Das Anthropozän

Die Produkte menschlicher Hybris sind zahlreich, zuweilen monströs (Grabmal des Chufu), oft genug unfreiwillig komisch (Alle Platten von Manowar), manchmal auch nur furchtbar peinlich (Windows Vista), im Grunde langweilig („Krieg und Frieden“) oder auch ekelerregend (US-Amerikanische Außenpolitik seit dem Koreakrieg). In der Summe zeigen diese Auswüchse deutlich, dass die Eitelkeit unserer Spezies eine ernsthafte und distanzierte Beschäftigung mit unseren Leistungen und Möglichkeiten bis auf wenige Ausnahmen (Douglas Adams, Stanislaw Lem, Terry Pratchett) wirksam verhindert.

Heute las ich im Onlineangebot einer führenden deutschen Tageszeitung, dass eine Gruppe von Geologen, also Vertretern einer Fachrichtung, die im Gegensatz zu Soziologen und Verhaltensforschern nicht eben für abseitige Späße bekannt ist, an der Universität von Leicester tatsächlich ein neues Erdzeitalter, nämlich das in der Überschrift genannte Anthropozän, erfunden hat. Diese Epoche soll mit der Industrialisierung begonnen haben und sich durch tiefgreifende Veränderungen der Erdkruste auszeichnen, die vom Menschen verursacht wurden und werden. Natürlich sind nicht die Folgen unser aller Schäufelchen- und Förmchenspiele damit gemeint, sondern beispielsweise die Veränderung des globalen Erosionsgeschehens durch Bebauung und Landwirtschaft.

Führt man sich die Zeitskalen vor Augen, über die sich geologische Epochen für gewöhnlich erstrecken, und berücksichtigt man die fundamentalen Veränderungen des Planeten, die die Abgrenzungen der Erdzeitalter voneinander begründen, so kann man sich angesichts der Selbstüberschätzung der Anhänger der These vom Anthropozän nur verwundert die Augen reiben. Im angesprochenen Artikel wird zu recht darauf hingewiesen, dass sämtliche Versuche, das Geschehen auf der Erde durch anthropozentrische Modelle zu erklären, durch Kopernikus, Darwin und Freud ad absurdum geführt worden sind. Es kommt mir so vor, als hingen die Leute aus Leicester immer noch an den Rockzipfeln von Ptolemäus, Lamarck und Jung.

Sollte bei einer Ausgrabung durch außerirdische Archäologen irgendwann nach unserem Aussterben ein geologisches Lehrbuch zu Tage gefördert werden, das sich mit dem Anthropozän beschäftigt, dann werden sich die Ausgräber vor Lachen auf die Schenkel (oder was auch immer) klopfen und sie werden den Kopf (oder was auch immer) darüber schütteln, wie anmaßend und selbstbezogen diese merkwürdigen Zweibeiner gewesen sind.

Note to self: Google Analytics kosten keinen Pfennig und machen für ’nen Taler Spaß. Musik: Yes

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Kosmische Hintergründe und langsame Walzer

Welch ein gelungener Abend! Pickepacke voll war das Wild Rover, die Stimmung ausgezeichnet. Am Eingang waltete Günni, Cobes Coach (Motivation, Coolness, Trinkfestigkeit) seines Amtes, viele vertraute Gesichter signalisierten sofort: Das wird ein Fest! Pünktlich, wie sich das fürs Rover gehört, ging es los. Schon bei den ersten Takten von „Freedom“ war klar, dass der Sound diesmal endlich mal perfekt war. Das dürfte vor allem für Basser Ödli gelten, der über die fette Box der Steinbräute spielte und folglich genügend Power unter der Haube hatte. Im Vergleich zum Gastspiel in Eynatten eine deutliche Steigerung. Cobe präsentierte sich gutgelaunt und wie aus einem Guss. Jetzt warten wir alle nur auf eine vokalisierte Version von „Osmose“.

Auf die myspace-Seite und die Homepage von Cobe habe ich hier ja schon mehrfach hingewiesen. Das dort anhörbare Material wurde anlässlich des gestrigen Auftritts als streng limitiertes Mini Demo (35 Exemplare) zum Selbstkostenpreis angeboten, wahrscheinlich wird die Scheibe in absehbarer Zeit zum begehrten Sammlerstück avancieren, weshalb ich voller Stolz kundtue, dass die Nr. 24/35 mir gehört (Die Nummer 23 wurde mir leider von Sascha und Franzi weggeschnappt, well done folks!).

