Keiner da, Einer weg, Zwei im Sinn

Es gibt diese Sätze, die sich, sobald man sie zum ersten Mal vernommen hat, sofort und für immer ins Hirn einbrennen, manchmal wegen der Schönheit und Prägnanz der verwendeten Sprache, manchmal wegen des Urhebers und manchmal, weil sie das Zeug dazu haben, zu einem Motto zu werden, das unsere Perspektive und Motivation fortan bestimmt. Mir ging das mit einem Zitat von Jean-Marie Gustave Le Clezio so, der schrieb nämlich: „Jeder ist ein Planet und wird von einem Menschen bewohnt“. Natürlich ist das irgendwo übelster radikaler Konstruktivismus inklusive Selbstanwendungsproblematik, aber die Vorstellung, dass jeder noch so primitive Melkschemel im Grunde Thron und Mittelpunkt des Universums ist, hat gleichzeitig etwas unerhört tröstliches und verankerndes. Die Frage ist nur, was passiert, wenn das selbst erstellte Weltbild, das man in aufgeräumteren Momenten so gerne als Realität bezeichnet, ausfranst und verblasst, weil sein Urheber den Eindruck gewinnt, ihm sei der Blick verstellt oder er beginne zu erblinden. Dann offenbart sich die Schwäche des Konzepts, denn alles Haltende befindet sich plötzlich im Stadium der Auflösung und den spontanen, aus der Not geborenen Rückgriff auf das leidlich Objektivierbare will man sich dann auch nicht mehr gestatten. Nun, an diesem regnerischen, kalt kriechenden Tag kommt es mir jedenfalls so vor, als stünde ein Weltuntergang, zumindest aber eine deutliche Verkleinerung und Ergrauung des Planeten bevor. Nicht nur, dass ich eine gewisse Glasigkeit des Blickes attestieren muss, ich frage mich ernsthaft, ob da überhaupt noch einer guckt.

Paul Weber, „Der Schlag ins Leere“

Wenden wir uns zum Trost der schönsten Nebensache der Welt zu: Die kickenden Kartoffelkäfer stampften am gestrigen Sonntag „den Klub“ mit einem 6:2 Heimsieg in Grund und Boden. Ich war nicht vor Ort, obwohl ich dank der plötzlich unmittelbar bevorstehenden Niederkunft der Frau eines befreundeten Dauerkarteninhabers alle Chancen dazu gehabt hätte. Das nennt man dann wohl Pech, wobei irgendwo die Frage in mir bohrt, ob im Falle meiner Anwesenheit auf dem Würselener Wall der Ausgang des Spiels genauso erfreulich gewesen wäre. Tatsächlich sind wohl alle Fans des rollenden Leders abergläubisch bis ins Mark; mehr noch: Selbst die abgeklärtesten Rationalisten unter ihnen sehen sich als Teil der Schicksalsgemeinschaft Verein-Mannschaft-Anhängerschaft und können mitunter nicht umhin, die Existenz von Fussballgöttern anzunehmen und einer deterministischen Weltsicht das Wort zu reden.

Die ersten beiden Treffer der Partie gegen Nürnberg erzielte übrigens Lewis Holtby und natürlich wird jetzt in allen Fanforen wieder darüber spekuliert, wann dieses Riesentalent den Verein verlassen und damit den Weg gehen wird, den bereits Genies wie Torsten Frings, Vedad Ibišević oder Simon Rolfes eingeschlagen haben. Allen Trauerklößen der „Der ist so gut wie weg“-Fraktion sei folgendes zugerufen: Nehmt es locker, das ist der Lauf der Welt. Wo wäre denn Holtby, wenn er nibelungentreu und unter Missachtung aller wirtschaftlichen Interessen und sportlichen Perspektiven bei dem Verein geblieben wäre, dem er zuerst angehörte? Genau: Bei Sparta Gerderath! Kein Witz.

Der letzte Abschnitt dieses spinnerten Beitrags beschäftigt sich mit zwei Männern: Einerseits mit Charles Darwin, dessen Geburtstag sich 2009 zum zweihundertsten Mal jährt und dessen bahnbrechende Erkenntnisse ihn in eine Reihe mit Galileo und Freud stellen, andererseits mit Ernst Haeckel, dem Erfinder der „Biogenetischen Grundregel“, die jeder kennen dürfte, der sich mit Fragen der vergleichenden Anatomie auseinander gesetzt hat (und das habe ich, in aller Bescheidenheit, wirklich mit Inbrunst getan).

Charles Darwin

Ernst Haeckel

Regelmäßige Leser dieses Blogs wissen um mein Faible für evolutionsbiologische Fragen. Ich will an dieser Stelle Längen vermeiden und verweise auf den thematisch gleichgelagerten Zwischenruf für den Monat Februar, den ich heute zu verfassen hoffe. Deshalb nur ein kurzer Hinweis auf diesen bemerkenswerten Artikel, der wieder einmal verdeutlicht, mit welchen idiotischen Ignoranten man immer wieder konfrontiert wird. Zum Glück weiß der Autor Ulrich Kutschera die pseudowissenschaftliche Argumentation der kreationistischen Schmierfinken und Filmemacher als Scharlatanerie zu entlarven, an einer Stelle bin ich trotzdem nicht mit ihm einverstanden:

Während Darwin sich vom Missbrauch seiner Ideen im Sinne eines „Sozialdarwinismus“ stets distanzierte, war dies bei Haeckel nicht der Fall. Haeckel hat durch seine Vorstellungen von Selektion beim Menschen und Eugenik den radikaleren Sozialdarwinisten den Boden bereitet. Er war Mitglied der „Gesellschaft für Rassenhygiene“ und befürwortete die Tötung verkrüppelter Neugeborener. Auch wenn er Menschenzüchtung im eigentlichen Sinne nicht propagierte, sind seine Thesen zu diesem Thema äußerst problematisch, selbst wenn man den damals vorherrschenden und aus heutiger Sicht kruden Zeitgeist berücksichtigt. Er war zwar kein Antisemit, neigte aber zu extrem chauvinistischen Ansichten. Haeckel starb 1915. Ob er sich von der Rassenlehre der Nazis mit ihren furchtbaren Konsequenzen distanziert hätte?

Note to self: Die Karte Alter, die Karte! Musik: Behemoth, The Dillinger Escape Plan, Melvins, Opeth, Isis, Meshuggah.

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