Die Oregano-Krise

Die Liste meiner Unentbehrlichkeiten, lang ist sie nicht. Aber natürlich: Es gibt ein paar Produkte, ohne die es nicht geht und die daher ständig „im Zulauf“ sind: Kaffee, logisch oder? Milch für in den Kaffee, weitere Grundnahrungsmittel (Brot, Käse, Aufschnitt, Streichfett), dann die Abteilung Badezimmer (Duschgel, Zahncreme, Deo, Klopapier), leider immer noch Tabak und Blättchen, Pilsbier wird auch gerne genommen, dazu ein paar Nüsschen und natürlich Fisherman’s Friend Mint ohne Zucker. Das war es schon fast.

Zwar koche ich regelmäßig und zwar oft das gleiche und zwar ohne abzuschmecken und insgesamt wahrscheinlich erschreckend talentfrei, aber der Hunger treibts runter. Was gekocht wird, entscheide ich spontan beim Einkauf, die erste Zutat bestimmt meist die anderen. Und für „Reis mit Scheiß“ oder Pasta-Variationen auf studentischem bzw. WG-Niveau reichen oft die Restbestände im heimischen Kühlschrank. Irgendeine Paprika, ein paar zwanglose Schalotten, zufällige Kartoffeln, ein Stückchen Speck, das sich nicht schämt, ein einsames Ei, meine Pfanne kennt das schon und sie kann ja nicht Protest schreien. Wenn man so kocht, gibt es eigentlich nur eine Grundregel: Hände weg von der Muskatnuss! Da bin ich empfindlich. Ansonsten wird gerne nach Farbe gewürzt: Weiß, schwarz, rot und grün. Und grün ist hier das Stichwort.

Ich liebe den gemeinen Dost, Oregano wird er auch genannt. Er verleiht auch extremen kulinarischen Unzumutbarkeiten mediterranes Flair und betört schon bei der Zubereitung mit kräftigem Aroma. So wie man keinesfalls am Salz sparen sollte, kann man bei Oregano eigentlich nur dann etwas falsch machen, wenn man das Kraut weglässt. Nur bei allem, was im weitesten Sinne asiatisch anmuten soll, stört er. Aber sonst: Hinein damit. Also gehört auch das Gläschen mit getrocknetem Dost zu den Standardprodukten, die ich immer vorrätig habe. Eigentlich.

Seit mehreren Wochen gibt es das Kraut weder bei meinem Stammdiscounter, noch bei meinem Vollsortimenter. Nix, nada, zip. Mögen mich Basilikum, Dill, Majoran und Thymian aus den benachbarten Fächern auch höhnisch grüßen, kein Dost, kein oreganischer Hauch. Nirgendwo. Und ja, ich gestehe: Ich habe tatsächlich schon in Amazonien das entsprechende Angebot geprüft, allein die Gebindegröße (750g? WTF) hielt mich vom Erwerb ab.

Jetzt mal Tacheles: Das Zeug kommt aus dem Mittelmeerraum, wird in der Türkei und Griechenland kommerziell angebaut, mit beiden Ländern befinden wir uns nicht im Krieg. OK, es ist Winter, aber es sollten doch noch Bestände aus dem letzten Jahr zu bekommen sein. Wir sind Meister der Logistik: Großturbinen, Fertighäuser, ganze Produktionsstraßen werden fristgerecht angeliefert. Da kann es doch kein Problem sein, eine adäquate Menge an Dost zur Verfügung zu stellen. Hört her, ihr Kräutereinkäufer, schickt einen Sprinter los, macht was!

Note to self: Am Bett. Es geht. Musik: Irk, Veldes, Tomorrowillbeworse, Shaving the Werewolf.

Werbeanzeigen

Was geht, Sucker?

Äh ja. Also ich habe ja meine ganz eigene Meinung zur Firma von Herrn Zuckerberg und die führt dazu, dass ich kein Produkt dieser Firma nutze oder jemals nutzen werde. Kein Facebook, kein WhatsApp, kein Instagram – niemals. Klar, auch ich benutze einen Messenger, aber der ist nicht nur Ende-zu-Ende verschlüsselt, die Server stehen in der Schweiz, der hat vor allem keinen Zugriff auf mein Adressbuch. Bilder habe ich mal ein paar auf Panoramio hochgeladen, die fand ich dann später auf kommerziellen Internetseiten von Pensionen in der Eifel und war zu müde, rechtlich dagegen vorzugehen. Und statt dem Fratzenbuch schreibe ich lieber ab und zu was in ein Blog, das keiner liest. Ist schon OK so.

