Verraten und verkauft

„Zukunftskonvent“, das klingt doch schon nach „Vatikanischem Konzil“, oder? Die Gefahr, dass Kurts Äußerungen zu unverrückbaren Dogmen erklärt werden, besteht jedoch zum Glück nicht. Dazu ist der angeblich bürgernahe Pfälzer längst viel zu weit zum Rand der politischen Bühne gerückt. Für wahr: Alle Sympathisanten und Mitglieder einer ehemals großen Volkspartei machen zurzeit eine wirkliche Krise durch. Da meldet sich der Privatmann Münte plötzlich zurück, Nahles darf sich bei „Hart aber Fair“ blamieren, Frau Schwan darf um die Stimmen der Linken werben (sonst könnte man die Kandidatur ohnehin gleich vergessen), mit denen man ja ansonsten im Bund nichts zu tun haben will (obgleich Oskars Heiligenschein ja gerade jetzt die ersten Kratzer zu bekommen scheint, das gibt doch Anlass zur Hoffnung) und Frau Schausten dokumentiert die sozialdemokratische Katastrophe im ZDF-Politbarometer mit einem verräterischen Zucken um ihre hübschen Grübchen. Die aktuellen Beiträge in der Flusslandschaft tragen bereits unverkennbar historistische Züge und wer wollte dem Verfasser angesichts der aktuellen Profillosigkeit den Hang zur sentimentalen Rückschau verübeln.

Das wirklich Traurige ist, dass die SPD wegen der Unfähigkeit der Führungspersönlichkeiten und dem antilinken Eiertanz ihre große Chance verspielt, die darin liegt, dass große Teile des Wahlvolks die doppelbödige Verlogenheit der neoliberalen Denke inzwischen erkannt haben. Positionen wie Wiedereinführung der Vermögenssteuer, Anpassung der Spitzensteuersätze, Einführung einer Bürgerversicherung und gebührenfreies Erststudium sind in einer Zeit, in der mehr und mehr Bürger erkennen, dass sie zu den Verlierern gehören und dass man endlich damit aufhören sollte, einer korrupten und gewissenlosen Pseudoelite Zucker in den Hintern zu blasen, sicher geeignet zumindest zu alter Stärke zurückzukehren. Schröder hätte das hingekriegt, auch wenn nach einer erfolgreichen Wahl dann sicher Hartz V bis IX eingeführt hätte, aber der besaß noch so etwas wie politischen Instinkt.

Sollte es so weitergehen wie in den letzten Monaten, dann brauchen die Bürgerlichen nur stillhalten. Die kommende Bundestagswahl wird zum Selbstläufer. Dann behalten wir Schäuble und bekommen Westerwelle. Himmel hilf!

Note to self: Lebensdauer Shuffle 1st Gen: Keine zwei Jahre :-(. Musik: Arch Enemy, The Dillinger Escape Plan, Alkaline Trio.

Rollin‘ (rural expedition vehicle)

50 ccm und bergige Landstraßen sind für die überwiegende Mehrheit der Spezies Homo automobilens vermutlich keine ideale Kombination, das liegt aber erstens an einer fortwährend verbreiteten Unwahrheit („Zeit ist Geld“) und zweitens an einem Mangel an Einsicht bezüglich unserer tatsächlichen Möglichkeiten und Absichten („Der Weg ist das Ziel“). Ich habe heute sozusagen ein weiteres Kapitel meiner Ausgabe der „Entdeckung der Langsamkeit“ verfasst und will hiermit mal folgendes klarstellen:

a) Dem durchschnittlichen Dosentreiber, und ganz besonders dem Fahrer eines nachtblauen Jaguar mit belgischem Kennzeichen, empfehle ich zur Auffrischung dringend die Lektüre der Straßenverkehrsordnung, insbesondere den Abschnitt über den seitlichen Sicherheitsabstand.

b) Wer in einem engen Baustellenbereich meint gleichzeitig mobil telefonieren, überholen, hupen, schimpfen und obzön gestikulieren zu müssen, sollte seine Eignung für den Straßenverkehr überdenken und am besten wieder unter seinen Stein kriechen.

c) Beschleunigungsduelle an grün werdenden Ampeln fand ich mit 18 lustig. Deshalb fahre ich heute ja auch keine düsenjägerlaute Speedfight-Plastikschüssel mit Polini-Auspuff und neongrünen Gegendruckfedern, sondern eine klassische italienische Schönheit ohne jedes entstellende Accessoire.

d) Wenn man schon einen Aufkleber auf seinen Helm pappen muss, sollte man Abstand von Jägermeister, dem 1. FC Köln und Bill Kaulitz nehmen. Der Mann von Welt wählt entweder einen kalifornischen Apfel (vorzugsweise alt und bunt) oder den Sticker mit dem lebensbejahenden Motto „God Hates Us All“ von Slayer.

