Nachlegen

Sehe mich gezwungen, dem gestrigen Beitrag noch einen thematisch gleich gelagerten folgen zu lassen. Schon traurig. Es geht um die Wellen der Erregung, die angesichts der Nicht-Teilnahme des Zentralrats der Juden an der Gedenkfeier im Bundestag durch die deutsche Öffentlichkeit laufen. Das Forum der Sueddeutschen zu diesem Thema quillt über (Über die offensichtliche Zensur, die in diesem Forum betrieben wird, könnte man auch schreiben. Naja.). Bei SPON sieht es genau so aus. In vielen Stellungnahmen werden dabei genau die blöden Fehler gemacht, deren Vermeidung ich gestern angemahnt hatte. Schauen wir also ein wenig genauer hin:

Man kann darüber diskutieren, ob die namentliche Begrüßung von Überlebenden des Massenmords, seien sie nun Mitglieder des Zentralrats der Juden oder der Verbände von Sinti und Roma, der Zeugen Jehovas, der slawischen Völker, der Behinderten, der oppositionellen Christen, der Homosexuellen, der Sozialdemokraten, oder der Kommunisten bei dieser Veranstaltung angemessen wäre. Ich würde das befürworten; die diesbezüglichen protokollarischen Regeln scheinen mir ungeeignet zu sein.

Andererseits werden die Vertreter des Zentralrats ja nicht nur deshalb eingeladen, weil sie persönlich betroffen sind, sondern auch wegen ihrer Funktion in der Interessenvertretung und da wird es interessanter: Die Organisation nimmt nicht nur die Interessen der Juden in Deutschland wahr, sondern will sich „intensiv für das gegenseitige Verständnis von Juden und Nichtjuden“ einsetzen. Es steht außer Frage, dass die Gedenkveranstaltung im Bundestag bei der Förderung dieses Verständnis einen wichtigen Beitrag leistet. Die Nichtteilnahme konterkariert somit die eigenen Bemühungen. Ich kann verstehen, wenn ein Opfer des Holocaust nicht deutsch sprechen und mit Deutschen der Tätergeneration nichts zu tun haben will. Ich kann aber nicht akzeptieren, wenn Opfer, die sich die Verständigung mit dem Volk, aus dem die Täter stammten, auf die Fahne geschrieben haben, die Bemühungen dieses Volkes, die Erinnerung als Mahnung für die jetzt Lebenden wachzuhalten, durch ihr Fernbleiben diskreditieren.

Natürlich gibt es da Einen, der das genau umgekehrt sieht, der die Absage vernünftig, den Grund aber hirnrissig findet, ich meine Henryk M. Broder. Zu seinem lesenswerten Artikel könnte man einiges schreiben, keine Bange, ich will mich kurz fassen, deshalb nur so viel:

Mal abgesehen von der berüchtigten Broderschen Krawallschreibe, dem lächerlich einseitigen Eindreschen auf den Iran und den merkwürdigen Vergleichen, die bemüht werden, finde ich folgendes bemerkenswert: Broder unterstellt den Boykottierern verletzte Eitelkeit als Motiv, was ich, selbst wenn er sie persönlich kennt, für ziemlich gewagt halte. Viel ärgerlicher und dümmer ist aber, dass er die Kritik an der gegenwärtigen Politik Israels mit antisemitischen Tendenzen in Deutschland und mit dem Gedenken an die Opfer des Naziterrors auf unzulässige Weise vermengt. An dieser Stelle muss ein Broder genauer sein, wenn er ernst genommen werden will. Weiterhin geht es nicht darum, dass Vertreter der jüdischen Glaubensgemeinschaft sich als Therapeuten für die Bewältigung der Traumata der Nicht-Juden anbieten, es geht vielmehr um die Erinnerung zur Vermeidung zukünftigen Unheils, das sollte Broder wissen, und genau dabei ist die Teilnahme von Juden ein wichtiges Signal. Deshalb ist auch seine abschließende Bemerkung, man könne mit der Trauer 64 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz langsam mal aufhören, eine unerträglich ignorante Äußerung. Daneben, Herr Broder, nicht zum ersten Mal.

Note to self: Seine Neueinrichtung in der Nüchternheit wird schon klappen. Braucht halt Zeit und freundlich-neugieriges Forschen. Musik: Save, Sparta, Moonsorrow, Suzanne Vega.