Zuckerberg hat jetzt angekündigt, die Nachrichtenfunktionen von Facebook, WhatsApp und Instagram zu verknüpfen. das kann niemanden mehr überraschen. Der Konzern ist ohnehin die größte Datamining-Schweinerei, die seit Erfindung des Internets existiert. Insofern ist dieser Schritt konsequent. Inkonsequent ist, dass es keinen politischen Willen gibt, dieser Schweinerei endlich Einhalt zu gebieten. Noch unverständlicher ist, dass die Nutzer dieser Plattformen sich wie die dümmsten Schafe dorthin führen lassen, wo die letzten Reste ihrer Privatsphäre blutig hingeschlachtet werden.

Ich fahre ja einigermaßen viel Omnibus. Dabei beobachte ich immer wieder das gleiche: Männer und Frauen jeden Alters, die permanent mit ihrem WhatsApp beschäftigt sind. Vielleicht ist mein Leben einfach zu trist und zu einsam, aber ganz ehrlich: Ich wüsste beim besten Willen nicht, was ich da die ganze Zeit reinklimpern sollte. Ich habe dem Internet noch nie mitgeteilt, was ich gleich essen werde. Wenn ich etwas kaufe, würde ich meine Homies nie über diese Anschaffung informieren. Ich glaube einfach nicht daran, dass wir uns durch Konsumentscheidungen profilieren können. Ich erlebe, dass Menschen, die sich sehr viele Gedanken über ihre Ernährung, die Energiepolitik und Mikroplastik machen, die Produkte von Herrn Zuckerberg völlig kritiklos benutzen und diejenigen, die dabei nicht mittun wollen, auch noch für ihre Randständigkeit schelten.

Mein Leben ist mein Leben. Es ist kein Auswertungsfall für irgendeine Scheißaktiengesellschaft. Es passiert, es ist kein Projekt und es wird nicht optimiert werden. Und obwohl oder gerade weil ich sehr viel Wert darauf lege, zu kontrollieren wer was über mich weiss, ist es kein bisschen weniger bunt und aufregend als das der Willigen, die sich selbst ausliefern.

Note to self: Jetzt wird es unangenehm. Schnall Dich an. Musik: K’s Choice, Altarage, Zaz, Voivod.

Sich das Land zurückholen

Man liest und hört diese Formulierung immer wieder, vorzugsweise von Vertretern der politischen Rechten, national-konservativen und wirtschaftsliberalen Kreisen, aber beispielsweise auch von den Brexiteers vom Schlage eines Boris Johnson oder Nigel Farage oder der Tea-Party-Bewegung in den Vereinigten Staaten: Die Bürger sollten sich „das Land zurückholen“. Was soll das eigentlich bedeuten?

Es soll wohl zum Ausdruck gebracht werden, dass auch und gerade in den repräsentativen Demokratien des Westens eine Kaste von Politprofis, das so genannte Establishment, das Ruder übernommen hat und im wesentlichen eigene Interessen und nicht die derjenigen vertritt, denen sie ihren Posten verdankt. Was ist davon zu halten?

Ich finde es merkwürdig, dass von Politikern erwartet wird, sie mögen doch bitte perfekte Funktionsträger sein, fehlerlos, moralisch integer, Fachleute auf allen Gebieten, dazu telegen, eloquent und jederzeit gefasst. Menschen sind nicht so. Würden wir von unseren Nachbarn und Landsleuten erwarten, dass sie steuerehrlich sind, nie zu schnell fahren, ihren Müll perfekt trennen, die Hinterlassenschaften ihrer Hunde vorschriftsmäßig entsorgen und das alles selig lächelnd? Nein, denn wir kennen uns selbst. Zwar scheitern wir beispielsweise bei der Einrichtung und Bedienung unseres Multifunktionsdruckers, trauen uns aber ein sicheres Urteil über multilaterale Handelsverträge, NOx-Grenzwerte und die diplomatischen Beziehungen zu Turkmenistan durchaus zu, jedenfalls wenn wir unsere Partikularinteressen durch politische Entscheidungen beeinträchtigt sehen.

