Seife

In irgendeinem sehr mittelmäßigen Science Fiction-Reißer, den ich vor Urzeiten (als präpubertierender Ahnungsloser) gelesen habe, stand sinngemäß, dass Glück wie ein Stück Seife sei, je häufiger man darauf zurückgreife, um so kleiner werde es, bis es sich schließlich gänzlich auflöse. Bevor der geneigte Leser nun derart Tiefschürfendes zwischen lauter Profanem (Lasergefechte, ledernackige Helden, Raumfahrtagenturen) als Mumpitz abtut, sei darauf hingewiesen, wie prägend Machwerke wie „Star Trek“ oder „Battlestar Galactica“, gerade wegen der darin vermittelten Vorstellungen von Schicksal, Ethik, Religion und sozialem Zusammenhalt, auf so manche schlichtere Natur wirken. Wir erinnern uns in diesem Zusammenhang an die Amerikanerin, die in ihrer Star Trek Uniform vor Gericht erschien und sich ausdrücklich auf das Regelwerk der „Föderation“ berief.

Sp

In besagtem Reißer kommt der heldenhafte Commander nach einer besonders kitzelig verlaufenen Raumschlacht zu dem Schluss, von dem Stück Seife sei offenbar doch noch etwas vorhanden gewesen. Ich kann diese Plattitüde am heutigen Tag, nach zwei Canossa-Gängen, irgendwie nachvollziehen und nehme den knappen, aber glücklichen Ausgang als Mahnung, in Zukunft aufmerksamer und mutiger und weniger faul zu sein. Nein, keine Details. Auch keine Betrachtungen über die Sinnhaftigkeit des Begriffs „Glück“ bezüglich aller Lebensbestandteile außer Karten- und Würfelspielen sowie Beziehungskisten. Nur noch ein kurzer Bogenschlag zu einem Text des inzwischen leider verstorbenen und völlig unterschätzten Georg Danzer, der mit dem Satz endet: „Und mit der Erleichterung schleicht sich auch der Triumph in mein Herz, noch einmal davongekommen zu sein.“

Note to self: Vorsortierung, Ausfüllung, Abgabe, Erfüllung. Musik: Between the buried and me, Beastie Boys, Converge, Deftones.

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Keiner da, Einer weg, Zwei im Sinn

Es gibt diese Sätze, die sich, sobald man sie zum ersten Mal vernommen hat, sofort und für immer ins Hirn einbrennen, manchmal wegen der Schönheit und Prägnanz der verwendeten Sprache, manchmal wegen des Urhebers und manchmal, weil sie das Zeug dazu haben, zu einem Motto zu werden, das unsere Perspektive und Motivation fortan bestimmt. Mir ging das mit einem Zitat von Jean-Marie Gustave Le Clezio so, der schrieb nämlich: „Jeder ist ein Planet und wird von einem Menschen bewohnt“. Natürlich ist das irgendwo übelster radikaler Konstruktivismus inklusive Selbstanwendungsproblematik, aber die Vorstellung, dass jeder noch so primitive Melkschemel im Grunde Thron und Mittelpunkt des Universums ist, hat gleichzeitig etwas unerhört tröstliches und verankerndes. Die Frage ist nur, was passiert, wenn das selbst erstellte Weltbild, das man in aufgeräumteren Momenten so gerne als Realität bezeichnet, ausfranst und verblasst, weil sein Urheber den Eindruck gewinnt, ihm sei der Blick verstellt oder er beginne zu erblinden. Dann offenbart sich die Schwäche des Konzepts, denn alles Haltende befindet sich plötzlich im Stadium der Auflösung und den spontanen, aus der Not geborenen Rückgriff auf das leidlich Objektivierbare will man sich dann auch nicht mehr gestatten. Nun, an diesem regnerischen, kalt kriechenden Tag kommt es mir jedenfalls so vor, als stünde ein Weltuntergang, zumindest aber eine deutliche Verkleinerung und Ergrauung des Planeten bevor. Nicht nur, dass ich eine gewisse Glasigkeit des Blickes attestieren muss, ich frage mich ernsthaft, ob da überhaupt noch einer guckt.

