Träumen mit Frank-Walter

Zugegeben, man hätte mit dem gestrigen Sonntagnachmittag und -abend besseres anfangen können, als sich die volle Breitseite aus Kandidatenproklamation im Tempodrom, mühsames Klamüsern mit Deppendorf, Samthandschuhexegese mit Hahne und Haudruff-Rhetorik bei Frau Will zu geben, besonders weil sich der aufsummierte Erkenntnisgewinn in Grenzen hielt. Ich fasse mal zusammen:

Wenn FWS laut und beschwörend wird, dann merkt man sofort, bei wem er in die Lehre gegangen ist. Gleichzeitig stellt man, halb amüsiert, halb besorgt fest, dass er von der wahlkämpfenden Rampensau ungefähr so weit entfernt ist, wie die Merkelin von allem Staatsmännischen (no pun intended). Ob man der alten Tante anraten sollte, in der heißen Phase das Original zu reaktivieren? Eher nicht, denn erstens würde dies die Erdgasversorgung Deutschlands gefährden und zweitens käme man inhaltlich in die schwerste aller Bredouillen, denn man sollte Parteien zwar nicht an ihren Wahlprogrammen messen, da gilt der Satz „Von Münte lernen, heißt siegen lernen“, aber es ist doch schon bemerkenswert, wie sehr sich die SPD von den Irrtümern der Agenda2010-Neue Mitte-Katastrophe entfernt hat. Das hätte man auch ein bisschen früher haben können, in der Zeit nämlich, als man abwechselnd Blindekuh und Vorsitzendenverheizen gespielt hat. Offensichtlich brauchte es erst eine Weltwirtschaftskrise, um sich endlich auf die alten Kernkompetenzen zu besinnen.

Gleichzeitig offenbart sich jedoch genau an diesem politischen Knackpunkt das sozialdemokratische Dilemma: Wie glaubwürdig ist diese Kehrtwende angesichts der Tatsache, dass sowohl die Bankrotterklärung des deregulierten Casinokapitalismus, als auch das Hofieren der Ellenbogenabsahner und das systematische Vertrimmen der kleinen Leute durch die Regierungen Schröder bzw. Merkel/Steinmeier erleichtert und forciert wurde? Glauben die Parteistrategen wirklich an das stimmviehliche Kurzzeitgedächtnis? Wahrscheinlich nicht, aber sie wissen es halt nicht besser, kann man ja verstehen. Wie konsequent ist die Kehrtwende, wenn man sich gleichzeitig merkwürdige Koalitionsoptionen mit einem pseudoliberalen Müllhaufen offenhalten will, obwohl man auch offensiv eine linke Mehrheit anstreben könnte? Da haben die Strategen die so genannte Mitte im Blick, die sich ohne tiefgreifende Korrekturen immer weiter auflöst, weil die Substanz, von der sie lebt, zweifellos bald aufgebraucht sein wird. Hätte man nicht die relative Einigkeit der Parteigenossen (Ein Wunder, ein Wunder!) besser nutzen können, um etwas Substanzielleres auf den Markt zu werfen, als ein paar Brocken Symbolpolitik? Doch, hätte man. Insofern hat man wieder einmal eine Chance verpasst.

Was kommt auf uns zu? Schlammschlachten? Glaub ich nicht, dazu sind die beiden Protagonisten viel zu emotionslos. Eine deutliche Veränderung in den Umfragen? Möglicherweise, aber dann zum Nachteil der großen Volksparteien, denn Visionen finden sich nur noch an den Rändern. Allgemeines Desinteresse? Ganz bestimmt, denn die so genannte bürgerliche Mehrheit steht, da beißt die Maus keinen Faden ab. Frank-Walter wird irgendwann zu Protokoll geben, dass „die Enten am Ende fett sind“ und sich ansonsten auf die Rolle als Oppositionsführer vorbereiten. Dann hat man wenigstens ein paar Jahre Zeit, um wirklich zur Besinnung zu kommen.

Note to self: iMovie 8, was für ein Misthaufen. Musik: Nine Inch Nails, Jane`s Addiction.

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