Wo Herr Dörr irrt

Es tut mir leid, dass ich schon wieder in die gleiche Kerbe hauen muss. Ehrlich gesagt sind  bei mir eigentlich auch andere Themen viel angesagter, über die sich das Bloggen anböte. Nur wird über sexualisierte Gewalt gerade so viel und so viel Unsinn veröffentlicht, da kann ich die Füße nicht stillhalten. Julian Dörr schreibt heute in der Süddeutschen über den Mythos der falschen Beschuldigung. Er hätte es besser nicht getan.

Seine Argumentation (oder besser Dekonstruktion, denn objektivierbar ist dabei gar nichts) geht so: Angesichts der sehr geringen Zahl von falsch Beschuldigten beim Straftatbestand Vergewaltigung und unter Berücksichtigung des Dunkelfeldes (nicht angezeigte Taten) sei es für einen Mann wahrscheinlicher, selbst vergewaltigt zu werden, als Opfer einer Falschbeschuldigung zu werden. Deshalb sei die Debatte überflüssig und die Angst vor der Falschbeschuldigung irrational. Überdies sei auch die häufige Reaktion des Bezweifelns der Richtigkeit der Vorwürfe zu verurteilen. Zur Untermauerung dienen einige populäre Einzelfälle von Kavanaugh bis Christiano Ronaldo.

Ich habe zwei prinzipielle Probleme mit dem Artikel, will aber eines vorausschicken: Wenn Frauen (oder Männer) Vergewaltigungsvorwürfe erheben, dann wäge ich nicht ab, ob ich sie für zutreffend halte, das führt zu nichts. Tatsächlich ist es so, dass manche Männer und Frauen an dieser Stelle ein ausgeprägtes Lagerdenken an den Tag legen, das nur schwarz und weiß kennt. Könnte das nicht daran liegen, dass die Geschlechterdiskussion zu einem konfrontativen Grabenkampf verkommen ist, der keinen vernünftigen Diskurs mehr zulässt? Und ist nicht der Artikel von Dörr ein spanischer Reiter in diesem Grabenkrieg? Für mich ist viel entscheidender, in welchem Rahmen Vorwürfe geäußert werden. Eine Anzeige bei der Staatsanwaltschaft ist da ein ganz anderer Schnack, als das Vorwürgen von 180 Zeichen auf einer Internetplattform, wobei der Täter namentlich genannt wird, das Opfer aber anonym bleibt. Letzteres ist aus prinzipiellen Gründen nicht zu akzeptieren.

Punkt1: Die Sache ist viel zu ernst, um hier Abzählspielchen zu veranstalten. Tatsache ist, dass Falschbeschuldigungen vorkommen. Tatsache ist auch, dass es eine merkwürdige Häufung von Missbrauchs- und Vergewaltigungsvorwürfen bei Scheidungs- und Sorgerechtsprozessen gibt. Im Einzelfall geht das Opfer einer Vergewaltigung und das Opfer einer entsprechenden Falschbeschuldigung durch die Hölle. Es bleibt Herrn Dörrs Geheimnis, warum er versucht, dies mit statistischen Kennziffern zu relativieren.

Punkt2: Die Angst vor einer Falschbeschuldigung war noch nie so wenig irrational wie heute. Dies gilt insbesondere, wenn man nicht nur Vergewaltigung, sondern auch sexuelle Nötigung und übergriffiges Verhalten in die Diskussion hineinnimmt. Das hat zwei Ursachen: Die Form der Verbreitung und die „Ausweitung der Kampfzone“. Zu ersterem hat Jan Fleischhauer (ja, ein reaktionärer Unsympath) gestern etwas Vernünftiges geschrieben. Zum zweiten sei dies hier angemerkt: Wer über einen längeren Zeitraum solche Webpublikationen wie das „Missy Magazin“ oder „Mädchenmannschaft“ liest, wird über kurz oder lang feststellen, dass es für Männer aus der Perspektive des extremen Neofeminisimus überhaupt nur eine Möglichkeit gibt, nicht übergriffig zu sein, nämlich zu gehorchen. Das ist kein leeres Geschwafel, man recherchiere mal zum Thema „Wickelerlaubnis“, oder zum Hashtag #menaretrash.