Paul Weber, „Der Schlag ins Leere“

Wenden wir uns zum Trost der schönsten Nebensache der Welt zu: Die kickenden Kartoffelkäfer stampften am gestrigen Sonntag „den Klub“ mit einem 6:2 Heimsieg in Grund und Boden. Ich war nicht vor Ort, obwohl ich dank der plötzlich unmittelbar bevorstehenden Niederkunft der Frau eines befreundeten Dauerkarteninhabers alle Chancen dazu gehabt hätte. Das nennt man dann wohl Pech, wobei irgendwo die Frage in mir bohrt, ob im Falle meiner Anwesenheit auf dem Würselener Wall der Ausgang des Spiels genauso erfreulich gewesen wäre. Tatsächlich sind wohl alle Fans des rollenden Leders abergläubisch bis ins Mark; mehr noch: Selbst die abgeklärtesten Rationalisten unter ihnen sehen sich als Teil der Schicksalsgemeinschaft Verein-Mannschaft-Anhängerschaft und können mitunter nicht umhin, die Existenz von Fussballgöttern anzunehmen und einer deterministischen Weltsicht das Wort zu reden.

Die ersten beiden Treffer der Partie gegen Nürnberg erzielte übrigens Lewis Holtby und natürlich wird jetzt in allen Fanforen wieder darüber spekuliert, wann dieses Riesentalent den Verein verlassen und damit den Weg gehen wird, den bereits Genies wie Torsten Frings, Vedad Ibišević oder Simon Rolfes eingeschlagen haben. Allen Trauerklößen der „Der ist so gut wie weg“-Fraktion sei folgendes zugerufen: Nehmt es locker, das ist der Lauf der Welt. Wo wäre denn Holtby, wenn er nibelungentreu und unter Missachtung aller wirtschaftlichen Interessen und sportlichen Perspektiven bei dem Verein geblieben wäre, dem er zuerst angehörte? Genau: Bei Sparta Gerderath! Kein Witz.

Der letzte Abschnitt dieses spinnerten Beitrags beschäftigt sich mit zwei Männern: Einerseits mit Charles Darwin, dessen Geburtstag sich 2009 zum zweihundertsten Mal jährt und dessen bahnbrechende Erkenntnisse ihn in eine Reihe mit Galileo und Freud stellen, andererseits mit Ernst Haeckel, dem Erfinder der „Biogenetischen Grundregel“, die jeder kennen dürfte, der sich mit Fragen der vergleichenden Anatomie auseinander gesetzt hat (und das habe ich, in aller Bescheidenheit, wirklich mit Inbrunst getan).

Charles Darwin

Ernst Haeckel

Regelmäßige Leser dieses Blogs wissen um mein Faible für evolutionsbiologische Fragen. Ich will an dieser Stelle Längen vermeiden und verweise auf den thematisch gleichgelagerten Zwischenruf für den Monat Februar, den ich heute zu verfassen hoffe. Deshalb nur ein kurzer Hinweis auf diesen bemerkenswerten Artikel, der wieder einmal verdeutlicht, mit welchen idiotischen Ignoranten man immer wieder konfrontiert wird. Zum Glück weiß der Autor Ulrich Kutschera die pseudowissenschaftliche Argumentation der kreationistischen Schmierfinken und Filmemacher als Scharlatanerie zu entlarven, an einer Stelle bin ich trotzdem nicht mit ihm einverstanden:

Während Darwin sich vom Missbrauch seiner Ideen im Sinne eines „Sozialdarwinismus“ stets distanzierte, war dies bei Haeckel nicht der Fall. Haeckel hat durch seine Vorstellungen von Selektion beim Menschen und Eugenik den radikaleren Sozialdarwinisten den Boden bereitet. Er war Mitglied der „Gesellschaft für Rassenhygiene“ und befürwortete die Tötung verkrüppelter Neugeborener. Auch wenn er Menschenzüchtung im eigentlichen Sinne nicht propagierte, sind seine Thesen zu diesem Thema äußerst problematisch, selbst wenn man den damals vorherrschenden und aus heutiger Sicht kruden Zeitgeist berücksichtigt. Er war zwar kein Antisemit, neigte aber zu extrem chauvinistischen Ansichten. Haeckel starb 1915. Ob er sich von der Rassenlehre der Nazis mit ihren furchtbaren Konsequenzen distanziert hätte?

