A/H1N1

Freitag, 24. April 2009. Am Abend erscheint bei SPON eine kleine, unscheinbare Meldung, die vom Auftreten von Grippeerkrankungen in Mexiko berichtet. Die Infizierten tragen ein bislang unbekanntes Virus, das auch in Hausschweinen festgestellt wurde. Ich schlafe schlecht.

Samstag, 25. April 2009. Einige Dutzend Tote sind zu verzeichnen, aus den USA werden die ersten Infektionen gemeldet. Ich schaue mich auf den Seiten des Robert-Koch-Instituts um.

Sonntag, 26. April 2009. Die Zahl der Verstorbenen erhöht sich auf über 80, die der Infizierten in Mexiko auf über 1000. Weitere Fälle werden aus Kalifornien, Ohio, New York und Kansas gemeldet, außerdem aus Neuseeland, Spanien und Frankreich. Immer noch keine Reisewarnung vom Auswärtigen Amt, ich denke mir meinen Teil.

Montag, 27. April 2009. Mehr als 100 Menschen in Mexiko sind an den Folgen der Infektion gestorben. Flüge in das lateinamerikanische Land werden abgesagt. Ein Fall wird aus Kolumbien gemeldet und in Spanien wird der erste europäische Fall nun offiziell bestätigt. Verdachtsfälle sind außerdem in Polen, England und Australien aufgetreten. Die Herstellung eines Impfstoffs wird nach Aussagen von Experten mindestens mehrere Wochen, wenn nicht sogar Monate dauern. Ein Redakteur der Süddeutschen nennt den Erreger einen Eiweißbatzen, der hat Nerven. Wenn auf der Straße einer hustet, drehe ich den Kopf weg. Wenn ich nach Hause komme, wasche ich mir die Hände. Zweimal.

Ich neige nicht dazu paranoid zu sein. Als Naturwissenschaftler glaube ich, Gesundheitsrisiken realistisch einschätzen zu können. In den BSE-Hochzeiten habe ich nicht mal in Großbritanien auf Rindfleisch verzichtet. Ich würde ohne zu zögern in einem Gebäude mit asbesthaltigen Verkleidungen arbeiten. Das Geschäft mit der Angst kann ein sehr lohnendes Geschäft sein und es wird häufig vor Gefahren gewarnt, die keine sind. Im Falle von A/H1N1 verhält es sich anders: Ich überlege ernsthaft, mich mit Konserven, Kerzen, Faltkannistern und natürlich Schutzmasken zu versorgen. Möchte gar nicht wissen, was hier los ist, wenn die ersten Fälle in Deutschland gemeldet werden.

Note to self: Das Netzteil Kai, das Netzteil! Musik: Yo La Tengo, Opeth, Yeti Girls.

Verschluckt (Eine Gutenachtgeschichte)

Sicher, sicher: Die kapitalistische Weltordnung ist im Grunde eine Geschichte vom fressen und gefressen werden. Das war schon immer so und wird auch so bleiben. Aus ökologischer Sicht könnte man sagen, dass es sich um ein Top-down-System handelt, in dem die Aktivität der Predatoren an der Spitze der Nahrungskette die Chancen und Verbreitung der untergeordneten Glieder bestimmt. Folglich ist es eben auch nicht vorgesehen, dass Antilopen Geparden fressen, oder Mäuse Wölfe.

Der kleine aber schwerreiche Prinz Wiedeking kannte diese ehernen Gesetze natürlich auch. Sein Zuffenhausener Planet gedieh prächtig, die Börse jubelte. Die dort hergestellten Kraftwagen waren zwar unvernünftig und dekandent, gleichzeitig aber wunderschön, schnell und solide verarbeitet. Es hätte alles in Ordnung sein können, aber es kam dann doch ganz anders, denn Prinz Wiedeking und den tatsächlichen Besitzern reichte es nicht Herrscher eines kleinen aber ökologisch intakten Planeten zu sein. Sie wollten eben nicht nur große Leute, sondern ganz große Leute sein. So kam es, wie es kommen musste, denn „Die großen Leute haben eine Vorliebe für Zahlen“ und aus dem Autobauer wurde eine Investmentbank mit angeschlossener Sportwagenproduktion.