Verkohlte Kuppen

Das Anschneiden bestimmter Themen scheint sich von vorne herein zu verbieten. Bereits beim Öffnen des Mundes bzw. dem ersten Anschlagen einer Taste ist klar, dass man sich allzu leicht die Finger verbrennen könnte. Noch bevor der erste Gedanke formuliert ist, schabt man sich eigentlich bereits die schwarze Kruste von den Pfoten. Ich kann es aber doch nicht lassen:

Mein Magengrummeln setzte ein, als Polizisten in Duisburg eine israelische Fahne von einem Balkon entfernten, setzte sich fort, als Friedman, Blüm, Dressler, Kienzle und Steinbach letzte Woche bei „Hart Aber Fair“ über die Grenzen unserer Solidarität mit Israel so heftig diskutierten, dass man in Gedanken bereits den Verbandskasten bereitlegte. Dann folgte die Wiedereingliederung eines bekennenden Holocaustleugners in den Schoß der katholischen Kirche durch Herrn Ratzinger und heute lese ich, dass die Spitze des Zentralrates der Juden der Gedenkfeier des Bundestags für die Opfer des Nationalsozialismus fernbleiben wird, weil die anwesenden Überlebenden der Shoa nicht namentlich begrüßt werden sollen. Damit dürfte jedem Leser klar sein, welche Büchse der Pandora in diesem Beitrag geöffnet werden wird.

Und? Habt Ihr auch gerade mit einem leisen „Nicht schon wieder!“ die Maus zum Wegklicken in Position gebracht? Kennt Ihr den Griff zur Fernbedienung, dieses innerliche „Och nö!“, wenn in der Glotze die hundertste Dokumentation zur Nazigreuel angekündigt wird? Und schon in der Bewegung das erschreckte Innehalten nach dem Motto „Ich sollte mir das angucken. Ich bin einer vom Tätervolk, zwar schuldlos, aber Betroffener. Da komme ich nicht raus. Ok, ich schau es mir an.“

Wir könnten längst viel weiter sein, wenn nicht immer und immer wieder die gleichen, ziemlich dummen Fehler gemacht würden. Die folgenden Leitsätze könnten zur Vermeidung dieser Fehler beitragen, sie sind weder neu noch besonders originell, sondern nur mein persönlicher Extrakt zur Justage des eigenen Meinungskompass:

1. Die systematische Vernichtung der europäischen Juden durch die Nationalsozialisten ist in qualitativer und quantitativer Hinsicht das schlimmste Verbrechen der Menschheitsgeschichte. (Punkt! Eine Relativierung dieser Aussage unter Zuhilfenahme von Armeniern, Kurden, amerikanischen Ureinwohnern, dem Archipel Gulag usw. verbietet sich.)

2. Die Beurteilung der Politik des Staates Israel kann nicht im Zusammenhang mit den Verbrechen an den Juden erfolgen, auch wenn die Existenz dieses Staates unter anderem eine unmittelbare Folge dieser Verbrechen ist. (Deshalb ist auch die hin und wieder geäußerte Ansicht, Deutsche sollten sich der Kritik an Israel aus historischen Gründen enthalten, nichts als Bockmist.)

3. Antisemitismus ist, genau wie alle anderen Formen von Chauvismus, die Folge psychologischer Muster von denen sich kaum jemand völlig frei machen kann. (Deshalb ist sein Auftreten nicht die Folge des Versagens von Staaten oder Gesellschaften, sondern des Versagens und der Dummheit des Einzelnen, der zur kritischen Auseinandersetzung mit seinen Urängsten nicht fähig ist.)

4. Geschehenes Unrecht kann nicht aufgearbeitet und damit aus der Welt geschafft, sondern nur vergeben und nicht wiederholt werden. (Unter diesem Gesichtspunkt sind die Anstrengungen zu sehen, die Verbrechen der Nazis immer wieder in Erinnerung zu rufen, mögen sie uns auch mitunter wie oberflächliche Rituale vorkommen.)

5. Staats- und Religionszugehörigkeit haben weder in Deutschland noch in Israel etwas miteinander zu tun. (Das erste verlangt nach einem verantwortlichen Beitrag zum Gemeinwohl, und wenn er nur aus der Teilnahme an Wahlen besteht; das zweite ist zwar vollkommen überflüssig, aber ausschließlich Privatsache.)

