Ugliness

Dem Online-Angebot des lokalen Käseblättchens muss ich heute entnehmen, dass ab 2010 in meiner unmittelbaren Nachbarschaft ein bislang brachliegendes Flurstück einer neuen Nutzung zugeführt werden soll. Der entsprechende Entwurf sieht die Errichtung eines großflächigen Gebäudekomplexes vor, der ein Hotel, ein Medizinzentrum, Einzelhandelsflächen und natürlich ein Parkhaus beherbergen soll. Mal abgesehen davon, dass die aktuell vorhandene Bebauung (oder eben Nicht-Bebauung) gegenüber dem frisch herausgeputzten Hauptbahnhof sicher heftig abfällt, kann ich nur feststellen, dass diese Planungsunverschämtheit nicht mehr und nicht weniger als eine weitere Bausünde a la Super-C, City-Center und „Frittenzang“ darstellt. Da wären zunächst mal diese furchtbaren post-postmodernen Säulen vor dem Haupteingang: Klar, es regnet oft in der Kaiserstadt, da stellt man sich gerne unter. Trotzdem ist die Zeit dieser vorspringenden Gebäudeteile (hier: verglaster Aussichtsbereich mit Dachterrasse, dabei gibts dort überhaupt keine Aussicht), die alle nach vorne gehenden Innenräume in dunkle Höhlen verwandeln, doch eigentlich vorbei. Rückseitig, also den Gleisen zugewandt, ist eine schallgeschützte Glasfront für den Hotelbereich vorgesehen. Wozu zur Hölle? Bahngelände sind doch per definitionem deprimierend, wer will schon so etwas sehen, wenn er beim Zähneputzen aus dem Fenster guckt. Und wer will vor dem Morgenkaffee den Passagieren des in 12 Metern Entfernung vorbeischleichenden Regionalexpress Richtung Hamm zuwinken? Der Rest des Baukörpers ist „Neue Nüchternheit“ in Glas, Stahl und Beton. Klar, es geht schlimmer. Es geht auch noch viel schlimmer, trotzdem fragt man sich manchmal, was diese Architekten so rauchen. Das kann nicht gesund sein.

Note to self: Generaldebatte im Bundestag, ein trostloses Scheingefecht. Frank Walter als Valium auf zwei Beinen. Musik: Soul Coughing, Foo Fighters, Lamb Of God.

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Leberwurst, beleidigte

Ach weisste Wolfgang, ich glaube es musste so kommen. Im Grunde genommen hattest Du Dich doch schon lange und gründlich von Deiner Partei entfremdet und Deine Partei von Dir. Du bist eben irgendwie in der guten alten Zeit hängengeblieben, sowohl inhaltlich als auch parteistrategisch. Am liebsten hättest Du weiterhin Parlamente mit lediglich 3 Fraktionen, eine neoliberale Wirtschaftspolitik, die voller Naivität auf das gesunde Augenmaß der Produktionsmittelbesitzer vertraut, eine Arbeitsmarktpolitik, die langfristig auf die Entsolidarisierung der Belegschaften und einen immer höheren Anteil von Zeitarbeitskräften hinaus läuft und natürlich eine Energiepolitik, die die Interessen Deiner Brötchengeber bedient.

Du hättest die SPD, die sich in Deinem Fall bestimmt nicht mit Ruhm bekleckert hat, schon viel früher verlassen können, denn der angesichts der veränderten Parteienlandschaft erforderliche Überspagat Mitte-Links liegt außerhalb Deiner Vorstellungskraft. Die von Dir gewählte Variante bot aber immerhin die Möglichkeit, den ehemaligen Genossen noch mal mit voller Wucht vors Schienbein zu treten und die konntest Du Dir natürlich nicht entgehen lassen. So gesehen bist Du Dir treu geblieben. Leise Töne waren noch nie Deine Sache, erinnern wir uns nur an Deine unglaublichen Beleidigungen von HIVlern als Parasiten und Schmarotzer.

Wer hohe Staatsämter bekleidet oder bekleidet hat und sich seines politischen Gewichts bewusst sein muss, von dem erwarte ich persönliche Größe auf Basis einer charakterlichen Grundeignung, die sich mit kleingeistiger Eitelkeit und peinlicher Egozentrik nicht verträgt. Parteien und die Demokratie leben von Teamplayern mit Sportsgeist. Du hast nach einer gelben Karte schimpfend den Platz verlassen und somit die Regeln des Spiels nicht verstanden.

Note to self: Früher Tag hat ein verdammt teures Gebiss. Musik: Yo La Tengo, L`Arc en Ciel, Zero 7, Nine Black Alps.