All dies mag für eine Frau, die Opfer einer Vergewaltigung wurde, keine Rolle spielen und sogar wie eine zynische Relativierung klingen. Das verstehe ich sehr gut. Trotzdem muss es erwähnt werden: Es gibt kein richtiges Leben im Falschen, das ist so wie mit Hitler und den Autobahnen.

Note to self: Es sind sieben und es sollte keiner sein. Gelb ist das Grauen. Musik: Seasick Steve, Dir en grey, A Forest of Stars, Revocation.

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Wessen Land?

Also, dass alle Online-Medien, die ich regelmäßig lese, heute den ersten Geburtstag von #metoo behandeln, ist ja klar. Für die Opfer sexualisierter Gewalt ist die „Bewegung“ sicherlich ein wichtiges Sprachrohr, wenn nicht sogar der Beginn einer neuen Epoche. Denn dass die Opfer einer vollzogenen oder versuchten Vergewaltigung oder sexuellen Nötigung schwerste seelische Traumata erleiden, die sie bis zum Lebensende quälen können, kann niemand bestreiten. Ebenso wenig kann bestritten werden, dass in vielen der beschriebenen Fälle die ungleiche Verteilung von Macht mittelbare Ursache für die Übergriffe ist. Höchste Zeit, dass darüber geredet wird. Das sei mal vorangestellt.

Wenn ich den Pfad der politischen Korrektheit im Rahmen dieses Beitrags wieder einmal verlasse, dann hat das damit zu tun, dass mit #metoo einige mittelgroße Unappetitlichkeiten verbunden sind, die die Opfer möglicherweise als nachrangig empfinden mögen, die für mich aber extrem wichtig sind:

  1. mit Rechtsstaatlichkeit spielt man nicht, auch wenn sie unbequem ist: #metoo behandelt strafrechtlich relevante Sachverhalte ohne die Regeln des Rechtsstaats, allen voran die Unschuldsvermutung und das Verbot der Vorverurteilung
  2. ein Internet-Pranger lässt einem zu Unrecht Beschuldigten keine Möglichkeit für ein faires Verfahren. In diesem Zusammenhang sei an den Selbstmord von Benny Fredriksson erinnert
  3. die Anschuldigungen beziehen sich auf ein großes Spektrum von Vorfällen von der mehrfachen Vergewaltigung in Tateinheit mit schwerer Körperverletzung bis zum unangemessen empfundenen Blickkontakt, die Behandlung unter einem Hashtag ist hochproblematisch
  4. auch wenn es uns schwerfällt: Auch Täter haben Rechte. Wird eine Tat nicht angeklagt, so verjährt sie irgendwann. Erinnern wir uns in diesem Zusammenhang an den britischen Verteidigungsminister, der, 14 Jahre nachdem er einer Frau die Hand aufs Knie gelegt hatte, zurücktreten musste. Bei #metoo verjährt nichts

Oh, ich höre schon wieder den feministischen Furor: „Typisch männliches Nebenkriegsschauplatz-Aufgeheule“ aber genau damit sind wir am Kernpunkt meiner Kritik: In der Berichterstattung zu #metoo hieß es zunächst mal, mit dem vorliegenden Befund sei die Angelegenheit ja nun klar und die Männer (nicht etwa die Täter) hätten sich dazu zu verhalten. Selbstermächtigung ist das Eine, eine Beschlagnahme der Deutungshoheit etwas ganz anderes und geschlechtsspezifische Sippenhaft schreiendes Unrecht. Inzwischen hat sich ja zum Glück die Auffassung durchgesetzt, dass #metoo zuvorderst eine Gesprächsgrundlage sein kann, auch wenn das den Vertreterinnen der reinen Lehre nicht schmeckt: Was fordert die Queer-Theorie? „Die Betroffenen sollen sprechen, die anderen schweigen.“ Nein Frau Butler, ganz so einfach ist es dann doch nicht.

Bei SPON werden anlässlich des Jahrestages 11 Forderungen gestellt und tatsächlich hätte ich zu jeder dieser Forderungen etwas zu schreiben, das würde dann aber ein bisschen lang werden. Deshalb nur so viel: Das, was die Autorinnen der Punkte 1,7 und 8 geraucht haben, würde ich im Leben nicht anfassen.