Note to self: Diesmal musst Du es packen, meine Liebe. Pack es! Musik: Pascal Comelade, Modest Mouse, Pearl Jam.

Mr. Right

Schön, ich bin ein wenig spät dran. Ehrlich gesagt hatte ich mir vorgenommen zum neuen Präsidenten der Vereinigten Staaten nichts zu schreiben. Die Obamania hatte zwischendurch den Charakter eines religiösen Wahns angenommen, nicht nur in den USA, wo das für den europäischen Geschmack etwas zu dicke Auftragen Tradition hat. Keiner scheint sich der Faszination dieses Mannes entziehen zu können. Selbst Marietta Slomka sah im Januarlicht, in der frostigen Kälte von Washinghton rotbäckig aufgeregt wie ein Schulmädchen aus (Ja, das stand ihr wirklich gut). Präsidenten sollten keine Popstars sein. Die teils hysterischen Fans sollten sich des geringen politischen Spielraums bewusst sein, den der Neue zur Verfügung hat. Sicher, nach der texanischen Rotnackigkeit und Inkompetenz des Vorgängers ist Obamas Auftreten, seine Rationalität, seine Agenda eine Wohltat. Also gebe auch ich mich der Hoffnung hin, dass er wirklich etwas bewegen wird. Die ersten Amtshandlungen gingen ja schon mal in die richtige Richtung.

Während der Übertragung aus Washington ärgerte ich mich ständig über die stammelnde deutsche Simultanübersetzung und suchte erst einen Sender, der das Ereignis im Originalton brachte, dann versuchte ich die segensreiche Funktion des Zweikanaltons zu nutzen, was mir aber nicht gelang. Genau zum richtigen Zeitpunkt fiel die Übersetzung wegen technischer Probleme aus, möglicherweise hatte irgendjemand da oben ein Einsehen: Elizabeth Alexander rezitierte ihren Text „Praise song for the day“. Ich muss eingestehen, dass nichts an diesem Tag mich mehr bewegt hat.

Praise song for the day.

Each day we go about our business, walking past each other, catching each others´ eyes or not, about to speak or speaking. All about us is noise. All about us is noise and bramble, thorn and din, each one of our ancestors on our tongues.

Someone is stitching up a hem, darning a hole in a uniform, patching a tire, repairing the things in need of repair.

Someone is trying to make music somewhere with a pair of wooden spoons on an oil drum with cello, boom box, harmonica, voice.

A woman and her son wait for the bus.

A farmer considers the changing sky.

A teacher says, „Take out your pencils. Begin.“

We encounter each other in words, words spiny or smooth, whispered or declaimed; words to consider, reconsider.

We cross dirt roads and highways that mark the will of someone and then others who said, „I need to see what´s on the other side; I know there´s something better down the road.“

We need to find a place where we are safe; we walk into that which we cannot yet see.

Say it plain, that many have died for this day. Sing the names of the dead who brought us here, who laid the train tracks, raised the bridges, picked the cotton and the lettuce, built brick by brick the glittering edifices they would then keep clean and work inside of.

Praise song for struggle; praise song for the day. Praise song for every hand-lettered sign, the figuring it out at kitchen tables.

Some live by „Love thy neighbor as thy self.“ Others by „First do no harm,“ or „Take no more than you need.“

What if the mightiest word is love, love beyond marital, filial, national. Love that casts a widening pool of light. Love with no need to preempt grievance.

In today´s sharp sparkle, this winter air, anything can be made, any sentence begun.

On the brink, on the brim, on the cusp — praise song for walking forward in that light.

Note to self: Emails können Briefe sein, das Rascheln des Papiers und die vielsagende handschriftliche Unregelmäßigkeit denke ich mir dazu. Musik: State Radio, The Strokes

Die Berliner Runde (Ein Fiebertraum)

Peter Frey: Guten Abend meine Damen und Herren. Nach der heutigen Landtagswahl in Hessen begrüße ich im ZDF-Hauptstadtstudio die Generalsekretäre der im Bundestag vertretenen Parteien zur Berliner Runde. Für die CDU Ronald Pofalla, für die Sozialdemokraten Hubertus Heil. Neu in dieser Runde für die Christsozialen Karl-Theodor von Guttenberg. Weiterhin den Generalsekretär der Freien Demokraten Dirk Niebel, den Bundesgeschäftsführer der Linken Dietmar Bartsch, sowie die Bundesgeschäftsführerin von Bündnis90/Die Grünen Steffi Lemke. Frau Lemke, meine Herren, guten Abend.