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Nach kurzer Umbaupause (die mit Hilfe eines leckeren Irish Stout ideal überbrückt wurde) legte Stonebride los. Im Vergleich zum gestrigen Gig merkte man sofort, dass die Jungs erstens deutlich mehr Lust hatten, zweitens das Publikum dies wiederum begeistert zur Kenntnis nahm und dies drittens in einer hypnotischen Gesamtstimmung resultierte. Im zweiten Drittel des Sets waren für meinen Geschmack ein bisschen zu viele langsame Dreiviertel konzentriert. Ein flottes Stück zur Auflockerung würde da guttun.

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Resüme: Es kann kein Zufall sein, dass dem lieben Rory kurz nach Konzertschluss das Bier ausging (das haben erst 4 Bands in der langen Geschichte des Rovers geschafft). Dass dann die Versorgung mit Flaschenware vom Büdchen per Pedes sichergestellt wurde, ist eine amüsante Randnotiz. Ich freue mich jedenfalls schon auf den nächsten Auftritt der kosmischen Background Explorer und gelobe, mir demnächst mal eine Probe im Bunker zu geben. Feste Leute.

Note to self: Das Treppenhaus Mann, pack es an. Musik: Cobe, Ferris MC

Metal d’Outremeuse

Manchmal hat es schon seine Vorteile am Rand der Republik zu wohnen, zum Beispiel, wenn man am Samstag Abend kurz entschlossen nach Lüttich aufbricht, um sich ein bisschen europäischen Metal auf die Ohren zu geben. Serviert wurde im La Zone am Quai de l’Ourthe (Sehr empfehlenswerte Location trotz Clubkarte und Bierbongsystem). Das Publikum kleinstädtisch bunt gemischt und fröhlich, aber ein wenig reserviert. Heftig laut wars und ganz schön dunstig.

Den Anfang machten El-Thule aus Bergamo, Italien. Sie präsentierten abwechselnd brettharte Stücke mit extrem flottem exaktem Schlagzeug und langsame, schwere Werke, wobei die Zuhörer insgesamt mehr Spaß gehabt hätten, wenn der Frontman, ein Schreihals par excellence, ein bisschen weniger an seinem Mikroständer herumgenestelt hätte.

El-Thule

Als nächstes folgten Stonebride aus Zagreb, Kroatien. Das Durchschnittstempo nahm ab, die Spielfreude und Lautstärke zu. Der Schlagzeuger hatte so ungefähr das größte Ride-Becken am Start, das ich je gesehen habe. Die Jungs wirkten leider ein wenig verzagt, mal schauen wie das heute abend wird. Ansonsten ganz schön viel Dreiviertel.

Stonebride

Zum Schluss zeigten die Lokalmatadoren Vandal X was eine Harke ist. Das belgische Duo machte jedenfalls folgendes klar: Man braucht keinen Bass für Metal, wenn man eine aufgebohrte Telecaster mit querliegendem Pickup für die oberen beiden Saiten, einen Octaver und einen Verstärkerpark hat. Der Sound war, hm, absolut einzigartig. Beide Akteure wussten auch am Mikro zu überzeugen, was zur Revidierung meiner Vorurteile bzgl. singender Schlagzeuger (Vanilla Fudge) führte. Wirklich bemerkenswert war, was der Drummer mit handwerklicher Präzision aus seiner kleinen Kiste herausholte. Einziges Manko: Die eine oder andere abfällige Bemerkung Richtung Publikum hätte man sich schon verkneifen können.

