Brüder (und Schwestern) zur Sonne…

So Genossen, da habt ihr die Quittung. Und wer jetzt den Schuss noch nicht gehört hat, dem ist nicht mehr zu helfen. Es ist an der Zeit jetzt endlich das ganze Gerede von der neuen Mitte ad acta zu legen. Es ist an der Zeit wieder Politik für die kleinen Leute zu machen. Es ist an der Zeit in Klausur zu gehen und die Scherben zusammen zu kehren. Vielleicht ist der katastrophale Einbruch von heute die Gelegenheit, die die alte Tante gebraucht hat, um zu beginnen, sich neu zu erfinden: Mit neuen Leuten an der Parteispitze, mit politischen Inhalten, die wahrhaft sozialdemokratisch, also links im besten Sinne sind, mit einem vernünftigen, unemotionalen Umgang mit der Linken. Sollte das gelingen (und wenn ich Münte und Frank W. heute abend höre, dann habe ich daran durchaus meine Zweifel), dann, ja dann wird die SPD auch wieder mindestens eine Stimme im Westzipfel mehr erringen, meine Stimme nämlich.

Dem Land stehen 4 kalte, harte Jahre bevor, so viel ist klar. Sollte wirklich der Irrweg der Deregulierung, der Steuergeschenke für Bonzen und Geldsäcke, der Gängelung der armen Schlucker und der Entsolidarisierung der Gesellschaft eingeschlagen werden, dann sehe ich schwarz.

Note to self: Dicke Ausnahme, reine Frustbekämpfung. Musik: Podmix Neue Helden 12.

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PTLs Burg, ANNAs Scheune

Es war schön endlich mal wieder auf der Bühne zu stehen und abzurocken. Das hat mir echt gefehlt. Am vergangenen Freitag spielte die Kohlenrockcombo anlässlich des runden Geburtstags ihres Schlagzeugers in der Burg in Baesweiler auf, wobei man allerdings dazu sagen muss, dass die Burg eigentlich mehr an einen Gutshof erinnert: Keine Zinnen, keine Türmchen, keine Zugbrücke, aber eine Riesenscheune mit rustikalem Charme. Wir durften über ein Monster von Anlage spielen, die Komponenten aufwies, bei denen ich noch nicht mal weiß, wozu sie eigentlich gut sind. Jede Menge Displays, Regler, Racks, alleine die Aufnahmeeinheit war größer als unsere Endstufe.

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Auch wenn sich der eine oder andere Schnitzer in unseren Vortrag einschlich, hatten wir trotzdem jede Menge Spaß (zum Teil auch gerade wegen der Schnitzer) und Spaß hatten auch die Zuhörer, die natürlich besonders den Jubilar überschwänglich feierten. Mein persönliches Highlight war die Welturaufführung von „In Vain“, so gesehen freue ich mich auf die kommenden Monate und die neuen Stücke, die wir jetzt anzugehen gedenken.

Als Headliner des Abends fungierten Phil T. Lizzy aus Belgien, die sich in den letzten Jahren, man hört es schon am Namen, als erfolgreiche und überregional bekannte Thin Lizzy Coverband profiliert haben. Sie spielten große Ausschnitte des unglaublichen Albums „Live And Dangerous“ des irischen Quartetts, das ich im Schlaf auswendig mitsingen kann, und brachten den Saal (wenigstens die vorderen 15 Meter) zum Kochen. Wirklich Klasse! Spätestens bei der zweiten Zugabe „Whisky In The Jar“ gab es kein Halten mehr.

Fotos vom Auftritt gibt es demnächst auf der Homepage von ANNA1. An dieser Stelle nur noch ein dickes Dankeschön an den Gastgeber für einen extrem gelungenen Abend.

Note to self: Du kannst sie nicht zwingen und du brauchst nicht noch mehr an dir herumzubiegen, um was zu ändern. Musik: Wolves In The Throne Room, Immortal, Opeth.

Jetzt reicht es!