Herr Pofalla, Sie feiern sich heute Abend als Sieger. Tatsächlich haben Sie aber kaum zugelegt und verdanken Ihre Mehrheit den Liberalen, gibt Ihnen das zu denken?

Ronald Pofalla: Sie haben völlig recht Herr Frey. Wir haben in Hessen ein personelles Problem. Leider ist es uns nicht gelungen Herrn Koch, den die meisten Hessen am liebsten von hinten sehen, nach Berlin wegzuloben. Roland Koch ist, wie Sie wissen, nicht nur renitent, sondern auch besonders zäh. Lassen Sie mich außerdem den Sozialdemokraten zu ihrer politischen Selbstdemontage gratulieren, ohne sie hätten wir es nicht geschafft.

Peter Frey: Herr Heil, die SPD hat eine schwere Niederlage hinnehmen müssen. Das ist ein denkbar ungünstiger Start ins Superwahljahr 2009. Ist das Ergebnis nicht auch ein Zeichen für die Bundestagswahl im September?

Hubertus Heil: In der Tat, deshalb sehen Sie mich heute Abend auch ziemlich konsterniert. Einerseits wäre das Schlimmste zu verhindern gewesen, wenn Andrea Ypsilanti unmittelbar nach dem Debakel der gescheiterten Minderheitsregierung von ihren Parteiämtern zurückgetreten wäre, andererseits hätten wir den Wählern mitteilen müssen, dass wir diesmal mal aussetzen, in uns gehen, und im Sommer mit einem schlüssigen Konzept den Bundestagswahlkampf aufnehmen. Immerhin muss man uns zugestehen, dass wir mit Thorsten Schäfer-Gümbel jemanden gefunden haben, der sich vortrefflich verheizen ließ.

Peter Frey: Herr von Guttenberg, mit Verlaub, was machen Sie eigentlich hier? Haben Sie das Bundesland verwechselt?

Karl-Theodor von Guttenberg: Sehen Sie Herr Frey, da ich noch nicht so lange dabei bin, wollte ich auch einmal die Luft in der Berliner Runde schnuppern. Außerdem hat mein Freund Ronald Pofalla eine Weißbiermaß ausgelobt, für den Fall, dass ich bis zum Ende durchhalte.

Peter Frey: Herr Bartsch, Sie haben ganz knapp den Wiedereinzug in den Landtag von Wiesbaden geschafft. Davon war nicht auszugehen, oder?

Dietmar Bartsch: Ehrlich gesagt Herr Frey, mir fehlt zur Zeit die Übersicht, ich weiß nicht mal, wie wir unsere 6 Mandate besetzen sollen. Der hessische Landesverband hat sich ja in den vergangenen Wochen hauptsächlich durch Hauen und Stechen und zahlreiche Parteiaustritte hervorgetan. Andererseits ist der Wiedereinzug natürlich ein schöner Erfolg für uns, zur Not schicke ich halt meine Putzfrau runter.

Peter Frey: Die FDP ist der Wahlsieger des Abends Herr Niebel, was hat Ihrer Meinung nach den Ausschlag für Ihr gutes Abschneiden gegeben?

Dirk Niebel: Im Grunde würde ich mich da Herrn Pofalla anschließen wollen, wir sprechen intern auch vom „Kotzbrocken-Effekt“. In einer solchen politischen Ausgangslage empfiehlt es sich, personell blass und inhaltlich undefinierbar zu bleiben. Beides hat unser Spitzenkandidat in vortrefflicher Art und Weise umgesetzt. Mit besonderer Freude haben wir zur Kenntnis genommen, dass wir nun gegen die beiden großen Volksparteien den Bundesrat aufmischen können, obwohl wir nur einen relativ geringen Anteil der Bürger Deutschlands repräsentieren.

Peter Frey: Frau Lemke es sieht so aus, als hätten auch die Grünen von der sozialdemokratischen Katastrophe profitieren können. Wie werden Sie die kommenden Jahre in der Opposition verbringen?