Nein, war wirklich eine entspannende ruhige Ausfahrt heute! Unter anderem bot sich Gelegenheit, die bereits in diesem Blog erwähnte Kartoffelversuchsfläche in Augenschein zu nehmen und siehe, die Pflänzchen gedeihen prächtig.

Note to self: Dies ist der 100. Eintrag. Musik: Killswitch Engage, M.A.N., Korn, Machine Head, Kittie.

Der Taupunkt

Verdammt schwül ist es heute. Genau der richtige Tag also, um der Leserschaft von einem meiner persönlichen Abgründe zu berichten:

Das ganz große Aha-Erlebnis im Grundstudium war für mich die Vorlesung „Physikalische Chemie“. Spätestens als nach den ersten 4 Wochen die komplette klassische Mechanik abgehandelt war und man sich der Thermodynamik zuwandte, verwandelten sich große Teile des Auditoriums regelmäßig in arme ahnungslose Würstchen und häufig, das will ich hier freimütig eingestehen, gehörte ich auch dazu. Der Vortragende hatte den Bogen raus: Zunächst wurde die Tafel mit ellenlangen Termen, partiellen Differentialgleichungen und Grenzwertbetrachtungen gefüllt, wobei die Begriffe „Freiheitsgrade“, „Phasengrenzlinie“ und „adiabatisches System“ scheinbar beiläufig gemurmelt wurden, dann kam der große Moment. Der Dozent drehte sich um, setzte ein kleines, fieses, hinterhältiges Grinsen auf und fragte in die Runde: „Na, was kommt raus?“ Spätestens bei der Herleitung des zweiten Hauptsatzes wussten wir, dass die Lösung entweder „Null“, „Eins“ oder „Unendlich“ lautete, nur welcher dieser Fälle nun gerade zutraf, blieb uns oftmals verborgen, was dem Prof allerdings überhaupt nicht verborgen blieb, sondern von vorne herein klar war. Er pflegte dann vor dem Tafelbild herumzutanzen, mit einem kurzen scharfen Geräusch die Kreide auf besonders relevante Formelabschnitte zu ticken und triumphierend weiter zu monologisieren: „Na, sehen Sie: Dieses hier geht gegen null, das hier ist konstant, das hier rechts können Sie schätzen und jenes dort ist seit 100 Jahren allgemein bekannt, also was kommt raus?“ 20 Minuten später saßen viele von uns mit konsterniertem Gesichtsausdruck in der Molkerei, den Wechsel zu einem geisteswissenschaftlichen Studiengang ernsthaft in Erwägung ziehend und die Frustration mit einem Weizenbier bekämpfend. So war das damals in der „Stadt der Wissenschaft“.

Neulich wurde ich durch meinen Lieblingswetterfrosch Sven Plöger an eben jene unschönen Episoden erinnert, als er nach dem Tagesthemen-Strömungsfilm unvermittelt ein kleines, fieses, hinterhältiges Grinsen auf sein Lausbubengesicht zauberte und das Wort „Taupunkt“ in den Mund nahm. Mir wäre fast das Weizenbier aus der Hand gerutscht.

Ich konnte nicht anders: Sofort musste ich die Wikipedia anschmeißen; das Phasendiagramm des Wassers war schnell gefunden, kurz danach die Frage beantwortet, warum der Taupunkt als Temperatur angegeben wird, obwohl es sich doch eigentlich um ein Wertepaar (Luftdruck/Temperatur) handelt. Die thermodynamische Rundreise endete bei relativer Luftfeuchtigkeit und Sättigungsdampfdruck. Jetzt wollen wir mal schauen, ob wir das Erlernte auch anwenden können:
Die aktuelle Temperatur in Aachen beträgt 19,6°C, der aktuelle Taupunkt liegt bei 14,2°C. Die relative Feuchte wird zurzeit mit 71% angegeben; der Grenzwert von 13,5g Wasserdampf pro Kubikmeter ist mithin nicht überschritten. Ergebnis: Es ist nicht schwül. Dass mir mein Empfinden etwas ganz anderes sagt, ist nicht relevant. Doch, die physikalische Chemie hat etwas zutiefst Tröstliches!