Note to self: Die Karte Alter, die Karte! Musik: Behemoth, The Dillinger Escape Plan, Melvins, Opeth, Isis, Meshuggah.

Glückwunsch

Heißer Wirsingeintopf und eiskaltes Pils, kann es etwas Schöneres geben? Jedenfalls hatten wir einen bunten Abend, den konnte selbst die miserable Leistung der Nationalkicker nicht wirklich versauen. Also, nochmals die allerbesten Wünsche, Du Krawallrentner.

Note to self: Tschüss, Herr Wittke. Musik: Peter Pan Speedrock, Nile, Carcass, Isis, Immortal.

Verdrossen

Neulich im Proberaum: Unser -nicht mehr so ganz nüchterner- Gitarrero ist doch tatsächlich der Ansicht, Demokratie wäre ja wohl kaum die ideale Staatsform, Wählen gehen wäre überflüssig und er könne sich eher einen Ältestenrat nach altgriechischem Vorbild oder einen menschenfreundlichen Diktator vorstellen. Da bekam er aber was zu hören! Ob mein Protest an diesem blass-sonnigen Morgen genau so entschieden ausgefallen wäre? Ich weiß es nicht.

Sicher, so richtig enthusiastisch wirkte unser Ex-Bundeswirtschaftsminister nie. Er verkörperte eher das politische Phlegma, den mitlaufenden Parteisoldaten. Wir hören nun, dass er sein Amt niemals wirklich gewollt hat, seine Benennung war dem bayerischen Parteienproportz geschuldet: Ein CSUler aus Franken musste es sein. Landsmannschaftlicher Wahnsinn, den es so wohl nur in der Bundesrepublik gibt. Entsprechend widerwillig kam er dann auch rüber: Meist ignoriert von der Regierungschefin, eine Notlösung an Stoibers Stelle, der lieber den bajuvarischen Ersatzkaiser geben wollte, wobei ein Wettstammeln zwischen den beiden sicher amüsant gewesen wäre. In der aktuellen Krise wirkte Glos immer wie eine überflüssige Randfigur: Das Karbunkel am Hintern des Kabinetts. Politikverdrossenheit ist eine unschöne Erscheinung in unserem Staatswesen, wenn sie aber die Amtsträger selbst befällt, dann läuft etwas völlig falsch. Im Grunde ist seine Aufgabe sicher die Folge des aktuellen Seehoferschen Parforceritts und das wirft ein Licht auf die Frage, ob das Gewicht der Parteien hierzulande nicht viel zu groß ist und die politische Willensbildung letztlich mehr behindert als nach vorne bringt.

Wechseln wir auf die andere Seite des politische Spektrums und wenden uns dem lokalen Geschehen zu: Bereits in grauer Vorzeit, als ich selbst ein wenig in die regionale linke Szene hineinschnuppern durfte, saßen sie überall und waren überall im Wege: Die Aachener Trotzkisten. Ich erinnere mich da an einen besonders hartnäckigen Vertreter, der so oft bei uns anrief und mich für mehr oder weniger subversive Aktionen gewinnen wollte, dass ich mich irgendwann konsequent verleugnen ließ. Die Zeiten haben sich zwar verändert, Leos Anhänger sind aber immer noch da. Wer in dem verlinkten Artikel den Namen eines „Indaners“ wiederfindet, der wird sich ein gezischtes „Hätt ich mir ja denken können.“ nicht verkneifen können. Also: Politische Selbstdemontage hüben wie drüben. Und: Noch knapp 4 Monate bis zu den Kommunalwahlen. Was bin ich verdrossen!

Note to self: Alles Gute für die „Kosmischen“, sie habens nicht leicht, werden aber hoffentlich wiederauferstehen. Musik: Rainbirds, Ludovico Einaudi, Radiohead.