Steffi Lemke: Ach Herr Frey, das werden wir unseren hessischen Parteifreunden überlassen. Da wir inzwischen in keinem Flächenland mehr an der Regierung beteiligt sind, können sie zur Not ja bei den Kollegen aus den anderen Ländern nachfragen. Ich habe mir außerdem sagen lassen, dass die Kantine des Wiesbadener Landtags ganz ausgezeichnet sein soll.

Peter Frey: Frau Lemke, meine Herren, ich danke Ihnen und unseren Zuschauern für ihr Interesse. Das ZDF hat sich kurzfristig entschlossen, die Sendezeit für die Berliner Runde etwas abzukürzen. Sehen sie im Anschluss eine Aufzeichnung von Magdalena Neuners heutigem Sieg im Verfolgungsrennen von Ruhpolding. Guten Abend.

Note to self: American Football: Was für ein Scheißspiel. Musik: John Butler Trio, Pete Murray.

Die bösen Verursacher

Widersinnige Nachrichten, die offensichtlichen Unfug publik machen, sind mitunter die besten Nachrichten, helfen sie uns doch dabei, die eigenen Unzulänglichkeiten hinsichtlich Durchblick und stringenter Lebensführung richtig einzuordnen und nicht so schwer zu nehmen. Auf unserem Globus macht sich zurzeit ein Haufen Menschen Gedanken darüber, wer Verursacher der Finanz- und Wirtschaftkrise ist, die uns so unvermittelt getroffen hat und uns in aller Heftigkeit beuteln dürfte bzw. bereits jetzt beutelt.

Die heutige Durchsicht meiner favoritisierten Online-Medien erbrachte diesbezüglich eine ergiebige Ernte, die ich hiermit in kompakter Form veröffentlichen will. Also, hier sind die „schlimmen Finger“:

1. Satan:

Satan

Ihr habt richtig gelesen. Die vatikanischen Chef-Dämonologen Pater Gabriele Amorth und Don Renzo Lavatori haben herausgefunden, dass der Teufel hinter der ganzen Angelegenheit steckt. Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, um darzulegen, dass erzwungene sexuelle Enthaltsamkeit, permanente Lektüre schräger Traktate und exzessives Bußgeißeln die Birne aufweicht, so ist er hiermit erbracht.

2. Die Mudjahidin:

Mudjahidin

Klar, wer es schafft, die Russen aus Afghanistan raus zu werfen und das WTC kaputt zu fliegen, für den ist das Anrühren einer Weltwirtschaftskrise ein Klacks. Leider führt der Obermufti nicht näher aus, wie man das Unheil bewerkstelligt hat. Falls man ihn früge, würde er wahrscheinlich die Augen zum Himmel verdrehen und auf seine guten Kontakte dorthin hinweisen. Mit einem Wort: Das ganze ist eine Mogelpackung und der Bart ein Toupet.

3. Der Affe in uns:

Affe

Ich werde ja nicht müde darauf hinzuweisen, dass wir auch nur Primaten sind und unser Verhalten in sehr viel stärkerem Maße von Instinkhandlungen geprägt ist, als wir das wahrhaben wollen. Untersuchungen an der Yale University belegen nun, dass auch Anlagestrategien von Mechanismen gesteuert werden, die älter und primitiver sind, als wir uns vorstellen können und eingestehen wollen. Und jetzt mal ehrlich: Wer dem durchschnittlichen Trader an einer Warentermin- oder Rohstoffbörse zusieht, der muss doch den Eindruck bekommen, er hätte einen Pavian oder Brüllaffen vor sich. Na also. Das Schöne: Wir können nichts dafür und brauchen uns folglich auch keinen roten Kopf zu schämen.

Note to self: Jahrhundertblatt gestern, zwar nicht verdient aber gerne genommen. Musik: Porcupine Tree.

