Die Mucke und der Mammon

Es ist schon ein paar Tage her, da veröffentlichte die Süddeutsche in ihrem Online-Angebot diesen Beitrag von John Mellencamp zum Themenkreis Musik-geistiges Eigentum-Plattenfirmen. Natürlich will ich die Gelegenheit, diese Angelegenheit aus meiner Sicht darzustellen, nicht ungenutzt verstreichen lassen:

Früher, ja früher war alles besser: Ab und zu, wenn das immer viel zu schmale Taschengeld es zuließ, ging man zu AlloPach oder zu ELPI und kaufte sich eine Langspielplatte. Der Schatz ward sodann nach Hause getragen, vorsichtig auf den Teller gelegt und dann drehte sich die Neuerwerbung erstmal für 14 Tage permanent. Damit will ich gar nicht sagen, dass es sich bei den Scheiben immer um epochale Machwerke handelte (im Gegenteil, darüber habe ich mich ja bereits in einem früheren Beitrag ausgelassen), aber es war klar, dass bis zum nächsten Musikkauf einige Zeit vergehen würde und man bis dahin damit auskommen musste, was man da hatte. So kam es, dass sich diese Musik ziemlich heftig im Kopf festsetzte, zusammen mit den unvermeidlichen Knackskratzern, die im Laufe der Zeit hinzukamen. Noch heute geht es mir so, dass ich bei bestimmten Stücken an bestimmten Stellen stets auf das Störgeräusch warte und fast enttäuscht feststellen muss, dass da ja ein MP3 spielt.

Ah, jetzt habe ich das Jehova-Wort verwendet: MP3. Einst gefeiert als revolutionäres Datenformat, das Musik am Computer überhaupt erst praktikabel machte, dann verteufelt als Treibstoff für die Tauschbörsen, in denen sich jugendliche Schwerverbrecher mit ihrem Stoff versorgen. Wie war das denn noch gleich in der guten alten Zeit? Ich besaß einen Haufen Audio-Cassetten, sicherlich ein Mehrfaches von dem, was ich an Vinyl hatte. Die eigenen Platten wurden selbstverständlich auch für Freunde und Kollegen überspielt: Eine Tauschbörse im Kleinen. Natürlich hatten diese Mitschnitte nicht die Tonqualität der Originale. Natürlich wäre man nicht auf den Gedanken gekommen die Neuerscheinung von $SUPERSTAR auf Dutzende von MCs zu kopieren und die Kopien auf dem Schulhof feilzubieten. Natürlich wirkte sich diese Kopiertätigkeit sicherlich auf die Verkaufszahlen aus, allein es krähte kein Hahn danach.

Dann wurde Musik digital, die CD kam auf den Markt, unzerstörbar (kicher), mit überlegener Klangqualität (kecker) und jeden Pfennig wert (kugel). Ernsthaft: CDs waren so dermaßen teuer, dass man sich aber wirklich ganz genau überlegte, ob man sich eine angesagte Neuerscheinung, oder lieber einen Klassiker von bekannter musikalischer Qualität zulegte. Meine erste CD war übrigens „You can“t do that on stage anymore (Vol. 1)“ von Frank Zappa. Den hohen Preis rechtfertigte die Musikindustrie unter anderem mit dem gigantischen Ausschuß, der bei den frühen Fertigungsmethoden anfiel (angeblich an die 50%). Als man dieses Problem später in den Griff bekam, fiel der Preis jedoch keineswegs. CDs verkauften sich wie geschnitten Brot, da viele Liebhaber nach und nach ihre Plattensammlungen auflösten und in das kompaktere Format umwandelten. So und jetzt sind wir genau an dem Zeitpunkt, an dem John Mellencamp mit seinem Artikel einsteigt: Die Plattenfirmen verdienten Geld wie Heu.

Zur gleichen Zeit begann eine andere Entwicklung immer wichtiger zu werden: Die Independent-Bewegung: Was beim Punk angefangen hatte, setzte sich nun beim so genannten „Indie-Rock“ fort. Viele Künstler entschieden sich für die Gründung eigener Firmen und übernahmen die Produktion ihrer Tonträger selbst. Während eine große Firma die Veröffentlichung von Nischenprodukten über die Verkaufserfolge der Chartbreaker querfinanzieren konnte, wussten die unabhängigen Selbstvermarkter von vorne herein, dass sie niemals die Stückzahlen unters Volk bringen würden, die für den ganz großen Reibach nötig sind. Man beschied sich eben mit dem Möglichen. Damit begann aber auch ein weiterer Prozess, nämlich der der musikalischen Diversifikation. Klar, es gibt immer noch solche Massenphänomene wie Tokio Hotel, nur adressiert solche Musik eben auch den minderjährigen Konsumenten, dessen musikalische Willensbildung sich noch in einer sehr frühen Phase befindet. Die reiferen Semester spezialisieren sich und „Pop-Musik“ ist, nicht zu unrecht, für so manchen ein Schimpfwort geworden.

Und heute? Man wird vom Angebot förmlich erschlagen! Selbst wenn man auf dem Pfad der Tugend wandelt und sich illegaler Downloads enthält, gibt es ein dermaßen großes Angebot an kostenloser, richtig guter Musik im Netz, dass man sich kaum noch Zeit nimmt sie konzentriert anzuhören, wirklich kennenzulernen und dann auch entsprechend wertschätzen zu können.

Mellencamp schreibt, man könne von einem Künstler nicht erwarten, dass er sich um alles, vom Songwriting bis zur Pressearbeit, selbst kümmert. Lieber John, genau das ist aber die Lebenswirklichkeit sehr vieler hochbegabter Talente. Auch für Musiker mit kleinem Budget ist es heute überhaupt kein Problem eine CD zu machen und in einer Auflage von einigen hundert Stück zu veröffentlichen oder die eigenen Kompositionen gleich auf myspace vorzustellen. Internetforen und Informationsbörsen erleichtern das Finden von Auftrittsmöglichkeiten. Logos und Artwork erledigt man mit Digicam und einer Bildbearbeitungssoftware. Im Grunde war es noch nie so einfach wie heute.

Noch ein letztes: Natürlich kann man die Weltstars verstehen, die jetzt den goldenen Zeiten hinterher trauern, weil der Absatz von Tonträgern so eingebrochen ist. Man muss eben heute fleissig touren, um so richtig gut zu verdienen. Wichtiger als ein guter Plattenvertrag ist ein guter Deal mit einem Konzertveranstalter. Die Zeiten ändern sich, aber -und da hat Mellencamp bestimmt recht- die Musikindustrie hat die Zeichen nicht erkannt, beharrt auf ihrem veralteten Vertriebskonzept und hat vor allem keine Antwort darauf, dass immer weniger Leute sich mit unterdurchschnittlicher Beliebigkeitslala abspeisen lassen wollen.

Note to self: Clever! Der Name brennt in mir. Musik: Pink Floyd, Mastodon, Devin Townsend.

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