Sicher, das Prinzip der repräsentativen Demokratie setzt mündige Bürger voraus, die sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten um die eigene Willensbildung kümmern. Man muss aber konstatieren, dass diese oft genug im Bauchraum und nicht zwischen den Ohren stattfindet. Wenn Meinungen an uns herangetragen werden, die uns nicht schmecken, dann möchten wir nur zu oft den Überbringer der Nachricht töten oder zumindest als Teil der Systemmedien diffamieren. Die politischen Vertreter der Gegenseite werden dann zu Buhmännern, die nur ihren Posten und ihre Macht im Blick haben und sich um die Interessen des Volks nicht scheren.

Das politische Handwerk ist eine Kunst, die schwierig zu erlernen ist. Demokratie ist ein Modell, das kleine Schritte macht, manchmal nicht vorwärts, sondern zurück. Entscheidungen, die uns heute plausibel erscheinen, werden morgen verdammt werden, weil sich die politische Großwetterlage, aber auch unsere persönlichen Verhältnisse fortwährend ändern. Und mal ganz ehrlich: Wer würde sich nicht die Rosinen auf Kosten der anderen aus dem Kuchen picken, wenn er es könnte.

Eines eint die Bewegungen des Protests, die Gelbwestenträger, die „America-firsts“, die „Britannia-rule-the wavers“, die „White-supremacists“: Die Vorstellung nämlich, man habe ein natürliches Recht, sei auf Diskurs und Kompromiss nicht angewiesen. Das berechtigt dann auch zu Umsturzphantasien, die fatal an den revolutionären Mechanismus des Marxismus-Leninismus erinnern, den wir doch eigentlich hinter uns gelassen haben. Der politische Gegner kommt in diesem Bild gar nicht mehr vor. Dort, wo die Linke die Vorstellung verfolgt, man müsse möglichst alle mitnehmen, wenn nötig durch Belehrung, Sanktion und Zwang („Bestrafe einen, erziehe hundert.“), haben die Reaktionären ein argumentatives Loch.

Wer sich „das Land zurückholen will“ hängt der Vorstellung des besseren „Frühers“ an, einer Zeit, in der die Menschen anständig und ordentlich waren. Gleichzeitig reden die vorgeblich Ungehorsamen, die den Mainstream verachten, dem Ellenbogenmenschentum das Wort – in der zweifelhaften Gewissheit, sie würden dann schon auf der richtigen Seite stehen, auf der Seite der mächtigen Profiteure nämlich. Das Problem der Selbstermächtigung ist, dass sie kein Selbstzweck sein darf. Das Land, das man sich zurückholen will, hat nie existiert.

Note to self:  Telekomiker, ich hasse euch alle. Musik: Angus & Julia Stone, Shaving the Werewolf, Veldes, Arch Enemy.

Danke!

Nach längerer Blog-Pause (Erst Grippe, dann Jahresendstress, dann Winterschlaf zwischen den Jahren) beschäftigt sich der erste Beitrag des Jahres mit Musik, mit Gitarrenmusik genauer gesagt, aber auch mit einem Artikel von Jan Stremmel aus der Online-Ausgabe der Süddeutschen von heute. Dieser Artikel trägt die Überschrift:

„Als die Frauen die Rockmusik retteten“

Ganz ehrlich, was soll man als Liebhaber von handgemachter Mucke der eher rauen Gangart da anderes sagen als: „Danke Mädels!“

Der Artikel stellt einige, nun ja, steile Thesen auf, spart auch nicht mit klischeehaften Überspitzungen und entblödet sich nicht, den männlichen Rockmusiker auf ein testosterongesteuertes, grenzdebiles Abziehbild zu reduzieren. Wir lesen solche Sätze wie:

„Während weiße, männliche Rockmusik kaum noch junge Menschen interessiert, stammt Musik, die von Experten als relevant, hochwertig und besonders zeitgemäß eingestuft wird, überwiegend von Frauen.“

Ein interessanter rhetorischer Kunstgriff, nicht wahr? Bezeichnet wird ein Gegensatz, der keiner ist, denn die Experten dürften eher ältere, weiße Männer sein und eben nicht der Durchschnittsmensch unter 40, der, das ist die These des Artikels, sich ohnehin nicht mehr für Rockmusik interessiert. Also für von Männern gemachte Rockmusik. Aber was ist mit den Begriffen „relevant“, „hochwertig“ und „zeitgemäß“?