Vandal X

Note to self: Demnächst tagsüber und mit Kamera nach Lüttich. Musik: Pat Metheny, Moby

Der Kleineisen & Co Horror

Wahrscheinlich bin ich gar kein „richtiger Mann“. „Richtige Männer“ lieben Baumärkte, sie pilgern Samstagvormittags in karierten Flanellhemden und ausgebeulten Arbeitshosen an den Stadtrand, um in zugigen Hallen versonnen über Elektrowerkzeugen, Baufertigteilen und Spachtelmassen zu brüten. Dabei führen sie stets einen Zollstock mit sich, sei es, um diesen prüfend an das in Frage kommende Produkt zu halten, sei es, um sich damit den Stoppelbart oder hinterm Ohr zu kratzen, falls dort nicht ein Bleistift zwischengelagert ist. Die Suche nach dem begehrten Artikel wird nicht als Ärgernis, sondern als Herausforderung wahrgenommen, schließlich fragt ein „richtiger Mann“ auch beim Autofahren nicht nach dem Weg. Sollte sich die Peinlichkeit jedoch ausnahmsweise einmal nicht vermeiden lassen, wird das Personal mit Fachbegriffen zugetextet, die aus sparsam geöffnetem Mund gebellt oder zwischen den Zähnen hervor gepresst werden und letzten Endes vor allem eins bedeuten sollen: „Ich habe schon Parkett verlegt und Zwischendecken eingezogen als du noch in die Windeln geschissen hast.“ Da der Widerpart derlei Anmaßungen natürlich nicht auf sich sitzen lassen kann, entspinnt sich ein munteres Wetteifern, das zur Klärung der Ausgangsfrage meist nicht entscheidend beiträgt. Egal, beide Parteien trennen sich im Wohlgefühl, es dem Anderen mal so richtig gezeigt zu haben. Man wendet sich wieder der konkurrenzlos günstigen Oberkopffräse, dem 96teiligen Steckschlüsselsatz „Profi Multi“ zu und möchte an keinem anderen Ort der Welt sein.

Meine Baumarkterfahrungen sind da ganz anders: Die Kästchen in den Regalen der Abteilung „Kleineisen“ lassen mich verzweifeln, Lampengehäuse nach ihrer Schutzart zu vergleichen füllt mich nicht aus, kleine Fernseher, aus denen markante männliche Stimmen dringen, die von Zugbelastungen und Langlöchern erzählen, lösen paranoide Schübe aus. Dazu kommt das ungute Gefühl, bei der zur Zeit in Deutschland tobenden Rabattschlacht („außer Tiernahrung“, „außer Raufaser“) nie das wirklich günstigste Angebot zu erwischen. Zappenduster wird es dann, wenn ich mich nach gefühlt stundenlangem und dennoch erfolglosem Suchen mit stammelnd hervorgebrachten Sätzen wie „Ich brauche da eine Schelle, mhm Öse, mhm Unterlegscheibe…“ an den Fachverkäufer wende, der mir mit hochgezogenen Augenbrauen und spöttischem Mundwinkel klarmacht, dass die Federringe M8 im nächsten Gang rechts mittig zu finden sind. Dann fühle ich mich wie ein Würstchen, ein armes unterbelichtetes Würstchen. Machste nix dran.

Note to self: Warum klemmt die T-Com mich ungefragt ab? Musik: Grobschnitt, Götz Widmann

Cobes Überraschungsgig

Ganz wie die Großen: Zur Vorbereitung des epochalen Doppelkonzerts am 27. im Wild Rover spielten Cobe sozusagen inkognito gestern im Jugendtreff Inside in Eynatten und präsentierten ihren neuen Sänger. Ein denkwürdiges Ereignis in einer recht bizarren Location. Das Publikum setzte sich aus präpubertären belgischen Jungspunden (Pogo!), älteren Jugendarbeitsbeauftragten (Skoob!) und einigen Aachener Hardcorefans (Jupiler!) zusammen. Nachdem ein lokales Quartett mit einigen Coverversionen die Stimmung aufgeheizt hatte (wobei der Sänger sämtliche Songs mit etwa dreieinhalb Tönen aber großem Impetus und Iron Maiden T-Shirt bestritt), enterte Cobe die Bühne und gab gewaltig Gas.

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Leider war der Sound ein bisschen matschig und die Bühne ein bisschen klein, aber ansonsten rockte das Haus. Jochen konnte am Mikrophon durchaus überzeugen, so dass die vakante Sangesposition nunmehr endlich und endgültig besetzt sein dürfte. Wir freuen uns also auf den kommenden Sonntag und lauschen bis dahin den neuen Uploads auf Cobes myspace Seite.