Note to self: Nachregulierung abgeschlossen, Endabrechnung anfertigen! Musik: Tool.

Green is the colour

Während in den Nachrichten Hotte Köhler dominiert, wobei ich mich wirklich frage, wen das interessiert, und außerdem die Herren Uhl und Ramsauer in den vergangenen Tagen die Gelegenheit nutzten, sich so richtig in die Nesseln zu setzen, träumt die Kaiserstadt vor sich hin. Happy Kadaver! Da der liebe Bruder zur Zeit in der Altstadt (also D-Dorf) schuften muss, fällt mir die schöne Aufgabe zu, seine Blömscher zu gießen und die Fortschritte der Einsaat in seinem Garten zu protokollieren. Deshalb hatte ich heute die Kamera dabei und will einige Impressionen, nicht nur aus Ödlis grüner Oase, unters Volk streuen.

Note to self: Die fortwährende leichte Verbesserung des Zustands der Schleimhäute gibt Hoffnung für die heutige Probe. Musik: Pantera, Opeth, Soul Coughing.

Steuern ohne Steuermann

Jetzt hat es auch der Letzte begriffen: Der Wahlkampf im Vorfeld der Bundestagswahl ist eröffnet, der zeitlich noch davor liegende Urnengang im südlichen Freistaat tut ein übriges und ermuntert die untote Doppelspitze der Christsozialen (klingt nach Sekte oder? Warum muss ich jetzt an „Erdloch“ denken?) zu populistischen Forderungen a la Oskar. Tja, die Steuern (Riesenseufzer), die Steuern!

Natürlich hätte ich jetzt Lust über die Merkwürdigkeiten in der Progressionskurve, das Ehegattensplitting, die Mehrwertsteuersätze auf Schulbücher und Tiernahrung zu schreiben und lauthals „ungerecht!“ zu brüllen. Da wir aber bereits festgestellt haben, dass es Gerechtigkeit ohnehin nicht gibt, wäre das wenig originell. Genau so laut könnte man angesichts des hiesigen Steuerrechts „umständlich, undurchschaubar, rückständig“ schreien und hätte ebenso recht, allein es hülfe nicht. Denn führt man sich vor Augen, dass russische Zaren das Tragen von Bärten und Napoleon die Anzahl von Türen und Fenstern an Häusern besteuern ließ, merkt man schnell, dass Steuerpolitik mit gesundem Menschenverstand rein gar nichts zu tun hat.

Unser Obersteuermann tut mir irgendwie leid. Auch wenn seine Gebetsmühle immer dumpfer klingt und sein Gesicht müde und käsig aussieht, recht hat er schon, irgendwie. Bauernschlau rechnen kann er auch. Bloß einen wirklichen Befreiungsschlag gegen das Abschreibungswirrwarr und öffentliche Auspeitschungen von Fiskalflüchtlingsverbrechern wird er eben auch nicht hinkriegen, auch wenn er bei der Merkelin einen dicken Stein im Brett hat. Und der Haushalt 2011? Wahrscheinlich haben Buffett und Abramovich bis dahin Mitteleuropa längst unter sich aufgeteilt. Italien kriegen die Chinesen, Spanien die Inder und die Scheichs den Rest. Dann ist endlich Ruhe im Karton.

Note to self: Läuft doch wieder, die Mächtigmaus. Musik: Lamb Of God, One Minute Silence, Tom Waits, Melvins.

Verwanzt

Dem regelmäßigen Leser dieses Blogs dürfte nicht verborgen geblieben sein, dass ich ein Faible für Insekten aller Art habe, einerseits, weil ich der Ansicht bin, dass sie und nicht wir Menschen die wirklichen Herrscher dieses Planeten sind, andererseits weil sie wegen ihrer Anatomie (Libellen), ihrer Anpassungsfähigkeit (Schaben), und ihren Verhaltensweisen (Sklavenhalter- u. Blattschneiderameisen) einfach faszinieren. Allen Lesern, die beim Anblick von Kerbtieren mehr oder weniger Ekel empfinden, sei angeraten, sich mal ein wenig intensiver mit diesen Viechern auseinander zu setzen. Wer mal einer Stabheuschrecke bei der Häutung zugesehen oder das Liebesleben der Fangschrecken studiert hat, kann mich vielleicht besser verstehen.