Aber das Schönste am soeben zitierten Artikel ist seine Überschrift, denn damit lassen die Urheberinnen die Katze aus dem Sack und sind schon mal ein ganzes Stück ehrlicher als Johanna Roth, die neulich in der Jugendabteilung der Süddeutschen dieses unerträgliche Geschreibsel (ein Paradebeispiel für den Unterschied zwischen Objektivität und sozialer Dekonstruktion, Gender-Forschungs-Wahrheitsverbiegung par excellence) absonderte. Die Überschrift lautet (festhalten bitte):

„Deutschland, Frauenland“

Noch Fragen?

Note to self: Mir fehlen zwei iMacs, Schweigen im Walde. Musik: Crippled Black Phoenix, Apocalyptica, Interpol, Defeated Sanity, Alkaline Trio.

Deadly Hambi

Heute Nachmittag um kurz vor vier ändert sich alles. Ein Sturz aus 15 Metern Höhe von einer Hängebrücke eines Protestcamps auf den Boden des Hambacher Forstes unter dem die Braunkohle liegt. Der Verunfallte, ein junger Journalist, erliegt wenig später seinen Verletzungen.

Die Auseinandersetzung um die Abholzung der letzten 120 Hektar des ehemals 4100 Hektar großen Waldgebiets spaltet meine Heimatregion und das schon seit Jahren. Wer die Gegend kennt, der kennt auch die Wunden, die der Braunkohleabbau in Hambach, Garzweiler, Inden und den anderen Tagebauen ihr zugefügt hat: Die Zerstörung der Landschaft, die Umsiedlung ganzer Ortschaften, die Folgen der Grundwasserabsenkung. Gleichzeitig ist die RWE (früher Rheinbraun) einer der größten Arbeitgeber der Region und viele andere Arbeitsplätze bei den Zulieferern hängen am Kohleabbau. Der Computer, auf dem dieser Text gerade geschrieben wird, läuft mit Strom aus Braunkohle.

So klar die Sache mit dem Hambacher Forst aus rechtlicher Sicht ist, so widersprüchlich ist sie gleichzeitig. Die Abholzgenehmigung der RWE wurde von zahlreichen Gerichten bestätigt. Der Widerstand der Baumschützer („Hambi bleibt“), oder jedenfalls das Errichten von Baumhäusern, ist illegal, dazu kommen zahlreiche Straftaten, eben nicht nur der berüchtigte Landfriedensbruch, sondern auch Sachbeschädigungen und Körperverletzungen. Aber fast jeder in meiner Heimat weiß, dass der Braunkohleabbau ein Auslaufmodell ist, dass die Kohle unter dem Hambacher Forst nicht benötigt wird, um die Versorgung der Region sicherzustellen, dass die alten Kraftwerke zu den größten Dreckschleudern in Deutschland gehören. Viele sind geistig flexibel genug, um einzusehen, dass mit Braunkohle betriebene Großblöcke in intelligenten, zukunftssicheren Versorgungskonzepten keinen Platz haben. Und deshalb betrachten viele den Widerstand als legitim und sympathisieren mit den „Aktivisten“. Zu einer Kundgebung am letzten Wochenende kamen Tausende.

Der tragische Unfalltot eines jungen Mannes hätte eine Zäsur sein können: Die Polizei, die zurzeit die Baumhäuser der Protestler im Wald mit riesigem Aufwand räumt, hat sich bis auf weiteres zurückgezogen. Momentan gibt es also auch Niemanden, den man mit Fäkalienbeuteln bewerfen oder mit Zwillen beschießen könnte. Aber schon wenige Stunden nach dem Tod eines Menschen wird dieser von beiden Seiten instrumentalisiert. Im Webforum des Lokalblatts werden die schwersten Geschütze aufgefahren. Der verstorbene Journalist wird zum linksgrünen Schmierfinken mit gefälschtem Presseausweis, Belege dafür werden nicht vorgelegt. Mit Häme wird angemerkt, dass der nicht bauordnungsamtlichen Vorschriften genügende Zustand der Baumhaussiedlungen wohl doch kein vorgeschobener Grund für die Räumung gewesen sei. Das Aktionsbündnis wiederum fordert die Einstellung aller staatlichen Maßnahmen „um keine weiteren Menschenleben zu gefährden“ und empfiehlt den „Aktivistis“ keine Aussagen bei der Polizei zu machen, die den Vorfall untersucht.