Nun, Relevanz kann sich ja an der Popularität und damit dem kommerziellen Erfolg bemessen, da ist allerdings, zumindest für das Jahr 2018, eine ziemlich eindeutige Verteilung von Männern und Frauen festzustellen. Ob Musik hochwertig ist, kann man zwar objektiv messen, allerdings hat bei der Schöpfungshöhe Populärmusik, egal ob von Frauen oder Männern gemacht, in der Regel keine Matte gegen Jazz und Klassik. Verlässt man diese objektivierbaren Parameter, so verkommt die Wertigkeitsdiskussion zu einer Huddelei, die mit dem Satz „über Geschmack lässt sich nicht streiten“ hinreichend ausgeleuchtet ist. Und schließlich: Warum soll man von Musik verlangen, dass sie zeitgemäß ist? Ist es nicht eher so, dass „gute Musik“ zeitlos ist bzw. die Zeit überdauert? Ich meine schon.

Aber Herrn Stremmels Mission ist ja auch nicht die Auseinandersetzung mit Musik, nein, er möchte gerne die Frauen in den Himmel schreiben und die Männer marginalisieren, weil sich das heutzutage so gehört, besonders wenn man Mitglied der Redaktion der „Süddeutschen“ ist, traurig, aber nur zu wahr. Entsprechend legt der Autor nach und beschreibt, wie sich Rockmusik in der Vergangenheit konstituiert hat:

„Hier die Band als rebellischer Männerbund – dort die Frau als konsumierbarer Groupie (wenige exotische Ausnahmen wie Janis Joplin oder Patti Smith mal ausgenommen).“

Hm. Jefferson Airplane? Fleetwood Mac? The Velvet Underground? Und mal ganz ehrlich Herr Stremmel: Ich kenne Ihre feuchten Träume nicht, aber wer wen konsumiert, wenn es zum einvernehmlichen Sex im Backstagebereich kommt, das sollten sie den Beteiligten überlassen, ohne genderfaschistische Zuschreibungen. Überlegen Sie mal, wieviele Rockstücke sich mit der Anbetung, Vergöttlichung und grenzenlosen Bewunderung eines geliebten, oftmals weiblichen Menschen beschäftigen.

Klar, wir leben in einer Zeit, in der beispielsweise der „Lemon Song“ von Led Zeppelin als frauenfeindliches Machwerk gebrandmarkt wird (ein Treppenwitz), aber diese Anschauung ist eben Resultat einer prüden, lustfeindlichen Geisteshaltung, die Moment zwar leider en vogue ist, aber völlig außen vor lässt, dass Rock’n Roll schon bei seiner Erfindung ganz eindeutig sexuell konnotiert war, das hört man schon am Namen. Und das wurde in den prüden und lustfeindlichen 50er Jahren des letzten Jahrhunderts auch entsprechend kritisiert. Wollen wir wirklich dahin zurück?

Aber egal, jetzt haben ja weibliche Rockmusiker das Ruder übernommen. Der Artikel nennt Künstlerinnen wie St. Vincent, Courtney Barnett, Mitski oder Snail Mail. Ich bin ehrlich: Ich kannte keine dieser Musikerinnen, bin also ein Banause, habe mich aber mal ein bisschen auf Youtube umgetan:

 

Also, ganz ehrlich Herr Stremmel: Wenn so die Rettung der Rockmusik aussieht, dann gratuliere ich Jedem und Jeder, die nicht daran beteiligt sind. Und die Begriffe „relevant“, „hochwertig“ und „zeitgemäß“ erscheinen bei Ansicht dieser Grausamkeiten in einem ganz neuen Licht. Aber wie gesagt, um Musik geht es bei Ihrem strunzdummen Geschreibsel ja auch nicht. Es geht darum die Krise des Mannes herbeizuschreiben, der nicht mehr relevant sein kann, weil er nicht mehr relevant sein darf. Wir lesen:

„In dieses Vakuum, so sehen es Beobachter wie Anne Haffmans, sind nun die weiblichen Gitarrenbands gestoßen. Mit neuem Selbstbewusstsein und derselben Lust am Tabubruch, die vorher die langhaarigen Männer mit den penisbetonenden Jeans für sich beanspruchten.“

Einfallsloser und primitiver geht es kaum, aber was solls, die Richtung muss stimmen. Da erübrigt sich dann auch ein Vergleich, welche ihrer körperlichen Vorzüge die so hochgelobten Protagonistinnen beispielsweise in den oben eingefügten Videos betonen. Frauen dürfen so was.