Schlachtfest

So, bei der gestrigen Übungseinheit ist Duke Rubins neues Stück „The Slaughter Song“ endlich fertig geworden. Auch wenn das Elaborat fast ausschließlich aus 7/8- und 9/8-Teilen besteht, ist es doch erstaunlich gängig und gar nicht verkopft. Zwar gibt es auch schon eine Aufnahme, doch die ist noch nicht zur Veröffentlichung freigegeben, an den Übergängen müssen wir noch ein bisschen feilen. Der Text dreht sich um genau das, was man angesichts des Titelnamens schon vermuten würde: Blutiger geht nicht. Immerhin eine schöne Gelegenheit ein paar Vokabeln (ausweiden, vierteilen, aufschlitzen) dazu zu lernen.

Man darf Metzel-Metal, musikalische Massenmörder-Phantasien und dergleichen nicht zu ernst nehmen. Ich kann schon verstehen, dass man sich von den Texten abgestoßen fühlt, mir geht es bei Splatter-Filmen so (Es ist mir absolut unverständlich, wie man sich so etwas angucken kann). Ob die Konsumption solcher Inhalte langfristig zu Verrohung und antisozialen Verhaltensweisen führt? Das glaube ich eigentlich nicht. Schlüpft nicht jeder bei entsprechendem Anlass in Gedanken schon mal in extreme Rollen? Ist es nicht völlig normal, sich einen Raketenwerfer auf der Schulter zu wünschen, wenn man gerade grundlos von seinem Chef zusammengefaltet wird? Wäre es nicht angenehm (aber tödlich für das TV-Gerät) eine gut ausbalancierte Streitaxt zur Hand zu haben, wenn man in den Abendnachrichten unseres schratigen Bundesinnenministers (Sieht schlecht aus fürs BKA-Gesetz, Wolle.) ansichtig wird? Eben. Alles halb so schlimm.

Note to self: Tatsächlich Schnee! Fieselfein. Musik: Entombed, Carcass, The Egg.

Wintereinbruch

Bereits vorgestern Abend konnte man in den Augen der Damen und Herren Fernsehmeteorologen dieses kleine fiese hämische Leuchten erkennen. Ein Zustrom arktischer Kaltluft ward uns verheißen, begleitet von Sturmböen, Schneefall und Nachttemperaturen unter Null. Einspielungen von ausgebuchten Reifendiensten und der Beladung von Streufahrzeugen rundeten das Bild ab. Der Westzipfel, das besagten die Rechenmodelle, würde fast bis zum Schluss verschont bleiben und höchstens ein bisschen Schneeregen abbekommen. Und tatsächlich ist es noch ziemlich mild hier, das Tageslicht um die Mittagszeit zwar relativ funzelig, doch stehen die Zeichen immer noch ganz deutlich auf Spätherbst.

Richtiger Winter: Da müssen inzwischen Erinnerungen aus frühesten Kindertagen herhalten: Selbstgestrickte kratzige Fersenmützen und Fäustlinge, heißer Holundersaft mit Honig, Moonboots, Schneeballschlachten um die zuvor im Garten errichteten Iglus, Rodelpartien irgendwo hinter der SCHUMAG. Später musste man morgens eine Dreiviertelstunde früher aufstehen, weil der Schulweg, immerhin einige Kilometer, nun statt mit dem Rad zu Fuß zurückzulegen war (Das sollte man im Jahr 2008 mal vorschlagen: Die Entrüstung der Eltern der verweichlichten, fortwährend in Watte gepackten Jugend von heute würde nimmermehr verhallen.). Zwischen enormen Schneehaufen ging man durch den nachtdunklen, seltsam stillen Morgen, zuerst alleine, bis sich mit abnehmender Entfernung zur Schule nach und nach ein ganzer Zug formte, der schließlich dampfend und enorme Pfützen hinterlassend den Weg in die überheizte Pausenhalle fand.

Bereits damals träumte ich regelmäßig von extremen Schneefällen und Frösten, die das gesamte Alltagsleben lahmlegen würden. Die Vorstellung eingeschneit zu sein, dabei aber auf eine gut gefüllte Vorratskammer zurückgreifen zu können, hatte immer schon etwas Faszinierendes. Ich malte mir aus, wie die Familie um den (tatsächlich vorhandenen) Kohleherd säße, bei Kerzenschein und in mehrere Decken eingehüllt, sah mich beim heroischen Kampf mit der Schneeschaufel gegen die weißen Massen, improvisierte in Gedankenexperimenten Schneeschuhe aus Federballschlägern und hielt es für einen realistischen Plan, sämtliche Hunde der Nachbarschaft (vorwiegend Pudel und Dackel) vor unseren Kinderschlitten zu spannen.

