Sommerloch III

Einerseits überschlagen sich die Ereignisse: Einsatz in der Kölner Südstadt (verzäll nix) in unmittelbarer Nähe zu Chlodwigplatz und Severinstor (Dabei den Eindruck gewonnen, dass die Kölner tatsächlich ein pseudomediteranes, lockeres Völkchen sind. Was bleibt einem auch übrig in einer Stadt, in der der Fußball und das Bier miserabel sind? Nur fröhlich-sinnliche, sozusagen katholische Schicksalsergebenheit.). Streikende Netzteile in Kornelimünster (B258 immer noch gesperrt, gibt dem Indeufer so eine Art südfranzösische Stille und Beschaulichkeit. Fraissinet lässt grüßen.). Widerspenstige Tiger-Comboupdates, die blutbefleckte iBooks in den Scheintod schicken, gleichzeitig aber als ultima ratio für die Wiederauferstehung herhalten (Über das McDrive an der Rue de Wattrelos schreiben? No use.). Vaters rundes Wiegenfest in kleiner Runde in der dunstigen Eifel vorfeiern, dabei die Ergebnisse der Krautfäule betrachten, die furchtbar gewütet hat.

Dunst

Andererseits hat sich nun der Sommer in seiner ganzen gnadenlosen Schwüle über das Grenzland hergemacht. Ein unerbittlicher, siegesgewisser Gegner. Ich brauche nur ein paar Schritte zu machen, schon dringt sein Triumph aus allen Poren, hinterlässt salzige Ränder an unmöglichen Stellen. Ich kann nicht umhin, alle Elefanten der Welt zu beneiden, ihnen fehlen die entsprechenden Drüsen, sie machens mit den Ohren. Ich würde sofort tauschen. Die Hitze macht lethargisch. Im Schädel tun sich die allermerkwürdigsten Dinge, Gedanken können bei diesen Bedingungen wunderliche Farben annehmen, Blasen werfen, Fäden ziehen (Sie haben das Barton Fink-Feeling!). Erst am späten Abend bin ich wieder halbwegs klar, in den kürzesten Hosen auf dem nachtdunklen Balkon. Dort träume ich von einem Domizil im höchsten, einigermaßen kühlen Norden. So ein grasgedecktes Hüttchen irgendwo auf den Lofoten, das wärs.

Everything is healing nicely. Zwar machen die lädierten Rippen mir noch ein wenig zu schaffen, aber im Großen und Ganzen bin ich doch glimpflich davon gekommen. Demnächst also Tour in die Kartoffelsahara.

Note to self: Der schwarze Dreher, wo zum Teufel ist er hin? Musik: Schweisser, Sidsel Endresen & Bugge Wesseltoft, Sick Puppies, Radiohead.

Wenn er fällt, dann schreit er

Eine harmlose Kreuzung. Gut, es ist nass, aber ich fahre ja ohnehin wie ein Opa und bei solchen Verhältnissen wie ein Uropa. Hat aber nix genutzt. In einer Newsgroup von Zweiradfreunden las ich irgendwann mal, man könne die Szene in zwei Großgruppen unterteilen, nämlich in diejenigen, die bereits mindestens einmal gestürzt sind, und die, die dies noch vor sich hätten. Nach unzähligen Touren auf meines Bruders Kreidler Mustang selig und über 18.300 Km auf meiner Wespe hat es mich nun also erwischt. Aber der Reihe nach:

Während der Rückfahrt vom Ortstermin in Schleckheim nimmt der Regen zu, die Laune sinkt entsprechend. In solchen Situationen ist man ja immer zwiegespalten: Anhalten und die Regenklamotten rauspulen und überstreifen oder noch 10 Minuten die Zähne zusammenbeißen und zu Hause raus aus den nassen Sachen und mit einem schönen heißen Kaffee der Erkältung widerstehen. Ich entschied mich gestern für die zweite Variante, auch wenn mir spätestens in Lintert das Wasser in den Schritt und in die Schuhe lief. Ich ermahne mich, trotz der Widrigkeiten entspannt zu bleiben, die Kurven langsam anzugehen und besonders vorausschauend zu fahren, oder wie Oberstabsbootsmann Pahlke sagen würde: „Augen auf beim Käsekauf!“