Note to self: Was für ein Biathlon-Wochenende! Musik: Lamb of God, Between the buried and me.

Luftikus, der Ladenhüter

Einmal im Jahr betritt ein unscheinbarer Mann mit Halbglatze, Nickelbrille und ergrautem 5-Tage-Bart in Blue Jeans und schwarzem Rolli die Bühne eines Konferenzcenters an der amerikanischen Ostküste: Es ist Keynotezeit und Steve Jobs, an dessen Lippen in diesem Moment einige Millionen Jünger hängen, verkündet, was die Firma Apple an neuen Produkten vorstellen wird. So war das auch vor ein paar Tagen.

Star der Vorstellung war diesmal das neue MacBook Air. Angeblich das dünnste Notebook der Welt. Gut, die Hauptplatine ist kaum länger als ein Bleistift, schick ist das Teil auch. 1,3 kg Gesamtgewicht sind wirklich ein Spitzenwert. Damit hat es sich dann aber auch: Mehr als 1600 Tacken soll die Flunder kosten. Kein optisches Laufwerk, kein Firewireanschluß, kein Audio-In, eine schnarchlahme 1,8 Zoll-Platte. Nein, damit ist kein Staat zu machen. Das Teil eignet sich allenfalls als Spielzeug für die Chefetage. Selten hat mich eine Neuvorstellung aus Cupertino so enttäuscht. Wollen wir mal hoffen, dass die bereits seit einiger Zeit erhältlichen MacBooks, bei denen eine Auffrischung der Hardware dringend geboten ist, im Preis bald ein wenig nachgeben. Der Luftikus jedenfalls wird das werden, was der Cube und der Newton auch schon waren: Ladenhüter.

Note to self: Kein Nokia kaufen, Rache für Bochum. Musik: Tefla & Jaleel, Sylvain Luc & Bireli Lagrene

Die Aasgeier

Entrümpeln ist nun wahrlich keine schöne Arbeit: Die unzähligen Entscheidungen (Wird dies oder das noch gebraucht?), die bohrenden Fragen (Warum wurde dies hier nicht bereits vor 25 Jahren weggeworfen?), die Ernüchterung des bloggenden Konsumverweigerers (Wieso, zur Hölle, kauft man so einen Mist?). Das Endergebnis sind ein paar Kubikmeter Leere, die, man ahnt es bereits, schon bald wieder vollgestellt sein werden. Aber ein Sperrmülltermin ist ein Sperrmülltermin, und ein solcher war heute. Nach kurzer aber intensiver Tätigkeit stapelten sich die Überbleibsel einer Einbauküche, diverse Teppichreste sowie die so genannte „weisse Ware“ zunächst am Straßenrand. Nun ist es ja zweifellos fast bei jedem so, dass ein Sperrmüllhaufen die Neugier erregt und man im Vorbeigehen nach Brauchbarem Ausschau hält. Was sich aber heute Nachmittag abspielte, sprengte meine Vorstellungskraft: Aasgeiern gleich stürzten sich fliegende Schrottsammler auf alles aus Altmetall, Lieferwagen, PKW mit Anhänger fuhren im Minutentakt vorbei, wobei die Sekundärrohstoffe auf unserem sich in Windeseile verkleinernden Haufen durch heruntergekurbelte Fenster taxiert wurden. Elektrogeräte hielten sich keine 5 Minuten, alte Pfannen waren heiß begehrt. Eine Edelstahlspüle wurde einem fast aus den Händen gerissen. Meine Schlussfolgerung: Wenn die Chinesen im gleichen Tempo weiter Autos kaufen, werden Ravioli demnächst im Einmachglas verkauft und die Alufolie um die Pitta gegen Pfand abgegeben und wieder verwendet. Und noch ein weiteres Bild will mir nicht aus dem Kopf: In einem Film über den Yangtze sah ich zwei Schulkinder, die nicht zur Schule gingen, sondern in einem winzigen Bötchen saßen und Konservendosen aus der stinkenden Brühe fischten, tagein tagaus. Die schmale Altmetallernte reichte ihren Angaben zufolge für eine warme Mahlzeit alle zwei Tage.

Note to self: Trotziges Schweigen ficht mich nicht mehr an. Musik: Tracy Chapman, U2, Cobe