Heute Nachmittag um halb sechs hat sich nichts geändert. Die Angehörigen und Freunde des Toten werden hoffentlich den Zynismus der Debattenbeiträge auf beiden Seiten nicht mitbekommen. Ihr Leid und ihre Trauer wird bleiben, egal was mit Hambi wird…

Note to self: Langeweile, das ist ein gutes Zeichen. Musik: Sophie Hunger, Crippled Black Phoenix, Thou, Thrice, Clutch, Fixation On Suffering, Manes.

Sophies Welt

Über Sophie Hunger wird ja viel geschrieben. Die Rezension des letzten Albums im Spiegel ist wieder einmal der Versuch, den ganzen Kosmos ihres Kunstschaffens im Spannungsfeld zwischen steriler Eitelkeit, musikalischem Zeitgeist und Manierismen auf der einen Seite und der schlichten unbeirrbaren Natürlichkeit einer Überzeugungstäterin in feuilletonistischem Geschwurbel zu verarbeiten. Dabei kommen dann Sätze heraus wie der, den ich gerade geschrieben habe. Man kann das Zustandekommen solcher Sätze verstehen, wenn man mal ein TV-Interview mit Frau Hunger gesehen hat. Als hätte man Heidi von der Alm in den Dschungel der Großstadt verfrachtet – man möchte sich einerseits sofort als Geissenpeter verdingen, andererseits das zerbrechliche Pflänzlein auf keinen Fall bei der Entfaltung stören.

Man nimmt es der Frau Hunger gerne ab, wenn sie von den Schwierigkeiten berichtet, die den Weg von der Avantgarde zum Mainstream so steinig machen. Wer würde nicht dem Cäsarinnenwahn verfallen wollen, angesichts überbordender Lobhudeleien? Wer würde nicht die unmittelbare Einfachheit des Schaffensprozess herausstellen, an der sich angeblich nichts geändert hat? Zumindest das neue Album „Molecules“ verrät aber, dass die reizvollen Zwischenräume, in denen sich die Schweizerin bislang auszutoben pflegte, inzwischen spürbar verengt sind. Man kann das minimalistische Verknappung nennen, so wie der Kritiker bei SPON es lobend tut, man kann aber auch konstatieren, dass das neue Produkt sehr glatt und auf eine merkwürdige Art kalt daherkommt. Und das liegt eben nicht nur daran, dass es sich um durchprogrammierte Computermucke handelt, denn auch die kann enervierend reibungsvoll sein, die Musik zum gestrigen Tatort aus Berlin war da ein exzellentes Beispiel.

Keiner erwartet bei einem neuen Album von Sophie Hunger selig-schlichtes Geschrammel wie beispielsweise auf „Sketches on Sea“, ihrem im Wohnzimmer produzierten Erstling. Dazu ist sie schon viel zu lange im Geschäft und das meine ich gar nicht aus kommerzieller Perspektive, sondern eher handwerklich. Das vorletzte Album „Supermoon“ gefiel mir gerade wegen seiner unverwüstlichen Krautigkeit, dem neuen Tonträger mangelt es daran. Sophie Hunger schafft es immer noch melancholisch und gleichzeitig spröde zu sein, das „gewisse Etwas“ ist immer noch unverwechselbar und durchaus vorhanden, aber auf „Molecules“ kommt noch etwas anderes hinzu: Bemühte Eleganz. Ich gebe es offen zu: Mit eleganter Musik habe ich so meine Probleme, mag sie auch genial gemacht sein, sie nimmt mich nicht mit (wahrscheinlich, weil ich meinem ganzen Leben noch nie auch nur eine Zehntelsekunde elegant gewesen bin).

Das nächste Album von Frau Hunger wird vielleicht wieder ganz anders werden, das hoffe ich jedenfalls. Wenn das letzte Stück auf dem neuen Album namens „Coucou“ ein Ausblick darauf sein sollte, will ich mich nicht beschweren. Und zu hart abrechnen will ich auch nicht, dazu bin ich dann doch noch zu sehr Geissenpeter.

Note to self: Die einfachen Dinge tun. Unauffällig. Musik: Sophie Hunger.