Mit gebremstem Schaum erreiche ich folglich das kleine Sträßchen in Burtscheid, das von allen fahrenden Mitgliedern der Familie wegen der Enge, Unübersichtlichkeit und der konsequenten Anwendung der Vorfahrtsregel „rechts vor links“ so geschätzt wird. Möglicherweise hatte ich 400m vor dem Ziel schon ein bisschen abgeschaltet, jedenfalls kommt aus einer Seitenstraße ein schwarzer Volvo und zwar von rechts, er kommt nicht herausgeschossen, alles ganz easy. Ich schwöre, ich habe völlig normal gebremst, mit beiden Bremsen gleichzeitig, nicht überzogen sondern eigentlich eher gemäßigt. Trotzdem schmiert die Kiste sofort ab, schon nach einer Zehntelsekunde weiß ich: Jetzt legst du dich aufs Maul. Die Zeit beginnt sich zu dehnen. Während ich über den Lenker fliege, bemerke ich, wie die über das Visier ablaufenden Tropfen ihre Richtung ändern, wie sich die Hände von den Griffen lösen und das Glänzen des nassen Asphalts.

Der Aufschlag ist nicht sonderlich heftig. Ich springe sofort auf, die Wespe läuft noch, Adrenalin ist schon ein geiles Stöffchen. Halb so schlimm denke ich und mustere die Schrammen am Gefährt. Abgebrochen ist nichts, ja gut: Mund abputzen und nach Hause fahren. Bevor ich die Kiste in die Garage schiebe, stelle ich befriedigt fest, dass die Schäden sich wirklich Grenzen halten und mit einem Lackstift zu beheben sind. Ein vorsichtiges Abtasten des Brustkorbs, der Schulter und der Hüfte ergibt den vorläufigen Befund, dass auch der Fahrer den Zwischenfall halbwegs gut überstanden hat.

Als ich zwei Stündchen später mit Anne bei Bienenstich und Biskuitrolle sitze, fühlt sich das bereits ein wenig anders an. Die körpereigene Endorphinausschüttung ist abgeklungen und jede Bewegung tut einigermaßen weh. Dort, wo das Mobiltelefon beim Kontakt mit dem Straßenbelag in die Rippen gedrückt wurde, schmerzt es besonders fies. Irgendwie bin ich ziemlich geistesabwesend und ertappe mich dabei, wie ich den Sturz in Gedanken immer wieder Revue passieren lasse. Bis zum späten Abend nehmen die Beschwerden zu, ich habe eine höllische Nacht. Heute morgen stelle ich fest, dass Husten, Gähnen und Niesen tunlichst zu unterlassen sind und freue mich schon auf die zu erwartenden Verfärbungen der betroffenen Bereiche. Ab aufs Sofa.

Note to self: Mach kein Scheiss Steve. Musik: Kings of Convenience, Puddle Of Mudd, Red Hot Chili Peppers, Sarah Bettens.

Bankleere

„Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?“ fragte Bertolt Brecht und das zu recht. Dazu passt ganz ausgezeichnet, dass das FBI zurzeit gegen 21 Hypotheken- und Investmentbanken in den USA ermittelt. In den vergangenen Tagen überschlugen sich die Ereignisse: Die Pleite von IndyMac, vor deren Filialen die Kontoinhaber inzwischen kampieren, ihre Einlagen zurückfordern und nur von Polizeikräften zu bändigen sind, die Rettung von Fannie Mae und Freddie Mac mit Hilfe von Steuermilliarden, dazwischen ein Zentralbankchef und ein Präsident, die um die Wette stammeln. Die staatliche Einlagenversicherung der USA hat bereits 53 Milliarden Dollar beiseite gelegt und 140 zusätzliche Mitarbeiter eingestellt, es kommt also auf die Amerikaner und damit auf die Weltwirtschaft noch einiges zu.

Inzwischen mehren sich die Anzeichen dafür, dass es nicht nur die Gier und Hybris der höchstbezahlten Trader war, die die Talfahrt im internationalen Finanzroulette verursachte, sondern tatsächlich schwerer Betrug in unzähligen Fällen, absichtlich gestreute Gerüchte ohne jeden Gehalt und die Taschenspielertricks (Robuste Naturen sollten mal in den Wikipedia-Artikel zur Optionsstrategie hineinschnuppern. Da versteht man auch sofort, warum solche Geschäfte fast nur noch rechnergesteuert ablaufen.) der Milliardenjongleure, die längst jeden Realitätsbezug verloren haben.