Mit dem Ziel den eigenen Vorteil zu mehren machte sich unser kleiner Prinz daran, sich so viel Kohle zusammen zu pumpen, dass er den größten Nachbarplaneten des Sonnensystems übernehmen könnte. Natürlich, so etwas fängt man nicht aus einer Laune heraus an, man macht sich einen Plan und das tat auch unser Wiedeking:

lp

Ein paar geschickte Winkelzüge später befand sich der Elefant bereits zur Hälfte im Schlund der Schlange. Prinz Wiedeking wurde von den Beobachtern der Szene gefeiert. Er sei eben ein ganz Ausgekochter, so hieß es, mit Nerven aus Stahl und listig wie ein Rudel Wölfe (pun intended). Und dann passierte es: Nicht dass der Elefant sich ernsthaft wehrte, er wusste ja, dass er im Grunde keine natürlichen Feinde hatte. Nein, die Operation „Kiefer ausklinken und hinein damit“ verteuerte sich plötzlich drastisch, so drastisch, dass der schlangengleiche Prinz den Brocken wohl am liebsten wieder losgeworden wäre, nur ist „halb verschluckt“ eben viel einfacher als „ausgespuckt“.

Im stillen Kämmerlein vergoss unser Prinz bittere Tränen, denn nun machte sich der Elefant daran seine vegetarischen Gewohnheiten kurzfristig aufzugeben und seinerseits die Schlange zu verspeisen. Zwar war sein Verdauungstrakt für derlei Kost gar nicht ausgelegt, doch das störte ihn keineswegs. Ob der Elefant dies überlebte oder elendig verschied, das verrate ich Euch beim nächsten zubettgehen.

Note to self: Willste nicht, oder kannste nicht? Musik: The Trentemøller Chronicles.

Träumen mit Frank-Walter

Zugegeben, man hätte mit dem gestrigen Sonntagnachmittag und -abend besseres anfangen können, als sich die volle Breitseite aus Kandidatenproklamation im Tempodrom, mühsames Klamüsern mit Deppendorf, Samthandschuhexegese mit Hahne und Haudruff-Rhetorik bei Frau Will zu geben, besonders weil sich der aufsummierte Erkenntnisgewinn in Grenzen hielt. Ich fasse mal zusammen:

Wenn FWS laut und beschwörend wird, dann merkt man sofort, bei wem er in die Lehre gegangen ist. Gleichzeitig stellt man, halb amüsiert, halb besorgt fest, dass er von der wahlkämpfenden Rampensau ungefähr so weit entfernt ist, wie die Merkelin von allem Staatsmännischen (no pun intended). Ob man der alten Tante anraten sollte, in der heißen Phase das Original zu reaktivieren? Eher nicht, denn erstens würde dies die Erdgasversorgung Deutschlands gefährden und zweitens käme man inhaltlich in die schwerste aller Bredouillen, denn man sollte Parteien zwar nicht an ihren Wahlprogrammen messen, da gilt der Satz „Von Münte lernen, heißt siegen lernen“, aber es ist doch schon bemerkenswert, wie sehr sich die SPD von den Irrtümern der Agenda2010-Neue Mitte-Katastrophe entfernt hat. Das hätte man auch ein bisschen früher haben können, in der Zeit nämlich, als man abwechselnd Blindekuh und Vorsitzendenverheizen gespielt hat. Offensichtlich brauchte es erst eine Weltwirtschaftskrise, um sich endlich auf die alten Kernkompetenzen zu besinnen.