Und? Schon das Neuste von unserem Oberschnüffler Wolle Schäuble vernommen? Was, noch nicht? Hier gibt es einen Einblick in seinen Wunschzettel für die Koalitionsverhandlungen (Auch wenn das Ministerium dies bestreitet. Nachtigall ick hör dir trapsen.) „Prost Mahlzeit!“ kann man da nur sagen, der Mann und seine Mannen haben ganz offenbar schwer einen an der Waffel. Tut mir ja leid, mich an diesem sattsam bekannten Thema öffentlich wundscheuern zu müssen, aber wer denkt „Nicht schon wieder“, der ist bereits zu gründlich eingewickelt.

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Die einzelnen Forderungen aus diesem feuchten Traum der sicherheitspolitischen Berufsparanoiker von der Union lesen sich wie ein Kochrezept aus dem MfS. „Quis custodit custodes?“ fragt man sich nicht zum ersten Mal. Schäuble tut es jedenfalls nicht. Übrigens: Die ehemals liberale Partei, die ihren Einsatz für Bürgerrechte wie ein Banner vor sich herträgt, tut es auch nicht, das hat ihr Abstimmungsverhalten bei der Einführung der Onlinedurchsuchung in Sachsen und NRW deutlich gezeigt. Wer also hofft, die FDP würde sich im Falle eines schwarz-gelben Wahlsiegs als Korrektiv betätigen, der sollte sich mal untersuchen lassen (Entsprechende Hoffnungen bezüglich der Sozialdemokratie habe ich angesichts ihrer Abnickpolitik in der vergangenen Legislatur ohnehin nicht mehr).

Zitat aus der Süddeutschen: „…es [das besagte Konzept. Anm. d. Verf.] wurde vom Abteilungsleiter für Öffentliche Sicherheit gebilligt. In dieser Abteilung sind von Minister Schäuble die (wegen des Trennungsgebots) früher getrennten Abteilungen P (Polizei) und V (Verfassungsschutz) zusammengefasst worden.“ Merkt hier eigentlich überhaupt noch einer was? Wenn man erste Schritte unternimmt, um Geheimdienst und Polizei zusammen zu führen, was kriegt man dann? GEPO! Und am noch fehlenden STA wird sicher auch schon gearbeitet.

Dass SPON den Artikel nach zwei Stunden an prominenter Stelle gleich mal ins Kleingedruckte verschoben hat, wundert mich überhaupt nicht mehr. Dass das Konzept einen Tag vor der Wahl ins Licht der Öffentlichkeit gerückt wurde, und zwar von der Süddeutschen, passt ebenfalls wie die Faust aufs Auge. Verschwörungstheoretisieren wir noch ein bisschen weiter: Natürlich gibt es im Innenministerium auch viele Sozen, denen das Lancieren eines solchen Papiers zu diesem Zeitpunkt gut ins Konzept passt. Natürlich könnte es auch eine Finte der Merkelin sein, um ihren alten Widerpart in der eigenen Partei endlich los zu werden, da die Fortsetzung ihrer Kanzlerschaft ja so oder so kaum zu verhindern sein wird (Bei hoher Wahlbeteiligung koaliert man mit der SPD, bei niedriger Wahlbeteiligung mit der FDP). Natürlich könnte man annehmen, dass die Piratenpartei ein U-Boot im Ministerium hat und jetzt so richtig einen raushaut. So oder so: Innen- und Sicherheitspolitik unter der Ägide der etablierten Parteien heißt seit geraumer Zeit: Spaltung statt Einigkeit, Willkür statt Recht und heimlicher Würgegriff statt Freiheit. Mir ist schlecht!

Note to self: Zwacken, es wird eng! Musik: Opeth, Immortal.

