Der P.

Der Katholizismus ist schon eine praktische und höchst sinnliche Angelegenheit: Die flotte Sündenvergebung per Beichte, das bunte Brimborium inclusive Weihrauch, Kardinalsrot und den putzigen Mitren, die fast unfassbar große Schar der Heiligen und Seligen, die gruseligen Reliquien. All das nimmt sich für jemanden, der sich in seiner Kindheit und Jugend in der kahlen Nüchternheit einer calvinistisch geprägten evangelischen Kirchengemeinde einer mit heißem Bemühen betriebenen und trotzdem vergeblichen religiösen Erziehung ausgesetzt sah, wunderbar romantisch und heimelig aus. Außerdem haben die Katholen ja den Papst, wobei die Dauerhaftigkeit dieses höchsten Kirchenamtes schon erstaunlich ist, wenn man sich mal vor Augen führt, wie oft die Macht, die mit dem Posten verbunden war, missbraucht und wie häufig er von Verbrechern und moralischen Krüppeln bekleidet wurde. Die teils absonderlichen Begebenheiten, angefangen mit päpstlichen Großfamilien, über pontificale Bordelle, bis hin zur angeblichen, aber wahrscheinlich fiktiven Päpstin (habet! Von da her geht auch die „hodenlose Frechheit“ von HRK ins Leere) sind ja wohlbekannt.

Nun, die Zeiten haben sich zum Glück geändert. Heutzutage werden vom Vatikan keine Kaiser mehr abgesetzt, keine Kreuzzüge initiiert, keine Truppen und Inquisitoren in Marsch gesetzt. Man beschränkt sich vielmehr darauf, das stete Schrumpfen der Herde durch abstruse Anweisungen in Bezug auf Empfängnisverhütung und Schwangerschaftsabbruch zu verzögern, die Laienbewegungen konsequent von der unantastbaren Macht des Klerus fernzuhalten und die Peinlichkeiten der Kirchengeschichte in Geheimarchiven zu verbunkern, was nicht zuletzt die Mafia freuen dürfte.

So gesehen fragt man sich: Was mag ihn nur geritten haben, den „deutschen Papst“, die ultraorthodoxen Piusbrüder dermaßen zu hofieren, und ihre hochnotpeinlichen Bischöfe wieder ins den Schoß der Mutter Kirche zu holen? Ist es die gleiche ungesunde Geisteshaltung, die seinen Vorgänger zum laxen Umgang mit Opus Dei veranlasste? Ist es die Belohnung dafür, dass diese Hardliner eben nie „von der Fahne“ gehen werden? Nehmen wir mal an, der englische Wirrkopf hätte sich seinen Gaskammerspruch verkniffen, die breite Öffentlichkeit hätte doch gar keinen Wind davon bekommen, was für ein unappetitliches Süppchen da vor sich hinköchelt. Mir ist völlig schleierhaft, warum Ratzy den ganzen Verein nicht hochkant rauswirft. Wenn ich nun mal annehme, dass er mit Wohlwollen sieht, wie die radikale Auslegung einer anderen Religion den gesamten Erdball erschüttert, und dann noch einen draufsetze und behaupte, die Piusbrüder seien im Grunde katholische Taliban, überspanne ich den Bogen dann?

Note to self: Der nervigste Zeitungsverlag, aber mit Abstand. Musik: Boy Sets Fire, Bran Van 3000, Bush.

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Ein Gedanke zu „Der P.

  1. Die – vorsichtig ausgedrückt – Ablehnung anderer Religionen und die Drohung mit Höllenfeuer für mannigfaltige (teils lächerlich anmutende) Verfehlungen gehören doch traditionell zum Katholizismus. Von daher sind die Piusbrüder dem Papst wahrscheinlich grundsätzlich erstmal sehr sympathisch. Die vertreten alles, was er gut findet, mit erschreckender Vehemenz – und er kann dagegen milde und tolerant erscheinen.

    Wenn ich an meine katholische Kindheit denke, packt mich oft noch die Wut. Zuhause ging “s nicht so christlich zu, doch im katholischen Kindergarten, den ich aufgrund familiärer Umstände schon vor Vollendung des dritten Lebensjahres besuchen „durfte“, wurde mir sehr nachdrücklich beigebracht, was gut und was böse ist. Wenn man z. B. seine Mahlzeit mittags nicht mag und deshalb nicht aufessen will, ist man so böse, dass man mitsamt dem Teller in die dunkle Besenkammer gesperrt wird, bis man aufgegessen hat. Da hilft kein Heulen und Zähneknirschen, da hilft auch kein Weinen und Bitten und Betteln. Man wird außerdem so furchtbar ausgeschimpft, dass klar ist: Das kann man abends zuhause nicht erzählen; das war so schlimm, was man da gemacht hat, dass man bestimmt nochmal schreckliche Schimpfe kriegen würde. Und will man seine arme Mutti so verärgern?

    Ich glaube, ich hätte kahle Nüchternheit vorgezogen.

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