Schmerzpunkt

Ein Halbdebakel in Stichworten:

– Feuerwerk vor dem Anstoß auf Verbandsliganiveau. Noch 9 Heimspiele auf dem alten Tivoli

– die Hansa aus Rostock: wach, ballsicher, taktisch blendend, Großchancen vergebend

– die Alemannia: müde, zaghaft, unsortiert, kick and rush, Spiel ohne Ball: Fehlanzeige

– 1:0 Rostock, Prachttreffer, absolut verdient, „Wir wolln euch kämpfen sehen!“

– Pfosten für Aachen nach einer Ecke, kollektives Aufstöhnen auf dem W-Wall

– Polenz als Mähdrescher, gröber gehts nicht mehr, Rot!, guter Schiri

– Halbzeit, Wunden lecken

– 2:0 Rostock, jetzt wird es peinlich

– Abspielfehler, mangelnde Laufbereitschaft, null Kommunikation, „Wir ham die Schnautze voll!“

– 2:1 nach Ecke, auch ein blindes Huhn trinkt mal nen Korn

– 3:1, super herausgespielt, die werden auch nicht müde, au Möhr

– die, die am lautesten schreien, gehen als erste nach Hause, zum Kotzen, immerhin: jetzt kann schwarz-gelb wenigstens kämpfen

– 3:2 nach Freistoß, Pech für Rostock bei den Standards

– nee, mit der Brechstange gehts auch nicht

– 3:3 wieder nach Freistoß, erleichterter Jubel, unverdient, egal

– vorbei, Mund abputzen, blamabel, schade für Rostock, die waren gut

– Aufstieg? In hundert Jahren vielleicht

Note to self: Nach Bielefeld umziehen? Musik: Porcupine Tree, R.E.M.

Gitarre & Bass

Nein, in diesem Beitrag geht es nicht um die gleichnamige Musikerzeitschrift. Es geht um den ewigen Kampf zwischen Saiteninstrumentalisten, den Urkonflikt des schwingenden Stahls sozusagen, und glaubt mir: Verdammt tief und verdammt breit ist der Graben, der die Gitarristen von den Bassisten trennt, dagegen sind die legendären Frotzeleien zwischen Violinisten und Bratschisten Kinderkram.

Schon die Ausgangslage ist für beide Parteien denkbar verschieden: Wenn man sich im jugendlichen Alter für ein zu erlernendes Instrument entscheiden muss, dann hat man bereits unzählige Auftritte von mehr oder weniger professionellen Musikern live und im Fernsehen abgespeichert und damit auch die unterschiedlichen Rollen internalisiert, die diesen Musikern zufallen. Während der Gitarrist in der ersten Reihe gut beleuchtet die Finger über die Bünde fliegen und sich dabei häufig zu ausschweifendem Posing hinreißen lässt, mit allen Mädels in den ersten 5 Reihen flirtet und sich seiner melodieführenden Funktion stets bewusst ist, verharrt der Bassist gerne im Hintergrund vor seiner turmhohen Megabox, damit er sich überhaupt irgendwie hört, schaut entweder ins Leere oder den Schlagzeuger an und versucht dem Idealbild des „ruhenden Pols“ möglichst nahe zu kommen. Wenn der Gitarrist sich verspielt, nennt man das „Mut zur Improvisation“. Wenn der Bassist sich verspielt, hat man den Eindruck eines stotternden Motors, schlimmstenfalls fliegt die ganze Angelegenheit auseinander. Der Gitarrist verkörpert exaltierte Lebensfreude, exzessives Hineinknien, mit einem Wort: Rock““nRoll. Der Bassist steht für Banddienlichkeit, stützende Zuverlässigkeit, er ist der Fels in der musikalischen Brandung.

Aus dieser Rollenverteilung ergibt sich ganz zwangsläufig, dass beide Gattungen aus psychologischer Sicht vollkommen unterschiedlich gepolt sind. Dies kommt zum tragen, wenn die Musiker die Bühne verlassen und in Proberäumen, Kneipen, also „im wirklichen Leben“ aufeinander treffen, allerdings ganz anders, als man als Nichtmusiker annehmen könnte. Dann ist es nämlich schnell mit großfressigen Pose des Gitarristen vorbei, er entpuppt sich als schwachbrüstiges Sensibelchen, als dünnbrettbohrender Schwanzeinzieher, der nicht mal seinen Amp alleine tragen kann. In der Hackordnung steht er plötzlich ganz unten, die anderen Bandmitglieder möchten das jedenfalls so sehen und ihn ständig Bier holen schicken. Dabei tut sich vor allem der Bassist hervor, der nun das offenbart, was ihn umtreibt, seit er sich für den Bass und gegen die Klampfe entschieden hat: Grüner Neid, der nur ätzenden Spott für die sechssaitige Fraktion übrig lässt. Gestählt von unzähligen Erfahrungen schmerzhafter Randständigkeit lässt der Bassist gerne den Tyrannen raus, der für seine Mitstreiter (außer für den Schlagzeuger) so etwas wie Verachtung empfindet. Er, der Bassmann, hat die dicksten Schwielen an den Pfoten und das sollen die anderen auch spüren. Weil Bassisten Diven sind und Gitarristen gerne Diven sein wollen, ist schon so manche Band vor die Hunde gegangen, man erinnere sich nur an Pink Floyd. Der Verfasser dieser Zeilen spielt übrigens leidlich Gitarre und miserabel Bass und ist so gesehen ein echter Borderliner.

