Kassensturz

Sonntag Abend: Aufs Sofa, Teechen am Start, ein paar von Weihnachten übrig gebliebene Lebkuchen knabbern und den „Tatort“ anmachen. Ich könnte jetzt ausufernd darüber schreiben, warum ich skandinavische und englische Krimis bevorzuge, deutsche und französische weniger mag und amerikanische im Durchschnitt für kaum erträglich halte. Vielleicht nur so viel: Wer beruflich gegen das besonders Schlechte in der Welt kämpft, der muss irgendwie gebrochen, darf aber trotzdem nicht zynisch sein. Sonst habe ich nichts davon. Gut gelaunte, intakte und nachsichtig lächelnde Kommissare, Inspektoren und Detectives gehen mir auf den Zeiger. Magenkrank, schlecht angezogen und noch schlechter rasiert müssen sie sein. Diese Anforderungen konnte Frau Folkerts natürlich gestern Abend nicht erfüllen, sehenswert war der Tatort aber trotzdem.

Es drehte sich um einen Mord im Billigheimer-Milieu (Aldi, Lidl & Co), die Einzelheiten interessieren hier weniger. Mir geht es um die äußerst problematische Situation der im Bereich Lebensmittel-Discount Beschäftigten und um das zweischneidige Verhalten von uns Kunden. Sicher, wir mögen die miserablen und psychologisch belastenden Arbeitsbedingungen der Lohnsklaven der großen Ketten kritisieren, doch wenn der eigene Einkauf des täglichen Bedarfs ansteht, dann möchten wir diesen Skandal gerne ausblenden, allenfalls befällt uns kurzfristige Entrüstung, wenn besonders unmenschliche Details, wie neulich die Mitarbeiterbespitzelung bei Lidl, ans Licht kommen. Wir sind eben auch nur Teil des menschenverachtenden „Unterm-Strich-zähl-ich“-Systems.

Wir Konsumenten können nur ganz kleine Schritte machen: Aktionswaren nicht mehr kaufen, weil sie so billig sind, vor allem „nicht auf Vorrat“ (= für die Tonne), Back- und Fleischwaren je nach Geldbeutel möglichst oft beim Bäcker oder Metzger erstehen, der Kram schmeckt ja in der Regel auch besser. Grünzeug gibt es auch auf dem Wochenmarkt zum günstigen Preis, vor allem, wenn man auf regionale Produkte der Saison zurückgreift. Vor allem aber sollte man den Beschäftigten, mit denen man beim Discounter in Kontakt kommt, das Gefühl geben, dass sie nicht Menschen zweiter Klasse sind, weil sie Respekt verdienen. Auch wenn sie wissen, dass die ausbeuterischen Bonzen, die ganz oben den Rahm abschöpfen, leider auf absehbare Zeit nicht aus ihren Palästen vertrieben werden können. Auch wenn sie längst verstanden haben, dass der Irrsinn mit jedem Artikel auf dem Band fortgesetzt wird. Auch wenn sie lächeln, weil sie müssen.

Note to self: Emails beantworten, nein ich bin zur Zeit nicht gut darin. Musik: Babes in Toyland, B-Thong, B.B. King.

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