Doppelte Standards

Eigentlich interessiere ich mich nicht für Tennis, aber natürlich habe ich den Ausflipper von Serena Williams im Finale der US Open im Fernsehen gesehen. Nun kann ich mangels Fachkenntnis nicht beurteilen, ob es gerechtfertigt war, dass Frau Williams den Stuhlschiedsrichter einen Lügner und Dieb nannte. Dass sie aber nicht so reagierte wie ein bedeutender Botschafter ihres Sports, der eine wirklich beeindruckende Karriere vorzuweisen hat und niemandem etwas beweisen muss, das war auch dem Unbedarftesten sonnenklar. Später warf sie eben jenem Schiedsrichter Sexismus vor. Das will ich aber an dieser Stelle gar nicht kommentieren (obwohl es mich erheblich juckt).

Nein, in diesem Artikel geht es um eine Karikatur, die ein australischer Zeichner, Mark Knight, fabriziert hat. Sie wurde in der Herald Sun veröffentlicht und löste einen so genannten Shitstorm aus. Heute wurde sie nochmals veröffentlicht, auf der Titelseite. Dazu möchte ich der Redaktion dieser Zeitung gratulieren. Hannah Pilarczyk nahm die Veröffentlichung heute auf SPON zum Anlass, den Urheber der Karikatur als rassistischen Amateur zu brandmarken.

Ich kann mich noch gut daran erinnern, als ich in einem Webstream das Finale der Australian Open zwischen Angelique Kerber und Serena Williams verfolgte. Der Stream lief auf einer Seite, auf der in Echtzeit Kommentare der User angezeigt wurden. Das Ausmaß der rassistischen Kommentare gegen Frau Williams hat mich damals unglaublich schockiert. Absolut unterste Schublade. Ich möchte im folgenden darstellen, warum die Karikatur von Mark Knight etwas völlig anderes ist und warum ich den Artikel von Frau Pilarczyk für eine ausgemachte Unverschämtheit halte:

Karikaturen sind satirische Überzeichnungen, sie verwenden nicht immer die feine Klinge, sondern bringen die in Rede stehende Begebenheit durch zeichnerische Vergröberung auf den Punkt. Sie trachten nicht danach, den Dargestellten zu schmeicheln. Wenn also ein afroamerikanischer Mensch gezeichnet wird, wird dieser Mensch mit dicken Lippen, krausem Haar und breiter Nase gezeigt. Frau Williams hat nach der Geburt ihres Kindes (die von erheblichen Komplikationen begleitet war, die ihren Gesundheitszustand bis heute beeinflussen) in die Weltspitze der Tennisprofis zurückgefunden. Für jeden ist sichtbar, dass sie ihr ideales Wettkampfgewicht noch nicht wieder erreicht hat. Sie spielt in einem figurbetonenden Ganzkörperanzug (in dem der Autor dieser Zeilen wie zweihundert Pfund Fleischwurst aussehen würde). Das ist die Serena Williams, die Mark Knight gezeichnet hat. Viel entscheidender ist aber die eigentliche Aussage der Karikatur. Sie zeigt nämlich einen Weltstar, der sich würdelos verhält, die Fassung verliert und den Erfolg ihrer japanischen Gegnerin nicht anerkennen kann. Insofern bringt sie ihre Botschaft überzeugend rüber: Da hat sich jemand zum Brot gemacht, jemand der in seinem Sport alles erreicht hat und für tausende Spielerinnen (und sehr viele Fans) auf der Welt bis jetzt ein Vorbild war.

Es ist überflüssig und peinlich, dass Frau Pilarczyk im Spiegel heute einer angeblichen rassistischen Ehrverletzung durch den Karikaturisten das Wort redet. Nicht nur das. Ihre Argumentation ist hanebüchen, oberflächlich und ein ausgezeichnetes Beispiel dafür, warum der Begriff der „politischen Korrektheit“ inzwischen als Schimpfwort verwendet wird, obwohl er doch eigentlich das Gute und Richtige meinen will. Frau Pilarczyk überspannt den Bogen: Eine Darstellung, die die unverwechselbaren Merkmale der Physiognomie afrikanischstämmiger Menschen korrekt zeigt, ist mitnichten kolonialistisch, erst recht ist sie keine Wiedergabe eines „kulturell unbewussten Bildergedächtnisses“. Bleiben wir mal beim Sport: Bei den nächsten Olympischen Spielen wird es ein Finale über 100 Meter geben. Ich biete Frau Pilarczyk eine Wette an: Dieses Rennen wird von einem schwarzen Menschen gewonnen werden. Er wird dickere Lippen haben, als ein Weißer und krauseres Haar und eine breitere Nase. All das ist scheißegal: Er wird der schnellste Mensch der Welt sein und das Stadion wird toben und diesen Menschen feiern.