Der liebe Ödli hat mir aus China eine in einen Harzblock eingegossene Baumwanze (Familie: Pentatomidae) mitgebracht, die ich hiermit präsentiere:

Die meisten von uns werden bei „Wanzen“ natürlich an die bekannte Bettwanze (Cimex lectularius) denken, die einem als Ektoparasit in weniger entwickelten Ländern zum unerwünschten Schlafgenossen werden kann und juckende Bisswunden, Entzündungen und Sehstörungen hervorrufen kann. Die allermeisten Wanzen sind jedoch Vegetarier, die mit Hilfe ihres Saug/Stechrüssels (Rostrum), dessen hochkomplizierter Bau jeden Entomologen in Verzückung geraten lässt, die zuckerhaltigen Flüssigkeiten aus Stengeln und Blättern von Pflanzen saugen. Dieser Rüssel ist (genau wie der zugegeben gemeine Gesichtsausdruck) auf der folgenden Abbildung der Ventralseite gut zu sehen:

Das Verhalten der Wanzen wird zum guten Teil durch Duftstoffe gesteuert. So geben die Tiere, je nach Befindlichkeit entweder so genannte Aggregationspheromone ab, die zur Versammlung an einem Ort führen, oder Alarmduftstoffe, die die rasche Zerstreuung der Wanzenversammlung hervorrufen. Die Duftstoffe werden dabei in so hoher Konzentration abgesondert, dass sie auch vom Menschen wahrgenommen werden können. Die Geruchsspannweite reicht von angenehm aromatisch, bis zu widerlich stinkend. Die Deckflügel der Wanzen sind im Unterschied zu denen der Käfer nur teilweise sklerotisiert, der proximale Teil ist verhärtet, der distale häutig. Der Fachmann spricht in diesem Falle von Hemielytren, denen die Unterordnung der Wanzen (Heteroptera, Verschiedenflügler) ihren wissenschaftlichen Namen verdankt. Charakteristisch ist außerdem das große und gut sichtbare Scuttelum (Schildchen) zwischen den Vorderflügeln, das man in der Dorsalsicht erkennen kann.

Diese chinesische Wanze ist wirklich ein Prachtstück von einer Schnabelkerfe, leider habe ich die genaue Gattungsbezeichnung nicht ermitteln können. Viele der bei uns heimischen Wanzenarten sind aber genau so ansehnlich, zeigen kräftige und glänzende Farben und lassen sich, da sie häufig anzutreffen und zumeist relativ träge sind, gut beobachten. Ich hoffe also, dass der eine oder andere Leser beim nächsten Spaziergang, sollte er auf eine Wanze treffen, diese mit Interesse betrachten wird. Von diesem Punkt ist es dann nicht mehr weit zu Einschlaglupe und Federstahlpinzette, die der Insektenkundler als Minimalausstattung mit sich zu führen pflegt. Es gibt unermesslich viel zu entdecken.

Note to self: Perfekter Regenzeitpunkt für Ödlis frisch gesäten Rasen. Musik: Between the Buried and Me, Anberlin, Carcass.

Beniest vom heiligen Geist

Schönstes Pfingstwetter, kaum zu fassen. Während alle Welt in der Sonne liegt, im Biergarten sitzt, den Garten auf Vordermann bringt (Bravo Ödli!) oder Geburtstag feiert (Sorry Anne!) quäle ich mich mit Schüttelfrost, Fieber, entzündeten Nasennebenhöhlen, Halsschmerzen und dem hinlänglich bekannten Hammer-auf-Kopf-Gefühl herum. Ich will hier nicht anfangen über die sich ändernde Farbe der Sekrete zu schreiben, obwohl das eine längere und bunte Abhandlung ergeben würde. Irgendwie bin ichs ein bisschen leid, dieses Jahr hat es mich nun schon ein paar mal erwischt. Das bedeutet eindeutig, dass die Vitaminzufuhr zu steigern, kalte Abhärtungsduschen fest einzuplanen und insgesamt die Bewegung an der frischen Luft zu forcieren ist. Das alles gelobe ich hiermit, wünsche weiterhin viel Spaß in der Sonne und verziehe mich röchelnd, schnaubend und fröstelnd wieder auf die Couch.

Note to self: UVTV sehr zu empfehlen! Musik: Queens Of The Stone Age, Pothead, Led Zeppelin, Lodestar.