Gleichzeitig offenbart sich jedoch genau an diesem politischen Knackpunkt das sozialdemokratische Dilemma: Wie glaubwürdig ist diese Kehrtwende angesichts der Tatsache, dass sowohl die Bankrotterklärung des deregulierten Casinokapitalismus, als auch das Hofieren der Ellenbogenabsahner und das systematische Vertrimmen der kleinen Leute durch die Regierungen Schröder bzw. Merkel/Steinmeier erleichtert und forciert wurde? Glauben die Parteistrategen wirklich an das stimmviehliche Kurzzeitgedächtnis? Wahrscheinlich nicht, aber sie wissen es halt nicht besser, kann man ja verstehen. Wie konsequent ist die Kehrtwende, wenn man sich gleichzeitig merkwürdige Koalitionsoptionen mit einem pseudoliberalen Müllhaufen offenhalten will, obwohl man auch offensiv eine linke Mehrheit anstreben könnte? Da haben die Strategen die so genannte Mitte im Blick, die sich ohne tiefgreifende Korrekturen immer weiter auflöst, weil die Substanz, von der sie lebt, zweifellos bald aufgebraucht sein wird. Hätte man nicht die relative Einigkeit der Parteigenossen (Ein Wunder, ein Wunder!) besser nutzen können, um etwas Substanzielleres auf den Markt zu werfen, als ein paar Brocken Symbolpolitik? Doch, hätte man. Insofern hat man wieder einmal eine Chance verpasst.

Was kommt auf uns zu? Schlammschlachten? Glaub ich nicht, dazu sind die beiden Protagonisten viel zu emotionslos. Eine deutliche Veränderung in den Umfragen? Möglicherweise, aber dann zum Nachteil der großen Volksparteien, denn Visionen finden sich nur noch an den Rändern. Allgemeines Desinteresse? Ganz bestimmt, denn die so genannte bürgerliche Mehrheit steht, da beißt die Maus keinen Faden ab. Frank-Walter wird irgendwann zu Protokoll geben, dass „die Enten am Ende fett sind“ und sich ansonsten auf die Rolle als Oppositionsführer vorbereiten. Dann hat man wenigstens ein paar Jahre Zeit, um wirklich zur Besinnung zu kommen.

Note to self: iMovie 8, was für ein Misthaufen. Musik: Nine Inch Nails, Jane`s Addiction.

Corsa-Karma und andere Unaussprechlichkeiten

Ein bisschen habe ich noch den elterlichen Komposthaufen, von dem in den nachösterlichen Tagen einige Kubikmeter abgetragen, gesiebt und auf Vorrat abgefüllt wurden, im Kreuz. Während wahre Sturzbäche die sanften Hügel des Grenzlands gründlich durchfeuchten, mache ich mir ein paar mehr oder weniger warme Gedanken:

Ein kleiner grüner Corsa hat wohl jetzt doch das Zeitliche gesegnet. Die beiden vorangegangenen Begegnungen mit vorfahrtsberechtigten Querverkehrsteilnehmern und suizidalem Rehwild hatte der Kleine noch irgendwie überstanden. Gerade erst zurechtgeflickt wollte er heute aber unbedingt die Landstraße verlassen und die angrenzende Böschung nebst der dort angepflanzten Gehölze kennenlernen. Ganz ernsthaft: Es ist ein großes, großes Glück, dass der Besitzerin, die ihre Überdauerungsfähigkeit in einer just eingetrudelten Email zu recht mit der von Katzen vergleicht, nichts passiert ist. Vor diesem Hintergrund sind der wirtschaftliche Schaden, der mit dem Verlust und der Ersatzbeschaffung verbundene Ärger und Stress absolut nachrangig. Meine untauglichen Versuche, dies der in Tränen Aufgelösten am Telefon klar zu machen und ihr Mut zuzusprechen, waren zwar gut gemeint, aber anscheinend nicht zielführend.