Eines schlägt dem Blogger jedenfalls gründlich auf den Magen: Solange es gut läuft, fantasieren die Geldmenschen vom freien Markt, von der Dynamik und Eigenhygiene, die eine turbokapitalistische Wirtschaft angeblich gesund und kräftig hält. Stellen sich derlei Wunschvorstellung angesichts von Megaverlusten und Bankrotterklärungen als Selbsttäuschung heraus, wird nach mehr Aufsicht, Kontrollinstrumenten und staatlicher Fürsorge für die notleidenden Institute gerufen, und zwar am lautesten von denen, die ihre fetten Boni längst auf den Caymans eingelagert haben. Wenn die Gründung einer Bank ein schlimmeres Verbrechen als ein Einbruch ist, was ist dann die Gründung einer Börse? Bewaffneter Raubüberfall? Ja, das kommt so in etwa hin.

Note to self: Dr. Palme zur Bestandsaufnahme. Musik: Breed77, Lea, Breach, Cojones, Botanica, Umor.

Der Wulff im Schafspelz

Mit erst halb geöffneten Augen lesen wir, dass Ministerpräsident Wulff sich nicht als Alphatier sieht und sich einen Wechsel in die Bundespolitik nicht vorstellen kann. Der ehemalige Hoffnungsträger der Union scheint von Selbstzweifeln geschüttelt. Vielleicht richtet er sich aber auch schon auf einen angenehmen Vorruhestand in der Provinz ein und hat gestalterische Ambitionen ad acta gelegt, so liest sich jedenfalls das Interview. Die „ruhige Hand“ war gestern, der ruhige Wulff heute. Glaubt er wirklich, dass jemand daran glaubt? Frau Merkel wird ihm bestimmt nicht auf den Leim gehen.

Gut, der Tag ist ohnehin im Eimer: Nur mit dickem Pulli und Schal (immer noch der Nacken, es ist zum Heulen) und einer gehörigen Portion Gleichmut ist die Waschküche im Grenzland zu ertragen. Die Vorhersage verheißt das Andauern dieser Wettersituation bis mindestens nächste Woche. Dazu wiederholter Gratissupport am Telefon, der mich schon seit langem nervt.

Note to self: Das Wort des Tages: Pentent. Musik: Callisto, Anthrax, Clutch, Opeth.

Sommerloch II

Die STAWAG lässt in Schleckheim buddeln. Von mir aus. Normalerweise sind die großzügig umrahmten Löcher allenfalls ein Verkehrshindernis, was drinnen passiert, interessiert für gewöhnlich nicht. Nun verhält es sich aber bei dem Loch vor unserem Haus ein wenig anders. Das verantwortliche Tiefbauunternehmen hat nämlich ein Böckchen geschossen und für eine wahre Sintflut gesorgt, die erst unser Loch und dann alle anderen und über ein Rohr schließlich unseren Keller heimsuchte. Das Nass floss ins Treppenhaus, vom Treppenhaus in den Flur, vom Flur in alle angrenzenden Keller und schließlich in die Waschküche wo sich, Neptun sei es gedankt, ein Bodenabfluss befindet, der den feuchten Überfluss aufnahm und Schlimmeres verhinderte.

Wasserloch

Mich erreichte der entsprechende Notruf just vor Stundenfrist. Also rauf auf den Roller, Kamera am Mann und das Ganze vor Ort dokumentiert. Der verantwortliche Mitarbeiter des technischen Kundendienstes meinte gönnerhaft „Halb so schlimm!“ Die Mieterschaft sieht das zu recht anders. Es droht ein längerer Briefwechsel mit der Rechtsabteilung, das hab ich im Urin. Natürlich Freitagnachmittag, wer besorgt mir jetzt noch ein paar Kondenstrockner? Niemand!

Note to self: Der merkwürdigste Brief seit Jahren! Musik: Machine Head, Filter.