Woher diese Begeisterung für alles Winterliche kommt? Keine Ahnung. In einer neulich ausgestrahlten Fernsehdokumentation über das nördliche Sibirien sagte ein Trapper und Goldsucher mit furchtbar schlechten Zähnen, er habe die Erfahrung gemacht, dass Menschen, die eine Zeitlang in der Arktis gelebt hätten, den Rückweg in die wärmeren und zivilisierteren Regionen nicht mehr fänden. Sie würden der dunklen Stille verfallen und seien viel zu sehr mit dem ständigen Aushalten und Ausgesetztsein beschäftigt. Von den Inuit in Alaska und Kanada wird Ähnliches berichtet. Es heißt, man könne von ihnen lernen, was Gleichmut wirklich bedeutet. Ist es die letzte große Eiszeit, die bis heute in uns nachklingt?

Note to self: Heute drei Pflichtpunkte gegen Osnabrück! Musik: Carcariass, Negură Bunget, Children Of Bodom.

Das W-Wort (und das P-Wort)

Nach einer ausschweifenden Improvisations-Session mit Unplugged-Einlage am Freitagabend im Proberaum und einem sehr ruhigen Wochenende (Punkteteilung in Oberhausen und in Gladbach, der Spatz in der Hand…), in dessen Verlauf allenfalls die Erwähnung des W-Wortes am Telefon ein leichtes Zwicken in der Magengegend verursachte, startet die neue Woche blass und ziemlich kühl.

GuitarskidBild von Anne, verhunzt von mir

Das W-Wort kommt uns in den Sinn, sobald im Supermarkt der erste Ständer mit Printen, Lebkuchen und Dominosteinen aufgebaut ist, also gefühlte zwei Monate nach Karneval. Gleichzeitig beginnen die W-Wort-Rituale: Einzelhandelslobbyisten sagen einen miserablen Verlauf der Saison voraus (diesmal dürften sie sogar recht behalten), Tierschützer erinnern an die skandalösen Bedingungen in polnischen Gänsemastbetrieben, Kirchenvertreter rufen zu Spenden auf und machen nach dem Interviewtermin noch ein paar Planstellen platt. Mich packt dann jedes Jahr das Grauen, als stieße ich das Tor zur Hölle auf:

BithoelleBild von Anne

Es ist ja schon merkwürdig genug einen Feiertag einzurichten, der an den Geburtstag eines Zimmermannes erinnern soll, der vor ungefähr 2000 Jahren an einen Baumstamm genagelt worden ist. Noch merkwürdiger ist es, diesen Festtag mit Bräuchen aus altgermanischer, römischer und mittelalterlicher Zeit zu begehen. Völlig abstrus sind schließlich Bestandteile, die von Spielzeugherstellern und Brausefabrikanten erst vor ein paar Jahrzehnten dazu gedichtet wurden und nun einen wesentlichen Teil des Spektakels ausmachen.

Der absolute Hammer ist aber, dass die Zeit ab Mitte November anscheinend so viel Vorfreude entwickelt, dass sie eindeutig schneller läuft und man im Handumdrehen bereits die festlichen Tage unmittelbar vor der Nase hat. Das ist ein Kreuz für alle P-Wort-Profis, also auch für mich. Ihr wisst schon.

Note to self: Nicht meine Schuld, nur meine Strafe, wenn ich sie wähle. Musik: Naglfar, Cryptopsy, Gorgoroth.

Die Sterblichkeit der Dioskuren

Als Castor, der sterbliche Bruder von Pollux, erschlagen worden war, stellte Zeus Pollux vor die Wahl, entweder als Gottgleicher auf ewig im Olymp zu wohnen, oder mit seinem verblichenen Zwillingshalbbruder (Superfecundatio bei den alten Griechen, die hatten wirklich eine schmutzige Phantasie.) abwechselnd je einen Tag im Totenreich und auf dem Götterberg zu verbringen, zu altern und letztlich irgendwann ebenfalls hinzuscheiden. Pollux entschied sich für die zweite Variante, weil er seinen Bruder über alles liebte, vielleicht auch, weil die Unsterblichkeit an sich eine furchtbar langweilige Angelegenheit ist. In diesem Zusammenhang fällt mir immer die stärkste Szene in Wolfgang Petersens Monumental-Sandalenmovie „Troja“ ein, in der Brad Pitt als Achilles zu König Priamos in aller Schlichtheit (Pitt ist immer extrem schlicht, wenn er den Mund aufmacht) sagt: „Die Götter beneiden uns. Sie beneiden uns, weil wir sterblich sind, weil jeder Augenblick unser letzter sein könnte.“