Ich überlege nun, wie ein durchschnittlicher Buddhist diese drei Sachschäden in vier Monaten einordnen würde (Klar, ich bin bescheuert!). Natürlich ist es absolut unvernünftig anzunehmen, dass einem Kraftfahrzeug eine schicksalhafte Verstrickung aufgrund von Anhaftung, Zorn und Verwirrung, also den drei Ursachen schlechten Karmas, zum Verhängnis wird, auch wenn wir Menschen dazu neigen, unsere fahrbaren Untersätze zu beseelten Gefährten zu machen (in dem Zusammenhang erinnere ich mich gerne an die -größtenteils nicht zitierfähigen- Beschwörungen, die sich mein silberner Golf I Diesel auf ungezählten Fahrten zwischen Aachen und Friedberg anhören musste). Dennoch: Erst wenn besagter Corsa dereinst als Konservendose oder Kanaldeckel wiedergeboren wird und somit einer zweifellos freudlosen und weniger stolzen Existenz ins Auge blicken muss, dann wird ihm bewusst werden, mit welcher Schändlichkeit und Treulosigkeit er die Gesundheit seiner ihn aufrichtig liebenden Besitzerin gefährdete und ihre Bemühungen, sein Dasein mit Hilfe des Inspektionsheftes und einer Vertragswerkstatt zu langanhaltender Blüte zu bringen, konterkarierte.

Denjenigen, die mir jetzt kopfschüttelnd zurufen möchten, dass solche von fernöstlichen spirituellen Konzepten getragenen Erklärungsversuche ganz und gar abstrus sind, sei folgendes gesagt: Die christlich-abendländische Alternative, die nur so aussehen kann, dass dieser tapfere Kleinwagen angesichts der äußerst problematischen Situation seiner Spezies und des amerikanischen Mutterkonzerns gleichsam das Kreuz genommen und sich als Märtyreropel geopfert hat, ist noch viel abstruser (Nein, ich habe nichts getrunken, mir geht es ausgezeichnet, danke!).

Tja, so hängt eben doch alles mit allem zusammen. Und wer das nicht glaubt, der möge einer Empfehlung der Newsgroup „oecher.talk“ folgen und bei Amazon das Gesamtangebot aller Artikel mit dem Suchbegriff „PC vernetzen“ durchforsten. Viel Spaß!

Note to self: Doko? Ich glaube nicht mehr dran. Musik: Darkthrone, The Black Daliah Murder, Dismember, Karl Sanders.

Die Mucke und der Mammon

Es ist schon ein paar Tage her, da veröffentlichte die Süddeutsche in ihrem Online-Angebot diesen Beitrag von John Mellencamp zum Themenkreis Musik-geistiges Eigentum-Plattenfirmen. Natürlich will ich die Gelegenheit, diese Angelegenheit aus meiner Sicht darzustellen, nicht ungenutzt verstreichen lassen:

Früher, ja früher war alles besser: Ab und zu, wenn das immer viel zu schmale Taschengeld es zuließ, ging man zu AlloPach oder zu ELPI und kaufte sich eine Langspielplatte. Der Schatz ward sodann nach Hause getragen, vorsichtig auf den Teller gelegt und dann drehte sich die Neuerwerbung erstmal für 14 Tage permanent. Damit will ich gar nicht sagen, dass es sich bei den Scheiben immer um epochale Machwerke handelte (im Gegenteil, darüber habe ich mich ja bereits in einem früheren Beitrag ausgelassen), aber es war klar, dass bis zum nächsten Musikkauf einige Zeit vergehen würde und man bis dahin damit auskommen musste, was man da hatte. So kam es, dass sich diese Musik ziemlich heftig im Kopf festsetzte, zusammen mit den unvermeidlichen Knackskratzern, die im Laufe der Zeit hinzukamen. Noch heute geht es mir so, dass ich bei bestimmten Stücken an bestimmten Stellen stets auf das Störgeräusch warte und fast enttäuscht feststellen muss, dass da ja ein MP3 spielt.