Wissen Sie was Herr Stremmel: Bei Musik, die mir gefällt (und davon gibt es eine ganze Menge) unterscheide ich nicht, ob sie von Frauen oder Männern gemacht wurde. Mir ist egal, ob sie vor zwei Monaten oder vor 350 Jahren gemacht wurde. Es juckt mich nicht, ob die Künstler 500.000 Facebook-„Freunde“, oder überhaupt keine Seite in irgendeinem sozialen Netzwerk haben. Gute Musik kann mich emotional mitnehmen, sie kann zu wichtigen Momenten und Mitmenschen in meinem Leben gehören und sie kann meinen musikalischen Intellekt herausfordern.

Wenn ein mehrfach ausgezeichneter Journalist so eine hanebüchene Zumutung absondert, wie Sie, Herr Stremmel, dann wird mir Angst und Bange. Daran, und auch daran, dass die Süddeutsche derlei Schwachfug dann auch noch veröffentlicht, lässt sich nämlich ablesen, was derzeit so völlig falsch läuft: Hätten Sie einen Artikel über, Ihrer Ansicht nach, aufregende neue Gitarrenmusik geschrieben, ohne sich darauf zu kaprizieren, was die Musiker zwischen den Beinen haben, wäre es ja OK gewesen. Aber nein, es musste ja eine femifaschistische Kampfschrift werden. Und genau das empfinde ich als Beleidigung. Nicht als Mann, als Mensch:

 

Note to self: Ich will Schnee. Musik: Ach lassen wir das.

Kleine Computer

Vor ein paar Wochen hat Apple einen neuen Mac mini vorgestellt und damit das alte Modell, das technisch schon seit Jahren vollkommen überholt war, endlich ersetzt. Das ist insofern erfreulich, als es damit wieder einen stationären Mac gibt, den man seinen Kunden ohne Einschränkung empfehlen kann. Inzwischen ist dieser neue Kleincomputer von den Netzexperten auf Herz und Nieren getestet, auseinandergenommen, aufgerüstet und bewertet worden. Höchste Zeit also, dass ich meinen Senf dazugebe. Was mir bislang noch fehlt, ist ein Vergleich mit gängigen kleinen Office-PCs, die sich großer Beliebtheit erfreuen, weil sie für den durchschnittlichen Nutzer einen guten Kompromiss zwischen Leistung, Preis, Stromverbrauch und Stellfläche darstellen, und eine Betrachtung der Kosten pro Office-Arbeitsplatz. Nun denn:

Der neue Mini hat Vorzüge, aber auch ein paar Apple-spezifische Nachteile. Das hat vor allem damit zu tun, dass Cupertino diesen Rechner nicht nur als günstige Standard-Büromaschine, sondern als kompakte Workstation vermarktet. Kurz zusammengefasst:

„Pros“

  • Moderne Intel-Architektur vom 4Kern-i3 bis zum 6Kern-i7
  • Bis zu 64 GB RAM, nicht verlötet, Grundausstattung mit 8GB völlig in Ordnung
  • Typ-A USB Schnittstellen und Thunderbolt-3-Buchsen
  • optional schneller 10 GBE-Netzwerkanschluss

„Cons“

  • SSD fest verlötet
  • Einstiegsmodell mit nur 128 GB Massenspeicher
  • Einstiegsmodell kostet 899,- €

Würde Apple das kleinste Modell mit einer gesteckten PCIE-SSD mit 256 GB Kapazität anbieten, wären wirklich alle zufrieden, dann ginge auch der Preis halbwegs in Ordnung. Das wäre technisch gar kein Problem, das Design des Kistchens an dieser Stelle ist also eine politische Entscheidung, die die Obstfirma als blutsaugende Halsabschneidertruppe entlarvt. So hart muss man das kommentieren.

