Yes we camp (Scotland 3)

Was ist das Schöne am Campen? Die Einfachheit und Naturnähe der Unterkunft? Ja, bestimmt. Die Erfahrung des Ausgesetztseins? Unbedingt. Und sonst noch? Vielleicht kann der unbedarfte Hotelübernachter bzw. Bed & Breakfast-Freak die Faszination Camping besser verstehen, wenn er sich das folgende Bild anschaut:

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Schön, gell? Was uns später am Abend auf genau diesem idyllischen Platz bei Kinlochleven an Heimsuchungen zuteil wurde, davon will ich später mal berichten. Seis drum: Wer das Zelten genießen will, der muss gut organisiert sein. Zum Ende unserer Reise schafften wir es innerhalb von 15 Minuten das Zelt aufzubauen, das Innenzelt gemütlich einzurichten, den Koch- und Wohnbereich im Außenzelt mit allem Nötigen auszustatten und die erste Bierdose zu öffnen. Das alles bei schwierigen Wetter- und Windbedingungen, ohne Hektik und mit Spaß an der Aktion. Und so spießbürgerlich sah dann das Endergebnis aus:

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Ich bitte auf die sorgfältige farbliche Abstimmung der beiden Schlafplätze, die Faltenfreiheit des Bodenbelags und das Fehlen allen überflüssigen Krempels zu achten. Das Gegenbeispiel lieferte eine japanische Familie in Edinburgh: Wir lernten uns gegen 21 Uhr kennen, beide Parteien (Die Japaner und wir) waren erst viel zu spät am Marine Drive eingetroffen. Das Camping-Office war natürlich schon zu, entsprechend musste die Ausrüstung per pedes über den ausgedehnten Caravan-Park bis zu unserem Pitch auf der Zeltwiese getragen werden. Während wir beide unseren Kram auf einmal transportierten, nahm die Verbringung des Gepäcks der vierköpfigen Familie deutlich länger in Anspruch. Während wir ein Viertelstündchen später vor dem aufgebauten Zelt einen erstaunlichen 12jährigen Ben Bracken der weiteren Verkostung zuführten, kämpften die Japaner noch mit der Stangenkonstruktion ihres Nylonpalastes. Der Familienvater verschwand immer wieder in der windschief wirkenden kläglichen Teilkonstruktion, um kurz darauf mit noch größerer Ratlosigkeit im Gesicht wieder aufzutauchen. Während wir uns bemühten nicht zu häufig herüber zu schauen und zu feixen, nahm die Verzweiflung und der Frust bei den beiden Kindern im Teenager-Alter deutlich zu. Nach fast 2 Stunden war der Kampf beendet, wobei die Symmetrie und Stabilität des finalen Zustandes mich nicht befriedigt hätte. Im Endergebnis vermochte das Familienoberhaupt uns am nächsten Tag nicht mehr in die Augen zu schauen: Er hatte sein Gesicht verloren. Ja, da tun sich Abgründe auf.

Ich will nicht verschweigen, dass unser Oberzelter Ödli an meinen Aufbaukünsten immer wieder etwas auszusetzen hatte: Mal gefiel die Position der Erdnägel nicht, mal deren Winkel und Eindringtiefe. Auch die Variation der Abspannungsalternativen in Abhängigkeit von Windstärke und -richtung blieb mir bis zum Schluss ein Rätsel. Vielleicht lag es aber auch einfach daran, dass die Neuerwerbung „Oregon 3“ den Besitzer mit so großem Stolz erfüllte, dass Aufbauzustand gleich Idealzustand zu sein hatte.

Eine Sternstunde erlebte mein lieber Bruder, als er auf dem Platz in Ardaig, nördlich von Ullapool, die unfreiwillige Hinterlassenschaft eines Vorgängers mit Billigzelt einsammeln konnte. Der war offensichtlich entweder mit seiner Mobilbehausung abgesoffen oder vom Winde verweht worden und hatte zahlreiche Fiberglasstangen und Heringe bei der eiligen Flucht zurückgelassen. Aus diesen Überbleibseln konstruierte das Campinggenie Ödli eine Zusatzvorrichtung, die unser Vorzelt erweiterte und Panoramablicke aus dem Innenzeltbereich in die Weite der Landschaft gestattete:

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Noch ein letztes Amoröllchen: An der Ostküste in der Nähe von Brora erwischte uns ein Sturmtief mit Extremregen. Während wir gemütlich eingemummelt aus den Schlafsäcken ins Vorzelt schauten, wo die ordentlich aufgehängten Jacken und Mützen im Rhythmus der Sturmböen hin und her schwangen, signalisierte das hektische Herumhantieren mit allerlei Lampen in den Nebenzelten, dass dort Wassereinbrüche bis zur völligen Durchfeuchtung zu konstatieren waren. Nun, wir wandten uns wieder unserem Laphroaig zu, einem extrem torfigen Islay-Malt mit deutlichen Iodnoten im Abgang und blieben von außen völlig trocken. Es geht auch anders: Am nächsten Morgen fragte ich unseren Nachbarn zur Rechten: „Well, how did you survive?“ Und er antwortete trocken: „When the rain started entering the tent, i put my personal hifi on and ignored the wet mess.“ Well done, mate!

Note to self: Komm schon, beweg Dich! Musik: Ausnahmsweise mal keine.

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