„Wer den Schaden hat, spottet jeder Beschreibung.“ So wird ein bekanntes Sprichwort verballhornt. Frau Williams hatte den Schaden und erst bei der Siegerehrung, als sie ihrer Kontrahentin sehr emotional und sehr ehrlich gratulierte, hatte sie ihre Größe wiedergefunden, für die sie die Welt eben auch liebt. Aber da war das Kind schon im Brunnen. Sei sollte sich entschuldigen, das wäre wirklich groß. Und vielleicht würde Mark Knight dann wieder eine Zeichnung machen: Eine Zeichnung einer großartigen Frau mit schwarzer Haut, etwas dickeren Lippen, krausen Haaren, breiter Nase, die einen Fehler einräumt. Eine Zeichnung einer der besten Tennisspielerinnen der Welt, die noch ein Stück größer geworden ist.

Note to self: Warm wird es, dann kneift es. Der Verfall bricht sich Bahn. Musik: Pantera, Geisterfahrer, Alice In Chains, Krisiun, Alkaline Trio, Thrice.

Dumm und oberflächlich

Und wieder so ein Artikel in der Onlinepresse, bei dem man sich nur an den Kopf fassen kann, diesmal von Till Raether im Magazin der Süddeutschen: Hört auf zu jammern, alte weiße Männer. Raether ist in meinem Alter, offensichtlich weiß und offensichtlich ein Mann. Und er stört sich nicht daran, dass „alte, weiße Männer“ inzwischen als sexistischer und rassistischer Kampfbegriff verwendet wird. Raether schreibt:

Ich gehöre zur Altersgruppe jener Männer, die derzeit in der westlichen Welt weit überwiegend das Sagen hat. Männer, die in den Sechzigern geboren wurden, und die jetzt an den kleinen und großen Schaltstellen der Macht angekommen sind (etwa jener, hier für Geld seine Meinung schreiben zu können). Aus Sicht aller, die nicht an diesen Schaltstellen sind, ist das alt.

Herr Raether, zählen Sie mal rasch durch: Auf jeden alten, weißen Mann, der gerade auf der Welt das Sagen hat, kommen ungefähr wieviele, die am Rand der Gesellschaft stehen, die schlecht bezahlte Ausbeuterjobs machen, keine gute Schulbildung bzw. Berufsausbildung haben, nicht für gutes Geld Artikel schreiben, sondern täglich ihre Knochen hinhalten? Das sind eben auch alte, weiße Männer und die sind immer auch gemeint, wenn der Begriff verwendet wird. Und genau darin liegt die Unsäglichkeit, der abgefeimte Chauvinismus. Warum blenden Sie das völlig aus?

Der Gedanke, dass man wegen seiner Privilegien Vorteile hatte und hat, ist unheimlich, weil dieser Gedanke die eigene Lebensleistung in Frage zu stellen scheint: Eigentlich, so hat es Sophie Passmann gerade schön formuliert, müsste man sich doch als Mann immer fragen, ob man einen Job nur bekommen hat, weil man ein Mann ist, und nicht wegen der Qualifikation. Warum ist es so schwierig, das einzusehen?

Weil es nicht stimmt. Habe ich es als Arbeiterkind auf das Gymnasium geschafft, weil ich ein Junge war? Aus meiner Grundschulklasse schafften es 7: 4 Mädchen, 3 Jungs, ich war der einzige Proletarier. Konnte ich mir nach dem Abitur meinen Studienort im gewünschten Fach aussuchen, weil ich männlich war? Nein, ich hatte einfach den nach NC vorgegebenen Notenwert. Die meisten, die besser waren, waren junge Frauen. Habe ich einen Diplomabschluss „cum laude“, weil ich ein Mann bin? Nein, ich habe gegen Ende der Studienzeit hart dafür gearbeitet, in meinem Semester waren 7 von 10 Absolventen weiblich. Habe ich jetzt einen schlecht bezahlten Job und einen entsprechend bescheidenen sozialen Status, obwohl ich ein Mann bin? Nein, mir fehlte es an Biss und Einsicht und ich kann deshalb gut damit leben, dass im Freundes- und Bekanntenkreis im Durchschnitt die Frauen die besseren Jobs haben. Ich hatte insgesamt Glück, in einem wohlhabenden Land in Europa geboren zu sein, muss ich mich dafür rassistisch beleidigen lassen?