Ach weisste Joe…

…billige Propaganda können andere besser, Du brauchst Dich also gar nicht so vehement ins Zeug zu legen. Außerdem läuft es doch für Dich: Die G20 verwässert die eh schon verwässerten Vorschläge noch weiter, Guttenberg warnt genau wie Du vor allzu heftigen Vorschriften zur Eigenkapitalausstattung der Kreditinstitute, die Wirtschaftsweise jeder Coleur für unabdingbar halten und unser lieber Steinbrück weiss zwar was er will, doch verhallen seine Rufe in der Wüste. Ah, das Eigenkapital. Du schreibst dazu: „Höhere Eigenkapitalanforderungen bedeuten engere Grenzen für die Höhe der Bank-Aktiva“ und folgerst daraus, dass dann weniger Geld für Investitionskredite zur Verfügung stünde. Sieh mal Joe, wenn das Geschäft der Banken in den letzten Jahren zuvorderst daraus bestanden hätte Investitionen zu finanzieren, dann hätte es die Finanzmarktkrise nie gegeben. In Wahrheit machten die Banken ihr Geld aber hauptsächlich mit Verbriefungsgeschäften und brachten so toxische Papiere im Gegenwert eines 4stelligen Milliardenbetrages auf den Markt. Man will Euch ja nicht vorschreiben, das in Zukunft nicht mehr zu tun (warum eigentlich nicht?), man möchte nur, dass ihr einen größeren Teil des Risikos übernehmt, schließlich lasst ihr Euch dafür bezahlen.

Außerdem machst Du Dir Sorgen über die Zukunft des europäischen Finanzplatzes, wenn strengere Regularien tatsächlich nicht in Pittsburg sondern im nationalen oder kontinentalen Rahmen verabschiedet würden. Man könnte hinter amerikanische und chinesische Institute zurückfallen. Weisste was Joe, ob ihr das tut oder nicht, das geht mir am Pöppes vorbei. Eure Großmannssucht und Gewinngier hat uns allen eine Suppe eingebrockt, die ihr in hundert Jahren nicht auslöffeln könnt. Auch wenn Du Deinen Fuss bis zum Knöchel in der Tür der Entscheider von Pittsburg und Deinen Kopf bis zum Hals im Hintern der Kanzlerin hast, so ein kleines bisschen Anstand und Realitätssinn hätte ich Dir dann doch zugetraut. Dein unverschämtes Anspruchsdenken kommt fast schon an das der Wanderheuschrecken heran.

Und wir lassen uns das auch noch bieten, wir setzen uns selbst Euren Fuß auf den Nacken. Ja Joe, Du hast recht, Du kannst nichts dafür, dass wir es Euch so leicht machen. In diesem Sinne: Weiterhin viel Spaß mit meiner Kohle.

Note to self: „Oben“ ist es nicht. Der erste richtige Aussetzer von Pixar. Musik: Opeth, Ørnen-Soundtrack.

Organ2/ASLSP

Manche Dinge sind so skuril, dass man die Menschen, die sie sich ausgedacht und realisiert haben, einfach gern haben muss. In diese Kategorie gehört das John-Cage-Orgelprojekt Halberstadt. Dabei geht es um die Aufführung der Komposition „Organ2/ASLSP“ (das Akronym ASLSP steht für „as slow as possible“) die im Jahre 2001 begann und insgesamt 639 Jahre in Anspruch nehmen wird.

ASLSP

Zu den Hintergründen sei auf die Homepage des Projekts hingewiesen. Wie das Ganze klingt, davon kann man in diesem Video einen Eindruck gewinnen. Um die zeitliche Dimension dieser Aufführung besser zu erfassen, kann man sich mal überlegen, was in Europa vor 639 Jahren, also im Jahr 1362 (gerechnet von 2001) los war: Die Mauren saßen in Spanien, eine große Sturmflut an der Nordsee führte zur Entstehung der Insel Sylt, die Päpste residierten nicht in Rom, sondern in Avignon, das oströmische Reich lag nach dem Fall von Adrianopel in seinen letzten Zuckungen.