Ah, jetzt habe ich das Jehova-Wort verwendet: MP3. Einst gefeiert als revolutionäres Datenformat, das Musik am Computer überhaupt erst praktikabel machte, dann verteufelt als Treibstoff für die Tauschbörsen, in denen sich jugendliche Schwerverbrecher mit ihrem Stoff versorgen. Wie war das denn noch gleich in der guten alten Zeit? Ich besaß einen Haufen Audio-Cassetten, sicherlich ein Mehrfaches von dem, was ich an Vinyl hatte. Die eigenen Platten wurden selbstverständlich auch für Freunde und Kollegen überspielt: Eine Tauschbörse im Kleinen. Natürlich hatten diese Mitschnitte nicht die Tonqualität der Originale. Natürlich wäre man nicht auf den Gedanken gekommen die Neuerscheinung von $SUPERSTAR auf Dutzende von MCs zu kopieren und die Kopien auf dem Schulhof feilzubieten. Natürlich wirkte sich diese Kopiertätigkeit sicherlich auf die Verkaufszahlen aus, allein es krähte kein Hahn danach.

Dann wurde Musik digital, die CD kam auf den Markt, unzerstörbar (kicher), mit überlegener Klangqualität (kecker) und jeden Pfennig wert (kugel). Ernsthaft: CDs waren so dermaßen teuer, dass man sich aber wirklich ganz genau überlegte, ob man sich eine angesagte Neuerscheinung, oder lieber einen Klassiker von bekannter musikalischer Qualität zulegte. Meine erste CD war übrigens „You can“t do that on stage anymore (Vol. 1)“ von Frank Zappa. Den hohen Preis rechtfertigte die Musikindustrie unter anderem mit dem gigantischen Ausschuß, der bei den frühen Fertigungsmethoden anfiel (angeblich an die 50%). Als man dieses Problem später in den Griff bekam, fiel der Preis jedoch keineswegs. CDs verkauften sich wie geschnitten Brot, da viele Liebhaber nach und nach ihre Plattensammlungen auflösten und in das kompaktere Format umwandelten. So und jetzt sind wir genau an dem Zeitpunkt, an dem John Mellencamp mit seinem Artikel einsteigt: Die Plattenfirmen verdienten Geld wie Heu.

Zur gleichen Zeit begann eine andere Entwicklung immer wichtiger zu werden: Die Independent-Bewegung: Was beim Punk angefangen hatte, setzte sich nun beim so genannten „Indie-Rock“ fort. Viele Künstler entschieden sich für die Gründung eigener Firmen und übernahmen die Produktion ihrer Tonträger selbst. Während eine große Firma die Veröffentlichung von Nischenprodukten über die Verkaufserfolge der Chartbreaker querfinanzieren konnte, wussten die unabhängigen Selbstvermarkter von vorne herein, dass sie niemals die Stückzahlen unters Volk bringen würden, die für den ganz großen Reibach nötig sind. Man beschied sich eben mit dem Möglichen. Damit begann aber auch ein weiterer Prozess, nämlich der der musikalischen Diversifikation. Klar, es gibt immer noch solche Massenphänomene wie Tokio Hotel, nur adressiert solche Musik eben auch den minderjährigen Konsumenten, dessen musikalische Willensbildung sich noch in einer sehr frühen Phase befindet. Die reiferen Semester spezialisieren sich und „Pop-Musik“ ist, nicht zu unrecht, für so manchen ein Schimpfwort geworden.

Und heute? Man wird vom Angebot förmlich erschlagen! Selbst wenn man auf dem Pfad der Tugend wandelt und sich illegaler Downloads enthält, gibt es ein dermaßen großes Angebot an kostenloser, richtig guter Musik im Netz, dass man sich kaum noch Zeit nimmt sie konzentriert anzuhören, wirklich kennenzulernen und dann auch entsprechend wertschätzen zu können.

Mellencamp schreibt, man könne von einem Künstler nicht erwarten, dass er sich um alles, vom Songwriting bis zur Pressearbeit, selbst kümmert. Lieber John, genau das ist aber die Lebenswirklichkeit sehr vieler hochbegabter Talente. Auch für Musiker mit kleinem Budget ist es heute überhaupt kein Problem eine CD zu machen und in einer Auflage von einigen hundert Stück zu veröffentlichen oder die eigenen Kompositionen gleich auf myspace vorzustellen. Internetforen und Informationsbörsen erleichtern das Finden von Auftrittsmöglichkeiten. Logos und Artwork erledigt man mit Digicam und einer Bildbearbeitungssoftware. Im Grunde war es noch nie so einfach wie heute.