Der Vergleich mit gängigen, kompakten Büromaschinen macht diesen Befund recht deutlich:

Lenovo ThinkCentre M720q

Wenn man dieses Kästchen so konfiguriert, dass es dem Einstiegs-Mini möglichst ähnlich ist, dann erhält man für 619,- € immerhin 256 GB Massenspeicher (allerdings nur SATA, kein NVMe), eine 3-Jahres vor Ort Garantie und Tastatur und Maus sind selbstverständlich im Lieferumfang.

Dell OptiPlex 3060

Auch bei diesem Rechner kann man eine Konfiguration zusammenstellen, die dem kleinsten Mini sehr ähnlich ist, diese enthält dann sogar einen 6kernigen-i5, im Gehäuse ist Platz für ein weiteres 2,5-Zoll Laufwerk. Eine 256 GB M2 (SATA)-SSD ist an Bord und das Paket (mit Maus und Tastatur) geht für 629,- € über die Theke.

Intel NUC-Kit NUC8i3BEK

Der Vollständigkeit halber noch ein Barebone, der gerade erst auf den Markt kam und für ca. 270,- € zu haben ist. Baut man in dieses Kästchen 8 GB Speicher (ca. 60,- €) und eine 256 GB NVMe-SSD (ca. 80,- €) ein und rechnet den Preis für das Betriebssystem dazu (137,- €  für Windows 10 pro 64) landet man bei unter 550,- €. Zugegeben, die interne Grafik ist etwas schwächer.

Jaja, natürlich werden hier Äpfel und Birnen verglichen, das ist mir klar. Aber ein kaufmännischer Leiter, der in seiner Firma ein Schreibzimmer neu ausstatten muss, würde bei der günstigsten Variante pro Arbeitsplatz etwa 350,- € sparen und damit ist der Mac mini dreimal raus.

Und wenn man unbedingt beim Mac bleiben will, aber möglichst günstig fahren will? Na, dann rechnen wir doch mal einen Arbeitsplatz für Home-Office zusammen (kein billiges Gelumpe, vernünftige Qualität):

Mac mini, Grundausstattung 899,- €

Macally USB-Tastatur 50,- €

Logitech M500 USB-Maus 25,- €

Benq 24-Zoll-Display 150,- €

Und wir sehen, dass ein Mac-basierter, stationärer Arbeitsplatz unter 1125,-€ nicht zu realisieren ist. Das ist ja dann schon mal eine Ansage, über die sich meine Kunden sicher ganz besonders freuen werden. Um es ganz deutlich zu machen: Das ist einfach zu teuer. Aber der Preis ergibt aus der Apple-Perspektive durchaus Sinn: Der günstigste iMac, der zwar weder von der Rechenleistung, noch von der Grafikleistung mithalten kann und mit einer mechanischen Festplatte kommt, kostet 1.300,-. Drunter machen sie es nicht.

Note to self: Abstand halten. Alles andere geht auf die Knochen. Musik: Beartooth, Smile A Velociraptor, Abysmal Torment, Seasick Steve.

Pauls Akathisie

„Geh mir weg!“ Dachte oder sagte er es? Pauls Telefon hatte schon den ganzen Tag verrückt gespielt und gerade lag er in der Badewanne, die er so bald nicht zu verlassen beabsichtigte. Seit einiger Zeit verdingte er sich auf einer Internetplattform, die Dienstleistungen im weitesten Sinne vermittelte, in Pauls Fall ging es um IT-Dienstleistungen, und dafür eine fette Provison kassierte. Diese Form des modernen Unternehmertums hatte er als adäquate Reaktion auf den Verlust seiner Stellung ausgemacht.

Zunächst hatte er sich mit mäßigem Fleiß auf dem gewöhnlichen Arbeitsmarkt versucht. Einige Vorstellungsgespräche waren im Grunde erfolgreich verlaufen, auch wenn dabei schmerzhafte Sticheleien der Form „Ich sehe, Sie werden nächstes Jahr 50.“ oder „Der Sportlichste sind sie eher nicht, oder?“ zu verbuchen gewesen waren. Immerhin, Angebote gab es, aber Paul nahm sie nicht wahr. Wochenlang hatte er sinniert, bis er in einem romantischen Anfall den Deckel draufgemacht hatte: Sein eigener Herr sein, nicht länger fremdbestimmtes Objekt burgeoiser Ausbeutung, darin lag seine sicherlich güldene Zukunft. Ein Gewerbeschein war schnell besorgt, einige schicke Flussdiagramme und die Skizze eines Businessplans gingen ihm leicht von der Hand. Er hatte beim abendlichen Bier im Freundeskreis in flammenden Reden dem Leben als Entrepreneur das Wort gesungen und seine Bestimmung als Businessmann in rosigsten Farben gemalt.