Und noch etwas zum Thema „Einsehen“: Wenn man es im Leben nicht packt und zufällig schwarz ist, dann liegt das Scheitern immer darin begründet, dass man Rassismusopfer ist. Kriegt man es nicht hin und ist eine Frau, dann ist man stets Opfer von sexistischer Diskriminierung. Scheitert man und ist weiß und männlich, dann ist man selber schuld. Denken Sie da mal gründlich drüber nach.

Unsere Gesellschaft beruht auf dieser ungleichen Machtverteilung, von den Bildungs-, Job- und Wohnungschancen, der politischen Repräsentation, der Wohlstandsverteilung, der Strafverfolgung bis hin zum medialen Echo auf »MeTwo«. Und nicht nur das: Jeder weiße Mensch ist hierzulande in dem unausgesprochenen Bewusstsein aufgewachsen, dass weiß zu sein die Norm ist, und dass alle anderen anders sind. Wir Weißen konnten uns erlauben, den Rassismus um uns herum nicht wahrzunehmen, weil wir nie unter ihm zu leiden hatten.

Das ist kompletter Blödsinn. Die Norm in der Straße, in der ich groß geworden bin, war eben genau nicht deutscher Abstammung zu sein. Wir waren ein bunter Haufen. Als Gymnasiast bekam man auch schon mal auf die Fresse, eben weil man nicht auf die Hauptschule ging. In meiner Gymnasialklasse waren Griechen, Italiener, ein Afghane, Türken und Spanier und es gab nie auch nur eine rassistische Beleidigung. Es waren die frühen 80er, man hatte anderes im Kopf, Umweltzerstörung und atomare Überrüstung und uns war klar, dass es uns erwischen würde, egal welche Wurzeln wir hatten. Und egal welche Abstammung, alle sprachen deutsch, so wie Muttersprachler es tun, denn das war eine wichtige Norm. Und die allermeisten strengten sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten an, etwas aus sich zu machen, denn auch das war normativ. Natürlich, auch zu dieser Zeit gab es Mobbing und Ausgrenzung, aber mit dem Geschlecht oder mit der Abstammung hatte das nichts zu tun. Xenophobie erzeugt Rassismus (vielleicht auch Sexismus?), und sie ist ein sozialpsychologischer Reflex, von dem man sich im Grunde genommen kaum freimachen kann. Insofern ist Xenophobie kein Vorrecht der Weißen.

»Weiße Zerbrechlichkeit«, das trifft sehr gut, was passiert, wenn alte weiße Männer sich dagegen wehren, alte weiße Männer genannt zu werden. Es tut weh, weil es sich ungerecht anfühlt, für etwas angegriffen zu werden, das man sich nicht ausgesucht hat, und was ja per se auch nichts Schlechtes ist, und deshalb reagiert man empfindlich und zerbrechlich und beleidigt zurück, von oben nach unten. Ja, keiner von uns hat es sich ausgesucht, alt, weiß und ein Mann zu sein. Aber jeder einzelne sucht sich aus, ob er weiter auf Kosten anderer davon profitieren möchte.

Sie verstehen es nicht, Herr Raether. *Sie* befinden sich in der Filterblase der Privilegierten. *Sie* haben profitiert, oder glauben das wenigstens. *Sie* haben den Begriff bereits als disqualifizierendes Etikett für Menschen abgespeichert, die ihre Macht missbrauchen, manipulativ und ungerecht und eben nicht schwarze Frauen sind, und können seinen rassistischen und sexistischen Kern gar nicht mehr erkennen. Ich bin bestimmt kein  Fan von Jan Fleischhauer, aber seine jüngste Kolumne zu doppelten Standards, die sich mit den zutiefst rassistischen Tweets einer „Woman of colour“ beschäftigt, sei Ihnen zur Lektüre empfohlen. Und ganz zum Schluss: Wer wie Sie Äußerungen, die eine faire und von gegenseitigem Respekt geprägte Debatte an dieser Stelle einfordern, als „Jammern“ abqualifiziert, der sollte sich mal an den Hintern fassen und nachschauen, ob er noch da ist.

Note to self: Ein Drittel ist geschafft. Durchhalten. Musik: Frontierer, Babes in Toyland, Backyard Babies, Geisterfahrer, Thou.