Kinder, Kinder

Da hat der Online-Spiegel wieder mal ein Fass aufgemacht. Die Mehrzahl der Forumsbeiträge zu diesem Artikel zeigt denn auch die beunruhigende Irrationalität, die hierzulande zuschlägt, wenn es um das Thema „Kinderkriegen“ geht. Da sind einerseits die Hobbyethnologen, die sich von den nordafrikanischen Horden getrieben sehen, die vor den Pforten Europas stehen sollen (Gell, das ist nicht schön, wenn die seit dem Beginn des Kolonialismus systematisch drangsalierten und ausgebeuteten Völker die Folgen dieser Prozesse nicht mehr hinnehmen wollen. Es steht übrigens nirgendwo geschrieben, dass die Erde von weißen Christen beherrscht werden soll.). Ihnen gegenüber stehen die Freizeitökonomen, die von Vollbeschäftigung und allgemeinem Wohlstand bei einer Bevölkerungsdichte schwärmen, die in Europa zum letzten Mal nach den großen Pestepidemien zu verzeichnen war und vorrechnen, was so ein Blag kostet (Der Großteil dieser Gruppe besteht, nebenbei bemerkt, aus Menschen, die sich Kinder noch am ehestens leisten könnten, wenn sie die Frequenz von Fernreisen und Autokäufen auf ein gesundes Maß reduzierten würde). Dazu kommen die psychosozial Minderbemittelten, die weder die Verantwortung für den Nachwuchs übernehmen, noch den Verlust von Freiheit und Freizeit hinnehmen wollen (Darunter besonders viele Frauen, die Wickelprämie von Frau von der Leyen ist noch nicht in den Köpfen angekommen, wie mir scheint.). Ihnen widersprechen die emotional Motivierten, die dem Zusammenhalt, der Solidarität und der familiären Nestwärme das Wort reden (Möglicherweise ist das ein Standpunkt, der besonders gerne von Menschen vertreten wird, die die Lebensmitte bereits mehr oder wenig deutlich überschritten haben und den Horror des vereinsamten vor sich hin Vegetierens im Altersheim ständig vor Augen haben.). Dazwischen verschafft sich immer wieder die soziologische Ecke Gehör, die mit Alterspyramiden, demographischen Faktoren und Rentenformeln hantiert und sich mit Freude wahlweise der Argumente der bereits genannten Gruppen bedient, je nachdem, auf welcher Seite sie steht (Und für sie ist China dann entweder der Hort der Glückseligkeit, oder das gesellschaftliche Armaggedon.). Nur die Radikalreligiösen tauchen bislang noch nicht im Forum auf, vielleicht ist ihnen das Spiegellesen ja verboten; wundern würde es mich nicht. Und eine weitere Position fehlt auch noch in der bisherigen Diskussion und zwar die soziobiologische. Keine Bange, ich mach ja schon:

Jede Spezies auf diesem Planeten ist im Grunde dazu verdammt, eine Überzahl an Nachkommen zu produzieren, damit bei dem anstehenden Ausleseprozess überhaupt eine genügend große Anzahl übrig bleiben kann, die das Spiel weiterspielt. Das Individuum ist nichts, die Variabilität des Genpools der Gesamtheit ist alles. Je wichtiger Lernprozesse nach der Geburt für das Überleben sind, umso geringer ist die Anzahl der Jungen, da machen auch die am wenigsten behaarten Primaten keine Ausnahme. Innerhalb des durch diese Grundgesetze vorgegebenen Intervalls gibt es eine Schwankungsbreite die durch die Lebensumstände bestimmt wird (Nahrungsangebot, Fressfeinde, Krankheiten, stabile klimatische Verhältnisse, etc.). Da wir als kognitiv überlegene Generalisten zur Zeit in sehr viel geringerem Maße diesem Selektionsdruck ausgesetzt sind, nimmt unsere Zahl seit der Entstehung unserer Art im Grunde fortwährend zu.

Die Vorstellung, man könne durch den Verzicht auf eigene Nachkommen zur Verbesserung der Lebensumstände der Allgemeinheit beitragen, ist nach der Theorie vom „egoistischen Gen“ höchst absonderlich. Ähnlich schräg ist jedoch der Wunsch, durch rege Fortpflanzungstätigkeit den Anteil von Menschen mit den eigenen phänotypischen Merkmalen zu erhöhen, denn wir bilden eine globale Fortpflanzungsgemeinschaft. Bequem, dekadent und dumm ist derjenige, der behauptet, er habe besseres zu tun, zum Beispiel den eigenen Wohlstand mehren, er verkennt schlicht „wozu er da ist“. Regelrecht degeneriert ist die in den westlichen Industrienationen verbreitete selbstmitleidige und irrige Annahme, man hätte nichts genetisch Wertvolles beizutragen: Glatzköpfige und zu Übergewicht neigende antriebslose Hypochonder könnten in 200.000 Jahren die am besten angepassten Individuen sein. All das liest sich schrecklich biochemisch mechanistisch und wie die bedingungslose Aufforderung zur Gründung einer Großfamilie. Ich weiss, aber der Biologe weiss es eben auch nicht besser.