Seitdem hatte er Drucker in Betrieb genommen und vor allem in den 5. Stock geschleppt, mumifizierte Windows-Installationen wieder zum Leben erweckt, an Laptops herumgelötet, defekte Mainboards ausgetauscht, Viren und Würmer entfernt und vor allem beraten, besänftigt, mit Engelsgeduld zugehört und verständnisvoll genickt. Lang waren die Tage und kurz die Nächte gewesen und als er sich nach 4 Wochen zum ersten Mal seinen Stundenlohn ausgerechnet hatte, hätte er am liebsten bittere Tränen geweint. Aber just in diesem Moment, es war an einem Freitag um kurz nach zehn abends, hatte ein Neukunde mit einem abgerauchten Netzteil seine Nummer gewählt. Ehrensache, dass er sich noch in den Skoda warf und die Angelegenheit schnell regelte, auch wenn er dazu mit der Handyfunzel in das dichteste Kabelgewirr unter einem chaotischen Schreibtisch eintauchen musste, dorthin wohin wohl noch nie ein Staubsauger oder Besen vorgedrungen war.

Paul hatte immer schon eine leichte misanthropische Ader gehabt und die neue Betätigung bot großzügige Gelegenheit, dieses zarte Pflänzchen zu einem Mammutbaum heranwachsen zu lassen. Da waren die Saboteure, die ihn stets mit einem munteren „Ich habe doch gar nichts gemacht.“ konfrontierten, weiterhin die Pseudobegabten, die den Hinweis auf das Handbuch mit Schulterzucken quittierten, dazu die Ungeduldigen, die nach fünf Minuten bereits ein „Na hören Sie, das dauert aber“ vernehmen ließen und die Traditionalisten, die immer ein „Unter XP wäre das nicht passiert!“ parat hatten. Aber am schlimmsten waren Spielkinder mit zu viel Zeit, die eine perfekte Installation innerhalb von zwei Tagen in einen Kübel Mist verwandeln konnten. Paul lernte eine neue Seite an sich kennen: Die insgeheim alles verachtende, vorgespielte Gelassenheit, die einen kugelsicheren neutralen Gesichtsausdruck vor sich hertrug. Für alles andere war er meist zu müde.

Das Telefon klingelte erneut. Fluchend arbeitete er sich aus der Wanne, tapste triefend und frierend ins Arbeitszimmer und nahm den Apparat zur Hand. Nanu? Die Nummer kannte er doch. Das war der kaufmännische Leiter seiner alten Firma…

„Computer-Nothife, was kann ich für Sie tun?“

„Mensch Schneider, das ist ja eine Überraschung. Wie gehts denn?“

„Jaja. Selbständig.“

„Ach so. Neue Laserdrucker. Sechs Stück.“

„Das sind die großen mit den Extra-Papierkassetten, oder?“

„Aha, in den Altbau. Einer pro Etage.“

„Nee, geht klar. Schaffe ich bis morgen mittag.“

„OK, bis dann.“

Er ließ die Mobilfunke aufs Sofa fallen. Das enge steile Treppenhaus kannte er noch zu gut. Die Drucker auch. Inzwischen stand er in einer kleinen Pfütze. Er dachte an die Gesichter der ehemaligen Kollegen, die ihn morgen begrüßen und dann sicher die Köpfe zusammenstecken würden. Draußen jaulte ein Hund, als hätte man ihn getreten.

Wo Herr Dörr irrt

Es tut mir leid, dass ich schon wieder in die gleiche Kerbe hauen muss. Ehrlich gesagt sind  bei mir eigentlich auch andere Themen viel angesagter, über die sich das Bloggen anböte. Nur wird über sexualisierte Gewalt gerade so viel und so viel Unsinn veröffentlicht, da kann ich die Füße nicht stillhalten. Julian Dörr schreibt heute in der Süddeutschen über den Mythos der falschen Beschuldigung. Er hätte es besser nicht getan.