Man kann sich also nur wünschen, dass das Werk wirklich bis zum Ende gespielt werden wird. In diesem Fall hätte unser Kontinent wahrscheinlich eine äußerst seltene und langanhaltende Phase der Stabilität erlebt. Wenn ich mir die Bilder aus der Kirche anschaue, dann finde ich, dass man keinen besseren Ort für das Projekt hätte finden können und ich wünsche mir, dort mal eine entschleunigte halbe Stunde mit Zuhören und Meditation zu verbringen (Und natürlich hatte ich zuerst den Impuls: Mensch, warum stellen sie keine Webcam auf und übertragen das Ganze live ins Internet. Ja warum nicht? Überlegt mal.). Bis es dazu kommt, freue ich mich erst mal auf die neue Platte von Immortal, die am 25. dieses Monats rauskommt. Knüppel aus dem Sack statt Dauerflöten. Varietas delectat.

Note to self: Lampenfieber? Zu früh! Musik: Opeth, Mastodon, Meshuggah.

Erlösung

Es folgt ein Fußballartikel, aber vielleicht ist er auch für diejenigen Konsumenten lesenswert, die sich nicht für das beste Spiel, das die Menschen erfunden haben, interessieren.

NT

Manchmal machen mich Fußballspiele, unabhängig von ihrem Ausgang, sehr nachdenklich. Wenn ich mit ein paar tausend Anderen in der Kurve stehe und es so ein Tag ist, dann frage ich mich merkwürdige Fragen. Zum Beispiel: Das entscheidende Tor für uns ist gerade gefallen. Für wie viele der Anwesenden war das der beste Moment der Woche? Wie viele schaffen es, genau wegen dieses Heimsiegs, sich noch einmal zusammenzureißen und nicht das Gas aufzudrehen? Wie viele Frauen und Kinder entspannen sich, weil sie wissen, dass sie heute nicht verprügelt werden? Wie viele werden beseelt lächeln und nicht heulen, während sie sich ins Koma saufen? Wie viele haben es gar nicht wirklich mitbekommen, auch nicht mitbekommen wollen, weil sie nur dastehen, weil sie immer da stehen und schon so viele gewonnene und verlorene Spiele gesehen haben, die nichts änderten?

Ich bin einer von euch. Ich schreie, singe, klatsche mit euch. Wir sind so laut, dass es mir in den Ohren klingelt, so laut, dass der Schall, der vom Dach auf den Rasen geworfen wird, das Spielfeld ruinieren, zumindest aber große Stücke herausreißen müsste. Mein Nebenmann ist eigentlich ein Nebenjunge. Wenn sein Ellenbogen meine Seite trifft, fühlt es sich gut und richtig an. Die erste Minute der Nachspielzeit. Es ist zu warm für Ende September. Ich kann euch riechen. Von der Grundlinie wird der Ball in den Strafraum gespielt, dort steht Auer. Es wird still, ganz still für eine Zehntelsekunde. Er stoppt das Leder gekonnt ab und legt es sich noch ein kleines Stückchen vor. Eine weitere Zehntel vergeht, langsamer als die letzte. Sein starker Fuß, der rechte Fuß, trifft den Ball. Er schlägt am kurzen Pfosten ein. Der Lärm kehrt unvermittelt und mit voller Wucht zurück. Wir reißen die Arme hoch. Danke danke. Bitte bitte. Bibiana Steinhaus pfeift ab. Das Plastik zerbrochener Bierbecher knirscht unter meinen Füssen. Die Sonne steht über der Stadt. Ich drehe mich um. Zwischen den Betonrippen werden Schwarzgelbe herausgespuckt und dahin zurückgeworfen, wo sie herkamen. Es hat sich nichts geändert, denke ich mir. Neben mir lacht einer. Ca. 50, übergewichtig, rotgesichtig, die Klamotten abgetragen, den Becher in der Hand, Schaum überm Mund. Er brüllt über den Vorplatz: „Aachen ist die schönste Stadt der Welt.“ Das Licht auf dem Pflaster ist goldgelb wie Bier. Einer, der erlöst wurde. Und für ein paar Sekunden macht er mich heil.

Note to self: Du musst wissen, was Du tust. Für uns beide ist es schon seit Jahren zu spät. Etwas Respekt hätte ich erwartet, vorschreiben kann ich ihn Dir nicht. Aber ich habe es satt, Dir goldene Brücken zu bauen, die Du nicht betreten willst. Musik: Between the buried and me – Mordecai.