Note to self: Da fehlt noch ein Abschnitt zu den Folgen von kultureller Evolution und zunehmender Individualisierung, irgendwann mal. Musik: Gorgoroth, The Human Abstract, Meshuggah, Heaven Shall Burn.

Widerwärtige Absahner

Jede Krise produziert Krisengewinnler. Das mag uns übel aufstoßen, ist aber anscheinend unvermeidlich. Werden die Gewinne durch mehr oder weniger riskante Spekulationen bei rasant fallenden Börsenkursen erzielt, dann kann man zwar mit dem Kopf schütteln, ist aber trotzdem geneigt, sich ein halb anerkennendes „Sauhund, hündischer“ rauszuquetschen. Es verhält sich so ähnlich, wie bei einem besonders raffinierten Bankraub, der zwar moralisch höchst verwerflich ist, uns aber dennoch eine ganz spezielle Art von Bewunderung abnötigt. Geht die Sache nach hinten los, hat man überhaupt kein Mitleid mit den erfolglosen Spekulanten, selbst wenn sie sich dann vor einen Zug legen, so wie es der Ratiopharm-Begründer Merckle kürzlich tat.

Anders verhält es sich, wenn durch gerissenes Manövrieren Steuerzahlers Kohle abgezockt wird, so wie das aktuell der Allianzkonzern bei der Rettung der Commerzbank getan hat. Die ganze Kiste noch mal in Kurzform: Vor ein paar Jahren verhob sich die Allianz beim Erwerb der Dresdener Bank. 24 Milliarden zahlte man für dieses private Geldhaus, das tatsächlich erheblich weniger wert war. Das war der erste schwere Managementfehler. Dann konnte man sich nicht entscheiden, die angeschlagene Beraterbank rechtzeitig abzustoßen, um die Verluste zu begrenzen. Schließlich hätte das ein Eingestehen des ersten Fehlers bedeutet. Das war der zweite schwere Managementfehler. Schließlich wurde die Dresdener ein paar Tage vor dem Lehman-Crash an die zweitgrößte Privatbank Deutschlands, die Commerzbank, verkauft, denn deren neuer Vorstandsvorsitzende wollte gleich mit einem Paukenschlag anfangen. Man wolle eine Übernahme durch ausländische Investoren verhindern und einen neuen Star am deutschen Bankenhimmel schaffen, hieß es.

Nun, wenig später verwandelte sich der Bankenhimmel in die Bankenhölle und die schlingernde Commerzbank sah sich nicht mehr in der Lage, die teure Fusion zu stemmen. Man klopfte also in Berlin an, meldete Finanzbedarf an und erhielt Mittel aus dem Bankenrettungspaket. Die erste Zuteilung reichte nicht, inzwischen gehört uns Staatsbürgern ein satter Teil der Krisenbank. Nun wäre es Aufgabe der Bundesregierung gewesen, den Vorbesitzer Allianz, der in den letzten Jahren jeweils Milliardengewinne ausgewiesen hat, in die Pflicht zu nehmen. Die Bundesregierung tat nichts dergleichen. Der Allianz werden besonders gute Kontakte nach Berlin nachgesagt, mehr bracht man nicht zu wissen.

Die Steuerzahler finanzieren also eine Bankfusion, wobei das Überleben des Fusionsprodukts keineswegs sicher ist. Sicher ist aber, dass der Zusammenschluss einige Tausend Arbeitsplätze kosten dürfte. Öffentliche Kohle für Jobabbau, bravo Frau Merkel. Der Vorbesitzer ist sein Problem los, wir zahlen die Zeche. Die Allianz-Aktie legte am Tag nach der Teilverstaatlichung übrigens um fast 6 % zu.

Note to self: Glückwunsch Frau Wilhelm, das war große Klasse. Musik: Samael.