Seine Argumentation (oder besser Dekonstruktion, denn objektivierbar ist dabei gar nichts) geht so: Angesichts der sehr geringen Zahl von falsch Beschuldigten beim Straftatbestand Vergewaltigung und unter Berücksichtigung des Dunkelfeldes (nicht angezeigte Taten) sei es für einen Mann wahrscheinlicher, selbst vergewaltigt zu werden, als Opfer einer Falschbeschuldigung zu werden. Deshalb sei die Debatte überflüssig und die Angst vor der Falschbeschuldigung irrational. Überdies sei auch die häufige Reaktion des Bezweifelns der Richtigkeit der Vorwürfe zu verurteilen. Zur Untermauerung dienen einige populäre Einzelfälle von Kavanaugh bis Christiano Ronaldo.

Ich habe zwei prinzipielle Probleme mit dem Artikel, will aber eines vorausschicken: Wenn Frauen (oder Männer) Vergewaltigungsvorwürfe erheben, dann wäge ich nicht ab, ob ich sie für zutreffend halte, das führt zu nichts. Tatsächlich ist es so, dass manche Männer und Frauen an dieser Stelle ein ausgeprägtes Lagerdenken an den Tag legen, das nur schwarz und weiß kennt. Könnte das nicht daran liegen, dass die Geschlechterdiskussion zu einem konfrontativen Grabenkampf verkommen ist, der keinen vernünftigen Diskurs mehr zulässt? Und ist nicht der Artikel von Dörr ein spanischer Reiter in diesem Grabenkrieg? Für mich ist viel entscheidender, in welchem Rahmen Vorwürfe geäußert werden. Eine Anzeige bei der Staatsanwaltschaft ist da ein ganz anderer Schnack, als das Vorwürgen von 180 Zeichen auf einer Internetplattform, wobei der Täter namentlich genannt wird, das Opfer aber anonym bleibt. Letzteres ist aus prinzipiellen Gründen nicht zu akzeptieren.

Punkt1: Die Sache ist viel zu ernst, um hier Abzählspielchen zu veranstalten. Tatsache ist, dass Falschbeschuldigungen vorkommen. Tatsache ist auch, dass es eine merkwürdige Häufung von Missbrauchs- und Vergewaltigungsvorwürfen bei Scheidungs- und Sorgerechtsprozessen gibt. Im Einzelfall geht das Opfer einer Vergewaltigung und das Opfer einer entsprechenden Falschbeschuldigung durch die Hölle. Es bleibt Herrn Dörrs Geheimnis, warum er versucht, dies mit statistischen Kennziffern zu relativieren.

Punkt2: Die Angst vor einer Falschbeschuldigung war noch nie so wenig irrational wie heute. Dies gilt insbesondere, wenn man nicht nur Vergewaltigung, sondern auch sexuelle Nötigung und übergriffiges Verhalten in die Diskussion hineinnimmt. Das hat zwei Ursachen: Die Form der Verbreitung und die „Ausweitung der Kampfzone“. Zu ersterem hat Jan Fleischhauer (ja, ein reaktionärer Unsympath) gestern etwas Vernünftiges geschrieben. Zum zweiten sei dies hier angemerkt: Wer über einen längeren Zeitraum solche Webpublikationen wie das „Missy Magazin“ oder „Mädchenmannschaft“ liest, wird über kurz oder lang feststellen, dass es für Männer aus der Perspektive des extremen Neofeminisimus überhaupt nur eine Möglichkeit gibt, nicht übergriffig zu sein, nämlich zu gehorchen. Das ist kein leeres Geschwafel, man recherchiere mal zum Thema „Wickelerlaubnis“, oder zum Hashtag #menaretrash.

All dies mag für eine Frau, die Opfer einer Vergewaltigung wurde, keine Rolle spielen und sogar wie eine zynische Relativierung klingen. Das verstehe ich sehr gut. Trotzdem muss es erwähnt werden: Es gibt kein richtiges Leben im Falschen, das ist so wie mit Hitler und den Autobahnen.

Note to self: Es sind sieben und es sollte keiner sein. Gelb ist das Grauen. Musik: Seasick Steve, Dir en grey, A Forest of Stars, Revocation.