Note to self: Condors Attacke und Henmans Move. Musik: In Extremo, Urkraft, Garmarna, Fu Manchu, Chang Ffos.

Der P.

Der Katholizismus ist schon eine praktische und höchst sinnliche Angelegenheit: Die flotte Sündenvergebung per Beichte, das bunte Brimborium inclusive Weihrauch, Kardinalsrot und den putzigen Mitren, die fast unfassbar große Schar der Heiligen und Seligen, die gruseligen Reliquien. All das nimmt sich für jemanden, der sich in seiner Kindheit und Jugend in der kahlen Nüchternheit einer calvinistisch geprägten evangelischen Kirchengemeinde einer mit heißem Bemühen betriebenen und trotzdem vergeblichen religiösen Erziehung ausgesetzt sah, wunderbar romantisch und heimelig aus. Außerdem haben die Katholen ja den Papst, wobei die Dauerhaftigkeit dieses höchsten Kirchenamtes schon erstaunlich ist, wenn man sich mal vor Augen führt, wie oft die Macht, die mit dem Posten verbunden war, missbraucht und wie häufig er von Verbrechern und moralischen Krüppeln bekleidet wurde. Die teils absonderlichen Begebenheiten, angefangen mit päpstlichen Großfamilien, über pontificale Bordelle, bis hin zur angeblichen, aber wahrscheinlich fiktiven Päpstin (habet! Von da her geht auch die „hodenlose Frechheit“ von HRK ins Leere) sind ja wohlbekannt.

Nun, die Zeiten haben sich zum Glück geändert. Heutzutage werden vom Vatikan keine Kaiser mehr abgesetzt, keine Kreuzzüge initiiert, keine Truppen und Inquisitoren in Marsch gesetzt. Man beschränkt sich vielmehr darauf, das stete Schrumpfen der Herde durch abstruse Anweisungen in Bezug auf Empfängnisverhütung und Schwangerschaftsabbruch zu verzögern, die Laienbewegungen konsequent von der unantastbaren Macht des Klerus fernzuhalten und die Peinlichkeiten der Kirchengeschichte in Geheimarchiven zu verbunkern, was nicht zuletzt die Mafia freuen dürfte.

So gesehen fragt man sich: Was mag ihn nur geritten haben, den „deutschen Papst“, die ultraorthodoxen Piusbrüder dermaßen zu hofieren, und ihre hochnotpeinlichen Bischöfe wieder ins den Schoß der Mutter Kirche zu holen? Ist es die gleiche ungesunde Geisteshaltung, die seinen Vorgänger zum laxen Umgang mit Opus Dei veranlasste? Ist es die Belohnung dafür, dass diese Hardliner eben nie „von der Fahne“ gehen werden? Nehmen wir mal an, der englische Wirrkopf hätte sich seinen Gaskammerspruch verkniffen, die breite Öffentlichkeit hätte doch gar keinen Wind davon bekommen, was für ein unappetitliches Süppchen da vor sich hinköchelt. Mir ist völlig schleierhaft, warum Ratzy den ganzen Verein nicht hochkant rauswirft. Wenn ich nun mal annehme, dass er mit Wohlwollen sieht, wie die radikale Auslegung einer anderen Religion den gesamten Erdball erschüttert, und dann noch einen draufsetze und behaupte, die Piusbrüder seien im Grunde katholische Taliban, überspanne ich den Bogen dann?

Note to self: Der nervigste Zeitungsverlag, aber mit Abstand. Musik: Boy Sets Fire, Bran Van 3000, Bush.