass viele Menschen in meinem Umfeld diese Sternstunden der Fernsehunterhaltung regelrecht hassen, vor allem wenn „Die Sendung mit der Maus“ beispielsweise einem Weltcuprennen der Skilangläufer zum Opfer fällt. Während ich also der blassen Novembersonne dabei zugucke, wie sie die letzten Raureifreste auffrisst und mein Schädel mit den Beschwerden kämpft, die der Genuss von zu viel Rotwein zweifelhafter Provenienz am gestrigen Abend verursacht hat, sinniere ich darüber, warum ich mich dermaßen für Sportübertragungen begeistere.

Ich selbst bin alles andere als sportlich und war es auch nie. Zwar wurde ich als Kind Mitglied eines Turn- und Sportvereins (wie es dazu kam, ist mir bis heute schleierhaft, ich kann mich jedenfalls nicht daran erinnern, gefragt worden zu sein), spielte mit Leidenschaft Völkerball, sprang über Kästen, quälte mich an Sprossenwänden (immer wenn ich dieses Wort höre, krampft sich meine Bauchmuskulatur vorbeugend zusammen), allein es wollte nicht so recht nutzen: Kleinskidman blieb ein hohlkreuziges, schmächtiges Bürschlein, dessen merkwürdige Fuß- und Kopfhaltung beim Laufen jedermann erheiterte.

Bei der Einschulung -ich war ein paar Tage vor dem so genannten Stichtag geboren und daher mit Abstand der Jüngste in der Klasse- sortierte man mich gleich bei den körperlich Unterentwickelten ein und verdonnerte mich zum Sonderturnen. Ein schreckliches Wort, das in unmittelbarer Nachbarschaft zu „Sonderschule“ verortet ist. So fuhr ich einmal in der Woche mit dem Rad in den Nachbarort und tat dort das Gleiche wie im Verein und im regulären Sportunterricht. Der einzige Unterschied zu den anderen Ertüchtigungsveranstaltungen bestand darin, dass die Halle einen sehr schönen Holzboden hatte, der einen ganz eigentümlichen Geruch abgab, und dass unser Vorturner, ein drahtiger Endvierziger mit grauer Bürste, stets Nachsicht und Langmut ausstrahlte. Schließlich waren wir nur die Sonderturner. Man erwartete also, dass wir uns blöd anstellten, uns permanent aufs Maul legten und immer zu früh aufgaben (An dieser Stelle könnte eine umfassende Abrechnung mit dem dreigliedrigen Schulsystem folgen, ich lasse sie weg.).

Später begann ich mich für Fußball zu interessieren, allerdings wäre mir nicht im Traum eingefallen, dem lokalen Klub bzw. seinen Jugendmannschaften beizutreten. Die Jungs zogen nach ihren Heimspielen am Sonntagnachmittag an unserem Haus vorbei Richtung Vereinskneipe, meist wie geprügelte Hunde, mit Schürfwunden an Knien und Ellenbogen, in denen die kleinen Körnchen der roten Asche, mit der unser Platz belegt war, laut und durchdringend „Entzündung, Entzündung“ johlten. Nix für mich.

In den großen Pausen kickten wir mit einem Tennisball. Überflüssig zu erwähnen, dass ich bei der Zusammenstellung der Mannschaften stets als einer der Letzten verteilt wurde: „Ihr kriegt die beiden da und wir kriegen die Heike!“ Es sind diese Sätze, die einen auch nach Jahren noch des nachts einholen. Mir ist klar, dass das lächerlich ist. Ich erzielte bis auf zwei Ausnahmen nie ein Tor. In beiden Fällen hatte man mir die Pille aus einem Gefühl der sozialen Verantwortung heraus sehr behutsam zugeschoben, nachdem die gesamte Abwehr bereits ausgespielt war, so dass ich nur noch den Fuß hinhalten musste. Zumindest eines dieser Tore, das weiß ich heute, war Abseits.

Immerhin erreichte ich dank der unzähligen Fahrradkilometer, die ich gezwungenermaßen zurücklegte (damals wurde man nicht von seinen Eltern durch die Gegend gekarrt, man hätte mir den Vogel gezeigt, wenn ich darum nachgesucht hätte), eine gewisse Grundkondition. Mein Ehrgeiz bestand darin, den Mofabesitzern auch bergauf mein Rücklicht zu zeigen, das machte sie nämlich wahnsinnig. Als dann beim Sportunterricht 1000 Meter auf Zeit zu schwimmen waren, versägte ich die gesamte Klasse. Unser Basketballcrack, ein Brocken mit legendärem Durchsetzungsvermögen, sah mich sehr lange und sehr durchdringend an und rang sich dann ein anerkennendes Nicken ab. Von dieser Sieger-Erfahrung zehre ich bis heute. Es blieb die Einzige.

Warum schaue ich mir dann so gerne Sport im Fernsehen an? Es liegt wohl daran, dass es sich dabei um einen Wettbewerb „an sich“ handelt. Will sagen: Zwar strampeln sich die Teilnehmer bis zur Erschöpfung ab, bekämpfen sich bis aufs Messer, doch gibt es dabei Spielregeln, die Fairness und Chancengleichheit garantieren, und hinterher gibt man sich die Hand und das war es. Leistungssport ist, so gesehen, folglich die Wiese für alle, die nur spielen wollen. Mir ist schon klar, dass handfeste wirtschaftliche Interessen dahinter stecken, aber das blende ich jetzt mal aus. Der sportliche Wettkampf ist für mich der Gegenpol zum real existierenden Überlebenskampf, in dem oftmals der die Oberhand behält, der die fieseren Tricks anwendet und die geringsten Skrupel hat. Deshalb kann man, das sage ich als alter Sonderturner, beim Sport eben auch mit Anstand verlieren und dem Sieger ehrlichen Herzens gratulieren. Das würde ich bei den Ellenbogenmenschen im tagtäglichen „Fressen und gefressen werden“ niemals hinbekommen, ihre Siege sind für mich in erster Linie die Niederlagen der unverschuldet Benachteiligten, der gemein Ausgebooteten.

Note to self: Abschwellend, wenigstens, was für ein Ärger. Musik: The Chemical Brothers, Body Count, Guano Apes.