Sommerloch I

Wie schrieb Tucholsky in seiner wegweisenden Abhandlung „Zur soziologischen Psychologie der Löcher“: „Ein Loch ist da, wo etwas nicht ist.“ Demzufolge ist ein Sommerloch ein vom Sommer eingeschlossener Zeitbereich, in dem eben kein Sommer ist. Bei Temperaturen von 14 Grad und strömendem Regen darf mal also sicherlich von einem Loch im Sommer sprechen. Einen tragikomischen Vorgeschmack auf das, was in dieser Sommerlochsaison noch auf uns zukommen wird, lieferte gestern übrigens der Vorsitzende einer ehemaligen Volkspartei, der sich nicht entblödete, einer Zeitung zu diktieren, Frau Merkel habe ihm das Förmchen geklaut, da sie seiner Partei „auch die letzte Butter vom Brot kratzen würde“. Kurt, geh endlich, es ist inzwischen mehr als peinlich.

Der Aufenthalt am Rand von Löchern kann risikoreich (schwarze, Tagebaurest-), aber auch sehr entspannend (Lomond, Ness) sein. Mitunter weiss man das Vorhandensein eines Loches erst dann zu schätzen, wenn seine Verfüllung droht. Schaue ich aus dem Fenster, so fällt der Blick auf ein seit Jahren ungenutztes Grundstück, das sich im Besitz der Post/Telekom/schlagmichtot befindet. Vor längerer Zeit wurde es jeweils zur Hälfte zur Zwischenlagerung von Stückgut und zur Erholung der Beschäftigten des Staatsunternehmens im so genannten Postsportverein genutzt. Mit dem Zerfall der Bundespost zogen die Sportler in die Soers und die Liegenschaft an der Burtscheiderstraße blieb sich selbst überlassen. Birken sprießten, Efeu rankte, Putz bröckelte und all das in aller Stille. Einmal im Jahr erschien ein Trupp von Gärtnern mit Laubsaugern, Trimmern, Besen und Sägen, machte sechs Stunden lang Lärm und füllte die Ladefläche eines Pritschenlasters mit Grünabfällen. Dann kehrte die Ruhe zurück und mit ihr die Amseln, Spatzen, Meisen und Tixie, die fette Katze der Nachbarn, die mehr oder weniger eifrig vorgab, dem Gevögel nachzustellen. Dieses fast schon ruderale Ensemble scheint mir nun ernsthaft bedroht zu sein: Gestern wurden die Schilder einer Immobilienfirma angebracht, das ganze Gelände steht zum Verkauf.

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Nun will ich nicht verhehlen, dass auch meinerseits bei der Betrachtung der Brache vom Balkon aus mitunter ein fiebriges Brainstorming Platz griff, was man mit einer großen Lagerhalle nebst Nebengebäuden, Garagen, Riesenparkplatz etc. in unmittelbarer Nähe zur Innenstadt alles anfangen könnte. Tucholsky schreibt dazu : „Wenn der Mensch ein Loch sieht, hat er das Bestreben, es auszufüllen…“ Die dabei von mir favorisierten Nutzungskonzepte: Proberaumkomplex (Die Bahn ist ohnehin schweinelaut, Hiphopper bleiben draußen und freestylebatteln auf dem Parkplatz), alternativer Biergarten (von einer Kooperative betrieben, mein Lieblingspils zum Selbstkostenpreis), Bürgergarten (mit hallengroßem Vereinsheim und Gartenzwergverbot).

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Ich befürchte das Schlimmste: Zuerst wird die alte Substanz über Monate abgerissen (Arbeitsbeginn 7Uhr, Presslufthämmer), dann wird eines dieser seelenlosen Ladenlokal/Mehrfamilienwohnungsgebäude errichtet (Sonnenstudio, Handyladen, Spielhalle, Bonzen, die mir aus ihrem Penthouse ins Badezimmer glotzen). Das postmoderne, hässliche Stahl-Glas-Beton-Ding steht dann leer, weil es keine wirkliche Konkurrenz zu Aachen-Arkaden/Galerie am Kaiserplatz darstellt. Das alles nur, weil die Post ein Loch gelassen hat und wir den „Mut zur (Bau-)Lücke“ nicht aufbringen. Schade aber unvermeidlich, denn merke: „Das Loch ist ein ewiger Kompagnon des Nicht-Lochs.“ Wenigstens ein Kurt, der was Substanzielles beizutragen hat.

Note to self: Nackenmuskulatur, mein Schmerz hat einen Namen. Musik: Anna Ternheim, Michel Petrucciani, Foo Fighters, Mindfunk.