Im wirklichen Leben ist Castor wieder einmal davon gekommen. Beschützt von einer enormen Phalanx von Hopliten in riot gear hat er sich seinen Weg bis nach Gorleben gebahnt. Der zähe Widerstand der singenden, auf Bahnschienen festgezurrten Wegelagerer brachte nur einen symbolischen Aufschub. Der Erfolg ihrer Bemühungen wurde in Verspätungsstunden angegeben, die Republik nahm es gelangweilt zur Kenntnis. Das Ritual hat somit das erwartete Ende gefunden. Der Verlauf ist mit dem eines sattsam bekannten Dramas im Theater zu vergleichen. Wenn der Held endlich seinen ärgsten Feind gemeuchelt hat und die Geliebte umarmt, dann macht sich Erleichterung breit. Man kann das erste Bier bereits riechen, oder freut sich auf den Restaurantbesuch „danach“.

Wenn Castor als strahlender Sieger (Sorry, der musste sein.) dasteht und seine Lebenserwartung angesichts der Halbwertszeiten seiner höchst problematischen Innereien fast schon in die Nähe göttlicher Überdauerung zu rücken ist, dann scheint er in die Rolle des überlebenden Bruders seines antiken Namensvetters geschlüpft und der altgriechische Plot auf den Kopf gestellt zu sein. Wo steckt also Pollux in diesem Anti-Atomkraftspiel und welche Funktion, welches Schicksal ist ihm zugedacht?

Die Antwort ist ganz einfach: Die Atomkraftgegner brauchen Castor, denn er taugt als verhasstes Symbol, provoziert tatsächliche und scheinbare Polizeibrutalität, ermöglicht die Anteilnahme an der Medienwirklichkeit, den Auftritt in der Tagesschau. Wem es aus nachvollziehbaren Gründen zu unspektakulär ist, sich mit einer Protestpappe vor dem AKW-Brunsbüttel (Erinnert sich noch jemand an den Transformatorenbrand und die Informationspolitik des Betreibers?) die Beine in den Bauch zu stehen, der muss Castor lieben. Bei aller Sympathie für den energiepolitischen Standpunkt der Aktivisten: Wer vor laufender Kamera beim Einschreiten der bedauernswerten Einsatzkräfte „Keine Schmerzgriffe!“ brüllt, der ist Pollux. Wer sich singend wegtragen lässt, der ist Pollux. Wer ökologisch-korrekte Barrikaden aus niedersächsischem Totholz errichtet und ansteckt, der ist Pollux.

Wenn wir (hoffentlich bald) aus der Atomenergie aussteigen, bleibt Castor als vorletzter Rest der Risikotechnologie erhalten bis fast zum Schluss, nur die unvermeidlichen Endlager werden noch länger vor sich hinstrahlen, das liegt in der Natur der Sache. Spätestens dann wird Pollux seinen hassgeliebten Bruder ins Totenreich der Salzstöcke ziehen lassen müssen, vielleicht schafft er es aber auch ein bisschen früher, die richtige Wahl zu treffen. Es wäre ihm und dem Steuerzahler wirklich zu wünschen.

Note to self: Shuffle vergessen, zum Glück weiss ich wo. Musik: Alice In Chains, Marazene, The Alan Parsons Project.

Ermutigend

Die Kommentare zum letzten Beitrag stimmten mich ziemlich versöhnlich, schönen Dank dafür! Insbesondere sei an dieser Stelle dem blogghead ein feistes Lob für seinen beachtlichen Ausfluss ausgesprochen. Naja und zu Herrn Rielke muss ich nicht viel schreiben, der kanns einfach und packt einen sozusagen direkt an der Seele. Nicht mehr ganz so angefressen und angesichts des schönen Wetters und der ertragreichen gestrigen Probe in Duke`s Schmuckkästchen (Der rubinrote Teppich und die Messingschienen bilden einen reizvollen Kontrast zur sonnengelben Säulenverkleidung und Wandfarbe. Insgesamt entsteht der Eindruck eines Varietés a la „Bastei“ oder eines… …ach, lassen wir das.) freue ich mich auf ein ruhiges Wochenende. Zur Freude trägt natürlich auch das erfolgreiche Abschneiden der Alemannen beim letzten Heimspiel bei. Schon zwei Siege in Serie, da haben die nicht ganz so realistischen Fans sicher bereits wieder feuchte Aufstiegsträume. Ich nicht, ich zähle nach wie vor Punkte.

Werde mich jetzt an den Lyrics für unser neues Stück versuchen, es wird trotz allem ein Splatter-Text: Arbeitstitel „The Slaughter Song“ oder „Butcher`s Diary“, schauen wir mal, was sich so an blutrünstigen Bildern aufdrängt.

Note to self: Grüner Heinrich – gekillt durch kosmetische Operationen? Musik: Dream Theater, Fu Manchu, Drain STH.