Noch ein letztes: Natürlich kann man die Weltstars verstehen, die jetzt den goldenen Zeiten hinterher trauern, weil der Absatz von Tonträgern so eingebrochen ist. Man muss eben heute fleissig touren, um so richtig gut zu verdienen. Wichtiger als ein guter Plattenvertrag ist ein guter Deal mit einem Konzertveranstalter. Die Zeiten ändern sich, aber -und da hat Mellencamp bestimmt recht- die Musikindustrie hat die Zeichen nicht erkannt, beharrt auf ihrem veralteten Vertriebskonzept und hat vor allem keine Antwort darauf, dass immer weniger Leute sich mit unterdurchschnittlicher Beliebigkeitslala abspeisen lassen wollen.

Note to self: Clever! Der Name brennt in mir. Musik: Pink Floyd, Mastodon, Devin Townsend.

Kampfsport

Fussballdeutschland in heller Aufregung: Prinz Poldi ohrfeigt das Schwergewicht Ballack, auf dem Platz, in aller Öffentlichkeit, eine Ungeheuerlichkeit. Zu diesem Zeitpunkt führte man in Cardiff mit 2:0 Toren, die Partie war gelaufen (das sahen die Waliser übrigens genau so) und unsere Elitekicker waren kopfmäßig bereits auf dem Rückflug. Die Nationalmannschaft hatte ihre spielerische Überlegenheit in drei Punkte umgemünzt, ohne fussballerische Glanzlichter zu setzen. Also, was mag Podolski geritten haben, sich mit seinem Kapitän zuerst ein heftiges Wortgefecht zu liefern und ihm dann durchs Gesicht zu wischen? Insubordination? Kann Poldi gar nicht richtig aussprechen. Bayernfrust? Wohl kaum, da er ja jetzt wenigstens spielen darf. Glaubenskampf um die rechte Taktik? Nö nö, denn da hat Ballack nun mal „die Hosen an“ und Poldi weiß, dass er gehorchen muss. Ballacks Führungsstil? Ja vielleicht, aber eigentlich ist der Mann von Chelsea diesbezüglich doch ein Waisenknabe gegen einen van Bommel oder Lucio, was, wie wir Dank Günter Netzer jetzt alle wissen, ja daran liegt, dass Ballacks Sozialisation im wesentlichen in der ehemaligen DDR stattgefunden hat (gell, für solche Einsichten muss man Erklärbär Günter einfach lieben).

Nein, ich glaube es lag an Rugby. An Rugby? OK, ich versuche es zu erklären: 1.) Auf dem Rasen waren ja noch die Markierungen der Malfelder von der vorausgegangenen Partie Wales vs. Irland im Six-Nations-Cup zu sehen, da kann ein schlichtes Gemüt wie Poldi schon mal ins Schwimmen kommen. 2.) Alle walisischen Zuschauer hätten viel lieber ein Rugby-Spiel gesehen (das hätte Wales nämlich haushoch gewonnen, die Deutschen reißen im Rugby nix), diese Erwartungshaltung übertrug sich von den Tribünen aufs Spielfeld und besonders auf den schwingungsempfindlichen Podolski. 3.) Rugby ist ein wirklich harter Sport, bei dem Spielern gerne mal ein Ohr abgerissen oder die Nase oder eine Rippe gebrochen wird. Ein halbherziger Wischer ins Gesicht wird dort eher als Aufmunterung unter Mannschaftskameraden verstanden. 4.) Während man sich den schlitzohrigen und flotten Podolski in einem Rugbyteam als Innendreiviertel, Verbinder oder Gedrängehalb vorstellen könnte, käme für den bulligen Ballack wohl eher die weniger wichtige Position eines zweite-Reihe-Stürmers in Frage, damit wäre die Fußballhierarchie auf den Kopf gestellt.

Also, es lag an Rugby 😉

Note to self: Sonst gehts Dir noch gut? Musik: Desert Sessions, Death In Vegas, Cruel April.